Die Judenverfolgung in den Niederlanden 1940-45

V. Das Ende in Sicht – Das letzte Jahr der Besatzungszeit und die Befreiung

In der letzten Deportationsphase, die im Herbst 1943 mit der Auflösung des Jüdischen Rats begann, ließ die Deportationsrate langsam nach. Die Transporte fuhren nur nicht mehr so regelmäßig und deportierten weniger Menschen in den Osten, aber sie gingen dennoch weiter. Mit den letzten 24 Transporten ab Oktober 1943 wurden noch einmal 16 648 Juden aus den Niederlanden deportiert. Die Besonderheit dieser Deportationsphase ist, dass die Transporte nicht mehr nur nach Auschwitz gingen, sondern auch in die Lager Theresienstadt und Bergen-Belsen.

Auschwitz
Auschwitz-Birkenau nach der Befreiung, Quelle: BArch (175-04413)

In das als "Altersghetto" propagierte Theresienstadt wurden vor allem viele der "privilegierten" Juden aus den Niederlanden geschickt, also diejenigen, die zuvor im Lager Barneveld interniert worden waren, die führenden Mitglieder des Jüdischen Rats, protestantische Juden oder andere, die nach deutscher Meinung eine bevorzugte Behandlung verdient hatten. Doch auch von Theresienstadt aus fuhren Transporte weiter nach Auschwitz, so dass eine Deportation in dieses Lager nicht gleichzeitig eine Garantie zum Überleben bot. Einige hundert Juden aus den Niederlanden hatten jedoch Glück, als sie in den ersten Evakuierungstransport im Februar 1945 aufgenommen wurden, der das Lager in Richtung Schweiz verließ.[47]

Nach Bergen-Belsen wurden diejenigen Juden deportiert, die die Deutschen für einen Austausch ins Ausland vorgesehen hatten, um dafür im Gegenzug die Freilassung internierter Deutscher zu erreichen. Der eigentliche Zweck des Lagers Bergen-Belsen geriet jedoch schnell in den Hintergrund und spätestens ab April 1944 wandelte das Lager sich zu einem Ort des Schreckens, in dem die Insassen unter Hunger und Krankheiten litten. Es wurde zum Durchgangslager für evakuierte Zwangsarbeiterinnen aus anderen Lagern (auch die Schwestern Margot und Anne Frank wurden aus Auschwitz nach Bergen-Belsen transportiert und starben dort) und nicht mehr arbeitsfähige Häftlinge. Aus Westerbork kamen etwa 3 700 Häftlinge direkt nach Bergen-Belsen, unter anderem Juden mit doppelten Staatsbürgerschaften, Diamantschleifer mit ihren Familien und diejenigen, die auf einer Einreiseliste für Palästina standen. Von diesen wurden im Juni 1944 222 tatsächlich nach Palästina ausgetauscht, unter anderem Mirjam Levie, die Mitarbeiterin des Jüdischen Rats: "Ich sitze im Zug, und ich kann es nicht begreifen."[48] Nach zehn Tagen erreichte die Gruppe Palästina. Viele der in Bergen-Belsen Zurückgebliebenen überlebten die katastrophalen Zustände der letzten Kriegsmonate im Lager jedoch nicht.

In den Niederlanden selbst waren die Besatzer im Juli 1944 bezüglich der Juden zu der Überzeugung gelangt: "Die Judenfrage kann für die Niederlande als gelöst bezeichnet werden, nachdem das Gros der Juden außer Landes verbracht worden ist. Die noch hier befindlichen Juden befinden sich in Lagern oder stehen sonst unter ständiger Kontrolle. Von den untergetauchten Juden werden fast täglich einige ausgehoben und in Lager verbracht."[49]  Aus nationalsozialistischer Perspektive entsprach dies durchaus der Realität. Und doch hatten sich seit Juni 1944 durch die Invasion der Alliierten in der Normandie und das Vorrücken ihrer Truppen die Stimmung im Land und der Umgang mit den Besatzern gewandelt. Hoffnung auf ein Ende des Besatzungszeit kam auf, der Widerstand gegen Maßnahmen der Besatzer wurde intensiver und die noch in den Niederlanden lebenden Juden, ob versteckt, in Westerbork oder noch in relativer Freiheit lebend, mobilisierten alle Kräfte, um bis zur erhofften Befreiung durchzuhalten.

Mit dem Vorrücken der alliierten Truppen wurden auch die deutschen Besatzer immer nervöser. Am 5. September kam das Gerücht auf, die ersten niederländischen Städte im Südwesten seien befreit worden. Dies führte zu einer Panikreaktion vieler deutscher Besatzungsmitglieder und niederländischer Kollaborateure, die den Westen des Landes und manchmal die Niederlande selbst fluchtartig verließen. Die Niederländer dagegen bereiteten sich auf die Begrüßung alliierter Truppen vor. Die Alliierten konnten ihren schnellen Vormarsch jedoch nicht weiterführen, und so erwies sich das Gerücht bald als falsch. Erst zehn Tage später wurde mit Maastricht im Südosten des Landes tatsächlich die erste niederländische Stadt befreit, und in der Folge konnten die alliierten Truppen die südlichen Gebiete befreien, eine Überquerung des Rheins scheiterte bei der Operation "Market Garden" jedoch. Deshalb blieben der größte Teil der Niederlande und auch die großen Städte im Westen des Landes bis Mai 1945 unter deutscher Besatzung. Während im befreiten Süden die dort untergetauchten Juden ihre Verstecke verlassen konnten, musste die Bevölkerung im Norden noch den harten Winter 1944/1945 überstehen. Mehr als 20 000 Niederländer starben in diesem Winter an Hunger und Kälte.[50] Besonders schlimm war die Situation für die untergetauchten Juden in ihren Verstecken in den westlichen Großstädten. Sie waren oftmals auf die Hilfe ihrer Gastgeber angewiesen, die selbst kaum genug zu essen hatten. Hamsterfahrten zu Bauernhöfen auf dem Land waren zu gefährlich, denn noch immer suchten die deutschen Besatzer nach Juden, die verhaftet und nach Westerbork deportiert wurden. Tulpenzwiebeln und Zuckerrüben gehörten zu verbreiteten Nahrungsmitteln dieses Winters. Selbst wenn den versteckten Juden nach Jahren des Untertauchens noch Wertgegenstände geblieben waren, hatten die meisten keine Möglichkeit, diese gegen Essen oder Brennstoff einzutauschen.

Mit dem beginnenden Frühjahr ging auch die Offensive der Alliierten in den Niederlanden weiter und weitere Gebiete im Osten und Süden wurden befreit. Die Juden im Lager Westerbork, aus dem am 13. September 1944 der letzte Transport nach Bergen-Belsen abgefahren war, mussten bis zum 12. April 1945 auf ihre Befreiung durch kanadische Einheiten warten. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich noch ca. 850 Häftlinge im Lager.

Befreiung ( Den Haag, Leiden, Utrecht) Mai 1940
Befreiung im Mai 1945, Quelle: NA (900-3137)

Am 5. Mai 1945 kapitulierten die deutschen Truppen in den Niederlanden. In Amsterdam zogen jedoch erst am 8. Mai größere alliierte Verbände ein. Die Tage dazwischen waren von einem Machtvakuum geprägt. Die deutschen Truppen behielten ihre Waffen, die Binnenlandse Strijdkrachten (die offizielle Dachorganisation der niederl. Widerstandsgruppen) konnten die Kontrolle über die Stadt noch nicht ausüben. Am 7. Mai kam es sogar noch zu einem bewaffneten Konflikt, bei dem deutsche Marinesoldaten in eine feiernde Menschenmenge schossen. Erst nach diesem Zwischenfall, der 20 Tote und über 100 Verletzte forderte, war die Besatzungszeit in den Niederlanden vorbei.

Der nun beginnende gesellschaftliche und politische Wiederaufbau war für die jüdische Bevölkerung der Niederlande eine Zeit voller ambivalenter Gefühle. Neben der Freude, überlebt zu haben, stand die Trauer um den Verlust vieler Familienangehöriger und Freunde. Bei der Rückkehr in ihre Wohnungen und Arbeitsstätten begriffen viele erst den materiellen Schaden, der ihnen durch die Besatzungszeit und das Vorgehen der deutschen Autoritäten entstanden war. Die Restitution ihres beschlagnahmten Besitzes nahm oft lange Jahre in Anspruch, vielfach blieb der entstandene Schaden enorm.[51]

Von den insgesamt etwas mehr als 100 000 Deportierten kehrten nur etwas mehr als 5 000 aus den Konzentrations- und Vernichtungslagern in die Niederlande zurück. Hinzu kamen die ca. 20 000 Untertaucher, die ihre Verstecke wieder verlassen konnten und die wenigen Juden, die in Westerbork oder unter besonderen Umständen in Freiheit überlebt hatten. Die Aufnahme der Rückkehrer in den Niederlanden war nicht immer von Herzlichkeit und Freude geprägt, viele sahen sich auch mit dem abweisenden Verhalten von Nachbarn und Bekannten konfrontiert, die kein Verständnis für das Leid und die Entbehrungen, die die Juden in den letzten Jahren erlitten hatten, aufbringen konnten und manchmal auch nicht wollten.[52]  Auch die niederländische Regierung begriff die zurückkehrenden Juden nicht als besonders betroffene Gruppe, für die spezielle Hilfen nötig waren. Hilfe leisteten jedoch jüdische Organisationen in den Niederlanden, die unmittelbar nach Kriegsende wieder gegründet worden waren, sowie ausländische jüdische Hilfsorganisationen. Aufgrund der Erfahrungen sowohl in den deutschen Lagern als auch aufgrund der Erlebnisse nach der Befreiung, entschieden sich zahlreiche Juden für die Auswanderung nach Palästina oder später Israel. Die Anknüpfung an ihr früheres Leben und die soziale, wirtschaftliche und gesellschaftliche Wiedereingliederung standen für viele Juden im Vordergrund, während sich die niederländische Regierung auch mit der Ergreifung und Bestrafung der deutschen und niederländischen Täter und Kollaborateure beschäftigte.[53] Reichskommissar Seyß-Inquart wurde im Nürnberger Prozess zum Tode verurteilt, Sicherheitskommissar Rauter 1949 in den Niederlanden. Andere Täter kamen für Jahre ins Gefängnis. Es dauerte Jahre, bis sich das jüdische Leben in den Niederlanden wieder normalisierte und Juden ihren Platz in der niederländischen Gesellschaft wieder gefunden hatten.


[47] Anna Hájková: Die Juden aus den Niederlanden in Theresienstadt, in: Theresienstädter Studien und Dokumente 9(2002), S. 135-201.
[48] Mirjam Bolle, "Ich weiß, dieser Brief wird dich nie erreichen". Tagebuchbriefe aus Amsterdam, Westerbork und Bergen-Belsen, Berlin 2006.
[49] Brief von Otto Bene an das Auswärtige Amt vom 20.7.1944; Politisches Archiv des Auswärtigen Amts, R 99429.
[50] Henri van der Zee: De hongerwinter. Van dolle dingsdag tot bevrijding, 's-Gravenhage 1989.
[51] Gerard Aalders: Berooid. De beroofte joden en het Nederlandse restitutiebeleid sinds 1945, Amsterdam 2001.
[52] Dienke Hondius; Marga Minco: Terugkeer. Antisemitisme in Nederland rond de bevrijding, 3. überarb. Aufl., Den Haag 1998.
[53] Peter Romijn: Snel, streng en rechtvaardig. Politiek beleid inzake de bestraffing en reclassering van "foute" Nederlanders 1945-1955, Houten 1989.

Autorin: Katja Happe
Erstellt:
Dezember 2010


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Jong, Louis de: Het koninkrijk der Nederlanden in de Tweede Wereldoorlog, 14 Bde.,'s-Gravenhage 1969-1984.

Presser, Jacob: Ondergang. De vervolging en verdelging van het Nederlandse Jodendom 1940-1945, 's-Gravenhage 1956.

Herzberg, Abel: Kroniek der Jodenvervolging 1940-1945, Amsterdam 1985.

Moore, Bob: Slachtoffers en overlevenden. De Nazi-vervolging van de joden in Nederland, Amsterdam 1998.

Blom, J.H.C.: In de ban van goed of fout? Wetenschappelijke geschiedschrijving over de bezettingstijd in Nederland, in: Ders.: Crisis, bezetting en herstel. Tien studies over Nederland 1930-1950, Den Haag 1989, S. 102-120.

Haan, Ido de: Na de ondergang. De herinnering an de jodenvervolging in Nederland, Den Haag 1997.

Personen

Informationen zu Personen im Bereich Geschichte Personen A-Z

Links

Wichtige geschichtliche Institutionen finden Sie unter Institutionen


Impressum | Datenschutzhinweis | © 2018 NiederlandeNet
NiederlandeNet
Alter Steinweg 6/7
· 48143 Münster
Tel: +49 251 83-28516 · Fax: +49 251 83-28520
E-Mail: