Die Judenverfolgung in den Niederlanden 1940-45


IV. Der Abtransport beginnt – Die Deportationen und die Situation der Zurückbleibenden

Auf der Wannsee-Konferenz am 20. Januar 1942 organisierten hochrangige Vertreter verschiedener deutscher Behörden unter der Leitung von Reinhard Heydrich, dem Leiter des Reichssicherheitshauptamts (RSHA), den Ablauf der "Endlösung der Judenfrage". Grundsätzlich sollten alle Juden aus den besetzten Gebieten und dem Deutschen Reich in die Konzentrations- und Vernichtungslager im Osten deportiert werden. Am 22. Juni unterrichtete Adolf Eichmann, der Judenreferent des RSHA, das Auswärtige Amt, dass zunächst 100 000 Juden aus Westeuropa nach Auschwitz deportiert werden sollten, davon 40 000 aus den Niederlanden.

Aus der Fünten
F. aus der Fünten, Quelle: NA (922-7275)

Daraufhin kündigte der neue Leiter der Zentralstelle für jüdische Auswanderung, Ferdinand aus der Fünten, den Vorsitzenden des Jüdischen Rats am 26. Juni den "Arbeitseinsatz" – so die offizielle Umschreibung für die Deportation – der Juden aus den Niederlanden in Deutschland an. Obwohl Gerüchte kursierten, dass es sich um Transporte in Lager in Polen handeln würde, beharrten die deutschen Behörden auf ihrer ursprünglichen Aussage, und der Jüdische Rat stimmte zu, die aufgerufenen Juden bei der Vorbereitung ihrer Abfahrt zu unterstützen. Täglich sollten erst 375, später dann 600 Personen beim Jüdischen Rat erscheinen, um ihre Vermögenserklärungen abzugeben und ihre Transportpapiere auszufüllen. Die großen Bedenken des Jüdischen Rats gegen eine solche Mitarbeit wurden durch Konzessionen Aus der Füntens gemildert: Die Aufrufe sollten nur Menschen zwischen 18 und 40 Jahren treffen, Familien sollten nicht auseinander gerissen werden und bestimmte Berufsgruppen sowie Mitarbeiter des Jüdischen Rats sollten vom Abtransport ausgenommen werden. Ab dem 4. Juli wurden die ersten 4 000 Aufrufe zum Arbeitseinsatz durch die Zentralstelle für jüdische Auswanderung verschickt, mit der Aufforderung, sich zu einem bestimmten Zeitpunkt im Durchgangslager Westerbork einzufinden, von dem die Transporte nach Deutschland starten sollten. Eine Liste mit den erlaubten Gepäckgegenständen und ein Gutschein für die Bahnfahrt nach Westerbork lagen dem Aufruf bei.

Die jüdische Bevölkerung war durch diese neue Maßnahme, durch die sie alles zurücklassen sollten, um zur Arbeit ins Ausland geschickt zu werden, geschockt. Obwohl sicherlich viele eine erneute Verschlechterung der Situation erwartet und befürchtet hatten, mussten sie nun den neuen Tatsachen ins Auge sehen und sich ihr weiteres Verhalten überlegen. Welche Möglichkeiten hatten sie? Im Prinzip gab es nur zwei Alternativen: Entweder die Menschen warteten auf ihren Aufruf und fügten sich den Befehlen der deutschen Besatzer. Dies beinhaltete natürlich den Versuch, den Erhalt des Aufrufs so lange wie möglich hinauszuzögern (durch eine Arbeit beim Jüdischen Rat oder die Erlangung anderer Ausnahmekriterien). Oder sie weigerten sich, am "Arbeitseinsatz" teilzunehmen. Dann mussten sie und ihre Familien entweder untertauchen oder auf andere Weise versuchen, aus den Niederlanden zu flüchten, wenn der Aufruf tatsächlich kam.[29]

Nachdem die ersten Aufrufe verschickt worden waren, mussten sich die Adressaten für eine der beiden Alternativen entscheiden. Viele beschlossen, sich nicht zu melden. Daraufhin fanden am 14. Juli die ersten Razzien in Amsterdam statt, bei denen ca. 540 Juden als Geiseln verhaftet wurden, um das Erscheinen der Aufgerufenen zu erzwingen. Die Drohung, die Geiseln würden bei Nichterscheinen nach Mauthausen deportiert, brachte viele, die zunächst gezögert hatten, dazu, sich am Bahnhof zum Abtransport nach Westerbork zu versammeln. In den folgenden Tagen erschienen genügend Aufgerufene, um die geplanten Transporte zu füllen. Die meisten der Geiseln kamen daraufhin frei. Am 15. Juli 1942 verließ der erste Zug das Lager Westerbork, das seit Juli 1942 unter deutscher Verwaltung stand und als zentrales Durchgangslager genutzt werden sollte, mit 1 135 Personen in Richtung Auschwitz. Die Fahrt dorthin dauerte drei Tage und bei der Ankunft in Auschwitz wurde entschieden, wer "arbeitsfähig" war und im Lager aufgenommen wurde und wer weiter nach Birkenau transportiert und dort in den Gaskammern ermordet wurde. Der Vertreter des Auswärtigen Amts in den Niederlanden, Otto Bene, schrieb dazu: "Die ersten beiden Züge [sind] ohne irgendwelche Schwierigkeiten abgerollt, so dass der Höhere SS- und Polizeiführer die Absicht hat, die Organisation so zu fördern, dass wöchentlich bis zu 4 000 Juden abrollen sollen."[30] In den nächsten Monaten verließen beinahe zweimal pro Woche Transporte das Lager Westerbork und fuhren nach Auschwitz.

Der Beginn der Deportationen rief in den Niederlanden große Proteste hervor. Die christlichen Kirchen der Niederlande wandten sich in einem Schreiben an Reichskommissar Seyß-Inquart gegen den Arbeitseinsatz der Juden in Deutschland und setzten sich besonders für den Schutz derjenigen Juden ein, die zum Christentum übergetreten waren.[31] Ende Juli verfassten sie auch eine Kanzelabkündigung, die in allen Kirchen verlesen werden sollte. Nach Intervention des deutschen Generalkommissars zur besonderen Verwendung, Fritz Schmidt, zog die Niederländisch Reformierte Kirche das Verlesen dieses Protestschreibens zurück. In den katholischen Kirchen und den übrigen protestantischen Kirchen wurde es jedoch verlesen. Reichskommissar Seyß-Inquart beschloss daraufhin die Deportation der katholischen Juden. Trotz der ebenfalls erfolgten Verlesung des Telegramms in vielen protestantischen Kirchen wurden die protestantischen Juden von der Deportation zunächst freigestellt, um die Kirchen in den Niederlanden zu spalten.[32] Dies gelang nicht, doch konnten sich die protestantischen Juden lange auf ihren "privilegierten" Status berufen und waren bis Herbst 1944 einigermaßen vor der Deportation geschützt.

Auch die illegalen Zeitungen, u.a. "Het Parool", ergriffen Partei für die Juden und riefen die Bevölkerung zu zivilem Ungehorsam und zur Unterstützung ihrer jüdischen Mitbürger auf. Immer wieder thematisierten sie das schreckliche Los der Juden. Zu einem aktiven Widerstand konnten sie die Mehrheit der nicht-jüdischen Bevölkerung jedoch nicht bewegen. Nur wenige Menschen engagierten sich tatsächlich gegen das NS-Regime und erst ab 1944 kann man in Ansätzen von einem breiteren und vor allem organisierten Widerstand sprechen.

Radio Oranje
Mitarbeiter von Radio Oranje in London, Quelle: NA ( 053-0735)

Auch die niederländische Exilregierung in London äußerte über den Sender Radio Oranje, der über die BBC illegal auch in den Niederlanden empfangen werden konnte, ihre Bestürzung über den Beginn der Deportationen. Ministerpräsident Gerbrandy sagte am 25. Juli: "Seit undenklichen Zeiten haben Juden, ebenso wie andere Verfolgte, im Land unserer Väter ein Zuhause gefunden, in dem sie auf Grundlage der Gleichberechtigung mit anderen Niederländern lebten. Aufgenommen in das Volksganze waren sie in umfassender Zusammenarbeit mit ihnen in der Lage, auf jeglichem Gebiet ihren Beitrag zur Größe unseres Landes zu leisten."[33] Abgesehen von einigen Berichten über die Verfolgung der Juden auf Radio Oranje, der Ansprache von Gerbrandy und wenigen Erwähnungen in Ansprachen der Königin, unternahm die Exilregierung in London nicht allzu viel zur aktiven Unterstützung der Juden in den Niederlanden. Erst im April 1944 kam es zur Gründung einer Beratungskommission für jüdische Angelegenheiten, die sich bemühen sollte, Hilfe für die bereits Deportierten bereit zu stellen, und mit den Planungen für die Nachkriegszeit beginnen sollte.

In den Niederlanden gingen im Herbst 1942 die Deportationen in unvermindertem Umfang weiter. Nachdem der Jüdische Rat beim ersten Aufruf zum "Arbeitseinsatz" den deutschen Behörden seine Mitarbeit nicht verweigert hatte, kooperierte er auch in der Folgezeit mit den Besatzern. Die Zielsetzung seiner beiden Vorsitzenden, Schlimmeres zu verhindern[34] und "zumindest die wichtigsten Menschen so lange wie möglich zurückzubehalten", wie David Cohen es auf einer Sitzung des Jüdischen Rats am 18. September 1942 ausdrückte[35], führten dazu, dass sich der Jüdische Rat immer tiefer in die Mitarbeit zur Vorbereitung der Deportationen verstrickte. Als einzige von der Besatzungsmacht zugelassene jüdische Organisation war der Jüdische Rat mittlerweile zuständig für alle Bereiche des jüdischen Lebens in den Niederlanden. Von der sozialen Fürsorge, über die Betreuung von Kindergärten, Schulen und Krankenhäusern bis hin zur Unterstützung der Aufgerufenen und sogar der Schaffung eines eigenen jüdischen Kulturprogramms reichten die Aufgaben des Rats.

Um die verschiedenen Bereiche bearbeiten zu können war ein riesiger Mitarbeiterstab entstanden, der zeitweise bis zu 10 000 Personen umfasste. Diese Ausbreitung des Mitarbeiterstabs geschah mit voller Absicht, denn alle Mitarbeiter des Jüdischen Rats und ihre Familien waren von der Deportation freigestellt. Auch die deutschen Behörden ließen die Praxis der "Freistellungsstempel" zu und förderten sie sogar. Die Zentralstelle für jüdische Auswanderung verteilte seit Herbst 1942 neben dem Stempel für die Mitarbeiter des Jüdischen Rats verschiedene Sperrstempel für spezielle Gruppen: ausländische Juden, "portugiesische" Juden (deren Zugehörigkeit zum Judentum aufgrund der Herkunft ihrer Ahnen im 16. Jahrhundert aus Portugal in Frage stand), "Abstammungsjuden" (deren "rassische" Herkunft noch geklärt werden musste), Rüstungs- und Diamantjuden, protestantische Juden, "Angebotsjuden" (die für einen evtl. Austausch in Frage kamen) und die jüdischen Partner in "gemischten" Ehen. Mehr als 30 000 Personen erhielten bis Ende Dezember 1942 einen der begehrten Stempel und wähnten sich damit vor der Deportation geschützt. Für die Insassen der Arbeitslager galt dies nicht. Im Oktober 1942 wurden sie aufgelöst und die Insassen zusammen mit ihren nach Westerbork gebrachten Familien deportiert. Bis Ende des Jahres waren damit mehr als 38 000 der ca. 140 000 Juden in den Niederlanden bereits nach Auschwitz deportiert worden.

Wer keinen der Freistellungsstempel erhalten konnte, musste jeden Tag mit dem Aufruf zum "Arbeitseinsatz" rechnen. Da bis zu diesem Zeitpunkt fast keine Nachrichten von den bisher Deportierten in die Niederlande gelangt waren, blieben die Menschen über das weitere Schicksal der Abtransportierten im Ungewissen. Dennoch kursierten viele Gerüchte, und die meisten ahnten, dass ihr Leben und das ihrer Familien bei einem Abtransport in größter Gefahr war. Diese Angst und Ungewissheit trugen dazu bei, dass immer weniger Menschen freiwillig zu den Sammelpunkten kamen, nachdem sie einen Aufruf erhalten hatten. Für die deutschen Besatzungsbehörden wurde es immer schwieriger, die Züge nach Westerbork und von dort aus nach Auschwitz zu füllen. Otto Bene, der Gesandte des Auswärtigen Amts in den Niederlanden, der im Juli 1942 noch geschrieben hatte, dass die Transporte problemlos verliefen, war nur wenige Wochen später ganz anderer Ansicht: "Seit meinem oben erwähnten Bericht hat sich die Lage erheblich geändert. Nachdem die Judenschaft dahinter gekommen ist und weiß, was bei dem Abtransport bezw. bei dem Arbeitseinsatz im Osten gespielt wird, treten sie zu den wöchentlichen Transporten nicht mehr an. […] Es macht also Schwierigkeiten, die beiden Züge zu füllen, und wie man in den nächsten Wochen die Züge füllen soll, weiß man noch nicht."[36] Um dieses Problem zu lösen, änderten die deutschen Behörden ihr Vorgehen. Die deutsche Ordnungspolizei wurde zusammen mit niederländischen Polizeieinheiten angewiesen, die aufgerufenen Personen direkt in ihren Wohnungen zu verhaften und mitzunehmen.[37]

Jüdin während Razzia am 20.6.43 in Amsterdam
Jüdin während der Razzia am 20.6.1943 in Amsterdam, Quelle: BArch (183-R99538)/cc-by-sa

Zudem fanden immer häufiger Razzien statt, bei denen Juden ohne Freistellungsstempel wahllos aufgegriffen wurden. Die jüdische Bevölkerung lebte in panischer Angst. Vor allem die Abende waren gefürchtet, da sich Juden aufgrund einer Ausgangssperre ab 20.00 in ihren angegebenen Wohnungen aufhalten mussten und damit ein vermeintlich leichtes Ziel für Verhaftungen boten. Die jüdische Schülerin Edith van Hessen berichtet über einen solchen Abend im Oktober 1942: "Ein Gerücht macht die Runde, dass nun auch hier bei uns jüdische Jungen und Männer abgeholt werden sollen. Alle unsere Männer schliefen heute nacht irgendwo anders als zu Hause."[38]

Die einzige Möglichkeit ohne Freistellungsstempel den Razzien und Verhaftungen zu entgehen, war, unterzutauchen oder in einem Versteck zu leben. Mehr als 20 000 Juden wählten in der Besatzungszeit diesen Weg, um den Besatzern zu entgehen. Dabei bestanden zwei verschiedene Arten des Untertauchens. Die eine Möglichkeit war, sich einen falschen Pass zu verschaffen und entweder bei Freunden oder an einem neuen Wohnort ein möglichst "normales" Leben zu leben. Einige Eltern ergriffen die Gelegenheit, um auf diese Weise ihre Kinder in Sicherheit zu bringen, die unter einem falschen Namen in fremden Familien aufgenommen wurden und zum Teil durch Widerstandsorganisationen mit Lebensmittelkarten versorgt wurden.[39] Aber auch Erwachsene versuchten, sich als Erntearbeiter auf dem Land zu tarnen oder bei Freunden oder Bekannten als "entfernte Verwandtschaft" einen Unterschlupf zu finden. Nachdem diese Möglichkeit jedoch auch von tausenden nicht-jüdischen niederländischen Männern genutzt wurde, die der Zwangsarbeit in Deutschland entgehen wollten, fiel es vielen jüdischen Familien schwer, eine geeignete Adresse zu finden. Die andere Möglichkeit, die den verzweifelten Menschen blieb, war ein Leben im Untergrund und im Versteck. Nicht viele konnten ein vergleichsweise luxuriöses Versteck wie die Familie von Anne Frank im Hinterhaus der Geschäftsräume der ehemaligen eigenen Firma finden, wo sie von Freunden mit Nahrung und anderen Lebensnotwendigkeiten versorgt wurden. Stattdessen mussten sie in engen Zimmern, auf Dachböden oder in Kellerverstecken leben, oft monatelang ohne die Möglichkeit, frische Luft zu atmen. Viele Niederländer waren hilfsbereit und nahmen jüdische Menschen, zum Teil ihnen völlig unbekannte Menschen, in ihrem eigenen Zuhause auf und gingen damit selbst ein hohes Risiko ein. Andere ließen sich für die Bereitstellung von Verstecken und die Beschaffung von Lebensmitteln horrende Summen zahlen. Nicht selten kam es durch Gerüchte über bevorstehende Razzien oder den möglichen Verrat des Verstecks durch Nachbarn vor, dass die untergetauchten Juden ihr Versteck wechseln mussten. Und auch Konflikte zwischen den Untertauchern und ihren Gastgebern waren durch das Leben auf engstem Raum und die Gefährlichkeit der Situation an der Tagesordnung. Dennoch überlebten Tausende von untergetauchten Juden die Besetzungszeit auf diese Art und Weise.

Diejenigen, die dem Aufruf Folge leisteten, weil sie keine andere Möglichkeit für sich sahen oder diejenigen, die von verschiedenen Polizeieinheiten aufgegriffen oder verhaftet wurden, wurden zunächst zu verschiedenen Sammelpunkten (unter anderem dem ehemaligen Theater "Hollandsche Schouwburg", das während der Besatzungszeit in "Joodsche Schouwburg" umbenannt werden musste) in Amsterdam gebracht. Von dort aus fuhren sie in großen Sammeltransporten mit der Bahn ins Lager Westerbork. Bei ihrer Ankunft dort wurden sie registriert, mussten ihre noch vorhandenen Wertsachen abgeben und wurden dann auf die verschiedenen Baracken verteilt.  Eine Strophe eines Gedichts aus Westerbork gibt die Atmosphäre bei der Ankunft im Lager wieder [40]:

Schreibmaschinen, Menschenmenge;
Kinder schreien im Gedränge;
Name, wo und wann geboren
Und das Haus, das du verloren:
Stand, Beruf, die Bürgerkarten;
Hetze, Hast, die Nächsten warten;
Treiben, drängen, weitereilen;
Die Maschinen hämmern Zeilen;
Ausweis und Barackennummer;
Lärm, Gestank und Angst und Kummer;
Trüber Saal mit Schreibmaschinen;
Lager-Eintritt; Leidlawinen.


Falls die Ankommenden nicht mit dem nächsten Transport nach Auschwitz deportiert wurden, mussten sie sich auf einen wochen- oder monatelangen Verbleib im Lager einrichten. Leiter des Lagers Westerbork war von Oktober 1942 an Konrad Gemmeker, ein ehemaliger Polizist, der zuvor beim Befehlshaber der Sicherheitspolizei gearbeitet hatte. Die Bewachung übernahmen Mitglieder der deutschen SS und der niederländischen Feldgendarmerie, während die interne Organisation des Lagers in jüdischer Hand lag. Besonders die so genannten "Alten Kampinsassen", also Flüchtlinge aus Deutschland, die schon vor dem Beginn der Besatzungszeit im Flüchtlingslager Westerbork interniert worden waren, hatten wichtige Stellen innen, konnten Freunden und Verwandten gute Positionen innerhalb der Lagerhierarchie verschaffen und manchmal auch einen gewissen Einfluss auf die namentliche Zusammenstellung der Transporte nehmen. Daraus entstanden Konflikte zwischen deutschen und niederländischen Juden im Lager. Dennoch gab es eine gewisse Lagernormalität, verschiedene Arbeitsstätten, ein gut ausgestattetes Krankenhaus und sogar Kabarett-Aufführungen von prominenten Sängern und Musikern, die als "Westerbork-Revue" bekannt waren. All dies überlagerte jedoch die permanente Angst vor der drohenden Deportation.[41]

Neben Westerbork gab es noch zwei weitere Lager in den Niederlanden, in denen Juden längere Zeit interniert wurden. Reichskommissar Seyß-Inquart hatte den niederländischen Generalsekretären Frederiks und van Dam erlaubt, mehrere hundert Juden zu benennen, hauptsächlich Intellektuelle und Künstler, die nahe der Stadt Barneveld in zwei alten Herrenhäusern leben und nicht deportiert werden sollten. Zwischen Dezember 1942 und September 1943 wohnten diese "privilegierten" Juden in Barneveld, dann wurden auch sie nach Westerbork und vor dort teilweise weiter deportiert. Im Januar 1943 eröffnete die SS zudem das KZ Vught, in dem bis September 1943 neben nicht-jüdischen "Schutzhäftlingen", Studenten und Geiseln Tausende von Juden inhaftiert wurden.[42] Die dort Internierten mussten in verschiedenen Außenkommandos Schwerstarbeit leisten, wer jedoch Glück hatte, kam in das "Philips-Kommando" und wurde damit zur Arbeit für den Elektronik-Konzern Philips eingeteilt.[43] Trotz verschiedener Bemühungen seitens des Konzerns fuhr im November 1943 dennoch ein Transport mit Juden direkt aus Vught nach Auschwitz; die restlichen Juden aus Vught wurden nach Westerbork gebracht.

Das Jahr 1943 brachte für die Juden in den Niederlanden immer größere Bedrängnis. Die Deportationen aus Westerbork gingen unvermindert weiter. Von März bis August 1943 war nicht Auschwitz das Ziel der Transporte, sondern das Vernichtungslager Sobibor. Dort wurden die meisten Ankommenden sofort in die Gaskammern weitergeschickt, von diesen Transporten überlebten nur Einzelne. In den Niederlanden gingen unterdessen die Razzien auf Juden weiter. Ihnen wurde im März und April 1943 endgültig verboten, außerhalb Amsterdams zu wohnen, dies erleichterte die Durchführung der Razzien für die verschiedenen Polizeieinheiten. Zudem verringerte die Zentralstelle für jüdische Auswanderung die Zahl derjenigen, die noch durch Freistellungsstempel geschützt waren, immer weiter. Im Mai 1943 erhielt der Jüdische Rat den Auftrag, die Zahl seiner Mitarbeiter zu halbieren und 7 000 Personen zum Arbeitseinsatz bereit zu stellen. Die Tatsache, dass der Jüdische Rat nun selbst diejenigen benennen musste, die deportiert werden sollten, führte zu erschütternden Szenen. Mirjam Levie, eine Mitarbeiterin des Jüdischen Rats berichtet:: "Diese Nacht werde ich niemals vergessen. […] Unsere Gruppe, welche die Aufforderungsliste in die Hände bekam – ab und zu mussten wir ins Zimmer des Professors, wo das Blutbad ausgeführt wurde, um die Listen zu holen –, war so wütend. Wir sahen natürlich immer mehr Namen von guten Freunden, Kollegen, manche sogar von Verwandten, Geschwistern und sogar Kindern und Eltern!"[44] Dennoch blieben die beiden Vorsitzenden ihrer Linie treu und führten die Befehle der Besatzungsmacht weiter aus. Im September 1943 nutzte aber alle Kooperation nichts mehr: Bei einer letzten großen Razzia wurden noch einmal mehrere Tausend Juden verhaftet, alle noch in Amsterdam verbliebenen Mitarbeiter des Jüdischen Rats inklusive seiner beiden Vorsitzenden wurden nach Westerbork gebracht, der Jüdische Rat wurde aufgelöst.

In Amsterdam blieben offiziell (abgesehen von den untergetauchten Juden) nur die "portugiesischen" Juden zurück, deren Hoffnung, aufgrund ihrer Abstammung und Geschichte nicht zu den Juden gezählt zu werden, sich im Februar 1944 jedoch auch zerschlug. Hinzu kamen einige Einzelpersonen und kleinere Gruppen sowie die jüdischen Partner aus "gemischten" Ehen, in denen ein Partner jüdisch und ein Partner nicht-jüdisch war. Die deutschen Pläne für diese Gruppe beschreibt der Befehlshaber der Sicherheitspolizei, Wilhelm Harster, im Mai 1943:
"a) Jüdinnen über 45 Jahre sollen der Reihe nach Amsterdam vorgeladen und vom Stern befreit werden, sodaß auf diese Weise bekannt wird, daß jüdische Partner in Mischehen dann verbleiben können, wenn von ihnen keine Nachkommenschaft mehr zu erwarten ist.
b) Juden in Mischehen ohne Kinder sollen ins Lager überführt werden.
c) Für den Rest der Juden und Jüdinnen soll die freiwillige Sterilisierung angestrebt und in Amsterdam durchgeführt werden."[45] Dies betraf etwa 8-10 000 Familien. Besonders die Kirchen protestierten nach dem Bekannt werden der Pläne heftig gegen diese. Im Endeffekt  konnten etwa 4 000 Personen entweder den Beweis ihrer Sterilität erbringen oder ließen sich sterilisieren.[46]

Mit der Auflösung des Jüdischen Rats und den immer kleiner werdenden Spielräumen für noch in Freiheit lebende Juden in den Niederlanden, endete die Hauptphase der Deportationen, bei denen der Großteil der niederländischen Juden in die Konzentrations- und Vernichtungslager gebracht wurde. Bis Ende September 1943 waren 86 344 Juden aus den Niederlanden deportiert worden.

[29] Marnix Th. Croes/Pieter J.R. Tammes: "Gif laten wij niet voortbestaan". Een onderzoek naar de overlevingskansen van joden in de Nederlandse gemeenten 1940-1945, Amsterdam 2004.
[30] Politisches Archiv des Auswärtigen Amts, R 100869.
[31] Martin Bachmann: Geliebtes Volk Israel – fremde Juden. Die Nederlandse Hervormde Kerk und die "Judenfrage" 1933-1945, Münster 1997.
[32] Johan Martinus Snoek, De Nederlandse kerken en de joden 1940-1945. De protesten bij Seyß-Inquart, hulp aan joodse onderduikers, de motieven voor hulpverlening, Kampen 1990, S. 88-100.
[33] Pieter Sjoerds Gerbrandy: Landgenoten! De radiotoespraken van Minister-president P.S. Gerbrandy in de jaren 1940-1945 gehouden voor Radio Oranje en De Brandaris, Franeker 1985, S. 69 f.
[34] So auch der Titel des Buches von Nanda van der Zee: "Um Schlimmeres zu verhindern". Die Ermordung der niederländischen Juden: Kollaboration und Widerstand, München 1999.
[35] Nederlands Instituut voor Oorlogsdocumentatie, 182/9b.
[36] Politisches Archiv des Auswärtigen Amts, R 100876.
[37] Guus Meershoek: Dienaren van het gezag. De Amsterdamse politie tijdens de bezetting, Amsterdam 1999.
[38] Edith Velmans-van Hessen: Ich wollte immer glücklich sein. Das Schicksal eines jüdischen Mädchens im Zweiten Weltkrieg, Wien 1999, S. 96.
[39] Bert-Jan Flim: Omdat hun hart sprak. Geschiedenis van de georganiseerde hulp aan Joodse kinderen in Nederland 1942-1945, Kampen 1995.
[40] Strophe aus dem Gedicht Stacheldraht V von R. Pool; Nederlands Instituut voor Oorlogsdocumentatie, 250i/861.
[41] Philip Mechanicus: Im Depot. Tagebuch aus Westerbork, Berlin 1993.
[42] David Koker: Dagboek geschreven in Vught, Amsterdam 1977; Helga Deen: "Wenn mein Wille stirbt, sterbe ich auch". Tagebuch und Briefe, Reinbek bei Hamburg 2007.
[43] P.W. Klein; J. van de Kamp: Het Philipps-Kommando in Kamp Vught, Amsterdam 2003.
[44] Mirjam Bolle, "Ich weiß, dieser Brief wird dich nie erreichen". Tagebuchbriefe aus Amsterdam, Westerbork und Bergen-Belsen, Berlin 2006, S. 140-148.
[45] L.Ph. Polak: Documents of the persecution of the Dutch Jewry, Amsterdam 1969, S. 97.
[46] Coen Stuldreher: De legale rest: Gemengd gehuwde Joden onder de Duitse bezetting, Amsterdam 2007.

Autorin: Katja Happe
Erstellt:
Dezember 2010


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Jong, Louis de: Het koninkrijk der Nederlanden in de Tweede Wereldoorlog, 14 Bde.,'s-Gravenhage 1969-1984.

Presser, Jacob: Ondergang. De vervolging en verdelging van het Nederlandse Jodendom 1940-1945, 's-Gravenhage 1956.

Herzberg, Abel: Kroniek der Jodenvervolging 1940-1945, Amsterdam 1985.

Moore, Bob: Slachtoffers en overlevenden. De Nazi-vervolging van de joden in Nederland, Amsterdam 1998.

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