Die Judenverfolgung in den Niederlanden 1940-45


II. Zwischen Panik, Aufatmen und Ernüchterung – der Beginn der Besatzungszeit

In der Nacht vom 9. auf den 10. Mai 1940 heulten überall in den Niederlanden die Sirenen und alarmierten die Bevölkerung: Die deutsche Wehrmacht war in die neutralen Niederlande einmarschiert. Innerhalb von nur fünf Tagen wurde die niederländische Armee geschlagen und das gesamte Land besetzt. Besonders die Bombardierung Rotterdams am 14. Mai trotz bereits erfolgter Kapitulation der Stadt schockierte die Menschen. Königin Wilhelmina war mit ihrer Familie und dem niederländischen Kabinett bereits am 13. Mai nach London ins Exil geflohen. In den Niederlanden waren die höchsten Beamten der Ministerien, die Generalsekretäre, mit der Fortführung der Geschäfte betraut worden.

Rotterdam 1940
Rotterdam nach dem deutschen Luftangriff 1940, Quelle: U.S. Defense Visual Information Center

Für die Juden in den Niederlanden begann mit dem Einmarsch der Wehrmacht eine schwierige Zeit. Besonders Flüchtlinge, die schon in Deutschland die Auswirkungen der nationalsozialistischen Rassenideologie zu spüren bekommen hatten und vor der Verfolgung in die Niederlande geflohen waren, waren verängstigt. Ein Flüchtling schreibt in seinem Tagebuch: "Nun ist eingetreten, was wir lange Zeit befürchtet und gleichzeitig verdrängt hatten." Er versucht daraufhin, mit seiner Familie über den Hafen von IJmuiden nach Großbritannien zu fliehen, was ihm nach vielen Schwierigkeiten am 15. Mai auch noch gelingt.[5] Von Panik ergriffen, probierten viele Juden, über einen der Häfen das Land zu verlassen, vermutlich nur wenigen Hundert gelang dies tatsächlich. Durch den Angriff der Wehrmacht auch auf Belgien und Frankreich war der Fluchtweg über Land in diese Staaten ebenfalls gefährlich und erschien wenig Erfolg versprechend. Einige Juden, denen die Flucht nicht gelungen war oder die keinen anderen Ausweg sahen, brachten sich in den ersten Tagen der Besatzungszeit um. Ein Ehepaar schreibt in seinem Abschiedsbrief: "Es ist uns unmöglich, in den nicht mehr freien Niederlanden zu leben."[6] Wahrscheinlich mehr als 100 Personen wählten aus Angst vor der Zukunft diesen Weg.

Für die meisten Niederländer und auch für die jüdischen Flüchtlinge änderte sich jedoch zu ihrem großen Erstaunen und zu ihrer großen Erleichterung in den ersten Tagen der Besatzungszeit erst einmal kaum etwas. Die Soldaten der Wehrmacht traten zurückhaltend auf, und hochrangige deutsche Funktionäre versicherten, dass die Juden in den Niederlanden nichts zu befürchten hätten.[7] Das tägliche Leben nahm wieder seinen gewohnten Gang, auch wenn die Flucht von Königin und Regierung immer noch als Verrat am niederländischen Volk gesehen wurde. Die zurückgebliebenen und nunmehr verantwortlichen Generalsekretäre sagten den deutschen Besatzern ihre Unterstützung bei der Verwaltung des Landes zu, sofern sie nicht gezwungen würden, gegen die niederländische Verfassung zu verstoßen. Sie gaben damit ein beispielhaftes Verhalten vor, das von anderen Organisationen und Institutionen in den Niederlanden kopiert wurde.[8] Im Laufe der Besatzungszeit protestierten die Generalsekretäre zwar gegen verschiedene Maßnahmen der Besatzer, vor allem auch gegen antijüdische Maßnahmen. Insgesamt blieben sie jedoch passiv, auch als das Vorgehen der Besatzer immer drastischer wurde und längst nicht mehr in Übereinstimmung mit der niederländischen Verfassung stand. Das Ziel der Generalsekretäre war, Ruhe und Ordnung im Land aufrecht zu erhalten und einen Anschein von Normalität zu wahren. Diese später so genannte "Akkomodation"[9], also das sich-Arrangieren mit den gegenwärtigen Verhältnissen, färbte auch auf die Einwohner des Landes ab. Weite Teile der Bevölkerung verhielten sich passiv und abwartend, nur ein kleiner Teil konnte sich im Laufe der Zeit zu Widerstandsaktionen entschließen.

Nach der Kapitulation der niederländischen Armee und einer kurzen Übergangszeit wurde eine deutsche Zivilverwaltung in den Niederlanden installiert. Am 29. Mai 1940 übernahm der von Hitler ernannte Reichskommissar der besetzten niederländischen Gebiete, Arthur Seyß-Inquart, die Amtsgeschäfte im Regierungssitz Den Haag. Neben ihm wurden die vier Generalkommissare Hanns Albin Rauter, Friedrich Wimmer, Hans Fischböck und Fritz Schmidt (für das Sicherheitswesen, für Verwaltung und Justiz, für Finanz und Wirtschaft und zur besonderen Verwendung) ernannt, die die Aufsicht über die verschiedenen niederländischen Ministerien ausüben sollten. Zudem waren dreizehn Beauftragte für die Provinzen sowie die Städte Rotterdam und Amsterdam zuständig.[10]

In der jüdischen Bevölkerung der Niederlande war die Stimmung geteilt. Nach dem allgemeinen Schock über die Besetzung des Landes kehrten auch viele Juden in den Niederlanden zu ihrem normalen Leben zurück. In den ersten Wochen erfolgten keine gegen sie gerichteten Maßnahmen und als niederländische Bürger richteten sie sich wie alle anderen in der neuen Situation ein, gingen an ihre Arbeit und lebten so normal wie möglich weiter.[11] Auch bei einigen deutschen Flüchtlingen breitete sich die Hoffnung aus, dass die Nationalsozialisten in den Niederlanden anders vorgehen würden als in Deutschland und die Juden in diesem Land unbehelligt lassen würden. Der größere Teil der Flüchtlinge jedoch sah mit Sorge in die Zukunft und befürchtete, einer erneuten Verfolgung wie in Deutschland ausgesetzt zu sein, nur diesmal mit weitaus geringern Chancen, dieser Verfolgung erneut zu entgehen.[12] Leider sollte diese Gruppe Recht behalten. Die Phase der relativen Ruhe und leichten Hoffnung dauerte nur bis Juli 1940. Zu diesem Zeitpunkt schloss der Befehlshaber der deutschen Ordnungspolizei, Otto Schumann, die Juden aus dem Luftschutzdienst aus. Zum ersten Mal seit Jahrhunderten wurde die Bevölkerung damit konfrontiert, dass die Machthaber Juden nicht als Niederländer, sondern als separate Gruppe betrachteten, die aufgrund rassischer Merkmale definiert wurde.

Diese erste Maßnahme war jedoch nur der Auftakt für den Beginn weiterer antijüdischer Maßnahmen. Innerhalb der nächsten Monate wurde klar, dass die deutschen Besatzer auch in den Niederlanden gegen die Juden vorgehen würden und sie aus Wirtschaft und Gesellschaft ausschließen wollten.

Nach dem Verbot des jüdischen Schlachtens Ende Juli 1940 und der Gründung von Het Joodse Weekblad als einzig zugelassener jüdischer Zeitung im August wurde im Oktober die nächste einschneidende Maßnahme eingeleitet. Alle niederländischen Beamten erhielten die Aufforderung, ihre arische Herkunft nachzuweisen. Nur wenige protestierten gegen das Ausfüllen der Formulare und traten von ihren Ämtern zurück. Die meisten füllten die Formulare aus. Aufgrund dieser Angaben begann im November 1940 die Entlassung der jüdischen Beamten aus dem öffentlichen Dienst. Die niederländischen Generalsekretäre protestierten zwar gegen diese Maßnahme, führten sie jedoch dennoch durch. Die christlichen Kirchen der Niederlande meldeten sich mit einem Protestschreiben zu Wort und auch die Studenten verschiedener Universitäten setzten sich für ihre entlassenen jüdischen Professoren ein und richteten sich gegen Zugangsbeschränkungen für jüdische Studenten. In Leiden und Delft bestreikten die Studenten die Universität, die daraufhin für einige Monate geschlossen wurde. All diese Proteste zeigten jedoch keine große Wirkung. Sie entstanden meist spontan und waren nicht gut organisiert. Relativ schnell schienen die neuen Tatsachen von dem Großteil der Bevölkerung akzeptiert worden zu sein.

Auch die übrigen Maßnahmen führten nicht zu größeren Protesten, obwohl sie eine weitreichende Wirkung hatten. Mit der Verordnung Nr. 189 vom 22. Oktober 1940 mussten alle jüdischen Betriebe angemeldet werden.[13] In dieser Verordnung wurde zum ersten Mal für die Niederlande festgelegt, wer Jude war: Wer drei jüdische Großeltern hatte oder zwei jüdische Großeltern und gleichzeitig mit einem Juden verheiratet war oder der jüdischen Religionsgemeinschaft angehörte, galt in Zukunft als Jude.

Im Januar 1941 folgte eine Verordnung zur Registrierung.[14] Alle Juden in den Niederlanden mussten sich bei den Behörden anmelden. Ein Widerstand gegen diese Verordnung oder ein Nichtbefolgen war zwecklos. Aufgrund von regelmäßigen Volkszählungen (die letzte von 1930) besaßen die Einwohnermeldeämter schon eine gute Datenbasis, nun ging es lediglich um eine Aktualisierung der Daten. Die Besatzungsbehörden erhielten mit dieser Anmeldung genaue Zahlen, die sie bei ihren weiteren Planungen verwenden konnten. Zu diesem Zeitpunkt lebten 140 245 Juden in den Niederlanden, davon 118 455 niederländische und 14 493 deutsche Staatsbürger sowie 7 297 Angehörige anderer Nationen. Hinzu kamen nach den Abstammungskriterien der Nationalsozialisten 14 549 "Halbjuden" und 5 179 "Vierteljuden".[15]

Bis zu diesem Zeitpunkt hatten sich die antijüdischen Maßnahmen der deutschen Besatzer auf die Verwaltungsebene konzentriert. Die Bevölkerung hoffte, dass es keine weiterreichenden Maßnahmen geben würde. Viele Juden bemühten sich trotzdem um eine Emigration nach Übersee. Allerdings war der Glaube an ihre Zugehörigkeit zur niederländischen Nation so tief in den meisten verankert, dass sie sich einfach nicht vorstellen konnten, aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit von den Deutschen aus dieser Nation ausgeschlossen zu werden. Ein Journalist schrieb in seinem Tagebuch, man habe sich früher gar keine Gedanken darüber gemacht, wer Jude sei oder nicht. Diese Frage habe keine Rolle gespielt.[16] Und so ertrugen die meisten Juden die ersten antijüdischen Maßnahmen und hofften auf ein baldiges Ende der Besatzungszeit, um wieder zu ihrem früheren Leben zurückkehren zu können. Die wenigsten fürchteten zu diesem Zeitpunkt um ihr Leben, nur bei den Flüchtlingen aus Deutschland war die Besorgnis aufgrund ihrer Erfahrungen größer. Ihnen fehlten jedoch meist die finanziellen Mittel, um ihre Emigration voranzutreiben.


[5] Harry Schnur berichtet über seine Flucht aus den Niederlanden, in: Mira und Gerhard Schoenberner: Zeugen sagen aus. Berichte und Dokumente über die Judenverfolgung im „Dritten Reich“, Berlin 1988, S. 206-216.
[6] Nederlands Instituut voor Oorlogsdocumentatie, Doc. II/1390.
[7] Gerhard Hirschfeld: Niederlande, in: Wolfgang Benz (Hg.): Dimension des Völkermords. Die Zahl der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus, München 1996, S. 137-166.
[8] Gerhard Hirschfeld: Fremdherrschaft und Kollaboration. Die Niederlande unter deutscher Besatzung 1940-1945, Stuttgart 1984.
[9] E.H. Kossmann: De Lage Landen 1780-1980. Twee eeuwen Nederland en België, 2 Bde., Amsterdam, Brüssel 1986, hier Bd. 2, S. 141-205.
[10] Konrad Kwiet: Reichskommissariat Niederlande. Versuch und Scheitern nationalsozialistischer Neuordnung, Stuttgart 1968.
[11] Bart van der Boom: Wij leven nog. De stemming in bezet Nederland, Amsterdam 2003.
[12] Irmtrud Wojak, Lore Hepner (Hg.): "Geliebte Kinder…" Briefe aus dem Amsterdamer Exil in die Neue Welt 1939-1943, Essen 1995.
[13] Verordnungsblatt für die besetzten niederländischen Gebiete, Nr. 189/1940, S. 546-552.
[14] Verordnungsblatt für die besetzten niederländischen Gebiete, Nr. 6/1941, S. 19-23.
[15] Gerhard Hirschfeld: Niederlande, in:  Wolfgang Benz (Hg.): Dimension des Völkermords. Die Zahl der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus, München 1996, S. 137-166.
[16] J.A. Polak, Tagebuch, Eintrag vom 19.10.1940, S. 52; Nederlands Instituut voor Oorlogsdocumentatie, 244/1131.

Autorin: Katja Happe
Erstellt:
Dezember 2010


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Jong, Louis de: Het koninkrijk der Nederlanden in de Tweede Wereldoorlog, 14 Bde.,'s-Gravenhage 1969-1984.

Presser, Jacob: Ondergang. De vervolging en verdelging van het Nederlandse Jodendom 1940-1945, 's-Gravenhage 1956.

Herzberg, Abel: Kroniek der Jodenvervolging 1940-1945, Amsterdam 1985.

Moore, Bob: Slachtoffers en overlevenden. De Nazi-vervolging van de joden in Nederland, Amsterdam 1998.

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