Die Judenverfolgung in den Niederlanden 1940-45


I. Einleitung

Familie Frank
Anne Frank und ihre Familie, Quelle: NA (092-0079)

Nachdem im Jahr 1933 die Nationalsozialisten in Deutschland die Macht übernommen hatten und Hitler Reichskanzler geworden war, emigrierte die jüdische Familie Frank aus Deutschland in die Niederlande. Im Juli 1942 tauchte die gesamte Familie in einem Hinterhausversteck in Amsterdam unter. Dort entstand das weltberühmte Tagebuch von Anne Frank, einer der Töchter der Familie.[1] Die Familie wurde im August 1944 entdeckt und deportiert, nur der Vater überlebte die Todeslager.

Das Schicksal der Familie Frank steht damit sinnbildlich für das Los zehntausender Juden, die nach der Besetzung der Niederlande im Mai 1940 unter deutsche Herrschaft gerieten. Die ca. 140 000 Juden, die zu diesem Zeitpunkt in den Niederlanden lebten, wurden in den folgenden Jahren gesellschaftlich isoliert und wirtschaftlich entrechtet. Mehr als 100 000 wurden ab Juli 1942 in die Vernichtungslager im Osten deportiert, nur wenig mehr als 5 000 kehrten von dort zurück.[2]

Die niederländischen Juden waren vor der Besatzungszeit in den Niederlanden völlig assimiliert. Bereits ab dem 16. Jahrhundert siedelten sich sephardische Juden aus Portugal und Aschkenasim aus Osteuropa im Land an. Nachdem sie 1796 die vollen Bürgerrechte erhalten hatten, verschwammen im 19. Jahrhundert die Unterschiede zwischen Juden und Nichtjuden. Jüdische und christliche Kirchen existierten problemlos nebeneinander.

Von 1933 an flohen viele deutsche Juden vor dem Nationalsozialismus und der Verfolgung in Deutschland. Zehntausende von ihnen kamen in den nächsten Jahren in die Niederlande.[3] Die Mehrheit schiffte sich von Amsterdam oder Rotterdam aus nach Großbritannien oder die Vereinigten Staaten ein, viele ließen sich aber auch in den Niederlanden nieder. Sie blieben, weil ihnen z.B. Geld für die Weiterreise fehlte. Ein anderer Aspekt war die scheinbare kulturelle Ähnlichkeit zwischen Deutschland und den Niederlanden, durch die es attraktiv erschien, hier auf ein baldiges Ende der nationalsozialistischen Herrschaft zu warten.

Diejenigen, die blieben, wurden zunächst hilfsbereit und freundlich aufgenommen. Ab Mitte der 1930er Jahre wandelte sich das Verhalten der niederländischen Regierung den Flüchtlingen gegenüber jedoch und im Mai 1938 wurde die Grenze für Flüchtlinge geschlossen. "Ein Flüchtling soll im Weiteren als unerwünschtes Element für die niederländische Gesellschaft und deshalb als unerwünschter Ausländer angesehen werden", so Justizminister C.M.J.F. Goseling.[4]

Nach den Pogromen in Deutschland im November 1938 erhielten nach Protesten der niederländischen Bevölkerung trotzdem noch einmal 7 000 Flüchtlinge eine Einreisegenehmigung. Verschiedene Hilfsorganisationen, besonders das "Comité voor Bijzondere Joodse Belangen", das sich zu einer Art Dachorganisation entwickelte, unterstützten die Flüchtlinge. Um dennoch die Flüchtlinge besser kontrollieren zu können, entschied die niederländische Regierung Anfang 1939, ein zentrales Flüchtlingslager in Westerbork (Provinz Drenthe) zu bauen, in dem alle jüdischen Flüchtlinge unterkommen sollten.

Neben den Emigranten, die bis dahin legal in die Niederlande gekommen waren, flüchteten viele deutsche Juden illegal über die Grenze. Insgesamt lebten Ende der 1930er Jahre etwa 20 000 ausländische Juden in den Niederlanden.

Dies war die Situation in den Niederlanden 1939. Nur wenige Monate später, im Mai 1940, besetzte die deutsche Wehrmacht die Niederlande. Erst 5 Jahre später, im Mai 1945, ging die Besatzungszeit zu Ende. Innerhalb dieses Zeitraums starben fast 75% der in den Niederlanden lebenden Juden im Holocaust. Dieses Dossier wird die Entwicklung der Judenverfolgung in den Niederlanden innerhalb dieses Zeitraums nachzeichnen und sowohl Opfer als auch Täter zu Wort kommen lassen.

Im ersten Kapitel geht es um den Beginn der Besatzungszeit, die ersten Aussagen der Besatzer und den Umgang der Juden in den Niederlanden mit der neuen Situation. Nachdem sich die Lage im Sommer 1940 zunächst zu beruhigen schien, folgten schnell die ersten antijüdischen Maßnahmen. (Kapitel 1)

Im zweiten Kapitel wird der Blick auf die Fortsetzung und Intensivierung der antijüdischen Maßnahmen bis zum Sommer 1942 gerichtet. Der Februarstreik 1941 wird ebenso thematisiert wie die Gründung des Jüdischen Rats und die Registrierung der Juden. Die fortschreitende gesellschaftliche Isolierung und wirtschaftliche Entrechtung kennzeichnet dieses Kapitel. (Kapitel 2)

Im Sommer 1942 begannen die Deportationen der Juden aus den Niederlanden in das Konzentrationslager Auschwitz. Der langen Periode der größten Deportationen in die verschiedenen Lager bis zum Herbst 1943 widmet sich das dritte Kapitel. Es geht aber auch um die Reaktionen innerhalb der Niederlande auf das Vorgehen der Deutschen und die Versuche der jüdischen Bevölkerung, sich der Deportation auf verschiedenen Wegen zu entziehen. (Kapitel 3)

Das letzte Kapitel behandelt die Entwicklungen des letzten Besatzungsjahres. Trotz der Invasion der Alliierten gingen die Deportationen weiter. Auch nach der Befreiung der südlichen Landesteile musste die Bevölkerung im Norden und mit ihnen die noch im Lande verbliebenen Juden den Hungerwinter 1944/45 überstehen, bevor die Besatzungszeit im Mai 1945 zu Ende ging. (Kapitel 4)


[1] Die Tagebücher der Anne Frank, hrsg. vom Rijksinstituut voor Oorlogsdocumentatie, aus dem Niederländischen von Mirjam Pressler, Frankfurt a.M. 1988.
[2] Gerhard Hirschfeld: Niederlande, in: Wolfgang Benz (Hrsg.): Dimension des Völkermords. Die Zahl der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus, München 1996, S. 137-166.
[3] Bob Moore: Refugees from Nazi Germany in the Netherlands 1933 – 1940, Dordrecht 1986.
[4] Rundschreiben von C.M.J.F. Goseling vom 7.5.1938, abgedruckt in: Corrie K. Berghuis: Joodse vluchtelingen in Nederland 1938-1940. Documenten betreffende toelating, uitleiding en kampopname, Kampen 1990, S. 223f.

Autorin: Katja Happe
Erstellt:
Dezember 2010


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Jong, Louis de: Het koninkrijk der Nederlanden in de Tweede Wereldoorlog, 14 Bde.,'s-Gravenhage 1969-1984.

Presser, Jacob: Ondergang. De vervolging en verdelging van het Nederlandse Jodendom 1940-1945, 's-Gravenhage 1956.

Herzberg, Abel: Kroniek der Jodenvervolging 1940-1945, Amsterdam 1985.

Moore, Bob: Slachtoffers en overlevenden. De Nazi-vervolging van de joden in Nederland, Amsterdam 1998.

Moore, Bob: Refugees from Nazi Germany in the Netherlands 1933-1940, Dordrecht 1986.

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