Die Geschichte der niederlande 1914-1940


V. Auf dem Balkon Europas: Die Niederlande am Vorabend des Zweiten Weltkriegs

D. J. de Geer
D. J. de Geer Ministerpräsident 1939-40, Quelle: NA ( 145-0789)
Im August 1939 scheiterte das letzte Kabinett Colijn im Streit um die Höhe der Arbeitslosenunterstützung endgültig an den Meinungsverschiedenheiten zwischen den großen christlichen Parteien über die Wirtschafts- und Sozialpolitik. Das Land litt nach wie vor unter der Wirtschaftskrise und einer noch stets hohen Arbeitslosigkeit, und die zurückhaltende Politik des Ministerpräsidenten wurde von den Katholiken nicht länger unterstützt. Unter der Führung Dirk Jan de Geers von der CHU kam es zur Bildung einer neuen Regierung aus CHU, RKSP, dem Freisinnig-Demokratischen Bund und ― zum ersten Mal in der niederländischen Geschichte ― der SDAP. Nach rund einem halben Jahrhundert der politischen Isolation waren die Sozialdemokraten damit auch in den Niederlanden im Zentrum der Macht angekommen. Politik- und gesellschaftsverändernde Wirkung konnte die Zusammenarbeit von Katholiken und Sozialdemokraten, die vor allem auf parallelen sozialpolitischen Interessen beruhte, angesichts der Zeitumstände aber nicht mehr entfalten. Die neue Regierung musste sich auf die außenpolitische Krise in Europa konzentrieren.

Nach der Zerschlagung der Tschechoslowakei und der deutschen Besetzung der sogenannten „Resttschechei“ im März 1939 hatte sich die Lage weiter zugespitzt. Im Widerspruch zu den wiederholten öffentlichen Zusicherungen der Reichsregierung über die Respektierung der Grenzen der Benelux-Staaten hatte Hitler intern bereits im Mai 1939 angeordnet, Belgien und die Niederlande im Kriegsfall zu besetzen. Regierung und Bevölkerung verschlossen aber im Sommer 1939 gleichermaßen die Augen vor der Gefahr eines deutschen Angriffs. Ministerpräsident De Geer, der nach seiner Vereidigung ausgerechnet in den Schwarzwald in Urlaub gefahren war, ging es vor allem darum, die Menschen nicht zu beunruhigen, und eine Mehrheit der Bevölkerung ging dankbar darauf ein. So folgten der allgemeinen Mobilmachung, die am 28. August nach langem Drängen hoher Militärs beschlossen wurde, keine weiteren Schritte.

Ein ebenfalls am 28. August veröffentlichter Friedensaufruf Königin Wilhelminas und König Leopolds von Belgien blieb bei den Großmächten ohne Resonanz. Am 1. September 1939 begann mit dem deutschen Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg. Zwei Tage später erklärten Frankreich und Großbritannien dem Deutschen Reich den Krieg, und damit waren auch die Niederlande nun militärisch bedroht. Tatsächlich bereiteten die Deutschen im Herbst 1939 eine Offensive im Westen vor, aber der Angriff wurde immer wieder hinausgeschoben. Der niederländischen Regierung gingen in den Monaten bis Mai 1940 zahlreiche Warnungen zu, teilweise mit konkreten Angriffsdaten, aber je öfter sich diese Warnungen als falscher Alarm herausstellten, desto weniger ernst wurden sie in Den Haag genommen.

Selbst hinter den Kulissen agierte De Geer zurückhaltend. Mit dem niederländischen Generalstab konnte man sich nicht auf eine schlüssige Verteidigungsstrategie einigen. Vor allem aber war der Ministerpräsident auch nach dem Kriegsbeginn im Osten nicht bereit, die strikte Neutralitätspolitik zugunsten militärischer Absprachen mit den Westmächten zu lockern. In der Zweiten Kammer hatte De Geer die niederländische macht- und bündnispolitische Abstinenz sogar noch einmal moralisch überhöht als leuchtendes Vorbild für Europa beschworen. Das Ideal der Neutralität, die allein Unabhängigkeit und Handlungsfreiheit zu gewährleisten schien, wurde auch von Politikern anderer Parteien und führenden Intellektuellen hochgehalten.

Militärisch sah das niederländische Verteidigungskonzept nach Osten mehrere Abwehrlinien vor, bei denen man selbst davon ausging, dass die vordersten im Fall eines deutschen Angriffs nicht lange gehalten werden könnten. Man hoffte aber, die „Festung Holland“ über mehrere Wochen zu verteidigen, bis ausreichend alliierte Hilfe eintraf. Entsprechende Hilfeersuchen hatte man für den Kriegsfall vorbereitet. Die deutsche Militärführung war dagegen überzeugt ― wie sich im Mai 1940 zeigte, zu Recht ―, dass die Niederlande der deutschen Blitzkriegstrategie nichts entgegenzusetzen hatten.

Der deutsche Überfall am 10. Mai 1940 und die fünf Jahre der Besatzungsherrschaft, die darauf folgten ― die erste Fremdherrschaft seit dem Ende der napoleonischen Ära 1813 ― stellen bis heute für die meisten Niederländer den tiefsten Einschnitt in der neueren niederländischen Geschichte dar. Außenpolitisch hatte sich das Verharren auf dem „Balkon Europas“, das die Zwischenkriegszeit gekennzeichnet hatte, nicht ausgezahlt, und auch innenpolitisch empfanden viele Menschen die Zersplitterung der Gesellschaft in die verschiedenen weltanschaulichen Säulen nach dem Mai 1940 als überholt. Nach dem Krieg wurden dann allerdings daraus mit der Integration der Niederlande in die westeuropäischen bzw. nordatlantischen Bündnisse zunächst nur außenpolitisch die Konsequenzen gezogen. Innen- und gesellschaftspolitisch endete die Zwischenkriegszeit in den Niederlanden in vieler Hinsicht erst in den 1960er Jahren.

AutorDr. Christoph Strupp
Erstellt: Juni 2008


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Diepen, Remco van : Voor volkenbond en vrede. Nederland en het streven naar een nieuwe wereldorde 1919-1946, Amsterdam 1999

Schuursma, Rolf : Vergeefs onzijdig. Nederlands neutraliteit 1919-1940, Utrecht 2005

Wielenga, Friso : Die Niederlande. Politik und politische Kultur im 20. Jahrhundert, Münster 2008

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