Die Geschichte der niederlande 1795 bis 1914


II. Das Vereinigte Königreich der Niederlande 1815-1830/39


Die Gründungsphase

Das Vereinigte Königreich der Niederlande geht maßgeblich auf den Wiener Kongress zurück, auf dem die Staatsmänner der europäischen Mächte 1814/15 den Kontinent nach der Niederwerfung der napoleonischen Herrschaft politisch neu ordneten. Um ein mögliches Wiedererstarken Frankreichs in Zukunft zu vermeiden, beschloss man hier, die belgischen und die niederländischen Provinzen, die seit dem Niederländischen Aufstand des 16./17. Jahrhunderts voneinander getrennt gewesen waren, zu einem Staat zusammenzufassen: zum Vereinigten Königreich der Niederlande. Mit Wilhelm I. trat ein Fürst aus dem Hause Oranien an die Spitze des neuen Königreiches; ihm wurde in Personalunion auch die Souveränität über das Großherzogtum Luxemburg (das eigentlich zum Deutschen Bund gehörte) übertragen. Nach einer Übergangsphase 1813/14 wurde das Vereinigte Königreich mit den Acht Artikeln von London (21. Juni 1814) offiziell ins Leben gerufen. Durch die Verfassung von 1815 wurde es zu einer konstitutionellen Erbmonarchie.

Wiener Kongress
Gemälde des Wiener Kongress (1814/15) , Quelle: J. B. Isaben
Der Entscheidung zur Gründung des Vereinigten Königreichs war eine historische Periode vorangegangen, die unter dem Einfluss der Französischen Revolution und der napoleonischen Herrschaft eine gewisse Instabilität sowie eine Reihe von rasch aufeinander folgenden Regimewechseln mit sich gebracht hatte. So war es in den belgischen Provinzen 1789/90 zur Brabantischen Revolution gekommen, die mit den Vereinigten Belgischen Staaten zur Gründung einer revolutionären Republik geführt hatte; in den folgenden Jahren rivalisierten Frankreich und das Haus Habsburg um die Macht über die belgischen Provinzen, bis diese schließlich 1794/95 von der französischen Republik annektiert wurden. In den niederländischen Provinzen führte der Weg von der Batavischen Republik (1795) über das Königreich Holland unter Louis Napoleon (1806-1810) zur Annexion von 1813.

Das „Amalgam“

Im Unterschied zu vielen anderen europäischen Ländern fand weder in den belgischen noch in den niederländischen Provinzen eine Volkserhebung gegen die napoleonische Herrschaft statt. War dies möglicherweise ein Hinweis darauf, dass für die Gründung des Vereinigten Königreichs der Niederlande eher die politischen Interessen der auf dem Wiener Kongress versammelten europäischen Mächte und die dynastischen Interessen des Hauses Oranien ausschlaggebend waren als die innere Zustimmung seitens der Bevölkerung? Bezeichnend ist, dass nur wenige Intellektuelle sich darum bemüht haben, bei der Bevölkerung ein großniederländisches Bewusstsein wachzurufen, das die Vereinigung der belgischen und niederländischen Provinzen im Vereinigten Königreich der Niederlande unterstützte. Zu den wenigen Ausnahmen zählen der Schriftsteller Jan Frans Willems und der Historiker Guillaume Groen van Prinsterer.

Gleichwohl war das großniederländische Königreich nicht von vornherein zum Scheitern verurteilt – auch wenn dies die spätere Nationalgeschichtsschreibung sowohl in Belgien als auch in den Niederlanden oftmals so dargestellt hat. Vielmehr hat Wilhelm I. auf verschiedenen Gebieten versucht, aus der Zusammenfügung der beiden Landesteile einen einheitlichen Staat entstehen zu lassen, ein „Amalgam“. Besonders die Wirtschaftspolitik spielte in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle. Dabei ging es der königlichen Regierung darum, die belgische Industrie, die in dieser Zeit einen enormen Aufschwung nahm, mit den traditionellen Handelsverbindungen der Niederlande und ihrer Kolonien zu beiderseitigem Vorteil miteinander zu verbinden. Zur Stimulierung der Wirtschaft wie auch zur Sanierung der Staatsfinanzen setzte er sich für die Gründung von Gesellschaften wie der „Nederlandsche Bank“ (1814), des „Fonds voor Nationale Nijverheid“ (1821), des „Amortisatiesyndicats“ (1822), der „Algemene Maatschappij ter bevordering van de Volksvlijt“ („Société générale“, 1822) und der „Nederlandsche Handelmaatschappij“ (1824) ein. Außerdem engagierte sich der König für eine Verbesserung der Verkehrsinfrastruktur durch die Anlage neuer Straßen und Kanäle sowie durch den Ausbau von Häfen.

Auf dem Wege zur Belgischen Revolution

Doch trotz seiner wirtschaftspolitischen Initiativen und trotz des beginnenden Booms in der belgischen Industrie gelang es Wilhelm I. nicht, die hohe Staatsschuld zu reduzieren, und die Unterschiede, die zwischen der Forderung nach Protektionismus für die junge belgische Industrie und der Forderung nach einer Freihandelspolitik zugunsten des niederländischen Handels bestanden, führten in der Steuerpolitik nicht zu einem allseits befriedigenden Kompromiss. Auch die Herstellung einer weitreichenden staatlichen Einheit stellte sich als nicht unproblematisch heraus. Denn in konfessioneller, kultureller und politischer Hinsicht hatten sich die Niederlande und der belgische Raum seit dem Niederländischen Aufstand stark auseinander entwickelt. Zwar verfolgte die Regierung durch die Gründung bzw. Neugründung der Universitäten in Leiden, Groningen, Utrecht, Löwen, Gent und Lüttich sowie durch die Einrichtung von staatlichen Schulen und Maßnahmen zur Qualifizierung des Lehrpersonals eine für das ganze Reich geltende einheitliche Kulturpolitik. Doch es blieben eine Reihe von Differenzen: Die starke Stellung der reformierten Kirche im nördlichen Landesteil kontrastierte mit der monopolartigen Stellung, die im südlichen Landesteil der Katholizismus besaß; in den französischensprachigen Gebieten des Südens stieß die Förderung der niederländischen Sprache durch die königliche Regierung auf Ablehnung; darüber hinaus kritisierten belgische Liberale, dass die autoritäre Amtsführung, die Wilhelm I. durchgängig an den Tag legte, den Bürgern und dem Parlament in der Praxis kaum politische Mitwirkungsmöglichkeiten ließ.

Ab 1827 manifestierte sich die zunehmende Unzufriedenheit unter belgischen Katholiken und Liberalen in einer Oppositionsbewegung, die in Petitionen und einer Reihe von Publikationen die Gewährung von konstitutionell verbürgten bürgerlichen Rechten wie Pressefreiheit, Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit sowie Religionsfreiheit forderten. Außerdem trat man für die Einführung des Prinzips der Ministerverantwortlichkeit ein und wollte damit eine Stärkung des Parlaments gegenüber der Krone erreichen. Anfangs war weder an eine Revolution noch an eine Aufspaltung des Vereinigten Königreichs gedacht gewesen. Doch nicht zuletzt unter dem Eindruck der französischen Julirevolution überstürzten sich die Ereignisse seit dem Sommer 1830 derart, dass die Belgische Revolution schließlich zur Gründung eines eigenen belgischen Nationalstaates führte: des Königreichs Belgien (1831). Erst nach einer Reihe von ergebnislosen Feldzügen und unter dem politischen und diplomatischen Druck der europäischen Mächte war die niederländische Regierung im Jahr 1839 bereit, den neuen Nachbarstaat offiziell anzuerkennen. Damit war das Ende eines interessanten, doch auch problematischen historischen Experimentes besiegelt.

Autor: Dr. Johannes Koll
Erstellt:
Juni 2007


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