ERInnerungskultur in den Niederlanden


VIII. Erinnerungskulturen im Vergleich. Deutsche und niederländische Rückblicke auf die NS-Zeit und den Zweiten Weltkrieg*

Präsentation Bezetting De Jong
L. de Jong präsentiert sein Buch De Bezetting, Quelle: beeldengeluidwiki.nl/cc-by-sa

Unter dem Titel De Bezetting [Die Besatzungszeit] wurde zwischen 1960 und 1965 im niederländischen Fernsehen eine Serie über die Niederlande im Zweiten Weltkrieg ausgestrahlt. In dieser Serie wurde ein nationales Geschichtsbild präsentiert, das der Historiker Frank van Vree – mit Worten aus der Serie selbst – treffend so zusammengefaßt hat: „De Bezetting ist die Geschichte der Vergewaltigung eines unschuldigen und ahnungslosen Volkes, das aber durch seine geistige Stärke und Unbeugsamkeit, unter der beseelten Führung seiner Monarchin das Böse bekämpft und ungebrochen und gereinigt aus diesem Kampf hervorgeht. Der Preis ist hoch, aber die Gerechtigkeit triumphiert.“ Dieses Bild war zwar keineswegs neu, aber nicht zuletzt deswegen hatte die Serie so eine enorme Wirkung: In Verbindung mit der eindringlichen Präsentation durch den Direktor des Rijksinstituut voor Oorlogsdocumentatie (RIOD), Prof. Dr. Lou de Jong, dem fließenden Übergang von individuellen zu nationalen Identifikationsmomenten und der langen Zeit, über die die Ausstrahlung sich erstreckte – einer Zeit, in der sich außerdem viele Menschen Fernsehgeräte anschafften – lieferte die Serie ein Geschichtsbild, das viele gern bestätigt sahen und das im kollektiven historischen Bewußtsein noch lange dominieren sollte. [1]

Darüber hinaus fügte sich dieses Bild nahtlos in das ,Klein-aber-tapfer-Image‘, das eine lange Tradition im populären Geschichtsbewußtsein hat und in dem sich Entschlossenheit, Überlebensfähigkeit und Tapferkeit der Niederländer bis ins 16. Jahrhundert zurückverfolgen lassen. [2] Hatten die kleinen Niederlande nicht bereits in ihrem Kampf gegen das vermeintlich unbesiegbare Spanien Freiheitsliebe, Widerstandsfähigkeit und Mut gezeigt und sich damit die internationale Anerkennung der Republik erkämpft? Waren das nicht die nationalen Tugenden, die sich auch in den späteren Kämpfen gegen andere Großmächte wie England und Frankreich bewährt hatten und im Zweiten Weltkrieg gegen die deutschen Besatzer erneut die Nation gekennzeichnet hatten? Auch wenn die Niederlande eine Nation vieler Minderheiten und Gegensätze seien, wenn es darauf ankäme, so das historische Selbstbild, halte man zusammen und zeige nicht nur eine enge nationale Zusammengehörigkeit, sondern auch eine hohe moralische Substanz. Das Selbstbild der hohen eigenen Moralität war nicht neu, hatte doch 1939 der niederländische Ministerpräsident de Geer die Niederlande in dieser Tradition als ,einen Leuchtturm in der Finsternis‘ charakterisiert und damit die friedlichen neutralen Niederlande als ein Vorbild für die mächtigen Staaten der Welt dargestellt. [3] Mehrere wichtige Elemente, die in der niederländischen Erinnerungskultur bezüglich des Zweiten Weltkriegs in den Vordergrund traten, waren also bereits im nationalen Geschichtsbild verankert gewesen und hatten durch die Besatzungszeit lediglich einen weiteren, wenn auch einen sehr starken Impuls bekommen.

In der oben zitierten Charakterisierung von van Vree geht es aber nicht nur um dieses positive Nationalbild. Ebenso wichtig ist der Hinweis auf den hohen Preis, der für den Triumph der Gerechtigkeit bezahlt werden mußte. Damit ist das Leiden angesprochen, das die deutsche Besatzung über die Niederlande brachte, sowohl in ihrer unmittelbaren Wirkung wie Tod, Schmerz, Angst, immaterielle und materielle Verluste als auch in ihrer Langzeitwirkung wie unverarbeitete Trauer und psychische Nachfolgeschäden von Verfolgung und Gefangenschaft. Die Schockwirkung der Besatzungszeit war nicht zuletzt auch deswegen so groß, weil viele Niederländer davon ausgegangen waren, daß die Neutralität des Landes, wie im Ersten Weltkrieg, respektiert werden würde. Der Krieg und die Besatzung trafen viele Niederländer – ,unschuldig und ahnungslos‘ – völlig unvorbereitet. Zu erwähnen ist auch, daß es seit der napoleonischen Zeit keine fremden Truppen im Land mehr gegeben hatte und nationale Kriegserfahrungen – abgesehen von militärischen Auseinandersetzungen in den Kolonien – sehr weit zurücklagen.

So sind nicht nur Stichwörter wie Freiheitsliebe, geistige Stärke, Unbeugsamkeit und Mut zentrale Merkmale der niederländischen Erinnerungskultur im Hinblick auf den Zweiten Weltkrieg, sondern auch unschuldiges Leiden, Schmerz und Trauer. Letztendlich triumphierte jedoch die Gerechtigkeit, und damit ist ein dritter Aspekt angesprochen: die Vorbildfunktion des Widerstandes gegen die Besatzungsmacht, die – in Begriffen aus der Kriegszeit selber – ein Kampf von ,Gut‘ gegen ,Böse‘ war. Nach 1945 pflegte die Mehrheit der Bevölkerung die Erinnerung an den Widerstand, identifizierte sich mit den ,guten‘ Niederländern der Kriegsjahre und verschaffte sich den Mythos eines Heldenvolkes, der auch von Teilen nachfolgender Generationen internalisiert wurde. [4] Es sind auch diese Merkmale, die bis vor einigen Jahren bei den jährlichen Gedenkfeiern – der Totenehrung am 4. Mai und der Befreiungsfeier am Tag der deutschen Kapitulation in den Niederlanden (5. Mai) – immer wieder bestätigt wurden. Während der Totenehrung finden bei mehreren hundert Mahnmalen und Gedenkstätten Kranzniederlegungen statt, und um 20.00 Uhr gibt es zwei Schweigeminuten im ganzen Land. Die wichtigste Zeremonie der Totenehrung findet in Amsterdam am nationalen Denkmal auf dem Dam statt, wenn die Königin, die Regierung, die Armee, Widerstandsvertreter und viele andere – direkt ausgestrahlt in den drei öffentlich-rechtlichen Fernsehprogrammen – ihre Kränze niederlegen und mehrere Millionen Niederländer diese Gedenkfeier und Schweigeminuten im Fernsehen miterleben. Wie sehr dieser 4. Mai Teil des niederländischen Selbstverständnisses geworden ist, kann man Umfrageergebnissen entnehmen: Mehr als 90 Prozent der Bevölkerung meinen, diese Zeremonie und diese Schweigeminuten sollen beibehalten bleiben, 70 Prozent der Jüngeren meinen darüber hinaus, daß sie auch dann fortgesetzt werden sollen, wenn der letzte Überlebende der Kriegszeit gestorben ist. Kein Zweifel: Der 4. Mai und das, wofür dieses Datum steht – Leiden, Trauer und Widerstand gegen Unrecht –, sind Teil des niederländischen Selbstverständnisses. Das gleiche gilt für den 5. Mai, den Befreiungstag.

Nach dieser ersten Charakterisierung der niederländischen Erinnerungskultur stellt sich die Frage nach den Vergleichsmöglichkeiten mit der Bundesrepublik, denn die Unterschiede sind auf den ersten Blick sehr groß. Während die Besatzungszeit 1940–1945 für die Niederlande als einer Nation der Opfer der Aggression positiv besetzt werden konnte und zu einer Verstärkung des ,Klein-aber-tapfer‘-Selbstbildes führte, galt für die Nation der Täter, daß sie sich vor allem mit Fragen nach Schuld und Verstrickung konfrontiert sah, die die nationale Identität und das Selbstbild nur schwer belasten konnten. In den Niederlanden haben die Gedenktage vom 4. und 5. Mai die Nation jährlich im positiven Sinne zusammengeführt, in der Bundesrepublik konnte der 8. Mai diese Funktion selbstverständlich nicht erfüllen, war dieses Datum doch mit widersprüchlichen Begriffen wie Zusammenbruch, Kapitulation, Niederlage, Befreiung und für viele auch mit Tod und Vertreibung in der unmittelbaren Nachkriegszeit verbunden. Befanden sich die Niederlande, sei es auch lange Zeit mit Verdrängung der eigenen Kollaboration und Passivität, auf der sicheren, ,guten‘ Seite, betrachtete sich die Bundesrepublik als Rechtsnachfolgerin des Deutschen Reiches, nahm als Staat die Last der Vergangenheit auf sich und mußte in der inter-nationalen Völkergemeinschaft einen langen Weg vom Feind zum Partner zurücklegen. Was leistete die Bundesrepublik an materieller und immaterieller Wiedergutmachung? Welche Lehren zog sie aus der Vergangenheit? Wie wachsam war die junge Demokratie und wie zuverlässig und berechenbar der neue Bundesgenosse? Das waren Fragen, die die Geschichte der Bundesrepublik ständig begleiteten, wobei die Nazizeit, im Gegensatz zur Besatzungszeit in den Niederlanden, nur eine Funktion als Anti-Identität haben konnte. Trotz dieser fundamental unterschiedlichen Aus-gangspositionen gibt es bei näherer Betrachtung auch Ähnlichkeiten zwischen beiden Ländern im Umgang mit dieser traumatischen Zeit, die im nachfolgenden an Hand einer vergleichenden Periodisierung der Erinnerungskulturen zu erläutern sind.


*  Der Beitrag ist erschienen in: Friso Wielenga/ Loek Geeradts: Jahrbuch des Zentrums für Niederlande-Studien (2001), Münster 2002.
[1]  Frank van Vree: In de schaduw van Auschwitz. Herinneringen, beelden, geschiedenis, Groningen 1995, S. 64; für eine ausführliche Analyse dieser Fernsehserie vgl. C. VOS, Televisie en bezetting. Een onderzoek naar de documentaire verbeelding van de Tweede Wereldoorlog in Nederland, Hilversum 1992.
[2] J.C.H. Blom: Leiden als Warnung. Konstanten und Variablen im niederländischen Umgang mit der Besatzungszeit, in: N. Fasse u.a. (Hrsg.): Nationalsozialistische Herrschaft und Besatzungszeit. Historische Erfahrung und Verarbeitung aus niederländischer und deutscher Sicht, Münster 2000, S. 324.
[3] Blom (wie Anm. 2), S. 325.
[4] In diesem Zusammenhang ist aus eigener Erfahrung zu berichten, daß ein Grundschullehrer in den sechziger Jahren seine SchülerInnen fragte, wessen Eltern während der Besatzungszeit Widerstand geleistet hatten: Alle Kinder aus der Klasse hoben die Finger in die Luft.

Autor
: Friso Wielenga
Erstellt: 2002


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Vree, Frank van: In de schaduw van Auschwitz. Herinneringen, beelden, geschiedenis, Groningen 1995.

Blom, J.C.H. : Leiden als Warnung. Konstanten und Variablen im niederländischen Umgang mit der Besatzungszeit, in: N. Fasse u.a. (Hrsg.), Nationalsozialistische Herrschaft und Besatzungszeit. Historische Erfahrung und Verarbeitung aus niederländischer und deutscher Sicht, Münster 2000, S. 324.

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