Erinnerungskultur in den Niederlanden

XXVII. Ein empfindlicher Nerv - Wie wir uns an den Zweiten Weltkrieg erinnern*

Die Art und Weise, in der wir uns an den Zweiten Weltkrieg erinnern, ist geprägt von gegenwartsbezogenen Überlegungen und Prozessen: von Entwicklungen wie der Globalisierung und dem Widerstand dagegen, von der Frage, welche Rolle die kleinen Niederlande in der Welt eigentlich noch spielen und was die Vergangenheit des Zweiten Weltkriegs, die einen so wichtigen Platz in der westlichen Geschichte einnimmt, uns Niederländern noch zu sagen hat. Das vorliegende Buch beschäftigt sich mit diesem Fragenkomplex und soll einen Einblick bieten in die aktuelle niederländische Erinnerungskultur in Bezug auf den Zweiten Weltkrieg.

Diese Erinnerungskultur ist keineswegs unveränderlich und hat eine komplizierte und interessante dynamische Geschichte. Das ist auf den Umstand zurückzuführen, dass Menschen die Vergangenheit – und damit auch ihre Vergangenheit – nun einmal ständig neu interpretieren, je nachdem, wie sie diese in ihrer eigenen Zeit sehen wollen, können oder, durch Umstände oder Gegebenheiten dazu gezwungen, sehen müssen. Die Vergangenheit ist nämlich keine unveränderliche Konstante, und auch kein Ballast, dessen man sich einfach entledigen kann. Sie ändert sich ständig und ist zugleich eine unentbehrliche Stütze des eigenen Wesens, dessen, was man ist. Menschen und Gesellschaften könnten ohne diese Erinnerungen an ihre Vergangenheit nicht existieren. Da sich Menschen zudem entwickeln und sich die Gegebenheiten ändern, unterliegt diese Identität einem ständigen Wandel, individuell und kollektiv, und wird die Vergangenheit immer wieder mit anderen Augen gesehen. Diese Vergangenheit muss ihnen dann wieder als fester Anker dienen und erhält auch eine neue Bedeutung, die dann in irgendeiner Weise zum Ausdruck gebracht wird.

Das heißt nicht, dass man mit dem Verstreichen der Zeit notwendigerweise dem Vergangenem distanzierter oder weniger emotional gegenüber steht. Auch wenn der Zweite Weltkrieg für uns zeitlich in stets größere Ferne rückt, ist diese Vergangenheit noch immer ein heikles Thema – auch für diejenigen, die nach 1945 geboren sind und nichts mit dem Krieg zu tun hatten. In diesem Buch wollen wir zeigen, wo dies herrührt und warum die Periode 1940–1945 für die niederländische Gesellschaft ein empfindlicher Nerv ist.

Eine solche Neuinterpretation der Vergangenheit und eine solche neue Bedeutung entstehen nicht immer abrupt. Meist ist der veränderte Blick auf die Geschichte das Resultat eines fast unmerklichen, unterschwelligen Prozesses. Das vorliegende Buch handelt gleichwohl vom Einfluss eines umwälzenden Ereignisses – eines, das weltweit erlebt wurde: Untersucht wird, welche Auswirkungen 1989 auf die Erinnerungskultur in den Niederlanden gehabt hat. Die Jahreszahl 1989 markiert den Beginn der großen, einflussreichen internationalen Entwicklungen seit dem Fall der Berliner Mauer am 9. November desselben Jahres. Bis dahin war das Nachkriegseuropa geografisch und ideologisch gespalten und die Welt in zwei rivalisierende Machtblöcke geteilt: in den der kommunistischen Welt unter Leitung der Sowjetunion und den des liberal-kapitalistischen demokratischen Westens mit den Vereinigten Staaten als prominentem Wortführer. Ab 1961 trennte eine Mauer die Stadt Berlin in einen östlichen und westlichen Teil und wurde Ostdeutschland von Westdeutschland isoliert. In beiden Blöcken entwickelte sich eine eigene Erinnerungskultur im Bezug auf den Zweiten Weltkrieg, eine eigene Interpretation des Krieges, die der geteilten Nachkriegswelt Sinn und Bedeutung verliehen. Im Westen legte man den Akzent vor allem auf die Lehren, die aus dem Zweiten Weltkrieg zu ziehen waren. Demokratie, Menschenrechte, Antifaschismus: Darum ging es damals in den Jahren 1939–1945, so fand man. Die politischen und kulturellen Veränderungen, die die Auflösung der fast ein halbes Jahrhundert währenden Trennung zwischen Ost und West herbeiführte – von den Deutschen zu Recht als „Wende“ bezeichnet – fanden überall in der Welt ihren Niederschlag. Menschen begannen nach dem Untergang des Kommunismus und dem Ende des Kalten Krieges die Welt mit anderen Augen zu sehen: hoffnungsvoller, vor allem in den ersten Jahren. Neigte sich die Geschichte nun ihrem Ende zu?

Für Historiker war 1989 ein Ansporn, sich erneut mit dem Zweiten Weltkrieg zu befassen, der mit dem Abschluss des Final Settlement with Respect to Germany von 1990 zu einem abgeschlossenen Kapitel in den Geschichtsbüchern erklärt wurde. Aber die Ernüchterung war schon eingetreten: Auf dem Balkan hatten die Menschen seit dem Tod Titos im Jahr 1980, des mächtigen kommunistischen Führers von Jugoslawien, bereits angefangen, die Vergangenheit in Begriffen von Volk und Ethnizität neu zu interpretieren. Das geschah in einer solchen Weise, dass man schließlich im Balkankrieg der Neunzigerjahre sein eigenes Recht und seine eigene Macht mit Waffen verteidigte. Europa war fassungslos von diesem Ausbruch nationalistischer Gewalt auf eigenem Boden, in dem sich so jäh die Wiederkehr der Geschichte manifestierte.

Ernüchterung spiegelt sich auch in der Art und Weise wieder, wie in den Niederlanden seitdem über den Zweiten Weltkrieg gedacht wird. Das war nicht nur eine Angelegenheit, die Berufshistoriker anging, sondern etwas, das sich in der ganzen Gesellschaft vollzog. Dabei beeinflussten die Historiker und die Gesellschaft einander auch gegenseitig. Die Art und Weise, wie man in den Niederlanden mit der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg umging, entwickelte sich ja auch nicht in nationaler Isolation. Sie hing eher in starkem Maße davon ab, wie in anderen westlichen Gesellschaften auf die veränderte politische Konstellation Europas und der Welt nach 1989 reagiert wurde. Dazu kamen noch die Ergebnisse des wissenschaftlichen, historischen Diskurses, der mit dem Näherkommen der magischen Jahreszahl 2000, die ein neues Jahrhundert ankündigte, eine besondere Dringlichkeit erhielt.

Dass der Westen nichts gegen den Mord an den über achttausend muslimisch-bosnischen Männern und Jungen in Srebrenica im Juli 1995 ausrichten konnte, brachte ein neues Element in die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg. Schmerzlich wurde uns nun bewusst, dass es in einem Krieg nicht nur um Täter und Opfer geht, sondern, dass auch Menschen beteiligt sind, die daneben stehen und zusehen: die Zuschauer.

Das vorliegende Buch bietet somit eine Blick auf einen wichtigen Aspekt der breiten historischen Kultur der Niederlande in den letzten drei Jahrzehnten: Die Art und Weise, wie wir uns in Form von Denkmälern oder Aussprüchen, in Filmen oder Fotos, in Kunstwerken oder Manifestationen an die Vergangenheit des Zweiten Weltkriegs erinnern. All diese Äußerungen gegenwärtiger Erinnerung nennen wir Erinnerungsorte. Sie können rein materieller Art sein, wie das nationale Denkmal auf dem Dam in Amsterdam, aber auch eine mehr abstrakte Gestalt annehmen. Ein Beispiel für einen solchen immateriellen Ort ist der Ausspruch „Do ist der Bahnhof“, allseits bekannt durch einen Sketch des Kabarettduos Van Kooten & De Bie. Stolz wird darin erzählt, wie Niederländer damals in großem Umfang Widerstand leisteten, indem sie die deutschen Besatzer, die sich nach dem Weg zum Bahnhof erkundigten, konsequent in die falsche Richtung schickten. Bei diesem ironischen Hinweis in „Steinkohlendeutsch“ auf die kleinen Widerstandstaten, auf die die Niederländer so stolz waren, geht es um etwas grundlegend anderes als bei dem Amsterdamer Mahnmal zum Gedenken an die niederländischen Gefallenen. Beide beziehen sich auf unterschiedliche Aspekte der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg. Solche Erinnerungsorte werden, nach der bedeutenden Studie unter Leitung des französischen Historikers Pierre Nora, auch lieux de mémoire genannt. In dieser Studie aus den 80er Jahren beschäftigt er sich mit Orten, die die französische Nationalgeschichte symbolisieren, wie dem Eiffelturm, der Figur Marianne, der Marseillaise. Die Studie führte damals zu einer Flut von internationalen Publikationen zur Frage, wie die Erinnerung, die in diesen Orten verankert ist, nun eigentlich funktioniert und was der Unterschied zwischen Geschichte und Erinnerung ist. Aber im Gegensatz zu Nora, der die französische Geschichte durch die Erforschung dieser Orte in einer Zeit schneller Veränderungen vor dem Vergessen der eigenen nationalen Vergangenheit bewahren wollte, möchten wir zeigen, wie Menschen immer wieder Erinnerungsorte schaffen und neu erschaffen und weshalb sie dies tun. Wir bieten also keinen Kanon oder eine Vorschrift dessen an, was wir über die Besatzungszeit in den Niederlanden oder Niederländisch-Indien wissen sollten. Uns geht es darum zu zeigen, wie und wie sehr die Vergangenheit, im Besonderen die des Zweiten Weltkriegs, auch heute noch ein Bestandteil unserer Geschichte, unserer Kultur und unseres Lebens ist und was das über die heutige Gesellschaft aussagt.

Der Kalte Krieg

In der ersten Phase des nach 1945 entbrannten Streits zwischen Ost und West, des Kalten Krieges zwischen der Sowjetunion und dem Westen, leckte die durch den Krieg moralisch und materiell zerrüttete Welt ihre Wunden. Die Länder arbeiteten mit großem Einsatz an ihrem Wiederaufbau, nicht zuletzt in dem Bestreben, die jüngste Vergangenheit hinter sich zu lassen. Alle verfügbaren Kräfte wurden aufgeboten, um die moralischen, politischen und sozialökonomischen Folgen des Krieges zu beseitigen. Der Nationalstaat, der so stark bedroht gewesen war, musste wieder instand gesetzt werden. In Westeuropa wurde als Rezept gegen einen neuen Krieg in Westeuropa der europäische Integrationsprozess in Gang gesetzt. Auf nationaler Ebene galt es, die verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen, die ihre jeweils eigenen Erfahrungen in den Kriegsjahren gemacht hatten, zu einer neuen homogenen Einheitsnation zusammenzuschmieden. Jede Form von Uneinigkeit in diesen prekären wirtschaftlichen, sozialen und politischen Nachkriegsgesellschaften war verpönt. Der Krieg, so dachte man damals, war eine von allen geteilte Erfahrung, unter der alle gelitten hatten. Die positive Botschaft, die sich die Menschen für die Zukunft vorhielten, war: „Das darf nie wieder geschehen.“

Diese Sicht auf den Krieg als ein national getragenes Schicksal, die auch in den Niederlanden starken Anklang fand, kollidierte natürlich mit anderen Kriegserinnerungen von Gruppen, die mit einem ganz anderen Einsatz in den Krieg gegangen waren und ein ganz anderes Schicksal erlitten hatten. Die vorherrschende nationalisierte Erinnerung an den Krieg erhielt in Medien, Filmen, Büchern sowie in der Literatur und im Unterricht Gestalt. Wer damit nicht einverstanden war, bezahlte den hohen Preis des gesellschaftlichen Ausschlusses. Kommunisten wandten sich gegen die entideologisierte Nationalisierung der Kriegsgeschichte: Ihr Anteil am organisierten Widerstand und ihre Lagererfahrung wurden außerhalb ihres kleinen Kreises verdrängt. Mitglieder der niederländischen nationalsozialistischen Partei (NSB) und Kollaborateure bezahlten einen nicht weniger hohen Preis: Nur unter der Bedingung, dass sie über ihre Vergangenheit schwiegen, konnten sie auf Dauer wieder am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Kinder von niederländischen Frauen und deutschen oder japanischen Soldaten sprachen nicht über ihren Hintergrund. Den wenigen Juden, die den Holocaust überlebt hatten, blieb aus seelischer Selbsterhaltung nichts anderes, als bei der Rückkehr in die Niederlande ihre grausamen Erinnerungen der nationalen Einheitserinnerung der niederländischen Nachkriegsgesellschaft zu opfern.

Homogenität und Integration, nationale Einheit und Zusammenhörigkeitsgefühl waren auch deshalb geboten, da Westeuropa seit 1945 von einem neuen Feind bedroht wurde: dem Kommunismus. Der externe Feind, dem man während des ungarischen Aufstands im Oktober 1956 zu Leibe rückte, indem man das Gebäude der niederländischen kommunistischen Partei  (Felix Meritis )an der Keizersgracht stürmte, verstärkte das Wir-Gefühl der Niederländer und färbte die Kriegserinnerung.

Ende der 50er Jahre geriet diese dominante nationale Erinnerung an Krieg und Besatzung unter Druck. Eine neue Generation von Führungspersönlichkeiten kündigte sich an. Die weltpolitische Konstellation änderte sich etwas. Die Amerikaner steuerten nun eine Entspannungspolitik gegenüber der Sowjetunion an. Das Feindbild wurde schwächer.

Darüber hinaus wurde damals im Westen die Staatsgewalt von einer neuen Generation in allen möglichen Bereichen in Frage gestellt. Die sexuelle Moral, die Religion, die gesellschaftlichen Gruppierungen, das Königshaus, das Bündnis mit den Amerikanern – alles wurde von kritischen Jugendlichen in Frage gestellt. In den Niederlanden geriet die geordnete „versäulte“ Gesellschaft gehörig unter Druck. Die junge Nachkriegsgeneration wollte nicht mehr länger um der Erhaltung des gesellschaftlichen Friedens willens gehorsam sein, sondern suchte gerade nach den Trennungslinien und stellte schmerzliche Fragen über die Vergangenheit, die ja auch die ihre war. Vor allem die Kriegserinnerungen musste es nun büßen. Die disziplinierende Geschichte vom niederländischen Volk, das sich einträchtig gegen die Besatzer erhoben hatte, verlor rasch an Glaubwürdigkeit.

Man begann die mythischen Elemente in dieser nationalen Kriegsgeschichte vom einträchtigen Heldenvolk zu sehen. Jetzt fand die Geschichte der verschiedenen Opfergruppen Gehör, all jener, die bislang versucht hatten, sich in der nationalen Erinnerungsgeschichte des Krieges zu behaupten, aber sich damit immer weniger identifizieren konnten. Unterstützt von der evokativen und beeindruckenden Geschichtsschreibung von Jacob Presser, waren die niederländischen Juden die ersten, die Anerkennung für ihre besondere Kriegserinnerung und das ihnen zugefügte Leid einforderten. In ihrem Kielwasser folgten die Sinti und Roma – auch diese von den Deutschen verfolgte und vernichtete Minderheitengruppe erfuhr Unterstützung von einem Historiker: Ben Sijes. Zu ihnen gesellten sich in den 70er Jahren noch andere Gruppen, wie die indischen Niederländer, die sich – nach dem Krieg in die Niederlande zurückgekehrt – gezwungen sahen, ihre äußerst unterschiedlichen Kriegserinnerungen zu vergessen, um ihre Integration in die niederländische Gesellschaft nicht zu gefährden.

Es stellt sich die Frage, welche moralische Botschaft bei all dieser Pluralität noch mit der Erinnerung an den Krieg verbunden werden konnte. War die Botschaft bis in die 70er Jahre das von den Überlebenden verkündete „Das darf nie wieder geschehen“, so bekam diese allmählich – mit dem Aufkommen und dem Einbringen einer neuen Generation – eine allgemeinere Bedeutung. Die Geschichte des Krieges wurde in ein breites, von der Regierung unterstütztes Erziehungsprogramm zur Anerkennung von Menschen- und Freiheitsrechten eingebettet. Das sprach die kritischen Jugendlichen, die in der Welt nur das Gegenteil des „Das darf nie wieder geschehen“ sahen, besonders an, ebenso wie die jugendgerechte Art und Weise, in der diese Botschaft seit dem Ende der 80er Jahre auf den sogenannten Befreiungsfestivals musikalisch verkündet wurde. Für die vom Krieg gezeichneten Gruppen hatte dies jedoch nichts mit ihren Kriegserfahrungen zu tun. Sie sahen sich zunehmend als Opfergruppe, die irgendeine Form der Wiedergutmachung, der Anerkennung forderte, materiell oder immateriell.

Trotz dieser Retuschierungen dominierte in der zweiten Phase des Kalten Krieges, von den 60er Jahren bis zum Fall der Mauer, die nationale Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg, wie sie in den offiziellen nationalen Gedenkfeiern zum Ausdruck kam. Die Erinnerung an den Krieg schien allmählich einzufrieren. Der Kalte Krieg bestimmte den Gang der Geschichtsschreibung. 1985 wurde mit großem Aufwand der vierzigste Jahrestag des Kriegsendes gefeiert. Überregional, regional und lokal hatten die 4. und 5. Mai-Ausschüsse ihr Bestes gegeben. Drei Jahre später erschien der letzte Band des monumentalen Geschichtswerks Het Koninkrijk der Nederlanden in de Tweede Wereldoorlog („Das Königreich der Niederlande im Zweiten Weltkrieg“) von L. de Jong, Historiker und Direktor des Niederländischen Instituts für Kriegsdokumentation (Nederlands Instituut voor Oorlogsdocumentatie, NIOD, damals noch ‚Rijksinstituut’). Noch ein Jahr später, am 9. November 1989, erstürmten die Ostberliner Bürger erfolgreich die verhasste Mauer.

Der Fall der Berliner Mauer und die Zeit danach

Nach 1989 löste sich die Geschichte aus ihrer Erstarrung. In Westeuropa führte dies zu einer Rückbesinnung auf die Vergangenheit und zu einer Revision, ja zu einer Entmythologisierung der eigenen Geschichte des Zweiten Weltkriegs. Nun, da der Kampf gegen den Kommunismus als bindende Kraft der westlichen Gesellschaft verschwunden war, konnte die Vergangenheit mit anderen Augen betrachtet werden. Diese wurde nicht mehr wie früher strikt in Termini von Demokratie und Diktatur, oder in Bezug auf den Krieg in Kategorien von goed (gut) und fout (schlecht) interpretiert. Man sprach nicht mehr über diese Kriegsvergangenheit in Begriffen von Opfern oder Widerstand und Heldentum. Der Krieg wurde nicht mehr ausschließlich als heroischer nationaler Kampf gegen das ultimativ Böse – zunächst gegen das Unheil des Nazismus und später gegen den Kommunismus – gedeutet. Historiker plädierten dafür, das simplifizierende Muster zu durchbrechen und die Kriegsgesellschaft in all ihren Facetten zu untersuchen. Vergleiche der eigenen Kriegsgeschichte mit anderen von den Deutschen besetzten Nationen und die Einbettung der eigenen Geschichte in einen großen europäischen Zusammenhang wurden von Historikern als mögliche Alternativen zu den jetzt als überholt empfundenen Vorstellungen der eigenen Kriegsgeschichte empfohlen.

Die Regierungen erkannten, da sich die Anzahl der letzten Überlebenden des Zweiten Weltkriegs nun schnell verringerte, dass es höchste Zeit wurde, abschließende Lösungen zu finden. In rascher Folge traf die Regierung für die verschiedenen Opfergruppen Maßnahmen – eine Geste der Anerkennung des besonderen Schicksals, das diesen Gruppen im Krieg widerfahren war. Eine solche Geste bestand nicht nur aus einer finanziellen Entschädigung, sie wurde auch von historischen Studien zum Schicksal dieser Gruppen begleitet. Historiker begannen sich intensiv mit Themen zu beschäftigen, die bislang tabu gewesen waren oder einfach nicht als wichtig genug erachtet wurden. So erschienen profunde Studien über die finanzielle Abwicklung der von den diversen Gruppen erlittenen Schäden. Auch die Frage nach der Art und Weise, wie die Niederlande mit den aus der Gefangenschaft und den Konzentrationslagern zurückgekehrten Menschen umgegangen waren, wurde nun gestellt: Wie war es möglich, dass diese Männer und Frauen einen kühlen Empfang in den befreiten Niederlanden erlebten und dadurch desillusioniert, wenn nicht gar traumatisiert wurden? Nach der Jahrhundertwende wurde auch die Studie über die als fout betrachteten Niederländer, jene die im Krieg auf der Seite des Feindes standen, in Gang gesetzt. Nun konnte über das Verhältnis von niederländischen Frauen mit deutschen Soldaten gesprochen werden, das diese Frauen nach dem Krieg in vielen Fällen mit dem Kahlscheren ihres Kopfs und dem Beschmieren mit Pech bezahlen mussten. Auch das Schicksal der Kinder von NSB-Mitgliedern und anderen Kollaborateuren wurde Gegenstand einer Forschungsstudie. Die zeitweise heftigen Diskussionen in der Gesellschaft über die Ergebnisse dieser Arbeit zeigten einmal mehr, wie prekär die Erinnerung an den Krieg noch war und ist. Die Erinnerungskultur des Zweiten Weltkriegs war schon immer nicht nur ein gesellschaftliches und politisches Produkt, sondern auch das Resultat einer Interaktion zwischen Gesellschaft und Historikern, im wechselseitigen nationalen und internationalen Diskurs.

Der Fall der Mauer im Jahr 1989 markierte das Ende der bestehenden Ordnung und damit das Ende des vorherrschenden Denkens über die Bedeutung des Zweiten Weltkriegs. Die Reflexion über den Zweiten Weltkrieg konnte nicht losgelöst von der Art und Weise, wie wir über Europa und die Welt denken, betrachtet werden. War der Zweite Weltkrieg nicht ein Weltkrieg, der die nationalen Erfahrungen und Vorstellungen von Gewalt und Unterdrückung weit übertraf?

Bald kündigte sich in der Kriegserinnerung ein neues ordnendes Prinzip an. Durch das Verschwinden der ideologischen Gegensätze zwischen Ost und West, bekam Europa eine größere Bedeutung. Man könnte sogar sagen, dass sich eine Europäisierung der Erinnerung und des historischen Bewusstseins vollzog. An die Stelle der eigenen Nation als Grundlage einer nationalen Identität trat nun das transnationale Europa. Die Unterzeichnung des Vertrags von Maastricht im Jahr 1992 schien dafür eine stabile langfristige Grundlage zu bilden. Die dazu neu gebildete Europäische Union (die an die Stelle der 1957 gegründeten Europäischen Gemeinschaft trat) wollte nun ihrer Rolle in der Welt Inhalt verleihen. Das bedeutete, dass eine neue moralische Agenda geführt werden musste. Die Europäische Union übernahm im Besonderen die Rolle des Friedenswahrers.

Europa sah sich zudem mit dem Problem der Integration konfrontiert, nicht nur der von möglichen europäischen Mitgliedsstaaten, sondern auch der Integration des europäischen Kontinents innerhalb des Weltganzen. Ende der 90er Jahre setzte in Europa eine Entwicklung von zunehmenden weltweiten Beziehungen und Abhängigkeiten von vormals separaten Staaten und Kontinenten ein. Die Globalisierung wurde als eine weltweite radikale liberale Umstrukturierung der Gesellschaften aufgefasst. Doch nicht nur das: Die Globalisierung schien auch die traditionelle sozialökonomische und kulturelle Ordnung grundlegend zu verändern.

Die betroffenen Gesellschaften sahen sich gezwungen, erneut darüber nachzudenken, wie man eigentlich in der Welt stand und stehen wollte. Überall wurde über das Wie und Was der Vergangenheit diskutiert und darüber, wie die Gegenwart und Zukunft der eigenen Nation in einer globalisierten Welt und in einem integrierten Europa zu gestalten sind. In diesem Kielwasser regten Historiker und Politiker zunächst eine gemeinsame europäische Erinnerung an. Es wurden Pläne für europäische Museen erstellt und Studien über europäische Erinnerungsorte nach dem Motto „Von Plato bis zur NATO“ durchgeführt.

Dieses Europa sollte ein Europa sein, in dem so etwas wie ein Holocaust niemals mehr möglich ist. Es wurden Schritte unternommen, um die Deportation und Vernichtung der Juden im Zweiten Weltkrieg zum Erinnerungsort schlechthin zu erheben. 2001 wurde auf der Stockholmer Konferenz der jährliche Internationale Holocaustgedenktag (Holocaust Rembrance Day) am 27. Januar ins Leben gerufen und es wurden Schritte eingeleitet, um dieses schwarze Kapitel der europäischen Geschichte vorrangig und als spezielles Forschungsgebiet zu behandeln. Permanente Aufklärung sollte dafür sorgen, dass die systematische Verfolgung und Vernichtung von Juden, Sinti und Roma, geistig und körperlich Behinderten und anderen von den Nazis als minderwertig betrachteten Gruppen in Erinnerung blieb und zukünftigen Generationen als Mahnung dienen konnte. Es wurde eine breite gesellschaftliche und politische Lobby in Gang gesetzt, um eine weltweite Ablehnung des Holocaust zu erreichen. Untersuchung über den Holocaust und Genozid sollten fest in Forschungseinrichtungen verankert werden, die durch Forschung, Unterricht und gesellschaftliche Aktivitäten die Gefahr von Rassenwahn und Diskriminierung, und Holocaustleugnung entgegenwirken sollten. So hoffte man, eine Grundlage für neue Werte in einer zunehmend aufeinander bezogenen Welt zu schaffen.

Die seit 1989 einsetzende Entmythologisierung und Europäisierung der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg führte insgesamt zu einer inklusiveren, aber auch komplexeren nationalen Erinnerungskultur. Daneben musste und muss die Universalisierung der Holocaust-Erinnerungen in zunehmendem Maße mit den nach 1989 entstandenen nationalen Erinnerungskonstellationen und Erinnerungskonflikten in Einklang gebracht werden. Nicht all diese Formen der Globalisierung wurden nämlich einhellig von allen begrüßt. Drohte nicht das sorgfältig gehegte, spezifisch Unverwechselbare der Identität des eigenen Landes und der eigenen Nation in einer vom amerikanischen Empire geleiteten weltweiten wirtschaftlichen und kulturellen Integration verloren zu gehen?

9/11

Kurz nach der mit großem Selbstvertrauen und kaum verhülltem Siegesgefühl begangenen 21. Jahrhundertwende brach eine Phase zunehmender politischer, wirtschaftlicher und kultureller Unsicherheit an. Die zentralen Werte, die aus der gemeinsamen Geschichte und Erinnerung hervorgegangen waren, schienen erodiert zu sein. Die europäische Union hatte in den zurückliegenden Jahren gezeigt, dass sie der Gewalt im Balkan nicht gewachsen war; auch dem Völkermord in Ruanda und der Armut und den Kriegen auf dem afrikanischen Kontinent im Allgemeinen stand man machtlos gegenüber. Die Gesellschaften im Westen wurden in zunehmendem Maße durch die Immigration nichtwestlich orientierter Newcomer mit sich selbst konfrontiert. Nachdem man in den 90er Jahren die Augen vor der sich rigoros verändernden politischen, sozialökonomischen und religiösen Zusammenstellung Europas (und damit der eigenen Nation) verschlossen hatte, stand man den Folgen hilflos gegenüber. 9/11 war ein jähes Erwachen aus der Illusion einer von universalen Werten geleiteten neuen Welt. Den Niederlanden und Europa wurde auf einen Schlag bewusst, dass der Anschlag auf die Twin Towers in New York eine Neuorientierung erforderlich machte. Sicherheit und Schutz der eigenen Kultur erhielten nun höchste Priorität. Die wirtschaftliche Krise, die sich danach anbahnte, verstärkte den Ruf nach Besinnung auf die eigene Identität.

In der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg ließ sich seit der zweiten Hälfte der 90er Jahre neben einer stärker auf universelle oder europäische Werte gerichteten Orientierung also auch ein stärkeres Interesse an der eigenen Region, Ort oder Gruppe feststellen. Die offiziellen nationalen Gedenkfeiern verloren ihr Monopol: Es lassen sich gegenwärtig zahllose andere Orte nennen, an denen sich die Erinnerung an den Zweiten Weltkriegs verhaftet hat.

Die letzte Entwicklung muss jedoch nicht unbedingt als ein Gegenstück zum nationalen Gedenken oder nationalen Bewusstsein aufgefasst werden, sondern ist eher als eine notwendige Ergänzung zu betrachten. Das Lokale steht häufig für alles, was dauerhaft, solide und tief verwurzelt ist. Es bietet darum eine gute Basis für das Bedürfnis nach Sicherheit und befriedigt gleichzeitig das Verlangen, einem größeren Ganzen, einer lokalen oder regionalen kulturellen oder politischen Gemeinschaft anzugehören. War in den 90er Jahren die Staats- und Europabürgerschaft die bindende Kraft, so suchen Menschen nun vor allem Identität. Und diese wird ihnen heute nicht mehr auferlegt, sondern ist zu etwas geworden, das man selbst wählen kann, über das man dauernd nachzudenken und mit dem man sich ständig zu beschäftigen hat. Die Schaffung von lokalen Erinnerungsorten an den Krieg ist als ein Symptom für eine solche nationale Identitätsbildung zu betrachten, für das Bedürfnis, das Eigene in Gemeinschaft mit anderen zu profilieren.

Indem man die Erinnerung an den Krieg auf lokaler Ebene zum Ausdruck brachte, konnte man nicht nur die seit 1989 zugenommene Komplexität und Diversität der Erinnerung an den Krieg, sondern auch gegenwärtige Werte hervorheben. Die Art und Weise, wie und der Grund, warum Menschen auf lokaler und regionaler Ebene Orte der Erinnerung an den Krieg schaffen und instand halten, zeigt deutlich, dass das Lokale ein ausgezeichnetes Forum für politische und kulturelle Aktivitäten sein kann. Anders als bei den straff organisierten nationalen Gedenkfeiern für die niederländische Bevölkerung bildet die anhaltende Schaffung von lokalen Erinnerungsorten ein Forum für die lokale Gesellschaft, in der man moderne Bürgerschaft in der Praxis testen, erneuern und zugänglich machen kann. Diese lokale Erinnerungskultur des Zweiten Weltkriegs zentriert sich um die verschiedenen Hauptgruppen von Überlebenden, Familien von Überlebenden, Hütern des nationalen Erbes und Organisatoren von Gedenkfeiern und Gedenkreisen. Sie testen in der Praxis in einer lokal realisierbaren Weise die großen kulturellen und politischen Veränderungen, die um die Jahrhundertwende in Gang gesetzt wurden. In diesem Buch sind zahlreiche Beispiele für solche lokalen und kollektiven Initiativen zur Schaffung von Erinnerungsorten zu finden.

Echtheit und Mehrdeutigkeit

Außer der enormen Zunahme solcher bewusst geschaffenen nichtnationalen Erinnerungsorte in den letzten zehn, fünfzehn Jahren war noch eine weitere Entwicklung zu beobachten, wie lokal die Erinnerung an den Krieg Gestalt annahm und zum Ausdruck kam. Immer stärker schienen die Überlebenden, aber auch die Hinterbliebenen der Kriegsopfer das Bedürfnis zu haben, ihre – sich ständig ändernde – Erinnerung wach zu rufen und buchstäblich greifbar zu machen. Das tat man anfangs, indem man wie Pilger die „schuldigen“ Orte der Vergangenheit besuchte oder indem man diese Orte so weit wie möglich rekonstruierte. Schon in den 80er Jahren kam der Tourismus von Überlebenden und ihren Kindern in Gang: zur Birma-Bahnlinie, zu den ehemaligen Lagern in Deutschland und Polen, zu den damaligen Kriegsschauplätzen wie der Normandie oder Arnheim. Gegenwärtig gehören diese und zahlreiche andere Orte zum normalen touristischen Parcours.

All diese Erinnerungsorte sind seitdem einer ständigen Umstrukturierung und Neueinrichtung unterworfen. Reichte anfangs noch eine kleine Ausstellung mit ein paar authentischen Überresten, übertrumpfen die Erinnerungsexperten einander jetzt mit dem Anbieten von immer „echteren“ Darstellungen der damaligen Orte des Unheils. Wer den Krieg selbst nicht erlebt hat, erhält so ein authentischeres Bild des im Krieg erfahrenen Leids als durch ein Mahnmal oder eine Gedenkfeier, so der zugrundeliegende Gedanke. Baute man beispielsweise anfangs im ehemaligen KZ Herzogenbusch (Kamp Vught) eine Baracke nach, so muss das ursprüngliche, durch den Zahn der Zeit stark in Mitleidenschaft geratene Gebäude jetzt restauriert werden. Als vor einigen Jahren der Kastanienbaum von Anne Frank gefällt werden sollte, konnte man im Internet dessen Kastanien als greifbare Erinnerung an das jüdische Mädchen kaufen, das jahrelang aus ihrem Versteck im Hinterhaus auf diesen Baum geblickt hatte. Das Verlangen nach der authentischen Erfahrung des Krieges ist groß.

Die Jagd nach Authentizität kann aber selbst auch wieder andere Erinnerungen unterdrücken. Für die südmolukkische Gemeinschaft des Wohnviertels Lunetten in Vught hat die verfallene Baracke, in der sie nach dem Krieg von der Regierung untergebracht worden waren, eine nicht weniger wichtige Bedeutung als jene, die die Erinnerungsexperten des Durchgangslagers Vught beanspruchen. Es gibt folglich Erinnerungsorte, die mehrere und unterschiedliche Erinnerungen wach rufen, die alle anerkannt werden wollen. Das materielle Erbe des Krieges ist, genau wie die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg, umkämpft.

Erinnerungsorte

In diesem Buch werden mehr als vierzig Erinnerungsorte behandelt. Sie zeigen uns, wie dort in den letzten drei Jahrzehnten in unterschiedlicher Weise die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg, materiell oder immateriell, konkret oder abstrakt, zum Ausdruck gebracht wurde. In Fotos oder Filmen (De Overval), in Äußerungen („Gib mir mein Fahrrad zurück“), in Mahnmalen (das Dachau-Denkmal im Amsterdamse Bos) oder in der Kunst (Armando). Aus allen Beiträgen geht hervor, wie sehr diese Erinnerung eine von Menschen geschaffene Erinnerung ist, die von einer Gruppe oder bedeutenden Persönlichkeit (wie dem Überlebenden Jules Schelvis im Fall Sobibór) aus einem gemeinsamen Bedürfnis nach Erinnerung und Aufklärung in Gang gesetzt wurde. Das Amsterdamer Kinderdenkmal ist dafür ein deutliches Beispiel.

Die behandelten Erinnerungsorte sind nicht alle neu. Alte Erinnerungsorte können in Reaktion auf die Art und Weise, wie diese andernorts gestaltet sind, eine dynamische Entwicklung durchlaufen, wodurch sie up-to-date bleiben. Einige Erinnerungsorte sind über ihre anfängliche Funktion der Erinnerung und Aufklärung hinausgewachsen: Es sind Museen, manchmal sogar fast Themenparks geworden, die auch Etatbelange gut im Auge behalten müssen, wie es das Erinnerungsmanagement des Lagers Westerbork verdeutlicht. Daneben gibt es Orte, die nach einiger Zeit durch eine andere als die ursprüngliche Erinnerungsgruppe genutzt werden, wie es beispielsweise beim Denkmal des jüdischen Widerstands in Amsterdam der Fall ist. Und es gibt Erinnerungsorte, die allmählich in Vergessenheit geraten und den Menschen wenig oder nichts mehr sagen. Schließlich gibt es die Erinnerung an den Holocaust, die nach der Jahrhundertwende weltweit institutionalisiert wurde und der Menschheit als Kontrapunkt der humanen Zivilisation vorgehalten wird.

Häufig sind Erinnerungsorte Gegenstand von Konflikten und provozieren Polemiken. Da die Vergangenheit von Krieg und Besatzung ein empfindliches Thema ist, sind sie die Orte schlechthin, um Unmut zu äußern und die Gesellschaft an ihrem schwächsten Punkt zu treffen. Auch davon sind in diesem Buch Beispiele zu finden. Darunter ein Vorfall Anfang der 60er Jahre, als Amsterdamer Jugendliche auf ihrer Suche nach Identität während der Totenehrung am Abend des 4. Mai die zwei Schweigeminuten zum Gedenken an die Opfer des Krieges mit dem Dröhnen ihrer Motorräder durchbrachen. So kann auch heute noch Vandalismus an Kriegsmahnmalen eine extreme Äußerung des Verlangens sein, andere schmerzlich zu treffen und zeugen die auf Demonstrationen gerufenen Parolen von einer breiten gesellschaftlichen und politischen Unzufriedenheit. Die Erinnerungskultur des Holocaust ist die am meisten ins Auge springende transnational dominante Erinnerung geworden – und darum auch am heftigsten und schmerzlichsten umkämpft.

Solche Proteste haben in der jüngsten Vergangenheit die öffentlichen Behörden – vor allem in Amsterdam – dazu veranlasst, Aufklärungsprojekte zu entwickeln, Studien zur Vergangenheit verschiedener Newcomer-Gruppen im Zweiten Weltkrieg anzuregen und Reisen zu schuldbeladenen Orten der westlichen Gesellschaft, wie Auschwitz, zu organisieren. Solche Initiativen sind von dem Gedanken geleitet, dass Kenntnis der geteilten Vergangenheit zur Kenntnis und zur Respektierung der geltenden westlichen Werte führt.

Typisch niederländisch?

Auch wenn die nationalen Erinnerungsorte der Kriegs- und Besatzungszeit ausschließlich auf die niederländische Erfahrung in der Periode 1940–1945 zu verweisen scheinen, so hat die allgemeine Erinnerungskultur, in die diese eingebettet sind, in den letzten drei Jahrzehnten doch unverkennbar einen transnationalen Charakter erhalten. Opfergruppen statten einander Besuche ab; Orte, die an internationales gemeinsames Leid erinnern, stehen miteinander in Kontakt. Erinnerungsexperten tauschen auf internationalen Konferenzen und Kongressen ihre Erfahrungen und Meinungen aus. Relevante Websites finden international breiten Zulauf.

Die Tendenz zum Lokalen und Regionalen als Ergänzung zur nationalen Erinnerung hat sich auch jenseits der niederländischen Grenze entwickelt. Auch andernorts wird der Kampf um die Erinnerung fortgesetzt. Auch dort erkämpfen sich neue gesellschaftliche Gruppen einen Platz in der bestehenden Erinnerungskultur und forcieren notfalls Zugang zu dem, was lange Zeit als die eigene unantastbare nationale Erinnerung und das eigene nationale Erbe des Krieges galt.

Unterschiede zwischen der niederländischen Erinnerungskultur an den Krieg und der anderer Länder gibt es allerdings auch. Die niederländisch-indische Erinnerung an den Krieg unterscheidet sich stark von den Kriegserinnerungen anderer ehemals kolonisierter Gruppen in Frankreich, England oder Belgien. Dies ist vor allem durch den besonderen Umstand begründet, dass die von den japanischen Besatzern in Lagern Internierten unmittelbar nach ihrer lang ersehnten Befreiung anti-niederländischen, nationalistischen Angriffen ausgesetzt waren. In großer Zahl sahen sie sich nach der Übertragung der Souveränität im Dezember 1949 schließlich gezwungen, das Land, das ihre Heimat war, zu verlassen. Ihre Kriegserfahrung deckte sich in keiner Weise mit der der Niederländer, zumal die indonesische Erinnerung an sich schon sehr pluralistisch ist. Als man schließlich Gelegenheit zum Erinnern fand, machte dies die Schaffung einer eigenen homogenen Erinnerungskultur praktisch unmöglich. Am stärksten unterscheidet sich die niederländische Erinnerung von der der umliegenden Länder aber durch die Tatsache, dass die Niederlande nicht am Ersten Weltkrieg teilgenommen hatten. Wo andernorts dieser und der Zweite Weltkrieg in der Erinnerungs- und Gedenkkultur zunehmend zusammenfallen oder der Zweite Weltkrieg mit dem zuvor geführten Krieg in eine Reihe gestellt wird, bleibt für die Niederländer die Besatzungszeit die dominierende Kriegserfahrung des vergangenen zwanzigsten Jahrhunderts. Das ist auch die Ursache dafür, dass im Vergleich mit anderen Ländern die Kriegsgedenkstätten einen solch bescheidenen Platz in der niederländischen Erinnerung einnehmen. Die Niederlande haben, was den europäischen Krieg betrifft, wenig Erfahrung mit dem Errichten von Kriegsdenkmälern.

Sogar die typisch niederländischen Elemente in der Erinnerungskultur rund um den Krieg scheinen sich heute nicht mehr dem Einfluss der transnationalen Erinnerung entziehen zu können. Form und Inhalt sind Angelegenheiten, die in zunehmendem Maße professionellen Erinnerungsexperten übertragen werden, die sich in internationalen Kreisen bewegen. Sowohl in ästhetischer als auch in inhaltlicher und organisatorischer Hinsicht könnte dies in Zukunft paradoxerweise zur Verarmung und zum Verlust der Ursprünglichkeit der niederländischen lieux de mémoire führen.

Konzept des Buches

Das vorliegende Buch bietet eine Auswahl an Erinnerungsorten an den Zweiten Weltkrieg, die die Entwicklung der niederländischen Erinnerungskultur seit 1989 veranschaulichen. Viele dieser Orte waren in den letzten Jahren in den Medien und der Geschichtsschreibung mehr oder weniger stark Gegenstand von Diskussionen gewesen. Unter den Verfassern der Beiträge finden sich zahlreiche Historiker, die sich in der Vergangenheit mit denen von ihnen beschriebenen Erinnerungsorten beschäftigt haben. Es sind aber auch Beiträge von Nicht-Historikern aufgenommen, und von einigen, die durch ihre Arbeit der Erinnerung an den Krieg im Alleingang ein neues Gesicht gegeben haben (Aad Wagenaar mit seiner Untersuchung über das unbekannte jüdische Mädchen). Die Auswahl der Erinnerungsorte beschränkt sich nicht nur auf die Niederlande. Viel Aufmerksamkeit wird natürlich auch der Erinnerung an die japanische Besatzung von Niederländisch-Indien gewidmet. Auch die Kriegserinnerung der Surinamer wird zur Sprache gebracht ebenso wie die an der englischen Küste errichteten Denkmäler für die sogenannten Engelandvaarder.

Die Erinnerungsorte, die in diesem Buch behandelt werden, werden dem Leser in alphabetischer Reihenfolge dargeboten. Jeder Beitrag skizziert zunächst ein Bild des heutigen Erinnerungsortes, zeigt dann in knapper Form dessen Geschichte bis 1989 auf. Danach folgen die Entwicklungen nach 1989 und eine kurze Wertung der aktuellen Bedeutung des Ortes. Zu jedem Beitrag gibt es eine Bibliografie mit den wichtigsten aktuellen Publikationen zum Thema.


* Bei dem Text handelt es sich um die deutsche Übersetzung der Einleitung des Buchs: Keizer, Madelon de/Plomp, Marije (Hrsg.): Een open zenuw. Hoe wij ons de Tweede Wereldoorlog herinneren, Amsterdam 2010.

Autorin: Madelon de Keizer
Erstellt:
Mai 2010


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Keizer, Madelon de/ Plomp, Marije (Hrsg.): Een open zenuw. Hoe wij ons de Tweede Wereldoorlog herinneren, Amsterdam 2010.

Levy, Daniel und Natan Sznaider: Erinnerung im globalen Zeitalter. Der Holocaust, Frankfurt am Main 2001.

Ribbens, Kees, Joep Schenk und Martin Eickhoff: Oorlog op vijf continenten. Nieuwe Nederlanders en de geschiedenissen van de Tweede Wereldoorlog, Amsterdam 2008.

Vree, Frank van/ Laarse, Rob van der: De dynamiek van de herinnering. Nederland en de Tweede Wereldoorlog in een internationale context, Amsterdam 2009.

Welzer, Harald: Der Krieg der Erinnerung. Holocaust, Kollaboration und Widerstand im europäischen Gedächtnis, Frankfurt am Main 2007.

Winter, Jay/Sivan, Emmanuel: War and Remembrance in the Twentieth Century, Cambridge 1999.

Personen

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