ERInnerungskultur in den Niederlanden


VII. Eine nationale Kultur des Erinnerns


Das „Befreiungsfenster“ von Gouda kann in vielerlei Hinsicht als Modell für die Gedenkkultur der ersten Jahrzehnte nach 1945 angesehen werden, und zwar sowohl in stilistischer und thematischer Hinsicht als auch im Hinblick auf die Art und Weise seiner Entstehung. Ein Charakteristikum dessen, was James Young - in Analogie zu der inneren Struktur von bestimmten Materialien - „die Textur der Erinnerung“ genannt hat, war damals das „Einweben“ der historischen Ereignisse in den herrschenden nationalen, politischen und religiösen Diskurs. Nicht nur in den Niederlanden, auch andernorts in Europa folgten die meisten Denkmäler, populären Romane, Filme, Mahnrituale und wissenschaftlichen Studien bis weit in die sechziger Jahre – in manchen Ländern noch darüber hinaus – bestehenden historischen und politischen Denkmustern, also Nationalismus, Fortschrittsglauben, traditionellen religiösen und politischen Ideologien. [1]

Nationaal Monument Dam
Nationaldenkmal auf dem Dam, Quelle: S. Lozowick/cc-by-nc-sa

Ein wesentlicher Aspekt dieses Vorgangs bestand in der Betonung der Kontinuität. So sollte das am 4. Mai 1956 enthüllte „Nationaal Monument“ auf dem Amsterdamer Dam der Nachwelt von Leid, Mut und Aufopferung berichten, vor allem aber von „der Ausdauer, die in die Zukunft führte“. Dies fand seinen Niederschlag nicht nur in den Darstellungen selbst, sondern auch in der Entstehungsgeschichte des Denkmals, der Wahl des Standorts und der Rituale, mit denen es bedacht wurde. Um zu betonen, dass es sich hierbei nicht um ein städtisches, sondern um ein nationales Denkmal handelte, wurde der Grund, auf dem das Werk des Bildhauers John Raedecker und des Architekten J.J.P. Oud aufgestellt wurde, in Quadratzentimetern an die Bevölkerung verkauft. In die weiße Wand an der Rückseite ließ man Urnen ein, gefüllt mit „Erde, getränkt vom Blut der Märtyrer“, die von Erschießungs- und Ehrenfriedhöfen stammte.

„Denkmalflut“

Ähnlich verhielt es sich bei anderen Aufträgen für Denkmäler, Dokumentarfilme und Gedenkbücher. Künstler, Regisseure und Schriftsteller sollten Themen wie Leid und Tröstung mit patriotischer Aufopferung, Kraft und Sieg des Geistes verknüpfen, und zwar in erkennbarer, evokativer und gleichzeitig ästhetisch angemessener, mahnender und über den Tag hinaus gültiger Form. Wie der mühsame Entstehungsprozess bis zur Errichtung vieler Denkmäler zeigt, schienen diese Forderungen in der Praxis nicht oder kaum miteinander vereinbar zu sein. Künstlerisch gesehen bot die „Denkmalflut“ nur selten Raum für weniger konventionelle Formen, abgesehen von einer einzigen Plastik – „De verwoeste stad“ („Die zerstörte Stadt“) von Ossip Zadkine in Rotterdam –, die eigentlich nur deshalb aufgestellt wurde, weil sie ein Geschenk an die Stadt war. In den meisten Fällen bedienten sich Auftraggeber und Bildhauer des klassischen beziehungsweise christlichen Repertoires mit leicht wieder erkennbarer Symbolik: Friedenstauben, Kreuze, Phönixe, Löwen, gesprengte Ketten, Fahnen, Schwerter, Hände, Blumen, Palmzweige und brennende Fackeln neben spezifischeren Symbolen wie zerschmetterten Hakenkreuzen und abgeschossenen Adlern. Ebenso konventionell waren die Siegessäulen und Skulpturen wie etwa der Mann vor dem Exekutionskommando, der fallende Soldat, der beschützende Hirte, die Christusfigur und das Corpus Christi, die behütende Mutter, der Heilige Georg mit dem Drachen, der barmherzige Samariter, die gefallenen Opfer und die siegreichen Männer- und Frauengestalten wie Judith und Holofernes, David und Goliath. Dasselbe galt für die Inschriften, die oft aus der Bibel stammten - „Mein Herz ist standhaft geblieben in tiefster Bedrängnis“ - und für das patriotische Standardrepertoire: „dem Vaterland treu ergeben“, „auf dass wir nie vergessen“, „in dankbarem Gedenken“, „nicht vergebens“, „den Gefallenen“.

Nationales und christlich-humanistisches Gedankengut prägten alle frühen Kriegsdenkmäler und Gedenksteine, die an die Schicksale spezifischer Gruppierungen erinnerten. In der Regel stellten private Organisationen diese Denkmäler auf, mit Ausnahme der Gedenksteine für die Gefallenen im Kampf zur Verteidigung oder Befreiung des Vaterlands, die staatliche Stellen errichteten. Die übrigen Gruppenmonumente auf Friedhöfen und in Bürogebäuden, in Betrieben und Verbänden galten als private Gedenkzeichen für die jeweilige Organisation oder Gemeinschaft, beispielsweise die Eisenbahner, die Kirchengemeinde oder die Studentenverbindung.

Von den Bevölkerungsgruppen, die Zielscheibe der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik gewesen waren, erwartete man vergleichbare Initiativen. In den Debatten über die Errichtung von Kriegsdenkmälern wurde die Jüdische Gemeinde in eine Reihe mit anderen gesellschaftlichen Gruppen gestellt, zum Beispiel Sportorganisationen, die ihre toten Mitglieder mit Gedenktafeln im Sportzentrum des Königlich-Niederländischen Fußballbunds und im Amsterdamer Olympiastadion ehrten. Diese Haltung ist nicht einfach mit „Blindheit“ gegenüber dem Schicksal der Überlebenden zu erklären: Viele Niederländer waren davon überzeugt, dass es grundsätzlich falsch sei, gesellschaftliche Gruppen unterschiedlich zu behandeln, denn genau das hatten die Nationalsozialisten getan.

Symbol der Unbeugsamkeit

So kam es, dass lange Zeit nur ein einziges öffentliches Monument auf Verfolgung und Vernichtung der Juden hinwies: eine Wand aus fünf Reliefs an der Weesperstraat in Amsterdam, errichtet auf Betreiben jüdischer Überlebender, die sich seit 1946 in dem „Komitee zur Stiftung eines Denkmals für die Hilfe, die Juden in den Niederlanden während des Krieges zuteil wurde“ zusammengeschlossen hatten. Das 1950 enthüllte Monument hieß offiziell „Zum Gedenken an den Gemeinsinn der Amsterdamer Bevölkerung gegenüber der jüdischen Bevölkerung“. Als Ausdruck der Dankbarkeit für die Aufopferung und Solidarität von Nichtjuden und Juden stellten die Gedenksteine denselben geschichtlichen Aspekt in den Vordergrund wie der „Dokwerker“ („Hafenarbeiter“): den großen Streik der Amsterdamer Hafenarbeiter gegen die Judenverfolgung im Februar 1941. Die Statue, ein stämmiger, unermüdlicher Hafenarbeiter, Symbol der Unbeugsamkeit, wurde 1952 nach jahrelangen Vorbereitungen enthüllt – trotz heftigen politischen Streits zwischen Kommunisten und Nichtkommunisten um das „Urheberrecht“ an der Initiative zu diesem Streik.

Mit dieser Ehrenbezeigung gegenüber dem Widerstand und der Hilfe für die Verfolgten geriet die Geschichte der Razzien und Deportationen in den Hintergrund. Verfolgung und Vernichtung fungierten in erster Linie als Beleg für die Perversität der Deutschen und als Beispiel für das Leid, welches über das niederländische Volk gekommen war. Die „Nationale Monumenten Commissie“ („Nationale Denkmalkommission“) formulierte genau dies sehr präzise in ihrem Vorschlag, bei den Konzentrationslagern Amersfoort, Vught und Westerbork gleichartige Denkmäler aufzustellen. Die Kommission berief sich darauf, dass „diese Lager zum einen ein charakteristisches Instrument der deutschen Unterdrückung in ihrer grausamsten Form waren, zum anderen unsäglich viel Leid mit sich brachten und stark mit dem Widerstandsgeist unseres Volkes verbunden sind“. Es ging hier also um „das Gedenken an eine Einrichtung, durch die zwar das deutsche Volk gebrandmarkt wird, die aber für unser (niederländisches) Volk einen der Brennpunkte von geistiger Kraft und Leid, von Widerstandsgeist und Opfer darstellt“, betonte die Kommission ausdrücklich. Sie reagierte damit auf einen Brief des Kommissars der Königin in Drenthe, R.H. de Vos van Steenwijk, der seinerseits die Auffassung vertrat, diese Orte des Grauens sollten gerade nicht in den Vordergrund gestellt werden.

Der Grundtenor der frühen Phase der Gedenkkultur fand seinen deutlichsten Ausdruck in der Idee eines nationalen Opfers, oder – mit den Worten von Königin Wilhelmina ausgedrückt – „eines Leidens, das nicht vergebens war“. Dieses Motiv kehrt in den Denkmälern und Reden, aber auch in vielen Werken der Literatur sowie in erfolgreichen Kriegsfilmen, wie „De overval“ („Der Überfall“) von 1962, wieder.


[1]  Frank van Vree: Gedenken an den Zweiten Weltkrieg in den Niederlanden, in: Heiter bis Wolkig. Begleitbuch zur Ausstellung im Haus der Geschiche der Bundesrepublik Deutschland in Bonn vom 22. November 2000 bis 16. April 2001 und im Rijksmuseum Amsterdam vom 26. Mai bis 16. September 2001. Bonn 2000, S. 28 bis 41.

Autor
: Frank van Vree
Erstellt: Februar 2004


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Vree, Frank van/ Laarse, Rob van der: De dynamiek van de herinnering. Nederland en de Tweede Wereldoorlog in een internationale context, Amsterdam 2009.

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