Erinnerungskultur in den Niederlanden

XXVI. 65 Jahre nach Kriegsende - Erinnerung im Wandel

102.000 Menschen wurden im Zweiten Weltkrieg aus Westerbork deportiert. Sie sollen nicht vergessen werden. Darum erinnert ein „gesprochenes Denkmal“ namentlich an jeden einzelnen von ihnen. Schüler, Künstler, Politiker, Angehörige der Opfer und noch viele mehr lesen an fünf aufeinanderfolgenden Tagen und Nächten insgesamt 112 Stunden lang an verschiedenen Orten in den Niederlanden die Namen der 102.000 Opfer vor. 102.000 Namen die für 102.000 Schicksale stehen.

Die Neuauflage des gesprochenen Denkmals findet im Januar 2010 statt. Am 27. Januar 2010, dem Tag, an dem vor 65 Jahren das Konzentrationslager Auschwitz befreit wurde, und der heute weltweit als Holocaustgedenktag gilt, sollen die letzten Namen verlesen werden.
Das gesprochene Denkmal ist eine von vielen Aktionen, die 2009/2010 in den Niederlanden stattfinden. Dann nämlich jährt sich das Kriegsende zum 65. Mal. Zahlreiche Aktivitäten im ganzen Land erinnern an die deutsche Kapitulation und die Opfer von Krieg und Gewalt.

Westerbork Gedenken 2010 (65-Jahre Befreiung)
Gedenken in Westerbork 2010 anlässlich der Befreiung vor 65 Jahren, Quelle: FaceMePLS/cc-by

Deutsche Beteiligung

Was in vergangenen Jahrzehnten noch wie ein Affront gegen die Opfer gewirkt hat, ist heute vielerorts ausdrücklich erwünscht: eine deutsche Beteiligung an den Gedenkveranstaltungen.
Im September 2009 nahm erstmals ein deutscher Botschafter in Arnheim an der Veranstaltung teil, in der der Opfer des Kampfes von Arnheim gedacht wurde. Britische und polnische Veteranenverbände hatten im Vorfeld keine Bedenken gegenüber der Anwesenheit des deutschen Botschafters geäußert und so legte Dr. Läufer am Air Borne Denkmal am Fuße der Brücke einen Kranz nieder. Ein Zeichen der Versöhnung. 65 Jahre zuvor hatten sich hier deutsche und alliierte Verbände im Rahmen der Operation Market Garden im Kampf um die Brücke von Arnheim schwere Gefechte geliefert.

Gerade im Grenzgebiet sind immer mehr Deutsche bei Veranstaltungen um den 4. und 5. Mai zu Gast. Ein weiterer Schritt, so sieht man es auch in Wehl, einem Ortsteil von Doetinchem. Dort werden bereits seit einigen Jahren während des Gedenkens am 4. Mai auch die Namen der gefallenen Soldaten der deutschen Partnergemeinde Raesfeld verlesen. 2009 wollte der örtliche Geschichtsverein das bestehende Kriegsdenkmal, auf dem die Namen der 12 Wehlener Opfer des Krieges - darunter auch Juden -  stehen, ergänzen. Zusätzlich zu den bereits vorhandenen Namen sollten darauf auch die Namen der gefallenen Soldaten aus Raesfeld angebracht werden. Was als Zeichen der Versöhnung gedacht war, hat zu so starken Protesten geführt, dass man in Wehl letztendlich von dem Plan abgerückt ist.

Der Umgang mit der Vergangenheit ändert sich – das ist 65 Jahre nach Kriegsende deutlich zu spüren. Nicht zuletzt auch angesichts des immer größer werdenden zeitlichen Abstandes zum Ende des Zweiten Weltkrieges und der Tatsache, dass nachfolgende Generationen keine eigenen Erfahrungen mit dem Zweiten Weltkrieg haben.

Geschichte konkret

Geschichte sozusagen aus erster Hand erfahren – das können Schüler in einem Zeitzeugengespräch. Menschen, die den Krieg miterlebt haben, erzählen dabei ihr häufig tragisches Schicksal und machen so Geschichte konkret. „Der Besuch hat die Kinder sehr beeindruckt. Man kann selber viel über den Krieg lesen und sich ansehen, aber jemanden erzählen hören, der das alles selbst erlebt hat, das behalten sie“, ist eine beteiligte Lehrerin von der Nachhaltigkeit des Zeitzeugengesprächs überzeugt.

Seit 1999 organisiert der Steunpunt gastbrekers (Stützpunkt Gastsprecher) mit Sitz im Erinnerungszentrum Westerbork landesweit Zeitzeugengespräche. Schulen, aber auch andere Organisationen können über den Stützpunkt Zeitzeugen einladen. Ob Widerständler, Untergetauchter oder Kind eines Kollaborateurs – die Botschaft der Zeitzeugen ist immer wieder gleich eindringlich: So etwas darf nie wieder passieren. Nachfolgende Generationen müssen aus der Geschichte lernen und tragen die Verantwortung für ein friedliches Miteinander in der Welt.

Noch gibt es Zeitzeugen, die diese Botschaft weitertragen können. 25 Prozent der niederländischen Bevölkerung wurde 1945 oder früher geboren. Die Zahl derjenigen, die den Krieg bewusst miterlebt haben, wird in den kommenden Jahren immer weiter sinken. Neue Wege sind notwendig, um die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg zu bewahren und lebendig zu halten. Das hat auch das Ministerium für VWS (Ministerium für Gesundheit, Wohlfahrt und Sport) erkannt. Im Programm „Erfgoed van de Oorlog“ (Erbe des Krieges) will man Materialien zum Zweiten Weltkrieg sammeln und archivieren und somit für die Nachwelt sichern. Ein Bestandteil davon sind Zeitzeugengespräche. Sie sollen für die kommenden Generationen nicht nur schriftlich, sondern auch audiovisuell festgehalten werden.

Nicht wegwerfen

„Nicht wegwerfen“ ist der Titel einer gemeinsamen Aktion des NIODS (Niederländisches Institut für Kriegsdokumentation) und zahlreicher Kriegs- und Widerstandsmuseen im ganzen Land, die ganz im Zeichen dieser Erkenntnis steht. Bürger werden aufgerufen, alte Fotos, Dokumente, Tagebücher und Objekte aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges zu sammeln und dem NIOD oder einem der beteiligten Museen zu übergeben. Auch 65 Jahre nach Kriegsende lagern noch viele Schätze unbeachtet in Kisten auf dem Dachboden, in Schränken oder in Kellern. Ziel dieser Aktion ist es, diese stummen Zeugen für die Nachwelt zu bewahren, denn nicht immer wird ihr Wert erkannt und so landet vieles vermeintlich alte und unbrauchbare auf dem Müll.
,,Objekte, Fotos, Tagebücher und Ansichtskarten aus den Kriegsjahren müssen erhalten bleiben. Nur dann können wir uns auch in Zukunft ein Bild dieser Zeit in der Geschichte machen“, so Erik Somers, Historiker am NIOD und Projektleiter von „Nicht wegwerfen“.

Die Projektpartner sichten das Material und entscheiden gemeinsam, in welcher Sammlung bzw. in welchem Museum es am besten aufgehoben ist. Damit vieles davon jedoch nicht sofort wieder in den Archiven verschwindet, gibt es das Projekt Beeldbank WO 2. Fotos, Zeichnungen und Plakate werden digitalisiert und seit April 2008 im Internet zur Verfügung gestellt. Eine ausführliche Suchmaske ermöglicht es, nach Schlagwort, Ort, Autor bzw. Fotograph, Datum oder Sammlung zu suchen.

Mehr als 175.000 Bilder stehen bereits online zur Verfügung. Eigens für Schüler von Grund- und weiterführenden Schulen wurden Unterrichtsmaterialien entwickelt. Auf diese Art und Weise sollen sich auch junge Generationen ein Bild des Kriegs machen können.
Finanziert wird das Ganze vom niederländischen Ministerium für VWS (Ministerium für Gesundheit, Wohlfahrt und Sport).

Erinnerung im Wandel

2015 werden schätzungsweise 15 Prozent der niederländischen Bevölkerung ausländischer Herkunft sein. Niederländern mit Migrationshintergrund bedeutet der 4. Mai vergleichsweise wenig. Während laut einer Umfrage der Agentur MCA Comunicatie in Amsterdam von 2006 immerhin noch ungefähr ein Drittel von ihnen das Nationale Gedenken am Fernseher verfolgt, nimmt so gut wie keiner von ihnen daran teil. Angesichts fehlender familiärer Bezugspunkte zum Zweiten Weltkrieg in den Niederlanden ist dies nicht weiter verwunderlich. Was in den ersten Nachkriegsjahren als Instrument diente, die niederländische Bevölkerung in der Phase des Wiederaufbaus zu einen, droht heute einen Teil der niederländischen Gesellschaft von der Geschichtskultur auszuschließen.

Was bedeutet das für die kollektive Erinnerung? Welche Bedeutung haben der Zweite Weltkrieg und der Holocaust für Menschen, insbesondere für Jugendliche, mit Migrationshintergrund? Welchen Stellenwert nehmen der 4. und 5. Mai in Zukunft in der Zuwanderungsgesellschaft ein? Diese und ähnliche Fragen werden die niederländische Erinnerungskultur in den kommenden Jahren mitbestimmen.

Erinnerung ist dynamisch, sie ändert sich fortwährend, wurde bereits in der Einleitung festgestellt. Die Erinnerungskultur insbesondere der letzten beiden Jahrzehnte ist derzeit Gegenstand wissenschaftlicher Forschung. Das Forschungsprojekt „Erinnern an den Zweiten Weltkrieg seit 1989“ des NIOD untersucht, wie sich die kollektive Erinnerung seit dem Fall der Mauer 1989 und dem 11. September 2001 veränderte. Weg von einem offiziellen, nationalen Gedenken hin zu regionalem Gedenken, lautet die These der Wissenschaftler. Die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg bleibt nicht zuletzt aus wissenschaftlicher Sicht aktuell.

Autorin: Anne Avenarius
Erstellt:
Oktober 2009


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Vree, Frank van/ Laarse, Rob van der: De dynamiek van de herinnering. Nederland en de Tweede Wereldoorlog in een internationale context, Amsterdam 2009.

Personen

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