Erinnerungskultur in den Niederlanden


I. Einleitung

„Dynamiek van de herinnering“ (Dynamik der Erinnerung) lautet der Titel des 2009 erschienenen Buches des Historikers Frank van Vree. Erinnerung ist dynamisch, nicht statisch, verändert sich immer wieder und wird dabei von den aktuellen politischen und gesellschaftlichen Strömungen beeinflusst – so der Tenor des Autors, der die Erinnerungskultur in den Niederlanden im internationalen Kontext sieht.

Mahnmal Auschwitz
Auschwitz-Mahnmal, Quelle: Anneke Wardenbach

Seit den direkten Nachkriegsjahren haben sich die Erinnerung an und der Umgang mit dem Zweiten Weltkrieg in den Niederlanden bis heute stark gewandelt. Sowohl der Grad der Aufmerksamkeit, die sich auf die Kriegs- und Besatzungsjahre richtete, als auch die Themen, die die Debatte um den Zweiten Weltkrieg bestimmten, änderten sich im Verlauf der Jahre. [1] Jahrzehntelang war die Aufarbeitung des Zweiten Weltkrieges in den Niederlanden von Kategorien wie „Gut“ und „Böse“ bestimmt. Den wenigen Kollaborateuren, die sich während der Besatzungsjahre des Landesverrates schuldig gemacht hatten, stand der übergroße Teil der niederländischen Bevölkerung gegenüber, der sich heldenhaft den deutschen Besatzern widersetzt hatte, so das vorherrschende Geschichtsbild. Im Vordergrund standen das Leiden der niederländischen Bevölkerung und der gemeinsame Kampf gegen den großen Aggressor. Wenig Beachtung wurde hingegen den jüdischen Opfern der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik geschenkt. Das änderte sich erst seit den 60er Jahren, als auch der Holocaust sowohl wissenschaftlich als auch gesellschaftlich immer mehr in den Blickpunkt rückte, und in den Jahren und Jahrzehnten darauf, als auch andere Gruppen als Opfer der Verfolgung durch die Nationalsozialisten Anerkennung fanden.

Nicht nur in Bezug auf die Anerkennung des individuellen Leides der im Zweiten Weltkrieg Verfolgten fand ein Umdenken statt. Auch die Frage nach der Schuld und Verantwortung des niederländischen Volkes wurde im Zuge dieser Entwicklung neu bewertet. Heute dominiert nicht mehr die Vorstellung von „Gut“ und „Böse“ die Erinnerungskultur, sondern ein nuanciertes Geschichtsbild.

Das vorliegende Dossier will anhand ausgewählter Kapitel einen Einblick in die gegenwärtige niederländische Erinnerungskultur und deren Entwicklung geben.

Erinnern, Gedenken und Feiern

Das erste Kapitel des Dossiers beschäftigt sich mit einem integralen Bestandteil der niederländischen Erinnerungskultur: dem 4. und 5. Mai. Jährlich kommt die Bevölkerung an diesen beiden Tagen zusammen, um der Opfer von Krieg und Gewalt zu gedenken und universelle Werte wie Freiheit und Menschenrechte zu betonen. In der niederländischen Bevölkerung spielen die Totenehrung und die Feierlichkeiten zum Befreiungstag auch heute noch eine große Rolle. Sie sind Teil des niederländischen Selbstverständnisses. >>>Mehr

Gedenkstätten und Museen zur deutschen Besatzungszeit in den Niederlanden

Derzeit gibt es in den Niederlanden eine Reihe von Gedenkstätten und Museen, die an die Periode der deutschen Besatzungszeit erinnern. Während schon kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges zahlreiche Initiativen entstanden, mit dem Ziel Kriegsdenkmäler zu errichten und diese Aktivitäten – aufgrund ihrer Fülle und unterschiedlichen Ausrichtung - schließlich in einer nationalen Denkmalkommission gebündelt werden mussten [2],  gab es wenig Interesse, an den Orten der nationalsozialistischen Lager Denkmäler zu errichten, geschweige denn sie als Erinnerungsorte zu bewahren. Auch vereinzelte Bestrebungen ehemaliger Häftlinge fanden häufig nicht die erhoffte Resonanz. Erst seit den 70er bzw. 80er Jahren fanden diese Orte langsam Beachtung. Kapitel zwei stellt drei der ehemaligen Lager, die heute Gedenkstätten sind, vor. Darüber hinaus portraitiert es zwei bekannte Amsterdamer Museen: das Anne Frank Haus und das Widerstandsmuseum Amsterdam. Während das eine ursprünglich das Ziel verfolgte, den Ort, an dem Anne Frank und ihre Familie untergetaucht waren, zu erhalten, wurde das andere in den 80er Jahren – in einem Klima wachsenden Interesses an der Aufarbeitung der Vergangenheit in Form von Ausstellungen – neugegründet. >>>Mehr

Grenzüberschreitende Vergangenheitsbewältigung

Im dritten Kapitel wird gezeigt, wie anhand zweier Euregio-Projekte in niederländischen Museen versucht wird, die Vergangenheit im grenzüberschreitenden Kontext aufzuarbeiten. Am Beispiel des Markt 12 Museums und des Befreiungsmuseum 1944-1945 wird deutlich, wie im Zuge eines vereinten Europas die nationale Erinnerungskultur seit der Jahrtausendwende aufgebrochen wird und neue Perspektiven und Zugangsweisen bezüglich eines kollektiven europäischen Gedächtnisses gesucht werden. >>>Mehr

Ein schweres Erbe

Nach Kriegende rächte sich die Bevölkerung an den Niederländern, die mit den Besatzern kollaboriert hatten. Für sie sei kein Platz mehr in der niederländischen Gesellschaft, hatte bereits Königin Wilhelmina während des Krieges deutlich gemacht. Doch nicht nur sie wurden bestraft. Auch ihre Kinder erfuhren am eigenen Leibe, was es hieß, im Krieg auf der falschen Seite gestanden zu haben. Von ihnen, ihrem Schicksal und dem Kampf um Anerkennung handelt das vierte Kapitel. >>>Mehr

65 Jahre nach Kriegsende

Abschließend geht es im fünften Kapitel um die Erinnerungskultur 65 Jahre nach Kriegsende. Welche Ereignisse und Entwicklungen prägen die Erinnerungskultur gegenwärtig? Vor welche Herausforderungen sieht sich die Erinnerungskultur gestellt?  >>>Mehr


[1]  Vgl. ausführlich zur Erinnerungskultur Wielenga, Friso: Erinnerungskulturen im Vergleich
[2] Vgl. zur Errichtung von Denkmälern Vree, Frank van: Gedenken an den Zweiten Weltkrieg in den Niederlanden.

Autorin: Anne Avenarius
Erstellt: Oktober 2009
Aktualisiert: Kapitel XII-XIX und XXV, Online-Redaktion, Juni 2015


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Vree, Frank van/ Laarse, Rob van der: De dynamiek van de herinnering. Nederland en de Tweede Wereldoorlog in een internationale context, Amsterdam 2009.

Wielenga, Friso: Erinnerungskulturen im Vergleich. Deustche und niederländische Rückblicke auf die NS-Zeit und den Zweiten Weltkrieg online

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