ERInnerungskultur in den Niederlanden


VI. Gedenken an den Zweiten Weltkrieg in den Niederlanden


Flagge 4./5. Mai
Flaggen hängen am 4./5. Mai im ganzen Land, Quelle: drhenkenstein/cc-by-nc-sa

In den Wochen und Monaten vor und nach der Befreiung entwickelten viele Hunderte von Lokalbehörden und Komitees Pläne zur Errichtung von Denkmälern oder sonstigen Zeichen des Gedenkens. Diese Initiativen entsprangen dem starken Bedürfnis, die im Kampf gegen die Besatzer gefallenen Toten, wie niederländische und alliierte Soldaten und Seeleute, Widerstandskämpfer, unschuldig erschossene Zivilisten und Geiseln, zu ehren. Die Mahnmale wurden meist auf Gräbern oder an den Orten des Geschehens errichtet. Nicht nur sollten sie als Ehrenbezeigung für einzelne Opfer, sondern in erster Linie als Mahnung und Ansporn für die Überlebenden dienen. Im Süden Rotterdams wurde beispielsweise schon am 14. und 15. Mai 1945 für ein Denkmal zu Ehren von 20 Männern gesammelt, die zwei Monate zuvor als Vergeltung für die Ermordung eines deutschen SD-Agenten erschossen worden waren. Einige Tage später wurde in der gleichen Stadt das „Komitee zur Errichtung eines Gedenksteins“ gebildet, mit dem Ziel, ein Denkmal für alle Rotterdamer aufzustellen, die ihr Leben für die Freiheit hatten lassen müssen.

Nicht alle waren glücklich über diesen öffentlichen Gefühlsausbruch von Ehrerbietung, Trauer und Dankbarkeit. Viele vertraten die Auffassung, dass dafür vorgesehene Finanzmittel und der Aufwand besser in soziale oder kulturelle Projekte investiert werden sollten. "Die schönste Ehre, die wir (unseren Gefallenen) erweisen können, ist die Fortsetzung des Kampfes für die höchsten Ideale", schrieb die ehemalige Widerstandszeitung De vrije kunstenaar („Der freie Künstler“) in ihrer „Befreiungsausgabe“ – ohne allerdings die Errichtung von Denkmälern grundsätzlich abzulehnen. Wieder andere waren besorgt ob des ungeordneten Charakters all dieser Aktivitäten und plädierten dafür, Beratungsgremien und Kommissionen einzurichten, die Denkmalspläne, Publikationen und Ausstellungen prüfen und koordinieren sollten – eine Forderung, die einige Monate später in Form eines Königlichen Beschlusses umgesetzt wurde. Er unterstellte die Errichtung und Pflege öffentlicher Kriegs- und Friedensdenkmäler der Aufsicht des niederländischen Ministeriums für Bildung, Wissenschaft und Kultur.

Die Geschichte der ersten Gedenkzeichen sowie die Diskussionen darüber spiegelten nicht nur das wachsende Bedürfnis wider, die Erinnerung zu „nationalisieren“, sondern auch den Wunsch, allerlei Formen von „ungeregeltem Patriotismus“ und Partikularismus, die kurz nach der Befreiung in Kreisen des ehemaligen Widerstands und des Militärs anzutreffen waren, zu steuern. Der Staat wollte dies durch Regulierungen erreichen, die gleichzeitig den Gedanken der nationalen Einheit fördern sollten. Die meisten Organisationen fügten sich dieser Linie, und so entstand innerhalb kürzester Zeit die Basis für einen nationalen Diskurs zum Thema „Denkmal“.

Durch Dunkel zum Licht

Bezeichnend für die Erinnerungskultur der ersten Jahrzehnte nach der Befreiung war die Art und Weise, wie Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft miteinander verbunden wurden. Dieses Zusammenspiel lässt sich hervorragend am Beispiel der Geschichte und der Bedeutung des „Befreiungsfensters“ in der Sint Janskerk (St. Janskirche) in Gouda illustrieren, das der niederländische Kultusminister im November 1947 enthüllte. Diese acht Meter hohe, aus sechzig Bilderrahmen bestehende Bleiverglasung nach dem Entwurf des Limburger Künstlers Charles Eyck fügt sich nicht allein aus einer Vielzahl von Bildern und Szenen im Stil der traditionellen Wandmalerei zu einem Ganzen zusammen, sondern erhält darüber hinaus noch eine besondere Dimension.

Angesichts der Entstehungsgeschichte, des Orts und der Bedeutung der Abbildungen kann das „Befreiungsfenster“ als Nationaldenkmal angesehen werden. Dass dies auch der Absicht der Initiatoren entsprach, zeigt sich darin, dass Königin Wilhelmina die Schirmherrschaft übernahm und dass Repräsentanten des Staates aus den verschiedensten Bereichen dem „Ehrenkomitee“ angehörten. Auf lokaler Ebene waren neben örtlichen Honoratioren und Abgesandten der ehemaligen „Illegalen“ auch Repräsentanten verschiedener politischer und religiöser Gruppierungen vertreten, darunter auch Vertreter der dezimierten Jüdischen Gemeinde. Die Sint Janskerk, auch „Grote Kerk“ genannt, die im 16. Jahrhundert nach drei Bränden wiederaufgebaut wurde, besaß schon damals eine außergewöhnliche Sammlung bleiverglaster Fenster, die ausnahmslos der frühen Geschichte der Niederlande gewidmet waren. Indem sie der Sint Janskerk eine weitere Glasmalerei zukommen ließen, stellten die Initiatoren die Geschehnisse der Jahre 1940 bis 1945 in eine Reihe mit früheren Ereignissen der nationalen Geschichte.

Der nationale Charakter kam letztlich auch im Objekt selbst zum Ausdruck. Im Zentrum des Fensters ist die Befreiung dargestellt, symbolisiert durch einen Flaggenaufzug mit Männern, Frauen und Kindern. Eine helle Gestalt - eine beschützende Mutter - führt das Volk zur Freiheit. Der Mann neben ihr hat die Hand zum limburgischen Siegeszeichen erhoben: mit drei ausgestreckten Fingern, statt der üblichen zwei, die das „V“ bilden. Hinter der Frau steht ein Mann mit Soldatenbarett, der die Unterstützung der Alliierten symbolisieren soll. Der festliche Flaggenaufzug steht in Kontrast zu den ernsten, teilweise unverhohlen leidenden Mienen - Die Freiheit hatte ihren Preis.

Oberhalb und rings um dieses zentrale Bild sind die Schrecken des Krieges zu sehen. Der obere Teil des Fensters wird unter Flugzeugen und niederfahrenden Blitzen durch die Apokalyptischen Reiter aus dem Buch der Offenbarung des Johannes 6, Vers 1 bis 8 dominiert: Sie bringen Krieg und Hunger, Tod und Verderben, Pest und wilde Tiere, während einige Tauben als Symbole des Friedens vor ihnen flüchten. Das Fenster unterhalb davon zeigt die Katastrophen der vierziger Jahre: die von den Deutschen verursachte Flutkatastrophe von Walcheren und brennende Kirchen – die Eusebiuskirche von Arnheim ist zu erkennen. Weiter unten, zu beiden Seiten der zentralen Abbildung der Befreiung, befinden sich sechs kleinere Tafeln. Die drei auf der linken Seite zeigen von oben nach unten am Galgen baumelnde Menschen, einen Mann, den deutsche Soldaten aus dem Kreis seiner Familie reißen, und vier ausgehungerte „Nacht- und Nebelgefangene“ in einem Konzentrationslager. Die Tafeln auf der rechten Seite zeigen Massenszenen: Menschen mit erhobenen Händen bei einer Razzia, Zwangsevakuierung von Zivilisten – selbst von Behinderten – und schließlich die Deportation der Juden.

Das christlich-nationale Thema der Abbildungen – Aufopferung und Erlösung – verdeutlichen die Spruchbänder. In der Mitte des unteren Bildrands, der mit den Wappen der elf Provinzen verziert ist, ruft ein Spruchband mit einem Satz aus der verbotenen Gedichtsammlung Oude en Nieuwe Geuzenliederen („Alte und Neue Geusenlieder“) dazu auf, der Freiheitskämpfer zu gedenken. Unten links steht der 13. Vers von Moses Lobgesang aus dem Exodus: "Du hast geleitet durch deine Barmherzigkeit dein Volk, das du erlöset hast" – es ist wohl müßig zu betonen, dass es sich bei dem Volk, das hier erlöst wird, nicht um das jüdische Volk handelt, sondern um das christlich-niederländische.

Die beiden Tafeln darüber, welche die Seitentafeln tragen, akzentuieren die Bedeutung des Ensembles: Links unten das Wappen von Gouda mit dem Sinnspruch „per aspera ad astra“ („durch Dunkel zum Licht“), auf der kleinen Tafel zur Rechten das Wappen der Niederlande mit den Oranieräpfeln und dem Text „Je maintiendrai“, sinngemäß „Ich werde handhaben“ – nicht nur der Wahlspruch Wilhelms von Oranien, sondern auch Königin Wilhelminas.


[1]  Frank van Vree: Gedenken an den Zweiten Weltkrieg in den Niederlanden, in: Heiter bis Wolkig. Begleitbuch zur Ausstellung im Haus der Geschiche der Bundesrepublik Deutschland in Bonn vom 22. November 2000 bis 16. April 2001 und im Rijksmuseum Amsterdam vom 26. Mai bis 16. September 2001. Bonn 2000, S. 28 bis 41.

Autor
: Frank van Vree
Erstellt: Februar 2004


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Vree, Frank van/ Laarse, Rob van der: De dynamiek van de herinnering. Nederland en de Tweede Wereldoorlog in een internationale context, Amsterdam 2009.

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