Erinnerungskultur in den Niederlanden

XXII. Der nationale Festrock – Zeichen des Wiederaufbaus und der Zusammengehörigkeit

Bevrijdingsrok
Ein Befreiungsrock, genäht aus 150 unterschiedlichen Stoffstücken, Quelle: ANP Foundation/cc-by-nc-nd

Festrock, Befreiungsrock, Lebensrock – unterschiedliche Bezeichnungen für einen Rock, der sich aus vielen bunten Stoffstücken zusammensetzt, teils mit einer Jahreszahl, teils mit einer gestickten Darstellung verziert. Patchwork mit einem Saum aus einfarbigen Dreiecken, das ist das gemeinsame Merkmal aller Feströcke. [1]

Die Idee für die Anfertigung von Feströcken hatte kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs die niederländische Widerstandskämpferin Aan Mies Boissevain van Lennep (1896–1965). Nach ihrer Rückkehr aus dem Konzentrationslager Ravensbrück in die Niederlande wurde sie Mitglied der „Commissie voor Nationale Feest- en Gedenkdagen“. In dieser Kommission schlug sie vor, zur Feier besonderer Anlässe einen speziellen Rock anzufertigen. Es herrschte zwar Mangel an allem, doch alte Kleidungsstücke und Stoffreste waren im allgemeinen sorgfältig aufbewahrt worden. Sie stellte sich vor, dass diese Stoffreste in harmonischer Anordnung beispielsweise auf einen alten Rock aufgenäht werden könnten, der dann als "neuer" Rock zum Symbol für den Wiederaufbau des Landes und die Erneuerung der Gesellschaft werden sollte. Mies Boissevain wollte aus Altem etwas Neues schaffen und damit einen Beitrag leisten zur Überwindung des kleinkarierten Schubladendenkens und der starren „Versäulung“, welche die niederländische Gesellschaft vor dem Krieg gekennzeichnet hatte: "Eine Tracht schafft Eintracht".

Während des Zweiten Weltkriegs hatte sich gezeigt, dass die „versäulten“ gesellschaftlichen Gruppen durchaus in der Lage waren, sich für ein gemeinsames Ziel zusammenzuschließen. Viele Niederländer, darunter auch Mies Boissevain, setzten sich für eine Fortsetzung dieser Entwicklung nach 1945 ein. Allerdings sollten die Frauen diesmal aktiv beteiligt sein, da sie auch während der Kriegsjahre auf vielen Gebieten eine aktive Rolle übernommen hatten.

Flicken-Geschichten

Die Idee des Festrocks gründete sich auf Boissevains Kriegserfahrungen. Im Jahr 1943 war sie eine Zeitlang in einem Amsterdamer Gefängnis inhaftiert gewesen, jeweils acht Frauen in einer Zelle. Jeder schriftliche Kontakt mit der Außenwelt war untersagt. Die einzige Möglichkeit zur Kontaktaufnahme war der Wäschesack, in dem so manche Botschaft hin und her geschmuggelt wurde. Einmal fand sie darin ein Flickenhalstuch aus Stoffresten ihrer Kleider und der ihrer Kinder und erzählte ihren Mitgefangenen die Geschichte jedes einzelnen Flickens. Dadurch entstand eine Gefühl der Zusammengehörigkeit, das Halstuch brachte Farbe in den grauen Gefängnisalltag.

Erinnerung und Bewältigung

Für Mies Boissevains Festrock war also nicht nur die Zukunft, sondern vor allem auch die Vergangenheit, insbesondere die Kriegsjahre, von größter Bedeutung. Mit vielen der Flicken, die für die Röcke verwendet wurden, waren traurige oder belastende, frohe oder alltägliche Erinnerungen verknüpft. „In den Flickkörben der Frauen lebt die Vergangenheit eines Volkes“ war 1948 in Iris, einer Zeitschrift für Lebenskunst, zu lesen. Wenn die Frauen die Flicken wieder in den Händen hielten, kamen auch die Erinnerungen zurück. Während sie – häufig in Gesellschaft anderer Frauen – ihre Röcke nähten und bestickten, konnten sie über das Erlebte nachdenken oder sprechen, wodurch eine Aufarbeitung möglich wurde: Das Entstehen des Rocks bedeutete also gleichzeitig auch ein Stück „Trauerarbeit“.

So wurde manch eine Erinnerung in Stickerei umgesetzt: Ausgemergelte Frauen, die eine Karre hinter sich herzogen – das war der „Hungerwinter 1944/45“; ein anderes Motiv zeigt einen Jeep mit dem Datum des Einmarschs der Kanadier. „Vlecht in Uw rok het patroon van Uw leven“ („Webt das Muster eures Lebens in euren Rock“), so lautete bezeichnenderweise die erste Zeile des "Rocklieds" („Rokkenlied“).
Für das Anfertigen und Tragen des Rocks stellte Boissevain eine Reihe von Regeln auf: Der Saum sollte aus einfarbigen, orangefarbenen Dreiecken bestehen und in der Mitte vorne das Datum 5. Mai 1945 tragen. Manche Röcke beginnen auch mit dem 5. Mai 1946, dem ersten Jahrestag der Befreiung von der deutschen Besatzung. Die Frauen sollten ihn am „Tag der Befreiung“, am Geburtstag der Königin, dem „Koninginnedag“, sowie bei außergewöhnlichen Familienfesten tragen, wobei das Datum jedes neuen nationalen Feiertags jeweils wieder aufzusticken war. Die Absicht war, kontinuierlich am eigenen Festrock weiterzuarbeiten. Er sollte sowohl Höhe- als auch Tiefpunkte der Nachkriegsjahre dokumentieren und so zu einem echten „Lebensrock“ werden, den schließlich die Mutter der Tochter weiter vererbte.
Die Frauen wurden dazu angehalten, ihren Rock registrieren zu lassen, zunächst beim „Nationaal Instituut“, später beim „Internationaal Archief voor de Vrouwenbeweging“, wobei jedoch nur echte Handarbeit anerkannt wurde. Er erhielt dann einen Stempel, bestehend aus einer Registriernummer und dem Spruch „Zusammengefügt auf einem Grund“. Gut 4000 Röcke wurden registriert; wie viele insgesamt angefertigt wurden, ist nicht bekannt.

Doch schon nach wenigen Jahren verschwand dieser besondere Rock wieder aus dem öffentlichen Leben. Am 2. September 1948 liefen noch Hunderte von Frauen bei der Parade zum 40. Regierungsjubiläum Königin Wilhelminas im Festrock über den Binnenhof, den Vorhof des niederländischen Parlamentsgebäudes in Den Haag, und sangen das „Rokkenlied“. Danach wurde es jedoch still um dieses symbolische Kleidungsstück.

Die Tatsache, dass der Rock aus dem Blick der Öffentlichkeit geriet, heißt aber nicht, dass er zurück in den Flickkorb wanderte, aus dem er ursprünglich stammte. Manche Frauen arbeiteten noch lange Zeit an ihrem Rock weiter. So besitzt ein Museum in Friesland beispielsweise ein Exemplar, auf dem folgendes zu findes ist: die Sturmflut von 1953 in der niederländischen Provinz Zeeland, 1972, das Jahr hitzigen Diskussion um die Freilassung der "Drei von Breda", und die Unabhängigkeitserklärung der ehemaligen Kolonie Holländisch Guyana, heute Surinam, im Jahr 1975. Das jüngste Motiv bezieht sich auf den letzten Geburtstag von Königin Juliana im Mai 1980: „J (Juliana) laatste koninginnedag". Auf diesem Rock zieht in der Tat die Geschichte der Niederlande vor dem Auge des Betrachters vorbei.

Von Generation zu Generation

Auch zwei Feströcke, die sich in der Sammlung des Amsterdamer Reichsmuseums befinden, ist bis 1955 weitergestickt worden. In die orangefarbenen Saumspitzen sind die Jahrestage der Befreiung vom 5. Mai 1946 bis einschließlich 5. Mai 1955 aufgestickt. Das Besondere an diesen beiden Röcken ist, dass sie Mutter und Tochter gehörten. Selbst für die Puppe der Tochter wurde ein Feströckchen genäht. Auf dem Rock der Mutter sind die Geburtsdaten ihrer Kinder – „Wouter 16. Juni 1929“, „Marieke 24. Oktober 1932“ – sowie eine gestickte Darstellung zu sehen: Zerstörte Häuser mit einer halbhoch gemauerten Wand im Vordergrund und eine Hand, die einen Backstein hält, symbolisieren den Wiederaufbau. Auf dem Rock der Tochter sind die Parade vom 2. September und die Amtseinführung Königin Julianas am 6. September 1948 festgehalten. An beiden Röcken sind rot-weiß-blaue und orangefarbene Schleifen befestigt mit dem Symbol des niederländischen Löwen sowie einer englischen und einer amerikanischen Flagge. Zu beiden gehört ein Gürtel – ebenfalls rot-weiß-blau – mit der Inschrift „Nederland herrijst“ („Die Niederlande sind auferstanden“). Wahrscheinlich ließen Mutter und Tochter ihre Röcke am gleichen Tag registrieren, denn sie tragen die Nummern 399 und 400.

Mies Boussevains Ideale wurden jedoch letztendlich nicht verwirklicht, da – wie Jolande Withuis ausführt –, „der Rock dann doch nicht die nationale Tracht (war), in der die Frauen im politischen Sinne an die Macht kamen".


[1]  Jet Baruch: Der nationale Festrock – Zeichen des Wiederaufbaus und der Zusammengehörigkeit, in: Deutschland-Niederlande. Heiter bis Wolkig. Begleitbuch zur Ausstelung im Haus der Geschiche der Bundesrepublik Deutschland in Bonn vom 22. November 2000 bis 16. April 2001 und im Rijksmuseum Amsterdam vom 26. Mai bis 16. September 2001, Bonn 2000, S. 46 bis 49.

Autorin: Jet Baruch
Erstellt:
Januar 2004


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