ERInnerungskultur in den Niederlanden


III. Erfahrungsbericht: Der feiernde Nachbar - Wie in den Niederlanden der Befreiung gedacht wird


Mit der Meldung, dass am 8. Mai 1945 der Zweite Weltkrieg offiziell zu Ende war, werde ich in Deutschland jedes Jahr konfrontiert. Durch eine kurze Meldung in Zeitung, Radio und Fernsehen oder durch einen Kommentar eines Lehrers. Das Datum ist in meinem Gedächtnis auch als ein wichtiges und erinnerungswürdiges abgespeichert, doch weiter finden in meiner direkten Umgebung keine großen Feierlichkeiten statt. Ganz anders verhält es sich in den Niederlanden. Der Krieg und das Leben unter der Besatzung endeten hier schon drei Tage früher mit der Kapitulation der Deutschen. Diesem Tag der Befreiung, dem 5. Mai 1945 wird jedes Jahr in großem Umfang gedacht. Eigentlich beginnt das Gedenken schon am Abend des vierten Mais. Im ganzen Land werden an Denkmälern und auf Friedhöfen Blumen und Kränze niedergelegt, für alle Opfer des Zweiten Weltkrieges. Die größte Gedenkfeier findet auf dem Dam in Amsterdam statt. Am Nationalmonument legt die Königin einen Kranz nieder und um acht Uhr sind zwei Minuten Stille. [1]

Blick in die Zukunft

Am Tag darauf wird gefeiert. In allen Provinzen finden Befreiungsfestivals statt bei denen bekannte niederländische Gruppen auftreten. Daran beteiligt sind auch Organisationen wie War Child und Amnesty International. Die Hauptfeierlichkeiten sind jedes Jahr in einer der zwölf Provinzen. Auf dem Museumsplein in Amsterdam, sowie an vielen anderen Orten, gibt es einen Befreiungsmarkt, wo zahlreiche Organisationen und Museen über ihre Anliegen und Themen informieren. Dort haben auch jedes Jahr ASF und das Widerstandsmuseum einen Stand. Inwiefern den Leuten dabei wirklich bewusst ist, was sie eigentlich feiern, variiert sehr. Die ältere Generation der direkt Betroffenen feiert dieses Fest nun schon zum sechzigsten Mal und ihnen sind die Hintergründe mehr als deutlich. Auch die zweite Generation, die die Erzählungen ihrer Eltern kennt, hat einen starken Bezug zu dem Feiertag. Die direkte Verbindung zu den Feierlichkeiten ist bei den Jüngeren jedoch nicht mehr gegeben. Trotzdem wissen die meisten durch den Geschichtsunterricht in der Schule um die Hintergründe der Gedenktage. Mit der Entfremdung, die durch diese abnehmende direkte Verbindung zum eigentlichen Hintergrund des Befreiungstages entsteht, beschäftigt sich auch das „Nationaal Comité 4 en 5 mei“, welches die gesamten Feierlichkeiten organisiert und koordiniert. In den letzten Jahren sind sie sehr um eine Aktualisierung des Festtages bemüht. Neben dem Rückblick auf die Befreiung von den deutschen Besatzern wollen sie vermehrt in die Zukunft blicken und das Bewusstsein für die Wichtigkeit von Demokratie und Freiheit in unserer heutigen Welt stärken. Auch im Hinblick auf die multinationale Gesellschaft der Niederlande ist das wichtig. Die Heimatländer der hier lebenden Marokkaner, Türken und Surinamer waren nicht von den Deutschen besetzt. Aber im Hinblick auf ihre Geschichte, vor allem die der Nachkriegszeit, verbindet auch sie viel mit den Werten von Freiheit und Demokratie.

Das Vergessen verhindern

Manch einer hier befürchtet durch die Ausweitung und damit verbundene Abkehr vom eigentlichen Anlass des Festtages eine Scheinaktualisierung und Verwässerung. Doch das ist sicher nicht im Sinne des „4 en 5 mei“ Komitees. Sie wollen weiterhin dafür sorgen, dass das geschichtliche Bewusstsein bei den jungen Menschen erhalten bleibt. Und das ist auch den Jungen wichtig. Denn würde man den Tag der Befreiung feiern, ohne der Befreiung von den Besatzern zu gedenken, dann wäre das ja so, als würde man ein Stück Geschichte wegwerfen und vergessen. Die Arbeit daran, das Vergessen zu verhindern und trotzdem den Blick auf die Gegenwart und in die Zukunft zu richten, erlebe ich hautnah in meinem Projekt. Und so werde ich dieses Jahr am fünften Mai sowohl beim Stand des Widerstandsmuseums, als auch bei dem von ASF auf dem Museumsplein stehen und das Kriegsende zum ersten Mal richtig bewusst feiern.


[1]  Theresa Mühleisen, 20 Jahre alt, leistet ihren Freiwilligendienst in Amsterdam, Niederlande. Der Beitrag stammt aus "zeichen", Zeitschrift der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste, Ausgabe 1/2005. Weitere Informationen unter www.asf-ev.de.

Autorin
: Theresa Mühleisen
Erstellt: 2005


Literatur

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