Erinnerungskultur in den Niederlanden

XXV. Ein schweres Erbe

Die Nachkommen der Kollaborateure

Vught, internierte Kollaborateure
Kollaborateure in Vught 1945, Quelle: NA (900-4274)

Schon während der Besatzungszeit machte die niederländische Königin Wilhelmina deutlich, wie nach dem Krieg mit denjenigen, die mit den Deutschen zusammengearbeitet hatten, umgegangen werden sollte: „Ich sehe ein zusammengeschweißtes, unteilbares Vaterland, in dem alle Niederländer in Harmonie zusammenleben, bis auf die Handvoll Landesverräter, für die in den befreiten Niederlanden kein Platz mehr sein wird“, ließ sie die Niederländer 1941 über Radio Oranje, dem Widerstandsradiosender aus London, wissen.

Ob als Mitglied der NSB, der niederländischen nationalsozialistischen Bewegung, als Geschäftsmann, der an den Deutschen verdient hatte, als Frau, die mit einem deutschen Soldaten eine Beziehung eingegangen war, als Nachbar, der seine jüdischen Mitmenschen verraten hatte – sie alle hatten mit den Besatzern zusammengearbeitet und waren beim Großteil der Niederländer gefürchtet und gehasst.

Die genaue Anzahl derjenigen, die mit den Besatzern kollaboriert haben, lässt sich schwer beziffern. Auf ihrem Höhepunkt zählte die NSB 100.000 Mitglieder. Insgesamt 22.000 Niederländer waren der SS beigetreten.
Nach Kriegsende rächte sich die Bevölkerung an den Kollaborateuren. Während sich die ca. 250.000 bis 300.000 Kinder der Kollaborateure größtenteils nichts zu Schulden hatten kommen lassen, bekamen sie, ebenso wie ihre Eltern, die Rache der Gesellschaft am eigenen Leibe zu spüren.

Abrechnung mit den „Landesverrätern“

Nach der Befreiung entlud sich die Wut vieler Niederländer auf diejenigen, die im Krieg auf Seiten der deutschen Besatzer gestanden hatten. Frauen, die eine Beziehung zu deutschen Soldaten eingegangen waren, wurden als „Moffenmeiden“ beschimpft und kahlgeschoren. Mitglieder der NSB wurden durch die Straßen getrieben und öffentlich zur Schau gestellt. Sie wurden zusammengetrieben und zum Teil gemeinsam mit ihren Kindern interniert. Schulen oder andere öffentliche Gebäude dienten zunächst als provisorische Internierungslager. Später wurden die Kollaborateure unter anderem in den Lagern Amersfoort, Vught und Westerbork untergebracht, die im Krieg Durchgangs- und Konzentrationslager der Nationalsozialisten gewesen waren. Zwischen 120.000 und 150.000 Menschen wurden interniert. Die Umstände in den Lagern waren schlecht: Gewalt und Misshandlungen waren an der Tagesordnung, die medizinische Versorgung war minderwertig.

In fünf außerordentlichen Gerichtshöfen wurden die „Landesverräter“ schließlich zur Rechenschaft gezogen. 65.000 Menschen wurden verurteilt. 154 Todesstrafen wurden verhängt, von denen 40 vollstreckt und die übrigen in lebenslange Freiheitsstrafen umgewandelt wurden.

Eine schwere Zeit

Ab November 1945 durften auf militärischen Befehl hin keine Kinder mehr in den Lagern festgehalten werden. Sie wurden von ihren Eltern getrennt und kamen zu Familienangehörigen, bei Nachbarn oder in Pflegefamilien unter. Darüber hinaus wurden ca. 8.000 Kinder von Kollaborateuren in schätzungsweise 100 Kinderheimen untergebracht.

Die wenigsten von ihnen wurden in ihrem neuen „Zuhause“ liebevoll aufgenommen. Einige wurden als billige Arbeitskräfte missbraucht, viele empfanden sich als Belastung für ihre Gastgeber und fühlten sich lediglich geduldet. Ständig hörten sie, wie schlecht ihre Eltern seien.
Für die „politisch beschmutzte Jugend“, wie die Kinder der Kollaborateure genannt wurden, begann eine harte Zeit.

1948, als ein Großteil der Kollaborateure wieder freigelassen worden war, konnten auch die Kinder wieder zu ihren Eltern zurückkehren. Das Leben in der niederländischen Nachkriegsgesellschaft war nicht leicht für diese Familien. Ihre Besitztümer hatte man ihnen größtenteils genommen. Viele Familien kämpften mit finanziellen Schwierigkeiten, da die Eltern, wenn überhaupt, nur schlecht bezahlte Arbeit weit unter ihrem Niveau hatten finden können. Der Kontakt zu Familienangehörigen, die nicht mit den Besatzern kollaboriert hatten, war angespannt, wenn nicht sogar abgebrochen. Ähnliches galt für die Nachbarn.

Die Kinder der Kollaborateure wurden in der Schule nicht nur von den Mitschülern, sondern auch von den Lehrern gemobbt. In ihrer Freizeit wurden sie von den anderen Kindern gemieden. Für sie gab es keinen Platz im gesellschaftlichen Leben – nicht im Sportverein, nicht im Chor, nicht an Karneval und erst recht nicht am Befreiungstag. Sie waren ebenso wie ihre Eltern stigmatisiert und Außenseiter der Gesellschaft.

Für die Kinder war dies besonders schwer, verstanden sie doch häufig gar nicht, warum sie ausgegrenzt wurden. Hinzu kamen vielfach innerfamiliäre Schwierigkeiten wie Schweigen und Sprachlosigkeit, die aus der Kriegsvergangenheit der Eltern und ihrer Isolation in der Nachkriegsgesellschaft resultierten.
Tiefgreifende psychische, gesellschaftliche und körperliche Probleme waren die Folgen, mit denen viele Nachkommen von Kollaborateuren ihr Leben lang zu kämpfen hatten beziehungsweise haben.

Kinder deutscher Soldaten

Ähnlich erging es den Kindern, die aus einer Beziehung einer Niederländerin mit einem deutschen Soldaten hervorgegangen waren. Zu der Schande, unverheiratet Mutter geworden zu sein, kam die noch größere Schande, sich mit den Deutschen eingelassen zu haben. Ihre Mütter waren Landesverräter und sie selber der lebendige Beweis dieses Verrates.

Im Großteil der Fälle überdauerte die Beziehung der Eltern den Krieg nicht. Viele der Soldaten waren nach Kriegsende nach Deutschland zurückgekehrt oder an der Front gefallen.
Zahlreiche der zwischen 12.000 und 16.000 Kinder deutscher Soldaten und niederländischer Frauen wuchsen nicht bei ihren Müttern, sondern in Pflegefamilien oder Kinderheimen auf. Diejenigen, die von ihren Müttern großgezogen wurden, waren häufig der Anlass für Probleme innerhalb der neuen Beziehung ihrer Mutter.

Viele wurden im Ungewissen gelassen, was ihre eigentliche Herkunft betrifft. Ihr Vater sei tot, hieß es, und weiter herrschte Schweigen. Scham, Schmerz und Trauer, aber auch Wut begleiteten diese Kinder ein Leben lang. Auch sie hatten mit tiefgreifenden psychischen, gesellschaftlichen und körperlichen Problemen zu kämpfen.

Auf der Suche nach der eigenen Identität machten sich immer mehr Kinder deutscher Soldaten und niederländischer Mütter auf die Suche nach dem unbekannten Vater – zunächst im Stillen, mittlerweile auch immer mehr öffentlich. Nur ein Bruchteil von ihnen hat den Vater bis heute gefunden. Häufig ist lediglich der Name des Vaters bekannt oder erinnert ein verblichenes schwarz-weiß Foto an ihn. Eine erfolgreiche Suche bedeutet nicht automatisch, endlich den eigenen Vater kennenzulernen. Viele dieser Männer sind bereits verstorben.

Endlich anerkannt

Jahrzehntelang war in der niederländischen Erinnerungskultur kein Platz für die Kinder der Kollaborateure. Zu sehr war das Denken über den Zweiten Weltkrieg von Kategorien wie „goed“(gut) und „fout“ (schlecht/falsch) bestimmt und gelang es nicht, zwischen den Eltern, die mit den Besatzern kollaboriert hatten und ihren Nachkommen, die keine Schuld auf sich geladen hatten, zu unterscheiden.

Mit der Aufarbeitung des Zweiten Weltkrieges und dem steigenden Interesse an den Opfern der Judenverfolgung in den 60er Jahren stellten sich immer mehr Kinder von Kollaborateuren die Frage nach der Mitschuld ihrer Eltern, aber auch nach einer erblichen Vorbelastung.

Als in den 80er Jahren immer mehr die Nachkommen der Kriegsversehrten in den Blickpunkt des öffentlichen Interesses rückten, erkannten viele der Kinder von Kollaborateuren in den dargestellten Problemen und Schwierigkeiten ihre eigenen Probleme wieder, wagten aber nicht, ihr Schicksal mit dem der Kinder von Juden oder Widerstandskämpfern zu vergleichen.

1981 wurde die Werkgroep Herkenning (Arbeitsgruppe Wiedererkennung), eine Interessengemeinschaft von Kindern niederländischer Kollaborateure, gegründet. Ihr Ziel ist es bis heute, Nachkommen niederländischer Kollaborateure zu unterstützen und deren Leid öffentlich zu machen. Darüber hinaus will die Interessengemeinschaft die Emanzipation der Nachkommen von Kollaborateuren sowie die wissenschaftliche Forschung auf dem Gebiet fördern.

Mit der Gründung der Werkgroep Herkenning stieg in den 80er und 90er Jahren das öffentliche Interesse am Schicksal dieser Menschen. Es erschienen Interviews, Reportagen und Berichte; Betroffene veröffentlichten ihre Lebensgeschichte. Eine wissenschaftliche Untersuchung bescheinigte den Kindern der niederländischen Kollaborateure in den 90er Jahren ernsthafte psychische Probleme, die ähnlich seien, wie die der Kinder von Überlebenden des Holocausts oder der Kinder von Widerstandskämpfern. Somit erschien ihr Leid – zumindest wissenschaftlich – anerkannt.

In ihrer Weihnachtsansprache 1994 sprach auch Königin Beatrix unter anderem von den Wunden derjenigen, deren Eltern im Krieg auf der verkehrten Seite standen. Und 1995 nahmen die Kinder der Kollaborateure auf Einladung des Komitees 4. und 5. Mai erstmals an den Feierlichkeiten zum 4. Mai teil.

Wissenschaftliches Interesse

Von 2006-2008 untersuchte das renommierte NIOD (Niederländisches Institut für Kriegsdokumenation), das Institut, das zum Zweiten Weltkrieg in den Niederlanden forscht, erstmals das Schicksal der Kinder niederländischer Kollaborateure. Ein Meilenstein war in den Augen der Werkgroep Herkenning erreicht.

Im Forschungsprojekt „Kinderen van foute ouders in de periode 1945-60“ (Kinder kollaborierender Eltern in der Periode 1945-1960) wurde gezeigt, wie die niederländische Nachkriegsgesellschaft anhand der Kinder von Kollaborateuren auf die Fragen nach Schuld, Verantwortung und Buße reagierte. Neben den wissenschaftlichen Forschungszielen verfolgte das Projekt– mehr als 60 Jahre nach Kriegsende – auch das Ziel, das Schicksal der Kinder von Kollaborateuren zu enttabuisieren, indem das Schweigen gebrochen werden sollte.

Seit 2008 wird im Nachfolgeprojekt „Erfenissen van collaboratie“ (Das Erbe von Kollaboration) unter anderem untersucht, wie sich die Position der Kinder niederländischer Kollaborateure in der niederländischen Gesellschaft seit den 70er Jahren veränderte.

Das Schweigen brechen

Unbeschreibliche Scham ist ein Gefühl, dass viele dieser Kinder - mittlerweile längst erwachsen und selbst Eltern bzw. Großeltern - jahrelang aufgrund der eigenen Vergangenheit verspürt haben. Schweigen ob der eigenen Familiengeschichte war für den Großteil von ihnen der Weg, das Geschehene zu bewältigen. Niemand durfte und sollte von dem Stigma, das Kind eines Kollaborateurs zu sein, wissen. Selbst die Nachkriegsgenerationen innerhalb der eigenen Familie nicht. Man versuchte, sich anzupassen und möglichst nicht aufzufallen.

Nach und nach brechen immer mehr Nachkommen von Kollaborateuren ihr Schweigen. Das Verhalenarchief (dt. Geschichtenarchiv), ehemals Open Archief genannt, bietet Betroffenen die Möglichkeit, ihre Lebensgeschichte im Internet aufzuschreiben und – wenn gewünscht auch unter einem Pseudonym – öffentlich zugänglich zu machen.

Auch wenn innerhalb der niederländischen Gesellschaft heute der Konsens herrscht, man könne die Nachkommen der Kollaborateure nicht für das Verhalten ihrer Eltern bestrafen und sie seien nicht „schuldig geboren“, müssen sich die Betroffenen erst langsam von ihrem Stigma befreien. Zu tief sind die Wunden die jahrelanges Schweigen, tiefgreifende Schuldgefühle, Minderwertigkeitsgefühle und gesellschaftliche Isolation bei vielen von ihnen hinterlassen haben.

Autorin: Anne Avenarius
Erstellt:
Oktober 2009
Aktualisiert: Online-Redaktion, Juni 2015


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Diederichs, Monika: “Wie geschoren wordt moet stil zitten.” De omgang van Nederlandse meisjes met Duitse militairen, Amsterdam 2006.

Kromhout, Bas: Fout geboren. Het verhaal van kinderen van foute ouders, Amsterdam 2004.

Tames, Ismee: Besmette jeugd, Amsterdam 2009.

Personen

Informationen zu Personen im Bereich Geschichte Personen A-Z

Links

Wichtige geschichtliche Institutionen finden Sie unter Institutionen

Weitere Informationen in unserem Dossier Verfolgung von NS-Verbrechern

Weitere Informationen in unserer chronologischen Übersicht 1940-1945

Forschungsprojekt des NIOD Erfenissen van collaboratie

Werkgroep Herkenning

Het Verhalenarchief


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