Erinnerungskultur in den Niederlanden

XIX. Markt 12 Museum und Nationales Befreiungsmuseum

Versteck Museum Aalten
Versteck im Markt 24 Museum, Quelle: Markt 12 Museum Aalten

Als der Regierungspräsident von Münster, Dr. Twenhöven, zusammen mit dem Kommissar der Königin für die Provinz Gelderland, Dr. Kamminga, am 3. Dezember 2004 das Markt 12 Museum im niederländischen Aalten eröffnete, wurde wahr, was Jahrzehnte zuvor undenkbar gewesen wäre: In einem grenzüberschreitenden Projekt hatten niederländische und deutsche Projektpartner gemeinsam ein Museum zur deutschen Besatzungszeit in den Niederlanden errichtet. Ein Stück grenzüberschreitender Vergangenheitsbewältigung unweit der deutsch-niederländischen Grenze.

Markt 12 Museum

Markt 14, Aalten

www.markt12.nl

Erwachsene zahlen 5,00 Euro Eintritt, Rentner,
Studenten und Jugendliche (13-18 Jahre) zahlen 4,00 Euro. Für Kinder (4-12 Jahre) kostet der Eintritt 3,00 Euro. Unter 3-Jährige haben freien Eintritt. Genauso Inhaber einer Museumkaart.

Markt 12, so lautet die Adresse des Hauses am Markt in Aalten, in dem sich heute das Museum befindet. Aber das Gebäude am Markt in Aalten mit der Hausnummer 12 ist nicht irgendein Haus, sondern eines mit einer besonderen Geschichte. Während des Zweiten Weltkrieges war es nicht nur das Wohnhaus der Familie Kempink, sondern auch Sitz der deutschen Ortskommandantur, Zufluchtsort bei Bombenangriffen für die Menschen aus der Nachbarschaft und Versteck für jene, die vor den Nationalsozialisten hatten untertauchen müssen.

„Der ganze Krieg unter einem Dach“ – so beschreiben die Mitarbeiter von Markt 12 ihr Museum aufgrund der außergewöhnlichen Vergangenheit des Hauses. Es spiegelt anhand der Geschichten seiner Bewohner ganz unterschiedliche Aspekte des Krieges wider.

Grenzüberschreitendes Ausstellungskonzept

„Grenzüberschreitendes Ausstellungskonzept ‚Fremdenhass/Rassismus - Vergangenheit und Zukunft’ für Schulen“ ist der Titel des Euregioprojektes, in dessen Rahmen das Museum errichtet wurde. Das Königreich der Niederlande, das Land Nordrhein-Westfalen, die Provinz Gelderland sowie zahlreiche Städte und Gemeinden beiderseits der Grenze waren an dem Projekt beteiligt. Ziel war es, eine Ausstellung zu gestalten, durch die das Wissen über Fremdenhass, Rassismus und Faschismus vergrößert und für aktuelle Erscheinungsformen von Rassismus und Diskriminierung sensibilisiert werden konnte. Gemeinsam von Niederländern und Deutschen für Niederländer und Deutsche.
In einer zweijährigen Projektphase konnten die Renovierung des Gebäudes am Markt Nr. 12, ein Museumsneubau, die interaktive Ausstellung und museumspädagogische Programme für Schulen realisiert werden.

Zurück in die vierziger Jahre

Kommandantur Aalten
Kommandantur im Markt 12 Museum, Quelle: Markt 12 Museum Aalten

Der Besucher betritt das Museum durch die Hintertür des Hauses, so wie dies im Achterhoek zur damaligen Zeit üblich war und auch heute noch Gang und Gebe ist. Wer wie in einem klassischen Museum Vitrinen und Texttafeln erwartet, wird enttäuscht. Das Museum ist eingerichtet wie ein Wohnhaus zur Zeit des Zweiten Weltkrieges. Die interaktive Ausstellung ermöglicht es, das Museum auf eigene Faust zu erkunden. Dabei dienen Möbel als Informationsträger: Ob in den Töpfen der Küche, im Sessel im Wohnzimmer oder auf dem Bett im Zwischenzimmer – überall sind Informationen versteckt und laden den Besucher ein, sich auf die Suche nach der Geschichte des Hauses und seiner Bewohner zu begeben.

Die durchgängig zweisprachige (Niederländisch/Deutsch) Ausstellung zeigt bewusst nicht die Kriegshandlungen, sondern möchte anhand der Geschichten ganz unterschiedlicher Menschen deutlich machen, dass Krieg und Gewalt jeden einzelnen vor grundlegende Entscheidungen stellen, die weitreichende Konsequenzen für ihn und seine Mitmenschen haben. Dass dies nicht nur für die Menschen im Zweiten Weltkrieg galt, sondern auch heute nicht an Aktualität verloren hat – dieses Bewusstsein möchte das Museum gerade bei den jungen Besuchern schaffen. In einem heutigen Jugendzimmer, das in das Wohnhaus integriert ist, werden daher aktuelle Themen wie Zivilcourage, Rassismus und Menschenrechte thematisiert.

Im Versteck

Juden, politisch Verfolgte und Widerständler, die aufgrund ihrer Rasse oder Gesinnung in den besetzten Niederlanden ihres Lebens nicht mehr sicher waren, versuchten während des Krieges in verschiedenen Verstecken zu überleben. Hinzu kamen hunderttausende Männer, die untertauchten, um so der drohenden Zwangsarbeit zu entgehen und sich den Besatzern zu widersetzen. In Aalten waren es besonders viele. Hier gab es im Zweiten Weltkrieg prozentual gesehen die meisten untergetauchten Menschen in den Niederlanden: Auf ca. 13.000 Einwohner kamen ca. 2.500 Untergetauchte.

So auch Peter van Essen, ein junger Mann aus Rotterdam, der in Aalten untertauchte, als er den Aufruf bekam, in Deutschland Zwangsarbeit zu leisten. Anhand seines Tagebuches erfährt der Besucher von Markt 12 von seinem Leben im Versteck auf einem Bauernhof in Aalten.
Geht der Besucher weiter auf den Dachboden des Hauses, so findet er hinter einer Dachschräge das noch erhalten gebliebene Versteck Untergetauchter. Wer möchte, kann dort hineinkriechen und die Enge des kleinen Versteckes am eigenen Leibe erfahren. Geschichte erleben – darauf setzt das Museum mit seiner ungewöhnlichen Inszenierung.

Gemeinsam lernen

Nicht nur Museum zur deutschen Besatzungszeit in den Niederlanden, sondern auch ein Begegnungsort für Niederländer und Deutsche möchte das Markt 12 Museum sein. Schüler beider Länder erhalten die Möglichkeit, im Rahmen eines museumspädagogischen Programms die Vergangenheit gemeinsam aufzuarbeiten. In binationalen Teams arbeiten die Schüler in der Ausstellung. Auf Deutsch, Niederländisch oder Englisch kommunizieren sie miteinander.
Projektpartner bei diesem Projekt ist die grenzüberschreitende Polizeiwache in Dinxperlo. Nach dem Besuch des Markt 12 Museums besuchen die Schüler die Polizeiwache und informieren sich dort über die grenzüberschreitende Arbeit der deutschen und niederländischen Polizisten. So erfahren sie, was für die Polizisten dort mittlerweile Alltag ist: Niederländer und Deutsche arbeiten Hand in Hand.

Freiheit erleben

Nationaal Bevrijdingsmuseum 1944-1945

Wylerbaan 4, Groesbeek

www.markt12.nl

Erwachsene zahlen 10,00 Euro Eintritt, Kinder und Jugendliche (7-18 Jahre) zahlen 5,50 Euro. Zwei Erwachsene und zwei Kinder zahlen den Familienpreis von 25,00 Euro.
Für Studierende kostet der Eintritt 5,00 Euro.

„Erlebe die Freiheit“ lautet das Motto des Nationalen Befreiungsmuseums 1944-1945 in Groesbeek. Malerisch gelegen präsentiert es sich inmitten der Hügel im „Reich von Nimwegen“. Doch der Schein trügt. Wo heute das Museum steht, begann 1944 die Operation Market Garden. Der Ort Groesbeek wurde hart umkämpft und nahezu vollständig zerstört.

Tausende amerikanische Fallschirmspringer sind hier gelandet und so erinnert auch die einem Fallschirm nachempfundene „Roll of Honor“, in der der alliierten Opfer gedacht wird, an deren Landung. Fährt man durch die Hügel zum Museum, erblickt man die Kuppel des Fallschirms schon von weitem. Ein Symbol für die nahende Freiheit an historischer Stätte.

Das Museum ist 1987 errichtet worden. Seit 2000 stehen zusätzliche 700 Quadratmeter Museumsfläche zur Verfügung. Gezeigt werden im Museum nicht nur die Ereignisse um 1944-1945 sondern auch die Besatzungsjahre und die unmittelbare Nachkriegsgeschichte. Die eher klassische Ausstellung vermittelt in Form von Bildern, Fotos, Texten, Dioramen, Vitrinen und audiovisuellen Medien einen Einblick in die Jahre 1940-1945, die Befreiung der Niederlande und die Phase des Wiederaufbaus und der internationalen Zusammenarbeit nach 1945. „Warnung vor Faschismus, Diskriminierung und Intoleranz“ so lautet der Auftrag des Museums – für uns und für alle zukünftigen Generationen. Diesen Aspekt möchte das Museum gerade auch im Hinblick auf ein junges Publikum ausbauen. Um in Zukunft auch weiterhin Zehntausende Besucher pro Jahr begrüßen zu können, muss die permanente Ausstellung des Befreiungsmuseums überarbeitet und erneuert werden und um aktuelle Aspekte wie Freiheitsrechte und Demokratie erweitert werden. Das hat sich das Museum für die kommenden Jahre zum Ziel gesetzt.

Über Grenzen

Das Museum liegt im unmittelbaren Grenzgebiet. Keine 4 Kilometer entfernt befindet sich das deutsche Wyler. Kein Wunder also, dass deutsche Besucher eine wichtige Zielgruppe des Befreiungsmuseums sind. Das schlägt sich auch im Angebot des Museum nieder: Museumspädagogische Programme und Materialien stehen für unterschiedliche Zielgruppen auch auf Deutsch zur Verfügung.

Wo früher Niederländer und Deutsche einander feindlich gegenüberstanden, verläuft heute die Route der Euregio Freiheitswanderung. Die 20 Kilometer lange Route führt von Groesbeek über den deutschen Reichswald, durch Frasselt und Kranenburg. Hier erinnern - mal auf niederländischer, mal auf deutscher Seite – Denkmäler an die Operation Market Garden und die geschichtsträchtige Vergangenheit der Region. Den Abschluss der Wanderung bildet der Besuch im Befreiungsmuseum.

Seit 1987 finden in Groesbeek die sogenannten Freiheitsmärsche statt. Anlässlich der Gründung des Befreiungsmuseums wanderten Bürger erstmals zum Gedenken an Krieg und Befreiung durch das „Reich von Nimwegen“. 2007 führten diese Wanderungen zum ersten Mal über die gemeinsame Grenze. Unterstützt wird die Initiative von der Euregio. Geplant sind in Zukunft auch Startpunkte auf deutscher Seite. Gemeinsames Ziel für niederländische wie deutsche Teilnehmer wird auch dann das Befreiungsmuseum sein, wo ganz im Sinne des euregionalen Gedankens die Bedeutung von Freiheit und Menschenrechten für Niederländer wie Deutsche herausgestellt wird.

60 Jahre Freiheit

Das war auch in dem Euregioprojekt „60 Jahre Freiheit“ des Befreiungsmuseums der Fall, das anlässlich des 60. Jahrestages der Befreiung 2004 und 2005 initiiert worden war. Insgesamt 18 niederländische und deutsche Projektpartner von Geschichtsvereinen über Archive und Museen bis hin zur Volkshochschule waren an dem Projekt beteiligt, in dessen Rahmen das historische Erbe der Region Arnheim/Nimwegen und der Kreise Kleve und Wesel bezüglich des Zweiten Weltkrieges gesammelt und bewahrt und schließlich auf interaktive Weise für Deutsche und Niederländer präsentiert werden sollte.

In vier Teilprojekten wurden unter großer Beteiligung der Bevölkerung u.a. Zeitzeugenberichte aufgenommen und archiviert, Objekte und Dokumente gesammelt und archiviert, historische Orte und Stätten in der Region in einem Reisebuch vorgestellt und ein umfassendes Unterrichtspaket für die Schulen der Region erstellt.

Neben der Sicherung des Erbes war die Intensivierung und Stärkung der deutsch-niederländischen Beziehungen eines der Projektziele. Dass dieses Ziel erreicht worden ist, stellt Wiel Lenders, seit 2000 Direktor des Befreiungsmuseums nach Ablauf des Projektes fest: „[…] nie zuvor gab es eine so intensive Zusammenarbeit zwischen den Nachbarn in einem Euregio-Gebiet für das kollektive Gedächtnis des größten Konflikts der Weltgeschichte. Das hat den Weg gebahnt zum Bewusstsein einer gemeinsamen Vergangenheit und einer gemeinsamen Zukunft.“

Autorin: Anne Avenarius
Erstellt:
Oktober 2009
Aktualisiert: Online-Redaktion, Juni 2015


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Gerritsen, Simone: Geschichten, die bleiben. Erinnerungen in der Grenzregion, Groesbeek 2006.

Trost, Ralph: Museumgids/Museumsführer/Museums Guide Nationaal Bevrijdingsmuseum 1944-1945, Groesbeek 2006.

Trost, Ralph: Orte der Freiheit. Ein Reisebuch durch die Grenzregion, Groesbeek 2006.

Personen

Informationen zu Personen im Bereich Geschichte Personen A-Z

Links

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Markt 12 Museum

Bevrijdingsmuseum 1944-1945


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