Erinnerungskultur in den Niederlanden

XXIV. Hungerwinter

Interview mit David Barnouw, Historiker am Niederländischen Institut für Kriegsdokumentation (NIOD) und Autor des Buchs „Hongerwinter“

Wortel: Herr Barnouw, Sie schreiben in ihrem Buch, dass sich in die kollektive Erinnerung an den Hungerwinter auch Übertreibungen eingeschlichen haben. Inwiefern?

Barnouw: „Starke Geschichten gedeihen gut in Extremsituationen, also natürlich auch in Kriegszeiten. In den Niederlanden sind die Geschichten über den Zweiten Weltkrieg noch sehr präsent: Geschichten von der Heldenhaftigkeit der niederländischen Truppen in den Mai-Tagen 1940, der schonungslose Terror der deutschen Besatzung, die verräterischen Mitläufer, die Zahl der getöteten Rotterdamer beim Bombardement von 1940, der heldenhafte Widerstand, die Risiken, die man einging, um Juden zu helfen usw. Zeitzeugen des Krieges können die Wahrheit bewusst oder unbewusst verfälschen. Beim Hungerwinter gilt dies vor allem für das Bild des „schwedischen Weißbrotes“, das angeblich an kleinen Fallschirmen aus Flugzeugen geworfen wurde. Es ist nachweislich falsch – das Getreide aus Schweden kam viel früher mit dem Schiff – wurde aber doch ‚echt miterlebt’. Auch die Neigung, die Erfahrungen des Hungerwinters für alle Kriegsjahre gelten zu lassen, ist so ein Beispiel für die Vermengung von Erinnerungen, die die Mythenbildung gefördert hat.“

Wortel: Ist der Hungerwinter denn bloß ein Mythos?

Barnouw: „Nein, aber er ist in den ersten zehn, zwanzig Jahren nach dem Krieg zu Dimensionen aufgebauscht worden, die er de facto nicht hatte. Nicht jeder Niederländer hat Hunger gelitten – es hat wirklich nur den Westen betroffen, und die Menschen haben nicht den ganzen Krieg hindurch Tulpenzwiebeln gegessen, sondern nur in den letzten Monaten. Und auch nicht jeder: Wer Familie hatte und Bauern kannte, hat nicht gehungert. Die Opfer waren vor allem ältere Menschen und Kinder von Eltern, die keine guten Verbindungen hatten. In den Bildern von der Befreiung sieht man geschwächte, aber doch insgesamt gesunde, feiernde Menschen. Die, die es getroffen hat, lebten meist allein. Die lagen zu Haus in ihren Betten. Aber im kollektiven Gedächtnis ist hängen geblieben, dass alle Holländer fünf Jahre lang Hunger gelitten haben. Das stimmt einfach nicht. Bis September 1944 gab es genug zu essen. Zwar weniger Fett, Schokolade, Tee und Kaffee – aber das hat ironischerweise zunächst dazu geführt, dass die Menschen sehr viel gesünder ernährt waren. Der Hunger kam erst im Herbst 44. Doch das Bild von dem leidenden Volk, die vom Besatzer ausgeplündert wurde, bleibt in den Köpfen.“

Wortel: Hat sich in den letzten 60 Jahren etwas in der Erinnerungskultur verändert?

Barnouw: „Ja, es wird seit den siebziger Jahren weniger vom Hungerwinter gesprochen. Jahrzehntelang standen beim Gedenken an die Befreiung zwei Dinge zentral: Die Befreiung und der vorangegangene Hungerwinter. Aber diese Erinnerung ist eine ‚west-niederländische’. Das wurde erstmals deutlich, als vor zehn Jahren des 50 jährigen Kriegsendes gedacht wurde. Ab dem 14. September 1994 feierten die Provinzen Limburg, Nord-Brabant und später Zeeland. Es schien, als wollten die Menschen endlich zeigen, dass es mehr gab, als den 5. Mai in Nord- und Südholland. Man wollte endlich erzählen wie es damals war, als der Süden befreit wurde. Als die schwere Gefechte stattfanden und viele zivile Opfer fielen. Kein Hungerwinter als zentrales Thema. Im Gegenteil: Die eigene Geschichte.“

Wortel: Welche Rolle spielt der Holocaust im kollektiven niederländischen Kriegsgedächtnis?

Barnouw: „Eine sehr große – das ist die zweite Verschiebung in der Kriegs-Erinnerung. Allerdings hat es bis dahin über dreißig Jahre gedauert. In den siebziger Jahren rückte der Holocaust allmählich immer mehr in den Mittelpunkt, vor allem durch die Amerikaner, die ein Holocaust-Zentrum nach dem andren aufrichteten. Vielleicht ist diese Verschiebung hier in den Niederlanden erst passiert, als deutlich wurde, dass aus unserem Land ein höherer Prozentsatz von Juden ermordet worden war als aus Belgien oder Frankreich. Und das im oh so liberalen Holland, wo Juden sich doch so zu Hause fühlten. Das war ein Schock. Über alle Diskussionen ist inzwischen eins klar: Die Juden wurden durch den Zweiten Weltkrieg am schwersten getroffen. Das Argument, dass ein Kind seinen Teller leer essen soll, weil es ja früher den Hungerwinter gab, hört man kaum noch. Auschwitz dagegen hat als Warnung noch immer eine große Kraft. Das Bild von Auschwitz ist stärker als das des Hungerwinters.“

Autorin: Silke Wortel
Erstellt: n.n.


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Barnouw, David: „De Hongerwinter“, Hilversum 1999.

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