ERInnerungskultur in den Niederlanden

XXIII. "Es lebe die Freiheit" - Gedenkveranstaltung zum 60. Jahrestag des Attentats auf Adolf Hitler

Rede von Jan Peter Balkenende, niederländischer Ministerpräsidenten, anlässlich des Treuegelöbnisses von Rekruten der Bundeswehr in Berlin am 20. Juli 2004 (vorab veröffentliche Fassung)

Herr Bundespräsident, Herr Bundeskanzler, verehrte Hinterbliebene und Nachfahren der Attentäter und ihrer Mitstreiter, Exzellenzen, meine Damen und Herren!

Der 20. Juli 1944 ist ein besonderer Tag in der Geschichte Deutschlands und Europas. Das Attentat, das Claus Graf Schenk von Stauffenberg und seine Mitstreiter auf Adolf Hitler verübten, war eine Tat aus tiefer Überzeugung und Ausdruck großen Mutes. Von Stauffenberg und mit ihm viele andere mussten dafür den höchsten Preis zahlen. Noch am Abend des Attentats wurden er und drei Offiziere aus seinem engsten Umkreis hier im Bendlerblock standrechtlich erschossen. Seine letzten Worte sollen gewesen sein: „Heiliges Deutschland!“ Viele andere sind danach in Scheinprozessen verurteilt und in Plötzensee auf grausame Weise erhängt worden. Vor ihnen allen verneigen wir uns in Ehrfurcht. In unser Gedenken beziehen wir auch ihre Hinterbliebenen ein. Die historische Bedeutung des 20. Juli geht weit hinaus über das Gedenken an jene mutigen Offiziere und Zivilisten, die ihrem Gewissen folgten. Denn ihre Tat lenkte hier und in ganz Europa die Aufmerksamkeit auf das andere Deutschland.

Kreisauer Kreis

Jenes Deutschland, das für Kultur, Bildung und Rechtsstaatlichkeit stand. Jenes Deutschland, das sich nicht mit der Herrschaft einer Führung abfand, die sich der schlimmsten Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig machte. Der deutsche Widerstand gegen das Naziregime ist in den besetzten Ländern Europas sehr wohl wahrgenommen worden. Über die Grenzen hinweg gab es Kontakte zu den verschiedensten Strömungen innerhalb des deutschen Widerstands. Kontakte, die zum Teil schon vor der Besatzung geknüpft worden waren. Dazu gehörten Kirchen, politische Parteien, sozialistische und kommunistische Gruppierungen, aber auch Jugendverbände, Studenten, Diplomaten, Soldaten und ganz gewöhnliche Zivilisten. Solche Kontakte stellten für die Beteiligten auf beiden Seiten ein hohes Risiko für Leib und Leben dar. Sie nahmen es in Kauf – um eines höheren, europäischen Interesses willen. Auch Niederländer tauschten sich mit Geistesverwandten im deutschen Widerstand aus. In meinem Land denken viele an Oberst Hans Oster, der den niederländischen Militärattaché in Berlin – lange vor dem 10. Mai 1940 – mehrfach vor einem bevorstehenden Einmarsch deutscher Truppen in die Niederlande gewarnt hat. Vor und auch noch nach diesem Datum standen darüber hinaus deutsche Protestanten, Katholiken, Sozialisten und Kommunisten mit Niederländern in Kontakt, besonders in der Grenzregion.

Eine besondere Gruppe innerhalb des deutschen Widerstands, zu der auch Graf von Stauffenberg in Verbindung stand, war der Kreisauer Kreis. Er verdankte seinen Namen dem schlesischen Gut Kreisau des Grafen Helmuth James von Moltke, das als Treffpunkt diente. Dieses Forum war insofern etwas Besonderes, als seine Mitglieder ein breites Spektrum an kirchlichen und politischen Meinungsrichtungen vertraten. Gemeinsam machten sie sich Gedanken darüber, wie das neue Deutschland nach Hitler aussehen könnte und welchen Platz es in Europa einnehmen sollte. Interessanterweise beschäftigten sie sich mit konkreten Ideen für eine europäische Verfassung, die bis zum heutigen Tag aktuell sind. Diese zukunftsbewusste, europäische Orientierung führt uns die große historische Dimension des Attentats vom 20. Juli 1944 deutlich vor Augen.

Erlauben Sie mir, einige Passagen aus dem Europaplan des Kreisauer Kreises vom Herbst 1942 zu zitieren, in dem es um eine europäische Wertegemeinschaft und um neue Formen der institutionellen Zusammenarbeit geht. „Eine neue europäische Ordnung wird nur dann eine wirkliche Grundlage für eine Zusammenarbeit der europäischen Völker sein können, wenn sie sich auf einem gemeinsamen europäischen Ethos, einer Gemeinsamkeit der sittlichen Überzeugungen aufbaut.“ In dem Plan ist von einer europäischen Verfassung die Rede, die sicherstellt – und ich zitiere wieder –, „dass die Autonomie der einzelnen Glieder nicht unnötig stark beschnitten wird, damit diese ihre besonderen Funktionen im Rahmen des Ganzen schöpferisch und freiwillig erfüllen können.“ Darüber hinaus seien „europäische Verfassungsorgane“ nötig, die „eine wirkliche Führung der gemeinsamen europäischen Politik ermöglichen.“ Der Verfassungsvertrag der Europäischen Union, der in wenigen Monaten unterzeichnet wird, verwandelt die bestehenden Institutionen der Union in solche „europäischen Verfassungsorgane“. Er schreibt Freiheit, Solidarität und gegenseitigen Respekt als tragende Grundsätze der europäischen Wertegemeinschaft fest. Aller Europaskepsis zum Trotz ist die Einigung über den Verfassungsvertrag ein eindeutiger Beweis für den Optimismus und das Vertrauen in unsere gemeinsame europäische Zukunft und eine fundamentale Gewähr für die Freiheit unserer Bürger.

Skepsis und Zurückhaltung

Mitglieder des Kreisauer Kreises tauschten sich mit Niederländern auch über die Nachkriegsbeziehungen unserer beiden Länder und über deren Platz in Europa aus. Ich nenne hier Graf von Stauffenbergs Berater für auswärtige Angelegenheiten, den Diplomaten Adam von Trott zu Solz. Er war mit Willem Visser ’t Hooft befreundet, dem Generalsekretär des in Genf ansässigen Weltkirchenrats. Diese Freundschaft ermöglichte es ihm, während des Krieges mehrfach nach England und in die Niederlande zu reisen. In Gesprächen mit den niederländischen Diplomaten Patijn und van Roijen – Letzterer wurde übrigens nach Kriegsende Außenminister –, bat von Trott zu Solz um Unterstützung für die Pläne des Kreisauer Kreises für das neue Deutschland. Anfang Juli 1944, also kurz vor dem Attentat, trafen sie sich ein letztes Mal in Den Haag. Dabei schätzte Trott die Chancen auf einen Erfolg des Attentats auf 25 Prozent. Er wusste um die Gefahr, in die er sich begab. Nachdem das Attentat gescheitert war, wurde er zum Tode verurteilt und hingerichtet. Auf die diplomatischen Kontakte, die der Kreisauer Kreis zu knüpfen versuchte, reagierten die Niederlande und andere Länder mit Skepsis und Zurückhaltung. Sie waren aber ein Zeichen für das Fortbestehen des anderen Deutschlands. Das Attentat vom 20. Juli verstärkte dieses Bewusstsein. Niederländischen Widerstandskämpfern war klar, dass der Widerstand von Deutschen gegen das deutsche Regime etwas ganz Besonderes war. Schließlich hätte man ihn auch als Landesverrat betrachten können. Allein schon deshalb brauchte es zu diesem Widerstand außergewöhnlichen Mut und eine unbeirrbare Überzeugung.

Die Kontakte zwischen den Widerstandskämpfern in beiden Ländern und das Attentat vom 20. Juli bildeten eine wichtige Grundlage für die Wiederaufnahme der bilateralen Beziehungen im Nachkriegseuropa. Der bereits erwähnte Diplomat Patijn fasste dies wie folgt zusammen: „Auch deshalb war es nicht schwierig, nach dem Kriege Deutschland als Partner in die europäische Zusammenarbeit einzubeziehen, weil es auch eine deutsche Widerstandsbewegung gegeben hat, die in voller historischer Solidarität mit der Widerstandsbewegung in den besetzten Ländern gestanden hat.“ Das Verhältnis zwischen Deutschland und den Niederlanden hat sich nach dem Krieg schnell und gut entwickelt, trotz der Schatten, die die Jahre des Krieges und der Besetzung darauf geworfen hatten.

"Versöhnung als einzig gangbarer Weg"

Unsere Versöhnung gründet sich auf die Überzeugung, dass wir nie vergessen dürfen, was geschehen ist. Im Bewusstsein der Menschen in unseren beiden Ländern ist tief verankert, was diese Zeit für all jene, die damals Leid erfahren haben, bedeutet hat und bis zum heutigen Tag bedeutet. Die eindringliche Rede, die Bundespräsident von Weizsäcker am 40. Jahrestag des Kriegsendes 1985 im Bundestag gehalten hat, hat vielen meiner Landsleute noch einmal klar gemacht dass Versöhnung der einzig gangbare Weg ist. Dadurch ist es möglich, miteinander offen über den Krieg und seine Folgen zu sprechen. Und sich gemeinsam weiter für eine Zukunft in europäischer Verbundenheit einzusetzen. Im vergangenen Jahr habe ich bei einem Besuch des Deutsch-Niederländischen Korps in Münster die enge Verbundenheit unserer beiden Armeen aus nächster Nähe erlebt. Es ist für mich denn auch eine große Ehre, heute und an diesem Ort in Anwesenheit einer Abordnung der niederländischen Streitkräfte der Vereidigung deutscher Rekruten beiwohnen zu dürfen. Deutschland und die Niederlande arbeiten auf militärischem Gebiet eng und gut zusammen, in Europa und in anderen Regionen der Welt. Ein ausgezeichnetes Beispiel hierfür ist die gemeinsame Präsenz in Afghanistan im Rahmen der ISAF. Unsere beiden Länder befinden sich damit – innerhalb des transatlantischen Rahmens – in der Vorhut der europäischen Zusammenarbeit in den Bereichen Frieden und Sicherheit. Das Attentat vom 20. Juli 1944 steht nicht für sich allein. Es war ein bedeutendes Ereignis auf dem Weg zur europäischen Zusammenarbeit und Integration. Ein Ereignis in dunkler Zeit. Einer Zeit, in der die führenden Kräfte nichts von einer friedlichen Zusammenarbeit wissen wollten. Das macht die historische und moralische Bedeutung der Tat von Stauffenbergs und seiner Mitstreiter umso größer. Mit Ehrfurcht und tiefem Respekt gedenke ich ihres Mutes und ihres Einsatzes für die Zukunft Deutschlands und Europas. Ihr Tun hat in der europäischen Wertegemeinschaft des 21. Jahrhunderts nichts von seiner Bedeutung verloren.

Meine Damen und Herren, ich denke an die Worte eines anderen deutschen Kämpfers gegen das Naziregime: Ich denke an Hans Scholl, der Mitglied der Weißen Rose war.

Als er 1943 hingerichtet wurde, schallten seine letzten Worte durch das Gefängnis: „Es lebe die Freiheit!“ Lassen Sie uns nie vergessen, wer für die Freiheit – für unsere Freiheit – sein Leben gegeben hat.

Erstellt: Juli 2004


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