Erinnerungskultur in den Niederlanden

XIV. Nationales Monument Kamp Amersfoort


Vom Polizeigefängnis zur Gedenkstätte

Amersfoort, Lager bei der Befreiung
Lager Amersfoort nach der Befreiung, Quelle: NA (120-0599)

„Rosengarten“ nannten Bewacher und Häftlinge die 3 Meter mal 50 Meter große Fläche neben dem Appellplatz, die von einem hohen Stacheldrahtzaun umgeben war. Neuankömmlinge oder diejenigen, die in den Augen der Bewacher bestraft werden sollten, mussten hier bei Wind und Wetter stunden- manchmal sogar tagelang stillstehen – häufig ermüdet und entkräftet, ohne Wasser und Nahrung. Schon der kleinste Fehltritt konnte die Strafe erheblich in die Länge ziehen.

Das Polizeiliche Durchgangslager war berüchtigt für seine Grausamkeit. Als kleines und provisorisches Lager errichtet, hatte es in der Bevölkerung schnell den Ruf eines brutalen und menschenverachtenden Lagers erlangt. Während des Zweiten Weltkrieges waren hier mindestens 35.200 Menschen gefangen gehalten worden.

Wandmalereien

Die Wandmalerei im Museumspavillon der Gedenkstätte Amersfoort vermittelt einen Eindruck von der Größe und dem Aufbau des Polizeilichen Durchgangslagers. Darauf ist der zweigeteilte Lagerkomplex mit seinem SS-Bereich sowie dem Bereich für die Gefangenen aus der Vogelperspektive abgebildet. Drumherum Stacheldraht und Wachtürme. 1971 war die Wandmalerei bei Abrissarbeiten mit einer weiteren Malerei im ehemaligen Büro des Lagerkommandanten entdeckt worden. Beide Malereien, die aus dem Jahr 1944 datieren, gehören heute zu den wenigen Überresten des Polizeilichen Durchgangslagers Amersfoort.

Ursprünglich war das Lager Amersfoort ein militärisches Ausbildungslager der niederländischen Infanterie. Während der Besatzungszeit wurde es zunächst als Unterkunft für deutsche Truppen genutzt, bis es ab Frühjahr 1941 aufgrund zahlreicher Verhaftungen und überfüllter Gefängnisse zum polizeilichen Durchgangslager der Nationalsozialisten wurde. Es bestand - mit einer Unterbrechung - von 1941 bis 1945.

Polizeiliches Durchgangslager

In der ersten Periode des Lagerbestehens waren hier vor allem Menschen aufgrund ihrer religiösen und politischen Überzeugung inhaftiert. Die Gefangenen waren bis auf einige Ausnahmen männlich. Zu den wenigen Frauen, die hier eingesperrt waren, gehörte auch die Karmeliterin Edith Stein, die in den 90er Jahren heilig gesprochen wurde. Sie kam Anfang August 1942 nach Amersfoort. Von dort wurde sie über Westerbork nach Auschwitz deportiert, wo sie am 9. August 1942 ermordet wurde.

Das Leben der Häftlinge im Polizeilichen Durchgangslager war gekennzeichnet von Zwangsarbeit, Hunger, Gewalt und Misshandlung.  Vor allem jüdische Häftlinge und russische Kriegsgefangene waren den Schikanen der Bewacher ausgesetzt. Wegen seiner Grausamkeit besonders gefürchtet war Joseph Kotälla, der stellvertretende Lagerkommandant. Er sollte lange nach Kriegsende als einer der „Drei von Breda“ traurige Berühmtheit erlangen.

Anfang März 1943 wurde das Lager geräumt und die Gefangenen wurden in das neu errichtete Lager, Kamp Vught, gebracht. Im Mai 1943 wurde das erweiterte Lager als „Erweitertes Polizeigefängnis“ wiedereröffnet, nachdem immer mehr Niederländer zur Zwangsarbeit verhaftet worden waren und das dafür vorgesehene Lager Erika bei Ommen nicht ausreichte.

Nachkriegsgeschichte

Kurz vor der Befreiung durch kanadische Truppen wurde das Lager vom Roten Kreuz übernommen. Nach Kriegsende diente es vorübergehend als Auffanglager für die aus Deutschland heimgekehrten Niederländer und die ca. 800 Juden, die die Konzentrationslager überlebt hatten und in die Niederlande zurückgekehrt waren. Gleichzeitig, sehr zum Leidwesen der dort vorübergehend untergebrachten Opfer der Verfolgung durch die Nationalsozialisten, wurde es als Internierungslager für die Anhänger der niederländischen nationalsozialistischen Bewegung genutzt. Nach der Auflösung beider Lager diente es als Demobilisierungszentrum für die aus Indonesien zurückgekehrten Soldaten.

Kamp Amersfoort

Loes van Overeemlaan 19, Leusden


www.kampamersfoort.nl

Der Eintritt ist frei, eine Spende ist willkommen.

Bereits 1946 setzten sich ehemalige Häftlinge des Polizeilichen Durchgangslagers Amersfoort für die Errichtung einer Gedenkstätte auf dem Gelände des Lagers ein. 1950 konnte ein erstes provisorisches Denkmal – ein Holzkreuz an der Hinrichtungsstätte des Lagers – eingeweiht werden. Im Mai 1953 wurde es durch das von Frits Sieger, einem ehemaligen Häftling des Lagers, gestaltete Denkmal „Häftling vor dem Erschießungskomando“ (im Volksmund als der „Mann aus Stein“ bekannt) ersetzt.

Immer mehr Teile des Lagers wurden jedoch verändert oder vernichtet, bis das Lager letztendlich im Mai 1968 abgerissen wurde. Lediglich eine Baracke, in der eine Ausstellung entstehen sollte, ein Wachturm, sowie der Glockenstuhl der Appellglocke wurden auf dem Areal der Polizeischule, die 1969 das Gelände übernahm, neu aufgestellt. Neben den Wandmalereien sind sie die einzigen noch bewahrt gebliebenen Objekte, die von der dunklen Vergangenheit des Lagers zeugen.

Erst seit den 80er Jahren, anlässlich des 40. Jahrestages der Befreiung, rückte der Ort mit seiner Geschichte wieder in den Vordergrund. In den folgenden Jahren konnten ein Museumsgebäude und ein Gedenkgarten errichtet werden.

Stiftung Nationales Monument Kamp Amersfoort

Im März 2003 wurde die Stiftung Nationales Monument Kamp Amersfoort gegründet, die die Trägerschaft der Gedenkstätte übernahm. Ziel dieser Stiftung ist es, die Überreste des ehemaligen Lagers zu erhalten und zu einem Ort des Erinnerns, Gedenkens und der Besinnung zu machen sowie die Erinnerung an alle Opfer des Lagers wach zu halten.

Für Schüler stehen unterschiedliche pädagogische Angebote zur Verfügung. Besondere Bedeutung misst die Stiftung der Arbeit mit Angehörigen der Polizei und des Heeres bei. Das Gelände der Gedenkstätte wurde 2004 von dem der Polizeischule abgetrennt. Es umfasst heute einen Teil des alten Lagergeländes, auf dem das Besucherzentrum und ein Museumspavillon stehen, in dem besagte Wandmalereien der Häftlinge ausgestellt werden.

Autorin: Anne Avenarius
Erstellt:
Oktober 2009
Aktualisiter: Online-Redaktion, Juni 2015


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Frijtag Drabbe Künzel, Geraldien von: Kamp Amersfoort, Amsterdam 2003.

Pflock, Andreas: Auf vergessenen Spuren. Ein Wegweiser zu Gedenkstätten in den Niederlanden, Belgien und Luxemburg, Bonn 2006.

Benz, Wolfgang/ Distel, Barbara (Hrsg.): Terror im Westen. Nationalsozialistische Lager in den Niederlanden, Belgien und Luxemburg 1940-1945, Berlin 2004.

Personen

Informationen zu Personen im Bereich Geschichte Personen A-Z

Links

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Nationaal Monument Kamp Amersfoort

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