ERInnerungskultur in den Niederlanden


XII. Polarisierung, Historisierung und Differenzierung seit den achtziger Jahren *

Auch wenn die Moralisierung im Umgang mit der Vergangenheit nicht verschwand, zeigte sich ab Ende der siebziger Jahre sowohl in den Niederlanden als auch in der Bundesrepublik das Bedürfnis nach Versachlichung, Differenzierung und Nuancierung. 1981 erklärte Bundeskanzler Helmut Schmidt anläßlich eines Besuchs in Saudi-Arabien und deutscher Waffenlieferungen an dieses Land, daß die deutsche Politik der achtziger und neunziger Jahre nicht länger im Schatten der Vergangenheit stehen dürfe.

Kohl, Helmut
H. Kohl, hier 1983, Quelle: BArch (B 145 Bild-F065000-0002)/cc-by-sa

Sein Nachfolger Helmut Kohl setzte den Weg einer ,demonstrativen Normalität‘ in der Außenpolitik mit Nachdruck fort. Während eines Besuchs in Israel 1984 sprach er von der ,Gnade der späten Geburt‘, die für ihn (Geburtsjahr 1930), Gleichaltrige und die folgenden Generationen gelte. Gegen den von Kohl gebrauch-ten Begriff ist zwar inhaltlich nichts einzuwenden, da er nichts anderes bedeutet, als daß seine und die folgenden Generationen das zufällige und nicht selbst verdiente Glück hatten, aufgrund ihres Geburtsjahres frei von Schuld geblieben zu sein. Kohl erweckte in Israel aber den Eindruck, daß er „mit allen Mitteln des Wortes und der Körpersprache [...] über eine Hintertür den Ausgang aus der historischen Verantwor-tung in die tagespolitische Normalität suchte“, wie Michael Wolffsohn kritisch feststellte.[34] Ein vergleichbares Verlangen nach ,Normalität‘ lag Kohls Vorhaben zugrunde, 1985 zusammen mit dem amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan auf dem Soldatenfriedhof in Bitburg einen Kranz niederzulegen. Vom linken Flügel des politischen Spektrums wurde dem Bundeskanzler das Fehlen historischen Bewußtseins und moralischer Sensibilität vorgeworfen. So verkörperte er für viele kritische Beobachter innerhalb und außerhalb Deutschlands die in den achtziger Jahren wachsende Bestrebung, die NS-Vergangenheit ruhen zu lassen.

Das war sicherlich eine vereinfachte und undifferenzierte Wahrnehmung, aber die achtziger Jahre waren durch eine starke Polarisierung zwischen zwei scheinbar unversöhnlichen Lagern gekennzeichnet, zwischen konservativen ,Relativierern‘ auf der einen und einer Front von ,wahren Hütern‘ des belasteten historischen Erbes auf der anderen Seite. Auch im Historikerstreit wurde 1986 ein derartiges simples Schwarzweißbild des Relativierens und Verdrängens der NS-Vergangenheit einerseits und der schuldbewußten Betonung dieser Vergangenheit als Teil der deutschen Identität andererseits sichtbar. Die Wirklichkeit der achtziger Jahre war aber vielschichtiger und nuancierter, als viele damals meinten.

Nach der ersten Konfrontation mit der Vergangenheit gleich nach dem Krieg, der relativen Ruhe der fünfziger Jahre, der Durchbrechung dieser Ruhe ab etwa 1958 und dem moralisierenden Impuls der 68er-Generation war die Bundesrepublik in den achtziger Jahren auf der Suche nach einer neuen Standortbestimmung. Auf diesem Wege waren sicher wiederholt schrille Töne zu hören, und das Streben nach ,Normalität‘ machte zuweilen einen forcierten Eindruck. Aber daß die Diskussion über die Vergangenheit in dieser Zeit mit ihren vielen Gedenkjahren kontrovers ge-führt wurde, war im Grunde weniger beunruhigend, als es in der Hektik des politischen Alltags oft schien. Sicher strebten viele gut vierzig Jahre nach Kriegsende nach mehr Distanz gegenüber der Vergangenheit. Zweifellos suchten manche auch nach einem Notausgang aus der Geschichte. Aber die Intensität und der Verlauf der De-batte zeigten, daß dieser Notausgang nicht existierte und sich die NS-Vergangenheit – ob man wollte oder nicht –seit langem in die deutsche Identität ,eingebrannt‘ hatte. [35]

Am Ende der achtziger Jahre legte sich die Polarisierung, und es setzte sich im vereinigten Deutschland ein breiter Konsens durch, in dem die NS-Vergangenheit ein schwieriger, doch integraler Bestandteil deutscher Geschichte ist, der sich auch in Gegenwart und Zukunft nicht von der deutschen Politik und Gesellschaft lösen wird. Politische Moralisierung und Instrumentalisierung ließen nach, und die Vergangenheit wurde zunehmend historisiert betrachtet. Diese Versachlichung bedeutete keine Vereinheitlichung historischer Interpretationen oder das Ende von Kontroversen über die Vergangenheit und den Umgang mit ihr (man denke etwa an die Auseinanderset-zungen über die Wehrmachtausstellung und das Berliner Holocaust-Mahnmal), aber die frühere Kluft zwischen ,links‘ und ,konservativ‘ ist weitgehend verschwunden. Es hat sich, nicht nur unter Historikern, sondern auch in der breiteren Erinnerungskultur, eine Historisierung der NS-Vergangenheit durchgesetzt, die es möglich macht, den Nationalsozialismus in die Geschichte des 20. Jahrhundert einzuordnen und sich nicht nur mit den moralischen Fragen und Folgen jener Jahre zu beschäftigen. Wichtige Fragen nach dem Alltagsleben unter dem Hakenkreuz, nach dem Maß der Durchdringung der Bevölkerung durch die NS-Ideologie, nach Resistenz und nach den vielen Nuancen zwischen ,Gut‘ und ,Böse‘ waren in der Geschichtswissen-schaft bereits seit den siebziger Jahren gestellt worden. Inzwischen scheint es, als ob die nuancierten, differenzierten und manchmal sicherlich auch schockierenden Antworten auf solche Fragen ihren Platz in einem vielschichtigen kollektiven Ge-schichtsbewußtsein gefunden haben.

In der Bundesrepublik war es der Historiker Martin Broszat gewesen, der sich ab den siebziger Jahren für eine Historisierung eingesetzt hatte, in den Niederlanden plädierte Hans Blom in seiner vielbeachteten und immer wieder zitierten Antrittsvor-lesung 1983 für einen ähnlichen Weg. [36]  Blom stellte fest, daß sich die Geschichtsschreibung über die Besatzungszeit bis Anfang der achtziger Jahre zu sehr von moralischen Fragestellungen, von Themen wie Widerstand und Kollaboration, vom Unterschied zwischen ,Gut‘ und ,Böse‘ habe bestimmen lassen und daß Erneuerung not-wendig sei. Damit meinte er, daß die Geschichtsschreibung durch die moralische Perspektive von ,Gut‘ und ,Böse‘ in eine Sackgasse zu geraten drohte, weil sich dadurch viele wichtige Fragen nicht stellten – nicht zuletzt die Frage nach der Haltung der Mehrheit der Bevölkerung, die weder ,gut‘ (Widerstand) noch ,böse‘ (Kollaboration) gewesen war, sondern durch Anpassung versucht habe, zu überleben. Blom ging es um eine systematische Analyse der Entwicklung der Stimmung und der Men-talität unter der Bevölkerung zwischen 1940 und 1945, um international vergleichen-de Forschung (beispielsweise mit Blick auf die Frage, warum 75 Prozent der nieder-ländischen Juden umkamen, während dieser Prozentsatz in allen anderen westlichen Ländern viel niedriger war?) und um die Frage, ob die Besatzungszeit wirklich der bedeutende Bruch in der niederländischen Geschichte gewesen ist, der im kollekti-ven Geschichtsbild immer wieder hervorgehoben wird. Kurzum: Auch bei Blom ging es, genauso wie in Broszats Plädoyer für eine Historisierung der NS-Vergangenheit in Deutschland, um die Frage nach der Bedeutung jener Zeit in der niederländischen Geschichte. Bloms Plädoyer blieb nicht unwidersprochen, [37] aber es wurde schnell deutlich, daß der spätere Direktor des Nederlands Instituut voor Oorlogsdocumenta-tie (NIOD, die Nachfolgeorganisation des oben erwähnten RIOD) eine wegweisende Antrittsvorlesung gehalten hatte, die sowohl in der historischen Forschung als auch im breiteren kollektiven historischen Bewußtsein allmählich Spuren hinterließ.

Im kollektiven Bewußtsein kam der Durchbruch allerdings erst ein Jahrzehnt später, und zwar im Vorfeld der Gedenk- und Befreiungsfeier des Jahres 1995. Sollte ein halbes Jahrhundert nach 1945 nicht nach neuen Formen des Gedenkens gesucht werden, die auch Deutsche einbeziehen würden? Sollte nicht eine Verschiebung des Schwerpunktes angestrebt werden und anstelle der Niederlage Deutschlands der inzwischen gemeinsame demokratische Normen- und Wertekanon in den Mittelpunkt gestellt werden? Solche Fragen wurden 1994 häufig formuliert, und obwohl sich auf lokaler Ebene verschiedene deutsch-niederländische Initiativen entfalteten, ging der allgemeine Tenor dahin, daß der 4. und 5. Mai nationale Gedenk- und Feiertage bleiben müßten. Die niederländische Regierung, die zur Einbeziehung von Deutschen bereit war, verhielt sich vorsichtig und akzeptierte den ablehnenden Standpunkt des Nationaal Comité 4 en 5 mei. Statt den deutsch-niederländischen Beziehungen einen positiven Impuls zu geben, schien das Gegenteil der Fall zu sein: Der Ausgang der Gedenkdiskussion von 1994 bekräftigte letztendlich den Schatten, den die Besatzungszeit über die bilateralen Beziehungen warf, und auch in der Bundesrepublik hatte man registriert, daß die Niederländer lieber unter sich blieben. Dennoch hatte die Diskussion über das Gedenken einen positiveren Effekt, als es 1994 anfänglich schien. Zum ersten Mal hatte man so offen über ein gemeinsames deutsch-niederländisches Gedenken gesprochen, und verschiedene Gegner hatten zu erken-nen gegeben, daß sie nach 1995 solche Initiativen unterstützen würden. Von großer Bedeutung war, daß Königin Beatrix seit Ende 1994 die Diskussion in Richtung auf eine deutsch-niederländische Annäherung lenkte. In ihrer Weihnachtsansprache von 1994 erinnerte sie an den deutschen Widerstand gegen den Nationalsozialismus und trat für einen ehrlichen Rückblick in den Niederlanden selbst ein: „Der Widerstand war nicht allgemein; ja, die meisten entschieden sich dafür, so normal wie möglich weiterzuleben, in der Hoffnung selbst zu überleben. Sie schauten darum manchmal in die andere Richtung, wenn am hellen Tag düstere Dinge geschahen. Später trugen sie die verborgene Scham mit sich herum.“ Am Befreiungstag 1995 hielt sie auf der Gedenkversammlung im Ridderzaal in Den Haag den Niederländern vor, daß in Deutschland seit 1945 viele der eigenen Geschichte ,ohne mildernde Worte‘ ins Auge hätten blicken wollen. [38] So versuchte die Königin, das zugespitzte Bild von ,Gut‘ und ,Böse‘ über die Jahre 1940–1945 in zweierlei Hinsicht zu durchbrechen: sowohl hinsichtlich der nationalen Erinnerung an die Besatzungszeit als auch im Hinblick auf den Kontrast zwischen den ,guten‘ Niederlanden und dem ,bösen‘ Deutschland. Abschließend ist in diesem Zusammenhang das Symposium Vijftig jaar vrijheid, ideaal en identiteit [Fünfzig Jahre Freiheit, Ideal und Identität] zu nennen, das am 8. Mai 1995 in Anwesenheit von Königin Beatrix und Prinz Claus, Ministerpräsident Kok und anderer Kabinettsmitglieder stattfand. Ein deutsch-niederländisches Treffen war diese Gedenkfeier nicht geworden, aber unter den internationalen Rednern waren auch Deutsche, das Fernsehen übertrug live, und die Reaktionen waren überwiegend positiv.[39]

So war fünfzig Jahre nach 1945 in beiden Ländern eine Erinnerungskultur ge-wachsen, in der die Tabus und Legenden der vorangegangenen Jahrzehnte allmählich abgetragen worden waren. Die Ausgangslage war zwar in den Niederlanden und in Deutschland von Anfang an grundverschieden gewesen, doch die zu beantwortenden Fragen kreisten immer um die gleichen Themenkomplexe: Welchen Platz soll und kann diese Vergangenheit in der jeweiligen nationalen Identität einnehmen? Wie sind die Fragen nach Schuld und Verstrickung zu beantworten? Wie werden die Täter bestraft und die Opfer gesühnt? Wie werden die Erfahrungen mit der (überlieferten) Vergangenheit den nachfolgenden Generationen vermittelt? Was bedeutet ,Aufarbeitung‘ der Vergangenheit, wenn diese Vergangenheit immer mehr zur Geschichte wird und trotzdem nur sehr langsam an Aktualität verliert? Wie durchbricht man die Legenden und Mythen im kollektiven historischen Bewußtsein? Nicht nur die Fragen zeigten eine ähnliche Struktur, auch die Reihenfolge, in der sie nach 1945 gestellt wurden, weist eine vergleichbare Periodisierung auf. Inzwischen sind beide Länder in der Phase der Historisierung, die auf weitere Ähnlichkeiten und Parallelen in Vergangenheit und Gegenwart hinweist. Selbstverständlich sei damit nicht gesagt, beide Länder hätten eine ähnliche Erinnerungskultur oder sollten diese anstreben. Mehr als 50 Jahre nach dem Ende von Drittem Reich, Zweitem Weltkrieg und deutscher Besatzung ist in beiden Ländern jedoch von einer weitgehend enttabuisierten und entmythologisierten Konfrontation mit der Vergangenheit die Rede, und es kann – trotz der unterschiedlichen Ausgangslage – von einer Angleichung von Erinne-rungskulturen gesprochen werden, die auch dazu geführt hat, daß der jeweilige Umgang mit der Vergangenheit keine Belastung mehr für die politisch-psychologischen Beziehungen zwischen den Niederlanden und Deutschland bildet.


*  Der Beitrag ist erschienen in: Friso Wielenga/ Loek Geeradts: Jahrbuch des Zentrums für Niederlande-Studien (2001), Münster 2002.
[34]  M. Wolffsohn: Ewige Schuld? Vierzig Jahre deutsch-jüdisch-israelische Beziehungen, München 1989, S. 44.
[35] Chr. Meier: Vierzig Jahre nach Auschwitz. Deutsche Geschichtserinnerung heute, München 1990, S. 60.
[36] J.C.H. Blom: In de ban van goed en fout? Wetenschappelijke geschiedschrijving over de bezettingstijd in Nederland, in: Ders.: Crisis, Bezetting en Herstel. Tien studies over Neder-land 1930–1950, Den Haag 1989, S. 102-120.
[37] Vgl. ebd., S. 102.
[38] Siehe zu den Ansprachen Rijksvoorlichtingsdienst: Kersttoespraak van koningin Beatrix 1994 und Toespraak van koningin Beatrix tijdens de herdenkingsbijeenkomst in de Ridderzaal, 5 mei 1995; vgl. auch die Ansprache der Königin in der Knesset bei ihrem Staatsbesuch in Israel vom 27. bis 29. März 1995.
[39] Zu den Beiträgen für diese Veranstaltung vgl. Nationaal Comité 4 en 5 Mei/Instituut Clingendael (Hrsg.): Ideaal en identiteit. Een nieuwe zoektocht na 50 jaar vrijheid, Den Haag 1995.

Autor
: Friso Wielenga
Erstellt: 2002


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Vree, Frank van: In de schaduw van Auschwitz. Herinneringen, beelden, geschiedenis, Groningen 1995.

Blom, J.C.H. : Leiden als Warnung. Konstanten und Variablen im niederländischen Umgang mit der Besatzungszeit, in: N. Fasse u.a. (Hrsg.), Nationalsozialistische Herrschaft und Besatzungszeit. Historische Erfahrung und Verarbeitung aus niederländischer und deutscher Sicht, Münster 2000, S. 324.

Graml, H.: Die verdrängte Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, in: M. Broszat(Hrsg.): Zäsuren nach 1945. Essays zur Periodisierung der deutschen Nachkriegsgeschichte, München 1998, S. 169-183.

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