ERInnerungskultur in den Niederlanden


XI. Moralisierung und Emotionalisierung in den sechziger und siebziger Jahren *

Eichmann, Adolf
A. Eichmann 1940, Quelle: unbekannt

Um 1960 zeigte sich, daß der Zweite Weltkrieg noch viel näher war, als viele in den fünfziger Jahren gedacht hatten oder zuzugeben bereit gewesen waren. Die Phase des Wiederaufbaus ging zu Ende, die internationalen Beziehungen schienen einigermaßen stabilisiert, und es gab allmählich mehr Raum für Fragen, die man bis dahin selten gestellt hatte. Kennzeichnend für dieses wiederauflebende Interesse an den Kriegsjahren war die gegenseitige Beeinflussung über die Landesgrenzen hinweg. Ereignisse oder Debatten des einen Landes schwappten über in andere Länder und vermischten sich mit nationalen Diskussionen, die dort in Gang gekommen waren. Das bekannteste Beispiel dafür ist die Entführung Adolf Eichmanns aus Argentinien 1960 und der anschließende Prozeß in Jerusalem, der weltweit Aufsehen erregte.

Auch in Deutschland thematisierte man die NS-Vergangenheit nun wieder stärker. Nach einem aufsehenerregenden Prozeß gegen Mitglieder eines ehemaligen Einsatzkommandos, das in Litauen Tausende Juden ermordet hatte, wurde 1958 die Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Gewaltverbrechen gegründet. Diese Bundeseinrichtung hatte die Aufgabe, systematisch die NS-Verbrechen zu erforschen, die außerhalb des Territoriums der Bundesrepublik begangen und noch nicht verfolgt worden waren. Dank der Arbeit der Zentralen Stelle kam die beinahe zum Stillstand gekommene strafrechtliche Verfolgung von NS-Verbrechern wieder in Gang. Im Vergleich zu den fünfziger Jahren verdoppelte sich zwischen 1961 und 1965 die Zahl der Verurteilungen. Gleichzeitig wuchs um 1960 die Kritik daran, daß ehemalige Nationalsozialisten wichtige politische und gesellschaftliche Positionen innehatten. Kennzeichnend für diesen Wandel im politisch-gesellschaftlichen Klima war der zunehmende Druck auf Adenauer, sich von seinem Bundesvertriebenenminister Theodor Oberländer zu trennen. Oberländer, seit 1953 im Amt, hatte in den fünfziger Jahren noch wiederholt seine Sympathie für die frühere nationalsozialistische Sudetendeutsche Bewegung Konrad Henleins zum Ausdruck gebracht. Dies hatte ihn zu einem umstrittenen Minister gemacht. Lange Zeit hatte Adenauer seine Hand über ihn gehalten, aber im Frühjahr 1960 drohte diese Haltung auf den Bundeskanzler selbst zurückzufallen, womit Oberländers Schicksal als Minister besiegelt war. [23] Zum Jahreswechsel 1959/60 war die Bundesrepublik außerdem dadurch aufgeschreckt worden, daß man auf eine gerade wiedererrichtete Synagoge in Köln Hakenkreuze geschmiert hatte. Auch andernorts waren antisemitische Parolen aufgetaucht, und es erhob sich die Frage, ob Deutschland tatsächlich mit dem Antisemitismus gebrochen hatte. So unterschiedlich diese Ereignisse für sich genommen auch waren, sie läuteten doch eine Phase wachsenden öffentlichen Interesses und kontroverser Debatten im Umgang mit der NS-Vergangenheit ein. Der Frankfurter Auschwitz-Prozeß, die 1965 und 1969 im Bundestag über die Verjährung von Mord geführten Debatten und nicht zuletzt die kritischen Fragen vieler Jüngerer an ihre Eltern machten die sechziger Jahre unverkennbar zu einer Zeit, in der sich die Bundesrepublik stärker als zuvor der Konfrontation mit der Vergangenheit stellte. [24]

Die Protestbewegung der sechziger Jahre konnte auf der seit 1958 gewachsenen Offenheit gegenüber der nationalsozialistischen Vergangenheit aufbauen. Problema-tisch war allerdings, daß sich bei einem Teil der Protestgeneration in ihrer Auseinandersetzung mit der Vergangenheit die Unterschiede zwischen einst und jetzt verwischten. Ihr Widerstand gegen den Staat beruhte auf neomarxistischen Antifaschismus-Theorien, die eine bündig umfassende Erklärung für den Nationalsozialismus, den westlichen ,Imperialismus‘ und den ,repressiven‘ Charakter der bürgerlichen Demokratie zu bieten schienen. Diese Theorien verschmolzen Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft zu einem übersichtlichen Ganzen. Der Haken war jedoch, daß sie auf die Vergangenheit kaum und auf die Realität der Bundesrepublik Deutschland in den sechziger Jahren überhaupt nicht zutrafen. Trotz dieser Wirklichkeitsferne schlug sich der Beitrag der Protestgeneration aus den sechziger Jahren zur Auseinan-dersetzung mit der NS-Vergangenheit positiv nieder, denn er erweiterte die bereits gewachsene moralische Sensibilität. Viele Mitglieder dieser Bewegung setzten sich in einer stark moralisierenden, schuldbewußten, auf die Opfer gerichteten Haltung mit dem Dritten Reich auseinander. Damit unterschieden sie sich nicht nur von einem Großteil der älteren, sondern auch von einem Teil der nachfolgenden Generation, die mit einer größeren Distanz auf die Vergangenheit zurückblickte als viele ihrer Eltern.

Auch in den Niederlanden wuchs um 1960 das Interesse an den Kriegsjahren. Als Ausgangspunkt dieser Entwicklung gilt die oben bereits genannte Fernsehserie De Bezetting, die zwischen 1960 und 1965 ausgestrahlt wurde und 1966 innerhalb eines Jahres wiederholt wurde. Eingangs ist auch schon darauf hingewiesen worden, daß diese Serie wichtige Merkmale des niederländischen Umgangs mit der Besatzungs-zeit bestätigte: das nationale Selbstbild von ,Klein-aber-tapfer‘, das Leiden und die Vorbildfunktion des Widerstandes mit dem moralischen Unterschied zwischen ,Gut‘ und ,Böse‘. Gleichzeitig gab es Mitte der sechziger Jahre auch Kritik an diesem unkritischen Selbstbild. Der Publizist W.L. Brugsma charakterisierte Professor de Jong 1965 als ,Rijksbureauvooroorlogsdocumentatiekwezel‘ [Betschwester des Reichsbüros für Kriegsdokumentation], und Han Lammers, Redakteur der linken Wochenzeitung Groene Amsterdammer und ein Vertreter der Neuen Linken in der PvdA, machte kurzen Prozeß mit Lou de Jong, ,dem Süßlichen‘. Er rief zum Argwohn gegenüber der niederländischen Selbstgenügsamkeit und zur Erforschung der Kollaboration auf. [25] Dies forderten auch andere, und Jacques Pressers dramatische Beschreibung des Schicksals der niederländischen Juden (De ondergang, 1965) bekräftigte, wie berechtigt diese Forderungen waren. Das Buch Pressers schlug wie eine Bombe ein und führte in den Medien zu geschockten Betrachtungen über das Versagen der niederländischen Bevölkerung in der Besatzungszeit.[26] „Wer das Buch von Presser liest und wieder liest“, schrieb Lammers, „für den ist das Märchen zu Ende: Die Fabel der kleinen Niederlande, die sich so vorbildhaft gegenüber ,ihren‘ Juden verhalten haben.“ [27] Anders als in der Bundesrepublik waren die kritischen Fragen über Mitschuld und Kollaboration in den Niederlanden jedoch kaum ein Teil des Generationskonflikts, den die ,68er‘ in diesen Jahren austrugen. Gewiß erscholl auch aus der niederländischen Protestbewegung der Vorwurf, das ,Establishment‘ der sechziger Jahre habe bereits während der Kriegsjahre versagt. Und auch in den Niederlanden sahen sich die Kämpfer gegen die Ordnung als die wahren Erben des Widerstands aus der Kriegszeit. Von einer scharfen Auseinandersetzung über die Vergangenheit wie in der Bundesrepublik konnte aber keine Rede sein. Kritische Betrachtungen über passive Schuld zur Zeit der Besatzung kamen aus allen Altersgruppen, und die Protestgeneration blieb im Rahmen des Nachkriegs-Konsenses über die moralischen Lektionen, die aus der Besatzungszeit zu ziehen seien. Sie verstärkte sogar diesen Konsens und kultivierte die Vorbildfunktion des Widerstandes gegen die Nazis für den eigenen ,Antifaschismus‘. So ist das Ergebnis der Entwicklung der sechziger Jahre auch in den Niederlanden zwiespältig, wenn auch auf eine andere Art als in der Bundesrepublik: Einerseits gab es im kollektiven historischen Bewußtsein eine Ver-stärkung des bereits vorhandenen Bildes, andererseits wurde dieses Bild von einer kritischen Minderheit nicht länger akzeptiert. Paradoxerweise führte das nicht zu einer Relativierung, sondern zu einer Bekräftigung der moralischen Zweiteilung in ,Gut‘ und ,Böse‘ mit der Folge, daß von einer Differenzierung des kollektiven Geschichtsbildes noch keine Rede sein konnte. [28] Deutlich wurde dies auch in den verschiedenen Affären über die Vergangenheit öffentlicher Personen in diesen Jahren und in den Debatten darüber, die mit großer Emotionalität geführt wurden.[29]

Genauso wie in der Bundesrepublik und in anderen westlichen Ländern wurden in den Niederlanden in den sechziger Jahren neue Fragen gestellt. Im Gegensatz zu den fünfziger Jahren traten das Leiden der jüdischen Bevölkerung und der Mord an den Juden in den Vordergrund, und erst seitdem ist der Holocaust das zentrale Thema in der Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit und der Besatzungszeit. In den Niederlanden fällt außerdem auf, daß das individuelle Leiden einzelner Menschen in Vergangenheit und Gegenwart zunehmend thematisiert wurde. Als die Regierung Anfang der siebziger Jahre die letzten drei noch inhaftierten deutschen Kriegsverbrecher freilassen wollte, ging ein Sturm der Entrüstung durch die öffentliche Meinung, und als sich herausstellte, daß viele Überlebende der NS-Verfolgung eine Freilassung nicht ertragen könnten, setzte sich die Meinung durch, daß diese humanitären Überlegungen wichtiger seien als das Schicksal der lebenslänglich inhaftierten deutschen NS-Verbrecher. Dieses Argument sollte bis 1989 eine Freilassung blockieren. [30] Ebenfalls Anfang der siebziger Jahre zeigten sich bei vielen Überlebenden die psychischen Spätfolgen der Besatzungszeit, und auch in diesem Zusammenhang wurde deutlich, wie sehr das Schicksal einzelner Personen das Interesse von Politik und Gesellschaft auf sich zog. Damals kam der Begriff ‚KZ-Syndrom‘ für die ehemaligen Gefangenen der Nazi-Lager auf, die in Albträumen von ihren Erinnerungen heimgesucht und dadurch in ihrem täglichen Leben so beeinträchtigt wurden, daß sie arbeitsunfähig wurden. 1973 wurde ein Rentengesetz für Verfolgungsopfer verabschiedet, und im selben Jahr wurde eine spezielle Klinik (Centrum 40–45) zur stationären und ambulanten Behandlung von Patienten eröffnet, die unter psychischen Spätfolgen der Kriegszeit litten. [31] Genauso wie die verhinderte Freilassung der noch inhaftierten deutschen Kriegsverbrecher waren auch dies Zeichen politischer und gesellschaftlicher Anerkennung individueller Schicksale und Trauer, die in den Niederlanden seitdem zentraler Bestandteil der Erinnerungskultur geblieben sind.

Welche Folgen hatten diese Entwicklungen im Umgang mit der Vergangenheit für die bilateralen Beziehungen in den sechziger und siebziger Jahren? Das wachsende Interesse am Zweiten Weltkrieg seit Anfang der sechziger Jahre bedeutete, daß die Besatzungszeit wieder stärker in den niederländischen Deutschlandbildern in den Vordergrund trat. Der deutsche Botschafter in Den Haag berichtete 1960 an das Auswärtige Amt, die Wiederbelebung der Kriegserinnerungen sei für die Bundesrepublik nicht ohne Gefahren und würde zu einer neuen Versteifung der ohnehin ,nur wenig aufgetauten Haltung‘ gegenüber Deutschland und den Deutschen führen. Vor diesem Hintergrund wurde genauso wie Mitte der fünfziger Jahre auf Initiative der deutschen Botschaft hin eine Kampagne in Deutschland gestartet, um Zwischenfälle zu vermeiden. Über die Medien wurde die deutsche Bevölkerung informiert, daß man in den Niederlanden Anfang Mai Ereignissen gedenke, ,die eine besonders negative Beziehung zu Deutschland haben‘. Infolgedessen besuchten 1960 im Vergleich zu dem normalen Touristenverkehr nur wenige Deutsche in diesen Tagen die Niederlande, und denjenigen, die doch fuhren, bekamen beim Überschreiten der Grenze ein Papier mit einer Reihe von Informationen ausgehändigt, das auch einen Verhaltenskodex enthielt: keine Teilnahme an Gedenkversammlungen oder Befreiungsfeiern und kein Café-Besuch am Abend des 4. Mai. Erleichtert und nicht ohne Stolz berichtete der deutsche Botschafter nach den Gedenktagen an das Auswärtige Amt, daß nicht zuletzt aufgrund seiner Initiative Zwischenfälle ausgeblieben seien. Ob dies tatsächlich der Fall war, läßt sich nicht belegen. Allerdings kann man fest-stellen, daß er den Anstoß zu Maßnahmen gegeben hatte, die zweifellos vernünftig waren und im folgenden Jahr wiederholt wurden.

Auch Mitte der sechziger Jahre wurde wiederholt deutlich, wie sehr die (überlieferten) Besatzungserinnerungen Emotionen auf niederländischer Seite hervorrufen konnten. „Sehr beunruhigt wegen der Vergangenheit: Deutscher [...]“, notierte der niederländische Ministerpräsident Jo Cals Anfang Mai 1965 in seinem Tagebuch, nachdem Königin Juliana ihn darüber informiert hatte, daß Prinzessin Beatrix eine Romanze mit einem Deutschen hatte. Name und Hintergrund des Geliebten kannte Cals in diesem Moment noch nicht, aber allein die Nationalität ließ ihn das Schlimmste befürchten.[32] Diese ungute Vorahnung des Ministerpräsidenten sollte sich bewahrheiten. „Für uns ist es ein unerträglicher Gedanke, daß Prinzessin Beatrix einen Schritt zu tun beabsichtigt, der sie bald gemeinsam mit einem Deutschen, der in der Zeit unserer größten nationalen Not mit erhobenem Arm dastand und ,Heil Hitler‘ rief, zu den Gedenkversammlungen für unsere Toten führen wird“, hieß es in einer Erklärung ehemaliger Widerstandskämpfer. Auch auf der politischen Ebene gerieten manche auf Abwege. Im Sommer 1965 diskutierte die niederländische Regierung ausführlich über die Notwendigkeit, den Vornamen von Claus-Georg Wilhelm Otto Friedrich Gerd von Amsberg ins Niederländische zu übersetzen. Außen-minister Joseph Luns trat energisch für eine Änderung des Rufnamens ein, weil der Name Claus so ,typisch deutsch‘ sei, und er schlug den Namen ,George‘ vor. Obwohl Ministerpräsident Cals die Namensfrage als eine persönliche Angelegenheit von Amsbergs und der königlichen Familie ansah, erhielt Luns im Ministerrat genug Unterstützung für seinen Standpunkt. Daß ,George‘ kein niederländischer Name war, spielte keine Rolle, wohl aber schien von Amsberg offensichtlich akzeptabler, je mehr er ,entdeutscht‘ würde. So wurde Königin Juliana mitgeteilt, daß das Kabinett einen niederländischen Namen bevorzuge. Soweit sollte es schließlich dann doch nicht kommen: Claus blieb Claus, aber seine übrigen Vornamen sollten anläßlich der Einbürgerung ins Niederländische übersetzt werden. [33] Kennzeichnend für den ,Empfang‘ für von Amsberg war die Art und Weise, in der die niederländischen Medien ihn über seine Einstellung zum Dritten Reich befragten. Dabei ging es nicht nur um seine eigene Rolle in jenen Jahren – die objektiv gesehen überhaupt keinen Grund zur Aufregung gab –, sondern auch um die Frage, ob er aus niederländischer Sicht fähig und bereit war, sich die Lebenswelt der ,guten‘ Niederlande anzueignen. Bejahte man dies – und nachdem von Amsberg unter dem Joch eines niederländi-schen Kreuzverhörs bezüglich seiner Haltung zur NS-Zeit hindurchgegangen war, neigten viele dazu –, dann konnte sein deutscher Hintergrund allmählich verblassen, und dann war Akzeptanz möglich.

Der Umgang mit der NS-Vergangenheit in beiden Ländern war jedoch nicht nur eine Belastung für das bilaterale politisch-psychologische Verhältnis. Als 1969 Gustav Heinemann Bundespräsident wurde und Willy Brandt Bundeskanzler, waren aus niederländischer Sicht Vertreter des ,anderen‘ Deutschland an die politische Spitze getreten, die auch einen anderen Umgang der Bundesrepublik mit der NS-Vergangenheit einläuteten. Noch im Jahr seines Amtsantritts besuchte Heinemann die Niederlande, wo er in Amsterdam in der Hollandsche Schouwburg einen Kranz niederlegte. Das war eine offizielle Geste deutscher Reue an einem historischen Ort: In diesem früheren Theater hatte während der Besatzungszeit der Leidensweg für zehntausende Juden angefangen, war doch dieses Gebäude im östlichen Stadtteil von Amsterdam die Sammelstelle für die Juden gewesen, die deportiert werden sollten. Heinemanns eigene Vergangenheit als Mann der Bekennenden Kirche, seine religiös gefärbte Bußfertigkeit und seine moralischen Gesten machten den Besuch zu einem Erfolg – nicht zuletzt, weil sich in der niederländischen Öffentlichkeit die Einsicht durchsetzte, daß sich in Deutschland der Umgang mit der Vergangenheit veränderte. Ein Jahr später besuchte Willy Brandt Warschau und kniete am Mahnmal des War-schauer Gettos nieder. Die Bundesrepublik nahm Konturen an, die es vielen Niederländern erleichterten, ,Frieden‘ mit Deutschland zu schließen.

Für die sechziger und siebziger Jahre fallen erneut Ähnlichkeiten zwischen den Niederlanden und der Bundesrepublik im Umgang mit der jüngsten Vergangenheit auf. In beiden Ländern wurden neue Fragen gestellt, wurde der Mord an den Juden intensiv thematisiert und wirkten die Protestbewegungen jener Zeit als Katalysator in einem Prozeß der Enttabuisierung. Da dieser Prozeß auch mit Emotionalisierung und Moralisierung einherging und in den Niederlanden die Zweiteilung zwischen ,Gut‘ und ,Böse‘ weiter zementiert wurde, kam es auch im bilateralen Verhältnis wieder-holt zu Spannungen zwischen den ,guten‘ Niederländern und den ,bösen‘ Deutschen. Gleichzeitig wirkte sich die größere Offenheit in der Bundesrepublik hinsichtlich der NS-Zeit auch positiv im bilateralen psychologischen Verhältnis aus, wie aus der großen niederländischen Sympathie für Gustav Heinemann und Willy Brandt hervorgeht, die sich auch im Gesamtbild der Bundesrepublik und der Deutschen positiv niederschlug.


*  Der Beitrag ist erschienen in: Friso Wielenga/ Loek Geeradts: Jahrbuch des Zentrums für Niederlande-Studien (2001), Münster 2002.
[23]  Vgl. H.-P. Schwarz: Adenauer. Der Staatsmann: 1952–1967, Stuttgart 1991, S. 530.
[24] Vgl. Wielenga (wie Anm. 8), S. 51 ff.
[25] Van Vree (wie Anm. 1), S. 82.
[26] Vgl. C. Kristel: Geschiedschrijving als opdracht. Abel Herzberg, Jacques Presser en Lou de Jong over de jodenvervolging, Amsterdam 1998, S. 264 ff.
[27] Zitiert in: Bank (wie Anm. 9), S. 23.
[28] Für eine sehr zugespitzte und wenig untermauerte Einschätzung bezüglich der verstärkten Moralisierung in den sechziger Jahren siehe Chr. van der Heijden: Grijs verleden. Nederland en de Tweede Wereldoorlog, Amsterdam 2001.
[29] Für für eine Auflistung dieser Affären sieheChr. van der Heijden (wie Anm. 28), S. 391 f. Vor allem die Aantjes-Affäre, die 1978 zum Rücktritt des Vorsitzenden der Parlamentsfraktion des Christen-Democratisch Appèl wegen einer vermeintlichen ,Kriegs¬vergangenheit‘ und der Verheimlichung einer Mitgliedschaft in der Germanischen SS führte, ist ein Beispiel dieser emotionalisierenden Affären. Zur sog. Menten-Affäre vgl. J.C.H. Blom/ A.C.T. Hart/I. Schöffer: Eindrapport van de commissie van onderzoek betreffende het opsporings- en ver-volgingsbeleid inzake Menten vanaf de bevrijding tot de zomer van 1976 en de invloeden waa-raan dat beleid al dan niet heeft blootgestaan, Den Haag 1979. Über Weinreb erschien R. Grüter: Een fantast schrijft geschiedenis. De affaires rond Friedrich Weinreb, Amsterdam 1997.
[30] Vgl. hierzu ausführlich Wielenga: Vom Feind zum Partner. Die Niederlande und Deutschland seit 1945, Münster 2000, S. 276 ff.
[31] Vgl. I. De Haan: Na de ondergang. De herinnering aan de Jodenvervolging in Nederland 1945–1995, Den Haag 1997, S. 140 f.
[32] Vgl. Wielenga (wie Anm. 30), S. 340 ff.
[33] Auch die deutschen Ehemänner von Königin Wilhelmina und Prinzessin Juliana hatten bei ihrer Einbürgerung zwar niederländische Namen erhalten, aber der Tenor in der Diskussion um Claus von Amsberg war ein anderer: Ein deutscher Rufname könne die Akzeptanz von Ams-bergs in den Niederlanden erschweren.

Autor
: Friso Wielenga
Erstellt: 2002


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Vree, Frank van: In de schaduw van Auschwitz. Herinneringen, beelden, geschiedenis, Groningen 1995.

Blom, J.C.H. : Leiden als Warnung. Konstanten und Variablen im niederländischen Umgang mit der Besatzungszeit, in: N. Fasse u.a. (Hrsg.), Nationalsozialistische Herrschaft und Besatzungszeit. Historische Erfahrung und Verarbeitung aus niederländischer und deutscher Sicht, Münster 2000, S. 324.

Graml, H.: Die verdrängte Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, in: M. Broszat(Hrsg.): Zäsuren nach 1945. Essays zur Periodisierung der deutschen Nachkriegsgeschichte, München 1998, S. 169-183.

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