ERInnerungskultur in den Niederlanden


X. Die relative Ruhe der fünfziger Jahre *

Der gängigen Geschichtsauffassung zufolge bilden die fünfziger Jahre den Höhepunkt in der Verdrängung der nationalsozialistischen Vergangenheit in der Bundesrepublik. Nach dem Buchtitel der 1967 erschienenen psychoanalytischen Studie von Alexander und Margarethe Mitscherlich wäre diese Zeit der Höhepunkt der Unfähigkeit zu trauern. [11] Bei näherer Betrachtung ließe sich dieser Zeitraum jedoch zutreffender als Phase einer ,relativen Ruhe‘ kennzeichnen.[12] Kurz nach dem Krieg errichtete Denkmäler für die Opfer des Dritten Reiches verfielen, wurden abgebaut oder machten entpolitisierten Mahnmalen Platz, deren Inschriften aller Kriegsopfer gedachten. In den Schulbüchern waren die Abschnitte über die Verbrechen des Dritten Reiches kurz und allgemein gehalten, wobei die Verantwortung auf Hitler geschoben wurde und die vielen anderen Täter außerhalb des Blickfeldes blieben. Auch die Westmächte – nicht zuletzt die Niederlande – trugen zu dieser Entwicklung bei, indem sie unter Führung der Vereinigten Staaten auf die deutsche Wiederbewaffnung drängten, verurteilte NS-Verbrecher begnadigten und die Bundesrepublik 1955 als praktisch gleichberechtigten Partner in die westliche Gemeinschaft aufnahmen.

Familie Frank
Anne Frank und ihre Familie, Quelle: NA (092-0079)

Was die Einstellung gegenüber dem Dritten Reich betrifft, so ist das geistige Klima der fünfziger Jahre am besten durch die gesellschaftliche Reaktion auf zwei Bücher über diese Vergangenheit zu kennzeichnen. Vom Tagebuch der Anne Frank wurden zwischen 1950 und 1958 in der Bundesrepublik 700.000 Exemplare verkauft. Die Wirkung dieses Buches ist nach dem Historiker Hermann Graml mit der aufwühlenden Fernsehserie Holocaust aus dem Jahre 1979 zu vergleichen. [13] Dem steht jedoch gegenüber, daß Erich Maria Remarque für sein Manuskript Der Funke Leben über das Konzentrationslager Buchenwald nur mit großer Mühe überhaupt einen Verleger finden konnte. Als das schließlich doch gelungen war, stieß das Buch weitgehend auf Vorbehalte und verkaufte sich schlecht. Die verschiedenartige Aufnahme der beiden Bücher kennzeichnet die fünfziger Jahre treffend: Vielen Deutschen ging es nicht so sehr um ein ,Nicht-wahrhaben-Wollen‘ als vielmehr um ein ,Nicht-genau-wissen-Wollen‘ der deutschen Verbrechen. [14] In Anne Franks Tagebuch ist dem Leser die Tatsache, daß die Verfasserin ermordet wurde, zwar von Anfang an bewußt, aber die Greueltat selbst – stellvertretend für millionenfache weitere Verbrechen – bleibt implizit. Remarque dagegen beschreibt in Der Funke Leben das Grauen von Tod und Untergang in Buchenwald äußerst detailliert, und es sind Deutsche, die darin die Hauptrollen als Verbrecher spielen.

Auch für die Niederlande kann im Hinblick auf den Umgang mit dem Zweiten Weltkrieg von einer relativen Ruhe in den fünfziger Jahren gesprochen werden. Blom weist zurecht darauf hin, daß nach 1948 der Krieg als „direkte Inspirationsquelle für das tägliche Handeln“ in den Hintergrund trat und das Interesse für die Besatzungszeit hauptsächlich bei bestimmten Ereignissen aufflammte, dann aber immer wieder abebbte. [15] Wichtige Ereignisse waren selbstverständlich die jährliche Totenehrung am Abend des 4. Mai und – wenn auch von geringerer Bedeutung – die Feierlichkeiten anläßlich der Befreiung am nächsten Tag. Nach der ,Wiederbelebungsliteratur‘ der unmittelbaren Nachkriegszeit erschienen in den fünfziger Jahren die ersten wissenschaftlichen Studien über die Kriegszeit. Von großer Bedeutung und mit viel öffentlicher Aufmerksamkeit veröffentlichte das RIOD 1950, 1954 und 1960 wichtige Untersuchungen über drei Streiks aus der Besatzungszeit (Februar-Streik von 1941, April/Mai-Streik von 1943 und Eisenbahner-Streik von 1944). [16] Ein wichtiges Ereignis, dem viel Aufmerksamkeit zuteil wurde, war die Enthüllung des Nationaldenkmals am Amsterdamer Dam am 4. Mai 1956. Charakteristisch für das Klima dieser Periode war jedoch eher, daß die Regierung 1954 die Entscheidung traf, den Befreiungstag nur noch in einem ,runden‘ Fünfjahres-Rhythmus als arbeitsfreien Nationalfeiertag zu feiern. Ministerpräsident Dr. Willem Drees, nicht zuletzt bekannt wegen seiner Sparsamkeit, meinte in einer Kabinettssitzung dazu, daß zusätzliche Feiertage zu teuer seien und der Wiederaufbau dadurch gebremst würde. Sicherlich wurde der Befreiungstag weiterhin gefeiert, die Fahnen wurden gehißt, und die Medien widmeten den Kriegsjahren in den frühen Maitagen viel Aufmerksamkeit, aber Erinnern und Feiern durften nicht länger zu Lasten der Arbeitszeit gehen. Charakteristisch für diese Periode, in der vor allem nach vorne geschaut wurde, war auch, daß das Haus, in dem Anne Frank untergetaucht gewesen war, 1956 fast abgerissen wurde. Erst Ende der fünfziger Jahre ,entdeckte‘ man die historische Bedeutung dieses Hauses. Nun wurde es – mit finanzieller Unterstützung der Bundesrepublik – renoviert und 1960 als Museum in Gebrauch genommen.

Was bedeutete diese relative Ruhe in beiden Ländern für die bilateralen politisch-psychologischen Beziehungen? In der Bundesrepublik der fünfziger Jahre sprach nur noch eine kleine Minderheit über Schuld und Verantwortung, und das Interesse für die Folgen des Zweiten Weltkriegs in anderen Ländern war gering. Je mehr Früchte das Wirtschaftswunder abwarf und je mehr die Bundesrepublik ihre Stellung als Partner in der westlichen Gemeinschaft aufbauen konnte, desto mehr verwischte die Vergangenheit. Nicht Rückblick oder Bescheidenheit, sondern ein selbstbewußtes ,Wir-sind-wieder-wer-Gefühl‘ wurde zum Kennzeichen der Lebenseinstellung vieler Deutscher in den fünfziger Jahren. In den Niederlanden führte die relative Ruhe zu einem Klima, in dem die antideutschen Gefühle der unmittelbaren Nachkriegszeit zwar vorhanden blieben, aber eher unter der Oberfläche ruhten. In einem Klima, in dem man eher in die Zukunft als in die Vergangenheit blicken wollte, lag es näher, Deutschland instinktiv den Rücken zuzuwenden und diesem Land gegenüber psychologisch Abstand zu halten, als antideutschen Gefühlen breiten Raum zu geben. Hermann Opitz, in diesen Jahren Korrespondent in den Niederlanden für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, charakterisierte diese Stimmung einmal treffend mit folgenden Worten: „In bezug auf das deutsch-niederländische Verhältnis ist der Boden in Holland wie unterminiert. Wenn man behutsam auf ihm läuft, dann geschieht nichts. Aber das Hochgehen einer Mine bei einem unbedachten Schritt löst eine Kettenreaktion aus.“ [17] Anlaß seines Artikels war eine derartige Kettenreaktion, die während der Gedenktage 1954 ausgelöst worden war. Zum ersten Mal seit Kriegsende konnten Deutsche ohne Visum in die Niederlande, und viele Tausende fuhren Anfang Mai zur Tulpenblüte, wo sie mit Schildern und Flugblättern mit dem Text ,Deutsche nicht erwünscht‘ ,willkommen‘ geheißen wurden. Auf deutscher Seite führte dies zu Reak-tionen wie Boykott-Aufrufen niederländischer Produkte, und einige Wochen später berichtete der niederländische Wirtschaftsminister Jelle Zijlstra tatsächlich in einer Kabinettssitzung von annullierten Aufträgen für die niederländische Industrie. [18] Auch wenn der Sturm sich wieder schnell legte und keinen Einfluß auf die bereits normalisierten und intensiven Wirtschaftsbeziehungen ausgeübt hat, war klar geworden, daß es auf niederländischer Seite gerade während der Gedenktage eine besondere Empfindlichkeit gegenüber Deutschland und den Deutschen gab. Angesichts der Tatsache, daß die Gedenkfeier und die von vielen Deutschen geliebte Tulpenblüte naturbedingt immer zusammenfallen, wurde nach den Zwischenfällen von 1954 ein Jahr später in der deutschen Presse davor gewarnt, gerade um den 4. und 5. Mai in die Niederlande zu reisen. Das Thema war sogar in einer Kabinettssitzung der Bun-desregierung angesprochen worden, und danach hatte das Bundesverkehrsministeri-um in einem vertraulichen Rundschreiben an Reiseveranstalter davon abgeraten, in den ersten zwei Maiwochen ,Tulpenfahrten‘ zu organisieren. Die Bild-Zeitung schrieb: „Zehn Jahre sind eben draußen nicht so schnell vergangen wie bei uns. Daran müssen wir immer denken. Und dagegen ist kein Kraut gewachsen. Auch die Tulpen nicht.“ [19] Derartige Aufrufe erschienen in vielen Zeitungen. In der FAZ hieß es, daß „von unserer Seite nicht der Schein eines Anlasses gegeben werden darf, das Fest der Befreiung zu stören“. [20] Die Folge war, daß während der Gedenktage von 1955 Zwischenfälle ausblieben, weil die Niederlande – wie der deutsche Botschafter zufrieden an das Auswärtige Amt berichtete –„von deutschen Touristen, dank der vorbildlichen Aufklärungsarbeit der deutschen Presse, wie leer gefegt (waren).“ [21]

Sowohl in den Niederlanden als auch in der Bundesrepublik ist im Hinblick auf den Umgang mit der NS-Zeit und dem Zweiten Weltkrieg in den fünfziger Jahren von einer Phase der relativen Ruhe die Rede. Daß in beiden Staaten vor allem nach vorne geblickt wurde, bedeutete jedoch keine inhaltlichen Ähnlichkeiten der Erinnerungskulturen in beiden Ländern. Wie Hermann von der Dunk es in einem Bonmot zusammengefaßt hat, war in Deutschland nach 1945 keiner in der Partei und in den Niederlanden jeder im Widerstand gewesen. [22] So wundert es nicht, daß es in den fünfziger Jahren wiederholt zu Zwischenfällen und Mißverständnissen kam, wenn die beiden Erinnerungskulturen aufeinanderprallten.


*  Der Beitrag ist erschienen in: Friso Wielenga/ Loek Geeradts: Jahrbuch des Zentrums für Niederlande-Studien (2001), Münster 2002.
[11]  A. und M. MITSCHERLICH, Die Unfähigkeit zu trauern. Grundlagen kollektiven Verhaltens, München 1967.
[12] Vgl. H. LÜBBE, Der Nationalsozialismus im deutschen Nachkriegsbewußtsein, in: Historische Zeitschrift, Bd. 236 (1983), S. 579-599.
[13] H. GRAML, Die verdrängte Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, in: M. BROSZAT (Hrsg.), Zäsuren nach 1945. Essays zur Periodisierung der deutschen Nach¬kriegsgeschichte, München 1998, S. 169-183.
[14] Analog zu Norbert Freis Typisierung über den Umgang mit der Shoah in den fünfziger Jahren; vgl. U. HERBERT/O. GROEHLER, Zweierlei Bewältigung: Vier Beiträge über den Umgang mit der NS-Vergangenheit in den beiden deutschen Staaten, Hamburg 1992, S. 71.
[15] BLOM (wie Anm. 2), S. 326.
[16] Vgl. BANK (wie Anm. 9), S. 11 ff.
[17] Das Horst-Wessel-Lied wurde nicht gesungen, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.06.1954.
[18] Vgl. F. WIELENGA, West-Duitsland: Partner uit noodzaak. Nederland en de Bondsrepubliek 1949–1955, Utrecht 1989, S. 345 f.
[19] Durch die Blume ..., in: Bild-Zeitung, 29.03.1955.
[20] Interessanterweise wurde durch die niederländische Tourismusbranche im Anzeigenteil der gleichen Ausgabe der FAZ für einen Besuch der ,Tulpenblüte‘ geworben, und Mitte April hatte die niederländische Bahn deutsche Journalisten für einen Besuch des Keukenhof eingeladen, damit noch mehr Besucher aus der Bundesrepublik anreisen würden. Wirtschaftsinteressen und psychologische Empfindlichkeiten sind unterschiedliche Größen, wie auch schon direkt nach der Befreiung von 1945 deutlich geworden war. Damals hatte sich eine übergroße Mehrheit der Bevölkerung in Umfragen einerseits für eine schnelle Wiederherstellung der Wirtschaftskon-takte zu Deutschland ausgesprochen, weil diese für den niederländischen Wiederaufbau unab-dingbar war, sich aber andererseits als ,deutschunfreundlich‘ eingestuft.
[21] Zitiert in WIELENGA (wie Anm. 18), S. 353.
[22] H.W. VON DER DUNK, Die Niederlande und die Konfrontation mit dem nationalsozialistischen Deutschland, in: DERS./H. LADEMACHER, Deutsch-Niederländische Nachbarschaft. Vier Bei-träge zur politischen Kultur, Münster 1999, S. 132.

Autor
: Friso Wielenga
Erstellt: 2002


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Vree, Frank van: In de schaduw van Auschwitz. Herinneringen, beelden, geschiedenis, Groningen 1995.

Blom, J.C.H. : Leiden als Warnung. Konstanten und Variablen im niederländischen Umgang mit der Besatzungszeit, in: N. Fasse u.a. (Hrsg.), Nationalsozialistische Herrschaft und Besatzungszeit. Historische Erfahrung und Verarbeitung aus niederländischer und deutscher Sicht, Münster 2000, S. 324.

Graml, H.: Die verdrängte Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, in: M. Broszat(Hrsg.): Zäsuren nach 1945. Essays zur Periodisierung der deutschen Nachkriegsgeschichte, München 1998, S. 169-183.

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