Entwicklungszusammenarbeit seit 1945


XXVI. Porträt: Minister J.P. Pronk

Pronk, Minister
Minister Pronk, Quelle: NA (929-0560)

Nachdem Jan Pronk 1973 im Kabinett Den Uyl zum Minister für Entwicklungshilfe berufen wurde, war er als prominentes Mitglied von Nieuw-Links in der Partij van de Arbeid (PvdA) bald so etwas wie ein entwicklungspolitisches enfant terrible. Seine Unterstützung für die sogenannten Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt und vor allem für Kuba unter Fidel Castro stießen auf harsche Ablehnung in konservativen Kreisen. Die Radikalität Pronks mag im Lauf der Jahre nachgelassen haben, aber er blieb ein lautstarker Anwalt für die Anliegen der Entwicklungsländer und stellt heute so etwas wie den großen alten Mann der niederländischen Entwicklungspolitik dar. Pronks wissenschaftliche und politische Karriere begann 1965 als Mitarbeiter von Professor Tinbergen im Centrum voor Ontwikkelingsprogrammering an der Nederlandse Economische Hogeschool te Rotterdam und dann bis Mai 1971 als Mitarbeiter am Nederlands Economisch Instituut (NEI). Zugleich war er Berater in Fragen der Entwicklungszusammenarbeit für den Wereldraad van Kerken. Von Mai 1971 bis 1973 saß er für die PvdA in der Zweiten Kammer der Generalstaaten.

Mit 31 Jahren Minister

Dann wurde J.P. Pronk im Alter von 31 Jahren am 11. Mai 1973 Minister für Entwicklungszusammenarbeit und blieb bis zum 19. Dezember 1977 im Amt. Von seinen Vorgängern übernahm der das Konzept der Schwerpunktländer, setzte jedoch mit der Ausweitung auf Burkina Faso, Nordjemen, Sri Lanka, Jamaika und vor allem Kuba neue ideologisch geprägte Akzente. In diesem sozialistischen Sinn war Pronk auch eine treibende Kraft bei der Überantwortung Surinames in die Unabhängigkeit 1975. Sein Ressort blieb mit der Erfüllung des Hilfsversprechens von 3,5 Milliarden Gulden an die neue Regierung in Paramaribo lange in der Pflicht, diese Gelder angemessen auszuschütten. Im Jahr 1975 setzte Pronk durch, dass die staatliche niederländische Entwicklungshilfe auf 1,5 % des Bruttosozialprodukts anwuchs. Nach dieser Amtszeit als Minister – der ersten in einer langen Karriere –spielte Pronk auf der internationalen entwicklungspolitischen Bühne mit: Er war Mitglied der Independent Commission on International Development Issues, der Nord-Süd-Kommission unter dem Vorsitz von Willy Brandt, die 1980 ihren ersten Bericht vorlegte. Von 1980 bis 1986 war Pronk stellvertretender Generalsekretär der United Nations Conference on Trade and Development (UNCTAD).

"Umweltfragen nur ein Aspekt nachhaltiger Politik"

Vom 7. November 1989 bis zum 3. August 1998 leitete J.P. Pronk zum zweiten Mal das Ressort Entwicklungshilfe. Nach dem weltweiten Umbruch von 1989/90 legte er in seiner Nota Een wereld van verschil von 1990 den Schwerpunkt auf die Armutsbekämpfung und nahm die Themenfelder Frauenförderung und Ökologie neu auf. 1992 führte Pronks Kritik an der Menschenrechtspolitik Indonesiens dazu, dass das Suharto-Regime die entwicklungspolitische Zusammenarbeit mit den Niederlanden beendete (die Wiederaufnahme erfolgte nach der Finanzkrise von 1997). Wieder ein Angriffspunkt für die konservative Seite, welche freundschaftliche Beziehungen zu Indonesien als ein erhaltenswertes hohes Gut betrachtete. Im letzten violetten Kabinett befasste sich J.P. Pronk vom 3. August 1998 bis zum 22. Juli 2002 als Minister van Volkshuisvestiging, Ruimtelijke Ordening en Milieubeheer (VROM) aus einem anderen Blickwinkel mit Entwicklungsfragen. Im Jahr 2000 erhielt er viel Lob für die Leitung und Verhandlungsführung während der sechsten Klimakonferenz in Den Haag. Auch die Leitung der Folgekonferenz 2001 in Bonn lag bei Pronk, dort war er maßgeblich an der Übereinkunft über die Ausarbeitung des Kyoto-Protokolls beteiligt. Ab Oktober 2001 war J.P. Pronk besonderer UN-Gesandter für nachhaltige Entwicklung und Berater von Kofi Annan und damit in die Vorbereitungen der UN-Konferenz zur nachhaltigen Entwicklung eingebunden, die im März 2002 in Johannesburg stattfand. In diesem Zusammenhang wies Pronk darauf hin, dass Umweltfragen nur ein Aspekt nachhaltiger Politik sein sollten: „Auf das Konto von spezifischen Umweltthemen ist zwar Fortschritt zu verbuchen, aber wenn es um Armutsfragen geht, hat das Vorwärtskommen stagniert oder ist sogar einen Schritt zurückgegangen. Deswegen wird es eine Katastrophe, wenn es in Johannesburg nur um die Umweltpolitik geht. Es muss genauso um die Probleme von Menschen in Entwicklungsländern gehen, und das sind in erster Linie keine Umweltprobleme. Sie haben ihre eigenen Sorgen in Bezug auf die Nachhaltigkeit: dafür muss auf jeden Fall Raum sein.“

Moralischer Zeigefinger

Im Sommer 2002, nach der Degradierung des Ministeramts für Entwicklungshilfe zu einem Staatssekretärsposten im neuen Kabinett Balkenende, erhob der Idealist und Internationalist Pronk noch einmal den moralischen Zeigefinger, als er von der Zeitschrift De Groene Amsterdammer interviewt wurde: „In unserem Poldermodell ist jedes Interesse vertreten, ausgenommen das der Dritten Welt.“ Im Mai 2002 war Pronk nicht ins Parlament zurückgekehrt, weil er jüngeren Politikern eine Chance geben wollte. In diesem Jahr gingen höchste UN-Weihen an Pronk vorbei, denn im Oktober 2002 machte R. Lubbers mit der Ernennung zum Hohen Flüchtlingskommissar der UNO das Rennen. J.P. Pronk kehrte in die akademische Welt zurück: seit dem 1. Januar 2003 ist er Professor für Theorie und Praxis der internationalen Entwicklung am Institute of Social Studies (ISS) in Den Haag.

Autorin: Esther Helena Arens
Erstellt: Dezember 2004
Aktualisiert: Februar 2018, Henrike Post


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Everts, Ph.P. (Hrsg.): Controversies at Home. Domestic Factors in the Foreign Policy of the Netherlands. Dordrecht/Boston/Lancaster 1985.

Hoebink, P.: Of Merchants and Ministers. A Short History of the Foreign Aid Programme of the Netherlands, in: Schuurman, F.J. (Hrsg.): Current Issues in Development Studies. Global Aspects of Agency and Structure, Saarbrücken 1994, 125-156.

Reef, J.: Die Niederlande im internationalen System. Fallstudien zum Einfluss eines Kleinstaates, Münster 1995.

Baehr, P.R.: Problems of Aid Conditionality. The Netherlands and Indonesia, in: Third World Quarterly 18 (1997), 363-376.

Personen

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