Entwicklungszusammenarbeit seit 1945


XVIV. Öffentlichkeitsarbeit mit Blick auf die Zukunft - Von Partner und Konsumenten

Ökonomie und Ethik

Fair Trade Obst
Fair Trade Obst, Quelle: FairTradeNL/cc-by-nc-nd

Ein niederländischer Entwicklungspolitiker hat den Entwicklungssektor des Jahres 2003 als geschlossene Subkultur beschrieben, die erst allmählich über den Tellerrand schaut. Positiv vermerkte er die Kooperation zwischen der Entwicklungsorganisation ICCO (Interkerkelijke Coördinatiecommissie Ontwikkelingsprojecten) und der Firma Ahold mit dem Ziel, in Ghana eine Kosmetiklinie aufzubauen. Die Zusammenarbeit sah er als eine Möglichkeit, die Kluft zwischen ökonomischen und ethischen Argumenten gegen Entwicklungshilfe zu überwinden. Daran arbeitet auch die Organisation hinter dem Gütezeichen Max Havelaar, die tropische Produkte wie Kaffee und Schokolade zu einem fairen Preis für die Produzenten über den niederländischen Einzelhandel vertreibt.

Konsum und Entwicklungspolitik

Produktionsbedingungen- und möglichkeiten sind das eine, Kaufentscheidungen das andere. Das Ressort für Entwicklungszusammenarbeit (in den Niederlanden im Außenministerium angesiedelt) geht davon aus, dass in Zeiten weltweiter Vernetzung und zunehmender wirtschaftlicher Liberalisierung Entwicklungspolitik nicht allein von Wählern bestimmt wird, sondern auch von Konsumenten beeinflusst werden kann. In diesem Sinn bemüht sich auch die Öffentlichkeitsarbeit um die Aufklärung. Im Sommer 2003 widmete die Zeitschrift IS – Internationale Samenwerking der oftmals unsichtbaren, aber doch engen Verbindung von Entwicklungsfragen und Alltagsentscheidungen zwölf buntgestaltete Seiten: „[...] das Ausland – auch Entwicklungsländer – kannst du im eigenen Haus ohne Probleme finden. Prinzessbohnen? Aus Äthiopien. Schokolade, Mangos? Elfenbeinküste. Dein Handy? Funktioniert nicht ohne Coltan. Colwas...? Coltan, seltenes Metall aus dem Urwald in Kongo. Das schöne Batiktuch, gekauft in Egmond an Zee oder auf Ibiza? Kopie eines indonesischen Originals. Möglicherweise in Indien hergestellt ... Kurzum, die Dritte Welt liegt näher als du denkst.“

Handels- und Verhandlungspartner im 21. Jahrhundert

Der Ansatz, das öffentliche Interesse für die Folgen des weltweiten Handels zu wecken und damit Veränderung von unten zu denken, kann als Kehrseite zu den siebziger Jahren betrachtet werden. Damals setzten sich vor allem Minister Jan Pronk in den internationalen Organisationen wie der United Nations Conference on Trade and Development (UNCTAD) offensiv für Veränderung von oben ein, für mehr Verteilungsgerechtigkeit durch Reformen der Welthandelsordnung. In der globalisierten Gesellschaft des 21. Jahrhunderts stellt sich die Frage nach Verteilungsgerechtigkeit nicht nur im Welthandel mit Waren und Dienstleistungen, sondern auch im weltweiten Informationsmarkt. Während die Ministerin für Entwicklungszusammenarbeit Agnes van Ardenne (CDA) das Konzept von Partnerschaft auf die bilateralen Entwicklungsbeziehungen fokussiert, denkt auf der anderen Seite des politischen Spektrums Cees Hamelink, Professor für Internationale Kommunikation an der Universität Amsterdam, über Partnerschaft im weltweiten Zusammenhang nach. Hamelink war als Berater der UNO mit der Vorbereitung des World Summit on the Information Society (WSIS) befasst, der im Dezember 2003 in Genf stattgefunden hat. Im Gegensatz zum grenzüberschreitenden Verbindungsoptimismus, der im Slogan von der globalen Wissensgesellschaft steckt, konstatiert er eine Kluft: Auf der einen Seite sieht Hamelink das System der Menschenrechte, das auf Prinzipien wie Gleichheit, Solidarität und Mitgefühl basiert. Auf der anderen Seite sieht er das neoliberale Marktsystem, das auf Individualismus basiert, auf Konkurrenz setzt statt auf Zusammenarbeit, und auf dem Mangel an Solidarität und Ungleichheit beruht. Hamelink weist darauf hin, dass Menschenrechte laut der 1948 von den Vereinten Nationen verkündeten Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte nicht allein bürgerlich-politische, sondern auch sozial-ökonomische Rechte sind.

Deren Durchsetzung des Ideals der internationalen Demokratisierung und Verteilungsgerechtigkeit, bleibt auch ein Ideal der niederländischen Entwicklungspolitik. Die globale Informationsgesellschaft birgt neben der digitalen Kluft auch die Chance zu deren Überbrückung: Von privaten Initiativen über die unabhängigen Berater bis zum Ressort für Entwicklungszusammenarbeit nutzen die Niederlande die erweiterten Möglichkeiten von Öffentlichkeitsarbeit und Informationsaustausch, um das neue entwicklungspolitische Leitbild von der Einbeziehung (inclusion) in die Praxis umzusetzen und nicht nur die Regierungen der armen Länder, sondern auch die einzelnen Menschen dort zu erreichen. Mit dieser Vielstimmigkeit könnten die Niederlande dem Bild als gidsland, als wegweisendes Land, wieder gerecht werden.

Autorin: Esther Helena Arens
Erstellt: Dezember 2004
Aktualisiert: Februar 2018, Henrike Post


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Everts, Ph.P. (Hrsg.): Controversies at Home. Domestic Factors in the Foreign Policy of the Netherlands. Dordrecht/Boston/Lancaster 1985.

Hoebink, P.: Of Merchants and Ministers. A Short History of the Foreign Aid Programme of the Netherlands, in: Schuurman, F.J. (Hrsg.): Current Issues in Development Studies. Global Aspects of Agency and Structure, Saarbrücken 1994, 125-156.

Reef, J.: Die Niederlande im internationalen System. Fallstudien zum Einfluss eines Kleinstaates, Münster 1995.

Baehr, P.R.: Problems of Aid Conditionality. The Netherlands and Indonesia, in: Third World Quarterly 18 (1997), 363-376.

Personen

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Links

Wichtige geschichtliche Institutionen finden Sie unter Institutionen

Internationale Samenwerking IS

Max Havelaar

United Nations Conference on Trade and Development UNCTAD

World Summit on the Information Society WSIS

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