Entwicklungszusammenarbeit seit 1945


XIII. Kirchen als Partner der staatlichen Entwicklungshilfe

Ein Vorbild für das entwicklungspolitische Engagement der niederländischen Kirchen waren ihre Schwesterorganisationen in der Bundesrepublik Deutschland. Dort hatten die Katholiken 1958 verschiedene Aktivitäten „gegen Hunger und Krankheit in der Welt“ unter dem Namen „Misereor“ zusammengeführt. 1959 hatten die Evangelische Kirche Deutschland (EKD) und die evangelischen Freikirchen gemeinsam die Spendenaktion „Brot für die Welt“ ins Leben gerufen. 1962 einigten sich Katholiken und Protestanten mit der Regierung Adenauer auf die Förderung der kirchlichen Entwicklungshilfe aus öffentlichen Mitteln. Auch in den Niederlanden appellierten die Kirchen zunächst an die Spendenbereitschaft ihrer Mitglieder, zum Beispiel über den ersten Fastenbrief der katholischen Bischöfe im Februar 1961. Dabei war Entwicklungshilfe kein neues Feld, denn die katholische missie wie die protestantische "zending" waren schon vor dem Zweiten Weltkrieg im Ausland aktiv gewesen, hatten Krankenhäuser und Schulen aufgebaut. Doch trugen die kirchlichen Kreise nun ihr Anliegen, einen Beitrag zur Lösung der Entwicklungsproblematik zu leisten, viel stärker in die Öffentlichkeit. Die Kirchen waren wesentlich an der Gründung der "Nederlandse Organisatie voor Internationale Bijstand" (NOVIB) im Jahr 1956 beteiligt.

„Entwicklung ist der neue Name für Frieden“

In den 1960er Jahren erhielten die niederländischen Kirchen durch die internationalen theologischen Veränderungen Rückenwind für ihr entwicklungspolitisches Engagement. Auf protestantischer Seite zum Beispiel bestätigten die vom Weltrat der Kirchen getragene Versammlung von Uppsala 1968, dass der Dienst an den Menschen (Diakonie) ohne gleichzeitige Verkündigung des Evangeliums möglich sei. Mit der Trennung von Mission und Entwicklungshilfe konnten die Kirchen einen Teil der Öffentlichkeit ansprechen, den sie zuvor nicht erreicht hatten. Auf katholischer Seite ist vor allem die Enzyklika Populorum progressio von 1967 hervorzuheben, welche die soziale Frage als eine weltweite Frage definierte. Die Formel „Entwicklung ist der neue Name für Frieden“ brachte die veränderte Haltung auf den Punkt. Gerade in protestantischen Kreisen wurden jedoch auch die theologischen und politischen Probleme diskutiert, die sich daraus ergaben, nämlich die Verwischung der Trennung von Staat und Kirche ("twee-wereldentheologie") sowie die Gefahr des Neokolonialismus. In der Praxis erhöhte sich jedoch der Druck auf die Kirchen, Anlehnung an den Staat zu suchen. Vor allem die Dekolonisierung in Afrika mit ihren zahlreichen Staatsgründungen führte zu einem enormen Fluss von Projektanfragen, welche die kirchlichen Einrichtungen kaum alleine bewältigen konnten. Am 25. September 1963 richteten Katholiken und Protestanten einen gemeinsamen offenen Brief an die Regierung, in dem sie um finanzielle Unterstützung ihrer privaten Entwicklungsaktivitäten baten. Die darauf folgende breite Diskussion in den Kirchen selbst sowie in den politischen Parteien und in den Medien führte dazu, dass die Zweite Kammer zwischen 1963 und 1965 Regelungen für die Subventionierung privater nichtkommerzieller Entwicklungshilfe billigte. Die Aufgabe der Kirchen war definiert als „Vermittlung von und Unterstützung bei der Einrichtung und Ausführung von Entwicklungsprojekten in Ländern der Dritten Welt“. Wichtig war die Definition der öffentlichen Zuwendungen als "medefinanciering": ein eigener finanzieller Beitrag der kirchlichen Partner war verpflichtend.

Zandvoort-Konferenzen

Für die Entwicklungshilfe der Kirchen folgte aus der Kooperation mit dem Staat eine weitere Institutionalisierung und Zentralisierung, denn die Anfragen sollten über möglichst wenige Kanäle an die öffentlichen Stellen gerichtet werden. Die großen sogenannten "medefinancieringsorganisaties" (MFO’s), die daraus erwuchsen, waren die katholische "Centrale voor Medefinanciering van Ontwikkelingsprogramma’s" (CEBEMO, 1996 aufgegangen in der Organisation Bilance bzw. seit 1999 Cordaid) und die protestantische "Interkerkelijke Coördinatiecommissie Ontwikkelingsprojecten" (ICCO). Sie verfügten jahrelang über den größten Teil der an private Organisationen vergebenen Mittel. Nach dem Zoetermeercriterium (benannt nach einer Gemeinde, die 1961 ein Abbild der niederländischen Bevölkerung darstellte) erhielten CEBEMO und ICCO jeweils 40 Prozent, während 20 Prozent an die NOVIB gingen und seit 1976 einige Prozente an das der PvdA nahestehende "Humanistisch Instituut voor Ontwikkelingssamenwerking" (HIVOS). In den 1970er Jahren waren die Kirchen ein wichtiger Faktor in der derde-wereld-beweging und ein etablierter Teil der Entwicklungslobby. Alle MFO’s waren jedoch immer wieder in Diskussionen mit den öffentlichen Stellen verwickelt, z.B. im Oktober 1972 auf der Konferenz von Vierhouten über die Erweiterung der Projektkriterien, die Verfahrensdauer und die Beratungsstruktur. Ein Ergebnis dieser Konferenz war die Regel, dass zwei Prozent des Budgets für die Erstattung von Verwaltungskosten in den Niederlanden eingesetzt werden konnten. 1973 kamen die MFO’s und damit gerade auch die Kirchen dem neuen Minister J.P. Pronk entgegen, indem sie sich in der Voorzittersverklaring für die Konzepte von self-reliance, human investment und „authentischen Gesellschafts-Aufbau“ erklärten. In den Zandvoort-Konferenzen von 1974 und 1977 ging es grundsätzlich um das Mandat der MFO’s in der Entwicklungszusammenarbeit sowie um die Loslösung von religiösen bzw. weltanschaulichen Kriterien und praktisch um die Frage der Planungssicherheit für die MFO’s.

Basiskriterien: Menschenrechte, Partizipation und Armutsbekämpfung

Die Planungsrisiken für CEBEMO und ICCO verminderten sich mit dem 1. Januar 1980, denn mit der Einführung der "programmafinancierungsregeling" (PFR) konnten die MFO’s zum ersten Mal eigenverantwortlich über die vom Staat zur Verfügung gestellten Gelder bestimmen. Voraussetzung war die Einhaltung der drei Basiskriterien Menschenrechte, Partizipation und Armutsbekämpfung. Mit dem „Auslandsparagraph“ behielt sich die Regierung ein Mitspracherecht vor, um mögliche außenpolitische Konflikte abzuwehren. 1995 setzte Minister J.P. Pronk sein Vertrauen in die Arbeit der MFO’s in die Absprache um, dass die vier Organisationen Bilance (seit 1999 Cordaid), ICCO, HIVOS und NOVIB jährlich mit einem wachsenden Anteil der gesamten Entwicklungshilfe rechnen konnten. Säkularisierung der Missionsarbeit auf der einen und eine Teilprivatisierung der Entwicklungszusammenarbeit auf der anderen Seite machten die Partnerschaft von Kirche und Staat seit der Mitte der 1960er Jahre möglich. 1998 verfügten die MFO’s über fast zehn Prozent der staatlichen Mittel für Entwicklungszusammenarbeit und ihr feinmaschiges kosteneffektives Netzwerk in der Dritten Welt wird positiv beurteilt.

Autorin: Esther Helena Arens
Erstellt: Dezember 2004
Aktualisiert: Februar 2018, Henrike Post


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Everts, Ph.P. (Hrsg.): Controversies at Home. Domestic Factors in the Foreign Policy of the Netherlands. Dordrecht/Boston/Lancaster 1985.

Hoebink, P.: Of Merchants and Ministers. A Short History of the Foreign Aid Programme of the Netherlands, in: Schuurman, F.J. (Hrsg.): Current Issues in Development Studies. Global Aspects of Agency and Structure, Saarbrücken 1994, 125-156.

Reef, J.: Die Niederlande im internationalen System. Fallstudien zum Einfluss eines Kleinstaates, Münster 1995.

Baehr, P.R.: Problems of Aid Conditionality. The Netherlands and Indonesia, in: Third World Quarterly 18 (1997), 363-376.

Personen

Informationen zu Personen im Bereich Geschichte Personen A-Z

Links

Wichtige geschichtliche Institutionen finden Sie unter Institutionen

Misereor

Brot für die Welt

Enzyklika Populorum progressio

Zusammenschluss der katholischen Entwicklungsorganisationen Memisa, Mensen in Nood und Bilance Cordaid

Humanistisch Instituut voor Ontwikkelingssamenwerking

Oxfam Netherlands Nederlandse Organisatie voor Internationale Bijstand (NOVIB)


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