Entwicklungszusammenarbeit seit 1945


VII. Indonesien, Krieg und neue Partnerschaft

Nach der formalen Dekolonisierung, also der politischen Anerkennung der indonesischen Unabhängigkeit, blieben alte Bindungen zwischen den Niederlanden und Indonesien bestehen: Indonesien war lange Zeit das Land, das in der niederländischen Entwicklungshilfe den prominentesten Platz einnahm. Das erschien nach dem Zweiten Weltkrieg alles andere als selbstverständlich: Die Niederlande sahen sich auf die Einkünfte aus Indonesien angewiesen, weil Kapitalgüter und Währungsreform sich nach Berechnungen aus dieser Zeit nicht ohne finanzieren ließen. Aber die politischen Verhältnisse in Südostasien hatten sich nach der japanischen Besetzung so grundlegend geändert, dass die Niederlande ihre Vorkriegsrolle als „ethische“ Kolonialmacht nicht wieder einnehmen konnten. Anders als Großbritannien in Indien gelang es den Niederlanden in Indonesien nicht, den politischen und wirtschaftlichen Interessenkonflikt gewaltfrei zu lösen. Zu sehr hing das Selbstbild der sendungsbewussten maritimen Nation von der Stellung als Kolonialmacht ab. Ein Zitat aus einem Buch über Niederländisch-Indien, das 1941 mitten im Zweiten Weltkrieg erschienen war, verdeutlicht diese Gedankenwelt: „Als Antwort auf die Prophezeiung von Jan Pietersz. Coen: ‘Da kann in Indien etwas Großes vollbracht werden‘, haben wir unser Buch betitelt: ‚Da wird etwas Großes vollbracht.‘ Möge es Niederländern und Ausländern die Einsicht vermitteln, das dieser Titel den Inhalt wahrheitsgemäß wiedergibt und damit ein Zeugnis für das große niederländische Streben nach Frieden und Wohlfahrt in seinem überseeischen Reich ablegt.“

Krieg zwischen Mutterland und "unserem Indien"

Vertrag von Linggadjati
Teilnehmer der Konferenz von Linggadjati, Quelle: NA ( 901-9574)

Vier Jahre lang herrschte ein unerklärter Krieg zwischen dem ehemaligen „Mutterland“ und „unserem Indien“. Politisch begann dieser Konflikt damit, dass die Republik Indonesien am 17. August 1945 ihre Unabhängigkeit von den Niederlanden erklärte. Nach und nach erst kehrten die niederländischen Politiker, Beamten und Militärs nicht auf die indonesischen Inseln zurück, so dass zunächst britische Truppen stellvertretend für die Wahrung der öffentlichen Ordnung zuständig waren. Am 10. November 1945 lieferten diese sich mit indonesischen Truppen ein Gefecht um die Stadt Surabaya auf Java. Danach richtete sich die internationale Aufmerksamkeit auf den Konflikt und natürlich besonders auf das Verhalten der Niederlande. Diese erkannten wenige Tage später, am 15. November, mit dem Abkommen von Linggadjati die de-facto-Macht der Republik Indonesien über Java, Madura und Sumatra an. Die Niederlande planten die Einrichtung eines Föderalstaates auf ihrem Herrschaftsgebiet der Vorkriegszeit, um der räumlichen Ausdehnung der jungen und kleinen Republik Indonesien Einhalt zu gebieten. Ab Dezember 1946 sollte der neugegründete Staat Ost-Indonesien ein Gegengewicht bilden. Dort leisteten Indonesier jedoch als Guerilla Widerstand gegen die Rückkehr der Niederlande, so dass Generalgouverneur H.J. van Mook den Kriegszustand ausrief und den besonderen militärischen Einheiten, Depot Speciale Troepen, eine Blankovollmacht erteilte. Darunter musste die indonesische Bevölkerung leiden: Auf den Terror der Guerilla folgten Gegenterror und Kriegsverbrechen der niederländischen Spezialeinheit. Der niederländischen Seite brachte der Kriegszustand auch keinen Vorteil: Nicht zuletzt wegen der Kriegskosten stand die Kolonialmacht in Indonesien im April 1947 am Rand der Zahlungsunfähigkeit. Mit der militärischen „Operation Produkt“ vom 20. auf den 21. Juli 1947 wollte sie dann die wichtigsten Einnahmequellen sichern, nämlich die Plantagenbetriebe und die Erdölförderung. Wieder richtete sich die internationale Aufmerksamkeit auf Südostasien: Im August 1947 versuchte die „Kommission der guten Dienste“ im Namen der UNO eine Lösung für den Konflikt zu finden. Dennoch führten die Niederlande am 19. Dezember 1948 die sogenannte „Zweite Polizeiaktion“ durch, um ihre Herrschaftsposition militärisch abzusichern – von Krieg sprachen die Zeitgenossen nicht. Schließlich schlossen die Konfliktparteien am 7. Mai 1949 einen Waffenstillstand. Am 23. August trafen sie sich zu einer Konferenz in Den Haag, die eine Lösung erarbeitete, bei der sowohl die Niederlande als auch die Republik Indonesien ihr Gesicht wahren konnten. Zur Beilegung des Konflikts sollte eine Union mit der Funktion einer losen Arbeitsgemeinschaft zwischen den beiden Staaten gegründet werden. Am 27. Dezember 1949 erfolgte die endgültige Übertragung der Souveränität an Indonesien. Nur West-Guinea blieb von diesem Abkommen ausgeklammert. Darum entspann sich im Lauf der fünfziger Jahre ein weiterer Konflikt, den Sukarno vor allem mit wirtschaftlichen Druckmitteln austrug, bis 1963 auch dieses Gebiet an die Republik Indonesien fiel.

Schwerpunktland der bilateralen Entwicklungshilfe

Politisch-psychologisch war dies ein bedeutender Verlust für die Niederlande. Wirtschaftlich aber stellte sich der Verlust der Kolonie im Lauf der fünfziger Jahre weitaus geringer dar als die Experten 1946 angenommen hatten, weil die Industrialisierung in den Niederlanden schnelle Fortschritte machte und die Neuausrichtung des Handels auf Europa ebenso rasch von statten ging. Dennoch bemühten die Niederlande sich schon ein Jahr nach der Übertragung von West-Guinea um die Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen, die von indonesischer Seite 1960 abgebrochen worden waren. Bereits 1963 war es soweit. Die Initiative dazu ging vor allem vom Außenministerium in Den Haag aus. Indonesien war, gemessen an der Bevölkerung, das fünftgrößte Land der Welt, und der große Binnenmarkt wie auch die Rohstoffe des Landes boten offensichtlich Chancen für niederländische Unternehmer. Das noch bestehende Fachwissen und die nicht abgebrochenen persönlichen Kontakte sollten nicht ungenutzt bleiben. Zudem war Indonesien zu einem tonangebenden Land innerhalb der Bewegung der blockfreien Staaten geworden. 1964 unterschrieben die Regierungsvertreter der beiden Länder ein Abkommen über technische Zusammenarbeit. 1967 akzeptierte Indonesien, dass die Niederlande den Vorsitz der Intergovernmental Group on Indonesia (IGGI) übernahmen, welche die multilaterale Umschuldung der öffentlichen bzw. öffentlich garantierten Kredite Indonesiens regelte. 1968 erlangte Indonesien unter Minister B.J. Udink den Status eines Schwerpunktlandes der bilateralen Entwicklungshilfe.

Indonesienfreundlichkeit

Die Beziehungen zu Indonesien waren ein Prüfstein der niederländischen Entwicklungspolitik, sowohl auf internationalem Parkett – wie beispielhaft verhielt sich die ehemalige Kolonialmacht – als auch auf der innenpolitischen Bühne – wie pragmatisch oder idealistisch sollte sich das Land nach außen darstellen? Die Indonesienfreundlichkeit der späten sechziger Jahre stand in den siebziger Jahren zur Debatte. Minister J.P. Pronk setzte Entwicklungshilfe als politisches Instrument ein, um die Innenpolitik von Entwicklungsländern zu beeinflussen – zum Beispiel die des Suharto-Regimes. Allerdings stand 1975, als Pronk die Hilfeleistungen verringerte, das Argument im Vordergrund, dass Indonesien wegen der erhöhten Staatseinnahmen aus der Erdölförderung weniger bedürftig war als zuvor. Eine Überprüfung der Leistungen anhand der Kriterien Verteilungsgerechtigkeit und Menschenrechte schob der Minister wegen der anstehenden Wahlen auf. Dafür nutzte er die offizielle Versammlung der IGGI als medienwirksames Forum, um Menschenrechtsfragen zur Sprache zu bringen.

Traumatische Erfahrungen

Den Zwiespalt der Entwicklungshilfe für Indonesien – einerseits Indonesien gegenüber in der Pflicht zu stehen, andererseits aber gegenüber einem Militärregime angemessene Festigkeit zu zeigen – fasste Harry van den Bergh, außenpolitischer Sprecher der Partij van de Arbeid (PvdA) im Jahr 1975 in Worte: „Wir haben nie eine klare Politik konzipiert. Ich denke, dass dies an die traumatische Erfahrung der früheren Kolonialpolitik zuzuschreiben ist, wofür die PdvA so stark verantwortlich ist, dass wir immer sehr vorsichtig waren. Wir müssen uns fragen, ob die besondere freundschaftliche Stimmung gegenüber Indonesien zu Recht besteht“.

Autorin: Esther Helena Arens
Erstellt: Dezember 2004
Aktualisiert: Februar 2018, Henrike Post


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Everts, Ph.P. (Hrsg.): Controversies at Home. Domestic Factors in the Foreign Policy of the Netherlands. Dordrecht/Boston/Lancaster 1985.

Hoebink, P.: Of Merchants and Ministers. A Short History of the Foreign Aid Programme of the Netherlands, in: Schuurman, F.J. (Hrsg.): Current Issues in Development Studies. Global Aspects of Agency and Structure, Saarbrücken 1994, 125-156.

Reef, J.: Die Niederlande im internationalen System. Fallstudien zum Einfluss eines Kleinstaates, Münster 1995.

Baehr, P.R.: Problems of Aid Conditionality. The Netherlands and Indonesia, in: Third World Quarterly 18 (1997), 363-376.

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