Entwicklungszusammenarbeit seit 1945


IX. 1960er Jahre: Die Etablierung der Entwicklungshilfe - Ministerentscheidungen über Exportförderung und Uneigennützigkeit

Institutionalisierung

Innerhalb von zwei Jahrzehnten nach Kriegsende hatten die Niederlande diejenigen Prozesse mitgemacht, die in den Augen der Entwicklungspolitiker auch den Lösungsweg für die unterentwickelten Länder beschrieben: Industrialisierung wie Technologisierung, Urbanisierung und Säkularisierung. Gleichzeitig war 1962 mit der Übergabe Neuguineas an die Vereinten Nationen der Dekolonisierungsprozess in Südostasien formal abgeschlossen. Doch ging die Expertise über tropische Länder nicht verloren: Zwar sank das öffentliche Interesse für den Raum des ehemaligen Niederländisch-Ostindien, abzulesen an den Zahlen der eingeschriebenen Studierenden für die Sprachen, die Anthropologie und die Kolonialgeschichte Südostasiens, dafür stieg aber das Interesse am Problem der Unterentwicklung im Allgemeinen. Auf die Etablierung der Entwicklungszusammenarbeit in den fünfziger Jahren folgte deren Institutionalisierung in den Sechzigern. Seit 1963 war mit I.N.Th. Diepenhorst ein Staatssekretär im Außenministerium mit der Entwicklungspolitik befasst. Im Gleichklang zu den Beratungsstrukturen in der niederländischen (Wirtschafts-) Politik wurde 1964 der "Nationale Raad van Advies inzake de Hulpverlening aan Minder Ontwikkelde Landen" (NAR) unter dem Vorsitz des Ökonoms Jan Tinbergen ins Leben gerufen. Im selben Jahr wurde im Außenministerium das Directoraat Generaal voor Internationale Samenwerking (DGIS) eingerichtet. Schließlich wurde am 14. April 1965 Th.H. Bot (KVP), ein früherer Kolonialbeamter, erster Minister ohne Portefeuille mit dem Aufgabengebiet Entwicklungszusammenarbeit.

Wirtschaft und Entwicklungszusammenarbeit

In einer Meinungsumfrage von 1962, die nach der Motivation für Entwicklungshilfe fragte, stand Nächstenliebe an erster Stelle, die langfristigen wirtschaftlichen Vorteile fanden sich hingegen ganz am Ende der Skala. Die niederländische Wirtschaft bemühte sich seit Beginn des Jahrzehnts, diese Prioritätensetzung zu ändern. 1960 gaben die Arbeitgeber das Memorandum Samenwerking met Ontwikkelingslanden heraus, das eine liberale ökonomische Agenda auf Basis eines humanitären Arguments aufbaute. Die Arbeitgeber akzeptierten eine allgemeine Verantwortung der entwickelten Welt und damit auch der Niederlande für das Wirtschaftswachstum in den weniger entwickelten Ländern. Auf diese Weise, mit dieser altruistischen Sprache, positionierte sich die Wirtschaft als integraler Bestandteil der niederländischen Gesellschaft und als natürlicher Kooperationspartner der Regierung in der Entwicklungszusammenarbeit, zum Beispiel bei der Ausbildung von Experten. Das zusätzlich eingereichte Spezialmemorandum über Investitionsgarantien beleuchtete endlich die wichtigste Stoßrichtung der Arbeitgeber-Initiative, nämlich die Exportförderung. Dieses Lobbying der Arbeitgeberverbände stieß im Wirtschaftsministerium auf offene Ohren, vor allem in der Abteilung Buitenlandse Economische Betrekkingen (BEB). Dort hielt man direkte bilaterale Kooperation für effizienter als den seit 1950 verfolgten multilateralen Ansatz und ersetzte die idealistische Solidarität durch ökonomische Nützlichkeitserwägungen. Das Schlagwort dazu lautete „wohlverstandenes Eigeninteresse“. 1964 wies der Wirtschaftsminister darauf hin, dass die Verbindung von trade and aid unauflösbar sei und eine angemessene Ausbreitung der Exporte nur berechtigt. 1965 setzten sich schließlich neue Formen bilateraler Hilfe durch, zum Beispiel sogenannte Schwellenprojekte, die dazu dienen sollten, gleichzeitig die niederländischen Auslandsinvestitionen und das industrielle Wachstum in den Entwicklungsländern zu fördern. Manche Maßnahmen liefen unter dem Spottnamen „Bonbon der Woche“, weil allzu offensichtlich die Förderung der einheimischen Wirtschaft im Vordergrund stand. 1966 trat das von Minister B.J. Udink (CHU) vorbereitete "Wet Herverzekering van Investeringen" in Kraft, das den Unternehmen Schutz vor unkalkulierbaren politischen Risiken bot. 1970 rief er die "Financierings-Maatschappij voor Ontwikkelingslanden" (FMO) ins Leben, die Investitionen in Entwicklungsländern stimulieren sollte. Laut Udink waren private Investitionen im Entwicklungsprozess „unentbehrlich und lebensnotwendig“. Die Wirtschaftslobby war erfolgreich: Ende der sechziger Jahre machte die gebundene, das heißt an Lieferungen und Leistungen aus dem Geberland geknüpfte Hilfe, 90 Prozent der gesamten bilateralen Hilfe aus.

Handel und Kapitalhilfe

Die Expansion des Wohlfahrtsstaats im Laufe der sechziger Jahre war entwicklungspolitisch begleitet vom Aufbau der Nichtregierungsorganisationen wie zum Beispiel Amnesty International. Der Ausbau der Medien und der Berichterstattung regten bei immer mehr Menschen ein Gefühl der moralischen Verpflichtung in der Weltpolitik an, das Interesse an Menschenrechten in der Dritten Welt wuchs allmählich über einen enggefassten religiösen und spendenbezogenen Rahmen hinaus. Das Parlament nahm sich der Integration des öffentlichen und privaten Sektors an und übte so viel Druck auf die Regierung aus, dass sich das Kabinett Marijnen am 23. Oktober 1964 beugte und prinzipiell zustimmte, privat organisierte Hilfe über "medefinancieringsorganisaties" mit öffentlichen Mitteln zu fördern. Nicht zuletzt betraf diese Mittelvergabe die Kirchen, die ihre traditionelle Missionsarbeit säkularisiert hatten, so dass die Förderung der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung in der Dritten Welt zu einem selbständigen Ziel wurde. Entsprechend der Herkunft der privaten Hilfsorganisationen aus den traditionellen politischen Milieus waren die Strukturen noch versäult: Neben der römisch-katholischen "Centrale voor Medefinanciering van Ontwikkelingsprogramma’s" (CEBEMO, 1996 aufgegangen in der Organisation Bilance), standen die protestantische "Interkerkelijke Coördinatiecommissie Ontwikkelingsprojecten" (ICCO) sowie die beiden nichtreligiösen Institutionen "Humanistisch Instituut voor Ontwikkelingssamenwerking" (HIVOS) und "Nederlandse Organisatie voor Internationale Bijstand" (NOVIB). Die NOVIB spiegelte das niederländische Konsensmodell im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit wieder. Sie wurde 1956 von einem protestantischen Pastor und einem katholischen Pater gegründet, von Beamten des Außenministeriums beraten, von den wichtigsten politischen Parteien und sozialen Institutionen unterstützt, während der Vorsitz beim Prinz der Niederlande lag.

Bürger und Lobbygruppen in den Niederlanden nahmen also Anteil an der Entwicklungszusammenarbeit – beginnend mit dem Memorandum der Arbeitgeber 1960 bis zur emotionalisierten und polarisierten Diskussion am Ende des Jahrzehnts. Denn mit der Stärkung der Neuen Linken entstanden verschiedene entwicklungspolitische Lager. Auf der einen Seite stand der Bruch mit dem bisherigen System: Zum Beispiel charakterisierte W.F. Wertheim, Professor für nicht-westliche Soziologie in Amsterdam, die Entwicklungshilfe für Indonesien als Neo-Kolonialismus. Auf der anderen Seite blieb der Glaube an die mögliche Verbesserung des bestehenden Systems: Im Sinn einer moralischen Mission wollte Minister Udink im Juni 1969 Mitglieder einer vermittelnden, die Differenzen zwischen Nord und Süd überbrückenden „Vierten Welt“ um die Niederlande sammeln.

Autorin: Esther Helena Arens
Erstellt: Dezember 2004
Aktualisiert: Februar 2018, Henrike Post


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Everts, Ph.P. (Hrsg.): Controversies at Home. Domestic Factors in the Foreign Policy of the Netherlands. Dordrecht/Boston/Lancaster 1985.

Hoebink, P.: Of Merchants and Ministers. A Short History of the Foreign Aid Programme of the Netherlands, in: Schuurman, F.J. (Hrsg.): Current Issues in Development Studies. Global Aspects of Agency and Structure, Saarbrücken 1994, 125-156.

Reef, J.: Die Niederlande im internationalen System. Fallstudien zum Einfluss eines Kleinstaates, Münster 1995.

Baehr, P.R.: Problems of Aid Conditionality. The Netherlands and Indonesia, in: Third World Quarterly 18 (1997), 363-376.

Personen

Informationen zu Personen im Bereich Geschichte Personen A-Z

Jan Tinbergen

Links

Wichtige geschichtliche Institutionen finden Sie unter Institutionen

De Nederlandse Financierings-Maatschappij voor Ontwikkelingslanden N.V. FMO

Amnesty Int. (Deutschland)

United Nation Conference on Trade and Development UNCTAD

HIVOS

Humanistisch Instituut voor Ontwikkelingssamenwerking

Oxfam Netherlands Nederlandse Organisatie voor Internationale Bijstand (NOVIB)


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