Entwicklungszusammenarbeit seit 1945


V. Der Prozess der Dekolonisierung- Die bilaterale Tradition der Hilfe für Indonesien, Suriname und die niederländischen Antillen

Zur Vorgeschichte

Batavia (Jakarta) 1946
Batavia (Jakarta) im Jahr 1946, Quelle: NA (933-6095 255-6705)

1900 führten die Niederlande in ihrer Kolonie Niederländisch-Indien, dem heutigen Indonesien, die sogenannte Ethische Politik ein. Nach drei Jahrzehnten liberaler Wirtschaftspolitik in der Kolonie hatte sich gezeigt, dass der Ausbau der großen Plantagenunternehmen nicht automatisch mit dem Ausbau von Infrastruktur und Bildungswesen einherging. Deshalb gewann christlich-humanitär motiviertes Sendungsbewusstsein in der Kolonialpolitik an Boden. Ausgangspunkt der Ethischen Politik war die Überzeugung, dass die Niederlande als „Mutterland“ den Auftrag hatten, die Bevölkerung innerhalb ihres politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Einflussbereichs in einen höher entwickelten Stand zu „erheben“. Zum Beispiel richteten die Niederlande eine Landwirtschaftsinformationsstelle ein, um konkrete agrarische Problem zu lösen, ermutigten javanische Bauern zur Umsiedlung, um den Druck der Überbevölkerung auf der Hauptinsel zu mindern, und förderten in einem eng abgesteckten Rahmen auch in die Ausbildung der indonesischen Bevölkerung über die Grundschule hinaus, um eine einheimische Elite aufzubauen. Wenn die Entwicklungsaufgabe der Niederlande erfüllt war, sollte die Verwaltung in die Hände der Indonesier übergehen – in ferner Zukunft, wie die beteiligten Politiker und Kolonialbeamten um das Jahr 1900 annahmen.

Mit dem Zweiten Weltkrieg und der indonesischen Unabhängigkeitserklärung vom 17. August 1945 begann der Dekolonisierungsprozess – nicht nur in Asien, sondern auch im karibischen Raum, auf dem Festland in Suriname und auf den Antilleninseln Aruba, Bonaire, Curaçao (den ABC-Inseln) und Saba, St. Eustacius, St. Maarten. Auch wenn damit der formale politische Rahmen der Entwicklungshilfe der Vorkriegszeit schrittweise entfiel, war den Beratern, Planern, Ingenieuren und Technikern das Arbeitsfeld nicht genommen. Denn im bipolaren Weltsystem, wie es sich in den fünziger Jahren verfestigte, wurde Entwicklungshilfe ein bedeutender Faktor bei der politischen Gestaltung der Nord-Süd-Beziehungen. Bei allem internationalen Engagement floss der Großteil der Gelder aus den europäischen Geberländern weiterhin in die (ehemaligen) Kolonien. Das galt auch für die Niederlande: 1961 kamen West-Guinea 97 Millionen Gulden zugute, Suriname und die niederländischen Antillen 25 Millionen Gulden, den Vereinten Nationen aber nur 5,4 Millionen Gulden. Weder gab es einen völligen Bruch mit der Praxis entwicklungspolitischer Projekte, noch wurde die entwicklungspolitische Motivation einer Bringschuld in seiner Substanz angetastet.

Indonesien

Das Ende des Zweiten Weltkriegs bedeutete Krieg im heutigen Indonesien, weil die Niederlande die Unabhängigkeitserklärung vom 17. August 1945 nicht anerkannten. Dabei spielten ökonomische Gründe eine wichtige Rolle: Den Niederlanden fehlten Kapitalgüter für Wiederaufbau und Erneuerung, besonders der Verlust der Einkünfte aus der südostasiatischen Kolonie schlug zu Buche. Um ihren Einfluss im indonesischen Archipel zu wahren, setzten sie im Umgang mit der Republik Indonesien auf die Spaltung der einheimischen Interessen durch ein föderales Staatsmodell. Auf den Guerillakrieg antworteten sie in den Jahren 1947 und 1948 mit sogenannten Polizeiaktionen. Sowohl die USA als auch UNO schalteten sich in den Konflikt ein, aber erst am 27. Dezember 1949 erfolgte die Übertragung der Souveränität an die Republik Indonesien unter Präsident Sukarno. Entwicklungshilfe bestand in den folgenden Jahren vor allem aus der Hilfe, welche die bisherigen Kolonialbeamten beim Aufbau einer indonesischen Verwaltung leisteten.

Von der Übertragung der Souveränität ausgenommen blieb der westliche Teil von Neuguinea. Die indonesische Elite betrachtete West-Guinea als einen integralen Bestandteil ihrer Nation, während die niederländische Regierung, angetrieben vom nationalen Selbstverständnis der Wähler, auf ihren besonderen Entwicklungsauftrag dort pochte. Dieses Beharren gefährdete nicht nur die Interessen der niederländischen Unternehmen in Indonesien, sondern führte 1957/58 zu deren Nationalisierung und damit zum Verlust von Kapital und Betriebsmitteln. 1961 brach die indonesische Regierung darüber hinaus die indirekten diplomatischen Beziehungen zu den Niederlanden ab. Dann übte die US-amerikanische Regierung ausreichend Druck auf die niederländische Regierung aus, so dass West-Guinea am 1. Oktober 1962 über den Umweg einer UN-Verwaltung an die Republik Indonesien überging.

Kurz nach der Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen im Jahr 1964 und dem ersten bilateralen Abkommen über Technische Hilfe zwischen Indonesien und den Niederlanden, kam 1965 General Suharto durch einen Militärputsch am 30. September an die Macht. Die genauen Umstände des Regimewechsels sind bis heute ungeklärt, auch über das Ausmaß der Gewalt bestehen nur Schätzungen. Unter dem Vorwand der Bekämpfung des Kommunismus kamen zwischen 500.000 und einer Million Menschen ums Leben, vor allem chinesischstämmige christliche Indonesier, und das neue Regime nahm zahlreiche politische Gefangene. Dennoch ergriff die niederländische Regierung die Möglichkeit, über die Vergabe von Entwicklungshilfe stabile Beziehungen zu der ehemaligen Kolonie aufzubauen. Minister B.J. Udink, der zu diesem Zeitpunkt im Außenministerium für die Entwicklungshilfe verantwortlich war, stufte Indonesien 1966 als sogenanntes "concentratieland" ein. Ab 1967 übernahmen die Niederlande auch den Vorsitz in der "Intergovernmental Group on Indonesia" (IGGI), in der die wichtigsten westlichen Geberländer und Japan kooperierten, um die Zahlungsfähigkeit des indonesischen Staates wiederherzustellen. Hier spielten außen- und sicherheitspolitische Gründe eine wichtige Rolle, weil den USA daran lag, dass die Niederlande mit ihrem landeskundlichen Knowhow und weiterhin bestehendem geschäftlichen Netzwerk die Vermittlerrolle übernahmen.Im folgenden Jahrzehnt blieb Indonesien durch das Zusammenspiel von politischen, wirtschaftlichen und humanitären Interessen eines der bedeutendsten Empfängerländer der niederländischen Entwicklungshilfe. Zwischen 1966 und 1983 flossen fast zehn Prozent der Mittel dorthin. Zusätzlich erhielt das Suharto-Regime weitere Millionen Gulden über Kredite, Lebensmittelhilfe und Ko-Finanzierung zur Verfügung gestellt.

Molukken

Heute sind die Niederlande zum Beispiel auf den Molukken engagiert. Dort ist das "United Nations Development Program" (UNDP) seit 2001 mit dem Wiederaufbau nach dem Bürgerkrieg zwischen christlichen und muslimischen Bevölkerungsgruppen beschäftigt. Unter anderem soll mithilfe lokaler Vermittler der Versöhnungsprozess zwischen Flüchtlingen und ihrer Nachbarschaft gefördert werden. Die Niederlande beteiligen sich 2004 mit fast zehn Millionen Dollar an den Aufbauprojekten. Hier mag das historische Gewissen eine Rolle spielen: Mit der Kontrolle über die Muskatbäume auf den Molukken hatte das niederländische Kolonialreich begonnen, und mit einem besonderen Konflikt um diese Inseln endete es. Viele Mitglieder des niederländisch-indonesischen Heeres (Koninklijk Nederlands-Indisch Leger, KNIL) kamen von den Molukken, vor allem der Insel Ambon. Am 25. April 1950 riefen ambonesische Anführer eine unabhängige molukkische Republik aus, die nach wenigen Monaten militärischer Auseinandersetzungen von der Armee der Republik Indonesien besiegt wurde. Deswegen flüchteten 1951 ungefähr 4.000 Soldaten mit ihren Familien, insgesamt 13.000 Menschen, in die Niederlande. Der vorübergehend gedachte Aufenthalt und die entsprechende provisorische Unterbringung mündeten schließlich in dauerhafter Emigration.

Suriname und die niederländischen Antillen

In den karibischen Kolonien der Niederlande herrschten die typischen Probleme von Entwicklungsländern vor: Rohstoffabhängigkeit (von Bauxit, Erdöl und Plantagenprodukten), Devisenarmut, Defizite in der Ausbildung und gesellschaftliche Umwälzungen. Aufgrund der politischen Struktur – bis in die siebziger Jahre blieben die Niederlande koloniales Mutterland für alle Gebiete im Westen – blieb Entwicklungshilfe um so mehr eine politische Aufgabe. Ein Vorfall des Jahres 1969 zeigte deutlich die Probleme von Autorität und Gewalt, die dieses Abhängigkeits- und Forderungsverhältnis zwischen Zentrum und Peripherie aufwarf. Als sich die Regierung der Antillen von gewaltsamen Unruhen bedroht sah, griffen niederländische Truppen in Willemstad auf Curaçao auf seiten der herrschenden Elite in den Konflikt ein. Dies war ein Schlüsselerlebnis für die sogenannten Neuen Linken, die das Ereignis als Arbeiteraufstand interpretierte und solcherart politisch-moralischen Konflikten die Basis entziehen wollten. Unter der Regierung Den Uyl wurde am 25. November 1975 die Unabhängigkeit von Suriname ausgerufen. Gleichzeitig sprachen die Niederlande dem neuen Land Mittel im Umfang von über vier Milliarden Gulden zu – Mittel, die in den Folgejahren von Suriname als „unser Geld“ bezeichnet und eingefordert wurden.

Nach 1975 förderten die Niederlande in Suriname vorrangig großangelegte Projekte, ohne die Bevölkerung in die Konzeption einzubeziehen. Spektakulär war der Bau der Bakhuysspoorlijn für den Bauxittransport, die den Spottnamen „Bahn von nichts nach nirgends“ erhielt. 1979, als die Linie fast fertiggestellt war, stellte sie sich als nutzlos heraus und wurde bald vom Urwald überwuchert, weil der Bauxitabbau nicht mehr rentabel war. Verschiedene Faktoren führten dazu, dass auch in den achtziger und neunziger Jahren die Entwicklungshilfe weder nachhaltig gestaltet noch reformiert wurde. Erstens bestimmte – in Suriname – ein staatlicher Dirigismus über die Verteilung der Mittel und die Gestaltung der Projekte. Zweitens erfolgte – in den Niederlanden – die Programmierung der Entwicklungshilfe ohne Einbeziehung lokaler Nachfrage und Bedürfnisse. Und drittens stand – in den bilateralen Beziehungen – die koloniale Vergangenheit zwischen den Verhandlungspartnern, insbesondere das Schuldgefühl der Niederlande, die schlechte Vorbereitung der Unabhängigkeit wieder gutmachen zu müssen. Die Aufarbeitung dieser gemeinsamen Vergangenheit begann im Februar 2004, als ein Bericht mit dem Titel "Een belaste relatie. 25 jaar ontwikkelingssamenwerking Nederland – Suriname, 1975-2000" an das niederländische Parlament ging.

Nach der überstürzten Entlassung des Reichsteils Suriname in die Unabhängigkeit 1975 zeigten sich den Antillianern die Vorteile des Verbleibs im Königreich der Niederlande, nämlich kontinuierliche finanzielle Unterstützung für die lokale Regierung sowie die Möglichkeit für die Bürger, sich dauerhaft in den Niederlanden niederzulassen. Dekolonisierung heißt in diesem Zusammenhang nicht formale politische Autonomie, sondern Emanzipation der Beziehungen unter dem Dach der Niederlande. Während der heißen Phase der Dekolonisierung Indonesiens, im Jahr 1960, übte die niederländische Wirtschaft Kritik an der Tatsache, dass sich die bilaterale Entwicklungshilfe auf die überseeischen Gebiete des Königreichs beschränkte. Die Arbeitgeberverbände fürchteten um die Konkurrenzfähigkeit der Exportwirtschaft in anderen Ländern der Dritten Welt. Sie konnten damit an die entwicklungspolitischen Ziele anknüpfen, die der liberale Außenminister D.U. Stikker 1950 formuliert hatte: Neben humanitären und sicherheitspolitischen Gesichtspunkten hatte Stikker die Entwicklungshilfe als Türöffner für Exporte nach Afrika und Lateinamerika betrachtet. In den sechziger Jahren arbeiteten Wirtschaft und Gesellschaft daran, die praktischen Erfahrungen aus den kolonialen Entwicklungsbeziehungen zu verbreitern und das entsprechende Instrumentarium auf die gesamte Südhalbkugel anzuwenden.

Autorin: Esther Helena Arens
Erstellt: Dezember 2004


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Everts, Ph.P. (Hrsg.): Controversies at Home. Domestic Factors in the Foreign Policy of the Netherlands. Dordrecht/Boston/Lancaster 1985.

Hoebink, P.: Of Merchants and Ministers. A Short History of the Foreign Aid Programme of the Netherlands, in: Schuurman, F.J. (Hrsg.): Current Issues in Development Studies. Global Aspects of Agency and Structure, Saarbrücken 1994, 125-156.

Reef, J.: Die Niederlande im internationalen System. Fallstudien zum Einfluss eines Kleinstaates, Münster 1995.

Baehr, P.R.: Problems of Aid Conditionality. The Netherlands and Indonesia, in: Third World Quarterly 18 (1997), 363-376.

Personen

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Links

Wichtige geschichtliche Institutionen finden Sie unter Institutionen

Weitere Informationen in unserem Dossier Niederländische Antillen und Surinam

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