Entwicklungszusammenarbeit seit 1945


II. Aufbruchstimmung und internationale Ausrichtung

Die Ausgangssituation

Vor dem Zweiten Weltkrieg waren die Außenbeziehungen des Königreichs der Niederlande von Neutralität und vom Status als große Kolonialmacht in Südostasien geprägt. Nach 1945 mussten die Niederlande ihre Rolle in der neuen internationalen Weltordnung, die bald vom Kalten Krieg zwischen den beiden Supermächten USA und Sowjetunion dominiert wurde, neu definieren – als Resultat der formalen Dekolonisierung des indonesischen Archipels, der wirtschaftlichen Umorientierung in Richtung Europa sowie der außenpolitischen Entscheidung für die atlantische Allianz. In diesem Zusammenhang erhielt das Feld der Entwicklungszusammenarbeit mehr Gewicht, weil es die Möglichkeit bot, nach innen und nach außen das Bild der neuen modernen Niederlande zu formen.

Motive

In der Entstehungszeit der Entwicklungszusammenarbeit herrschte das Gefühl einer moralischen Verpflichtung gegenüber den unterentwickelten Ländern. Die Niederlande waren ein loyaler und treuer Bündnispartner Washingtons, allerdings führte dies nicht dazu, dass der Antikommunismus und die entsprechende Rhetorik des Kalten Kriegs die Entwicklungspolitik dominierten, anders als zum Beispiel in der Bundesrepublik Deutschland. Als die niederländischen Arbeitgeber sich 1960 mit einem Memorandum in die entwicklungspolitische Diskussion einschalteten, erschien der Antikommunismus als Floskel, der Form halber eingesetzt und nicht als schlagendes Argument für die Steigerung der Wohlfahrt in der Dritten Welt. In einer niederländischen Meinungsumfrage zur Entwicklungshilfe aus dem Jahr 1962 erhielt die Aussage „Wenn wir es nicht tun, tun es die Russen“ nur 16 Prozent Zustimmung und 42 Prozent Ablehnung. In einer vergleichbaren Umfrage in Westdeutschland stimmten im umgekehrten Verhältnis 40 Prozent der Befragten dieser Aussage zu.

Drees, Willem
Willem Drees, Quelle: NA ( 139-1004)

In der Frühzeit der Entwicklungszusammenarbeit fand allerdings keine analytische Beschäftigung mit dem Thema statt, der vorherrschende Idealismus bestimmte die Richtung. Der Pragmatismus von Premier W. Drees – er sah in der Entwicklungshilfe vor allem eine Beschäftigungsmöglichkeit für die arbeitslosen Experten und Techniker, die aus Indonesien in die Niederlande re-emigrierten – entstammte der Tagespolitik und blieb zu dieser Zeit eine nebensächliche Motivation. Ebenso spielte das Motiv, Entwicklungshilfe gezielt zur Förderung der niederländischen Exportwirtschaft zu nutzen, noch eine geringe Rolle. Im Mittelpunkt stand das humanitäre Selbstverständnis der Nachkriegszeit, ein Konsens, der über parteiliche und religiöse Grenzen hinwegreichte: Ein Land, das Hilfe brauchte, sollte genauso unterstützt werden wie ein Mensch in Not von seinen Mitmenschen. Die Niederländer hatten die Zerstörung und die Armut ihres eigenen Lands bei Kriegsende 1945 vor Augen. Der Vergleich mit dem Wiederaufbau des zerstörten Europa führte dazu, dass der Marshallplan zum Vorbild für die konkrete Gestaltung der Entwicklungshilfe wurde. Dessen Instrumente – Devisen für den Handel und Investitionen für Aufbauleistungen – erschienen erprobt und übertragbar. In Analogie zur Marshallhilfe taten die Niederlande im Juli 1950 mit der Nota betreffende de Nederlandse bijdrage aan het programma der Verenigde Naties voor technische hulp aan economisch laag ontwikkelde landen ihren ersten entwicklungspolitischen Schritt. Dies war auch eine Grundsatzentscheidung: Die knappen niederländischen Gelder sollten Projekten im internationalen Rahmen zugutekommen und als technische Hilfe konkreten Charakter haben, also zum Beispiel in den Straßenbau fließen.

Planungsdenken

Dem Idealismus der fünfziger Jahre erschienen Entwicklung und Steigerung der Wohlfahrt aufgrund der eigenen Erfahrungen machbar. Denn genauso wie in den USA, dem Ursprungsland der Marshallhilfe, stand in den Niederlanden hinter den idealistischen Motiven eine wissenschaftlich-technische Denkweise. Die Politiker und Ökonomen, die sich mit den Details der Entwicklungszusammenarbeit befassten, glaubten daran, die Industrialisierung der Wirtschaft und die Modernisierung der Gesellschaft nach objektiven und allgemeingültigen Kriterien planen zu können (social engineering). Der Wirtschaftswissenschaftler Jan Tinbergen personifizierte diesen Glauben: Seit den dreißiger Jahren hatte er Wirtschaftsmathematik und -planung federführend entwickelt, so dass er im Laufe der fünfziger Jahre die Regierung der Niederlande in Entwicklungsfragen beriet und schließlich Ende der sechziger Jahre zum Vorsitzenden des UN-Komitees für Entwicklungsplanung berufen wurde. Anders als in den USA aber, die sich auf Entwicklungshilfe im bilateralen Rahmen konzentrierten, um die Modernisierung und den Aufbau von Nationalstaaten in der Dritten Welt voranzutreiben, setzten die Niederlande auf multilaterale Kooperation.

Ein Land mit Brückenfunktion

Diesen Schwerpunkt hatte das Außenministerium festgelegt, das seit dem Einsetzen der niederländischen Entwicklungshilfe im Jahr 1950 den Vorsitz in der interministeriellen Kommission mit dem Titel Internationale Technische Hulp (ITH) führte, der Keimzelle der staatlichen Entwicklungspolitik. Dabei spielten auch finanzielle und strategische Überlegungen eine Rolle, denn dieser Internationalismus griff die knappen Ressourcen weniger an als bilaterale Abkommen und versprach gleichzeitig eine größere Öffentlichkeitswirkung. Nicht zu unterschätzen ist jedoch die Kombination von ethisch-humanitärem Engagement mit sicherheitspolitischen Erwägungen, die noch unmittelbar unter dem Eindruck des Zweiten Weltkriegs entstand. Der multilaterale Ansatz erschien als geeignetes Mittel, die Position der UNO zu stärken und auf diese Weise zur Sicherung des Weltfriedens beizutragen. Für den Regierungsbeamten J. Meijer, seit 1956 Chef der Directie Internationale Organisaties (DIO), galten die Vereinten Nationen zudem als ideale Plattform für eine gleichberechtigte Kooperation von Nord und Süd. Dies setzten die Niederlande auch in die Tat um. 1953 unterstützten sie den indischen Vorschlag, im Economic und Social Council (ECOSOC) der Vereinten Nationen einen Special United Nations Fund for Economic Development (SUNFED) einzurichten. Davon versprachen sich die Länder der Dritten Welt einen gleichberechtigteren Zugriff auf die international bereitgestellten Mittel als über die Weltbank (IBRD) oder den Internationalen Währungsfonds (IMF). Auch wenn dieser Vorstoß am Widerstand großer westlicher Geberländer scheiterte, trug er wesentlich zur entwicklungspolitischen Rollenfindung der Niederlande bei. Außenminister J.M.A.H. Luns beschrieb die Niederlande als ein Land mit Brückenfunktion, das zwischen den Interessen der Industrie- und der Entwicklungsländer vermitteln sollte. Seitdem blieb der Einsatz für die Reform der internationalen Handels- und Finanzordnung, ein genauso publikumswirksamer wie umstrittener Schwerpunkt der niederländischen Entwicklungszusammenarbeit.

Mit der Beschreibung der Niederlande durch Außenminister Luns hatte sich erwiesen, wie nützlich das Feld der Entwicklungszusammenarbeit bei der Etablierung eines neuen außenpolitischen Selbstverständnisses war. Außen vor blieben dabei die Konflikte der Dekolonisierung, die das Fremdbild der Niederlande ebenso prägten wie der Einsatz für Verteilungsgerechtigkeit und bis in die siebziger Jahre hinein wesentlich die Praxis der Entwicklungshilfe bestimmten.

Autorin: Esther Helena Arens
Erstellt: Dezember 2004
Aktualisiert: Februar 2018, Henrike Post


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Everts, Ph.P. (Hrsg.): Controversies at Home. Domestic Factors in the Foreign Policy of the Netherlands. Dordrecht/Boston/Lancaster 1985.

Hoebink, P.: Of Merchants and Ministers. A Short History of the Foreign Aid Programme of the Netherlands, in: Schuurman, F.J. (Hrsg.): Current Issues in Development Studies. Global Aspects of Agency and Structure, Saarbrücken 1994, 125-156.

Reef, J.: Die Niederlande im internationalen System. Fallstudien zum Einfluss eines Kleinstaates, Münster 1995.

Baehr, P.R.: Problems of Aid Conditionality. The Netherlands and Indonesia, in: Third World Quarterly 18 (1997), 363-376.

Personen

Informationen zu Personen im Bereich Geschichte Personen A-Z

Links

Wichtige geschichtliche Institutionen finden Sie unter Institutionen

Nota betreffene de Nederlandse bijdrage aan het programma der Verenigde Naties voor technische hulp aan economisch laag ontwikkelde landen Nota

Economic und Social Council


Impressum | Datenschutzhinweis | © 2018 NiederlandeNet
NiederlandeNet
Alter Steinweg 6/7
· 48143 Münster
Tel: +49 251 83-28516 · Fax: +49 251 83-28520
E-Mail: