Die Niederlande und die DDR 1949 bis 1990


XXI. DDR-Beobachter Kaspar Reinink: nüchterner Unterhändler mit historischem Verständnis


Der Diplomat, der im Bereich der Beziehungen zwischen den Niederlanden und der DDR mit seinen Berichten und Handlungen den meisten Eindruck hinterlassen hat, war K.W. (Kaspar) Reinink. In den frühen 1950er Jahren diente er als Gesandtschaftssattaché der Niederländischen Militärmission in Berlin. Er schrieb eindringliche Analysen über die fortschreitende Durchdringung aller Aspekte menschlichen Lebens durch die kommunistische Ideologie und den Machtapparat der SED. Vor allem die Unterdrückung der Kirchen, die zunehmende Indoktrination der Jugend und die Militarisierung der DDR beschäftigten ihn. In seinen klar geschriebenen Berichten scheute er sogar keine historischen Vergleiche und kultur-philosophische Reflexionen. Reinink betitelte zum Beispiel den Konflikt zwischen der SED und den Kirchen als „Kulturkampf“, womit er auf den Kampf von Otto von Bismarck (gestützt durch die Liberalen) gegen die römisch-katholische Kirche von 1871 bis 1878 anspielte.

„Und ich kann mich nicht bewegen“

Als der Westen sich langsam in Richtung Anerkennung der DDR bewegte, war Reinink im Den Haager Außenministerium als Chef der Europadirektion (DEU) tätig. Er stellt Mitte des Jahres 1972 eine niederländische Wunschliste für den Moment auf, wenn die Niederlande Verhandlungen über die Anerkennung mit der DDR aufnehmen sollten. Während der eigentlichen Besprechungen vom 27.-29. Dezember 1972 in Den Haag führte Reinink die niederländische Delegation. Die Verhandlungen standen unter großem Zeitdruck, da die Niederlande gern zu den ersten NATO-Ländern gehören wollte, die die DDR anerkennen sollten. Mittels geschickter Verhandlungsstrategien gelang es Reinink, den Ostdeutschen in einigen Punkten doch Konzessionen abzuzwingen. Eine davon bezog sich auf den von den Niederlanden gewünschten Umzug der in Amsterdam situierten ostdeutschen Handelsvertretung und deren Unterbringung in der zukünftigen Botschaft in Den Haag. Nachdem über die anderen Punkte Übereinstimmung erreicht worden war, zeigte sich Reinink bei dieser Frage am letzten Tag der Verhandlungen unerbittlich. Seine direkten Vorgesetzten hatten ihm gerade am Abend zuvor gesagt, dass er doch den Ostdeutschen nachgeben müsste. Falls die Verhandlungen aufgrund dieses unwesentlichen Punktes scheitern sollten, würde Außenminister Norbert Schmelzer in große innenpolitische Schwierigkeiten geraten. Trotzdem beschloss Reinink, am folgenden Abend noch einen Versuch zu wagen. Er erklärte, er müsse darauf bestehen, dass die Handelsvertretung nach Den Haag ginge und fügte dem vielbedeutend hinzu: „Und ich kann mich nicht bewegen.“ Als der DDR-Delegationsvorsitzende daraufhin vorschlug, die Besprechungen darüber nach der gegenseitigen Anerkennung fortzusetzen, drohte Reinink damit, die Verhandlungen ganz platzen zu lassen. Nun lenkte die DDR-Delegation ein und erklärte sich mit der gewünschten Verlegung einverstanden. Dank Reininks Bluff konnten die Niederlande in diesem Punkt einen kleinen Erfolg verbuchen.

In der Folgezeit wurde Reinink der erste niederländische Botschafter in Ostberlin. Am 24. September 1973 reichte er sein Beglaubigungsschreiben im Gebäude des Staatsrates der DDR ein. In den vier Jahren, die er dort verblieb, schrieb er einige beeindruckende Analysen der DDR und ihrem schwierigen Verhältnis zur deutschen Nation. Diese Berichte waren im Den Haager Ministerium sehr populär, nicht nur wegen ihres Inhalts, sondern auch wegen ansprechender Wortspiele und Reininks unterkühltem Humor. Als Vorbild hierfür kann zum Beispiel dienen, was er 1974 schrieb: „Die DDR bleibt eine Republik sui generis. An der tragischen Grenze zwischen Ost und West gelegen, mit einer Bevölkerung, die deutsch ist und deutsch fühlt, aber durch eine verhängnisvolle Entwicklung an ein Gebiet gefesselt ist, mit dem sie mental wenig gemeinsam hat, scheint die DDR das neuralgischste Gebiet in der osteuropäischen Allianz bleiben zu müssen.“ Der Bericht über seinen ersten Zug durch Ostdeutschland wäre einen Roman wert gewesen: „Eine Reise durch die DDR ist in gewisser Hinsicht eine Reise durch die Geschichte. Es ist, als ob die Zeit hier vor einigen Jahrzehnten stehen geblieben ist. (...) Viele Bauernhöfe, die heute zu (...) Landwirtschaftskollektiven gehören, sind wahrscheinlich schon zur Zeit Bismarcks gebaut und während Hitlers Regime zum letzten Mal angestrichen worden. Alles ist altertümlich, sogar die Landschaft.“ Und in demselben Bericht schreibt er über die Bevölkerung: „Die Menschen sind ärmlich und altmodisch gekleidet. Eine Mütze, eventuell von einer Uniform, bedeckt den Kopf der Männer. Die Frauen sind häufig fantasielos gekleidet. Es ist keine lebhafte, sondern eine geduldig ergebene Bevölkerung. Der nach Uniformität und Kollektivität tendierende Charakter der Preußen trägt auch gerade zur Hervorhebung des Individuums bei.“ [1]

Bei seinem Abschied im Jahre 1977 berichtete Reininck ausführlich über die Eindrücke, die er während seines vierjährigen Aufenthalts in der DDR gewonnen hatte. Dabei äußerte er unter anderen: „Preußen ist zwar als politische Einheit aufgelöst, existiert aber noch als Geisteshaltung. In der DDR lebt Preußen fort als ‚das klassische Land der Schulen und Kasernen’. Der Staat beherrscht alles. Die Bürokratie ist straff organisiert und reglementiert sehr heftig. Die Begriffe ‚Obrigkeitsstaat’ und 'Untertanengeist’ drängen sich hier unwillkürlich auf. (...) Der Militärapparat zeichnet sich durch Zucht und Ordnung aus. Die Soldaten marschieren und paradieren zu Marschmusik und ‚Klingelspiel’ und erinnern die Zuschauer an die Zeilen, die Granison-Verwaltungsoberinspektor Neumann um 1824 mit Pathos niederschrieb: ‚Gegrüsset Preußen, Männer sonder Wanken, Du Volk in Waffen, Du Spartanenheer’.“ Politisch war Reinink deutlich ein Konservativ-Liberaler mit einer Abneigung gegen den linken Schulterschluss mit der DDR. Als eine Delegation der sozialdemokratischen PvdA im September 1975 auf Besuch in der DDR ziemlich wenig Distanz zur SED hielt, schrieb er darüber unmutige Berichte an das Ministerium. Er stellte die Naivität der PvdAler, die in der DDR so „angenehm von [der] großzügigen Gastfreundschaft überrascht [waren], an den Pranger. Es war für den Botschafter unangenehm, dass die konservative Zeitung De Telegraaf die kritischen Berichte in die Öffentlichkeit trug. Somit stand Reinink sogar im Zentrum einer öffentlichen Debatte. Glücklicherweise legte sich der Wirbel rund um seine Person schnell wieder. Nach seinem Abzug aus Ostberlin setzte Reinink seine diplomatische Karriere mit großem Erfolg fort: er wechselte von wichtigen Funktionen im Ministerium zu Botschaftsposten in Bonn und Moskau.


[1]  Zitate aus: Jacco Pekelder, Die Niederlande und die DDR. Bildformung und Beziehungen, 1949-1989, AgendaVerlag, Münster: 2002

Autor: Dr. Jacco Pekelder
Erstellt: Mai 2004


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