Die Niederlande und die DDR 1949 bis 1990


XIII. Wolf Biermanns Ausbürgerung 1976

Wolf Biermann 1976 in München
Wolf Biermann in München 1976, Quelle: NA (928-9105)

Am 17. November 1976 verbreitete die ostdeutsche Presseagentur ADN die Nachricht, dass die DDR-Autoritäten dem Dichter und Sänger Wolf Biermann das Recht auf weiteren Aufenthalt in der DDR entzogen hätten. Dies löste einen Sturm der Empörung in Künstler- und Intellektuellenkreisen der DDR aus. Auch im Westen stieß die Maßnahme auf Entsetzen und Protest. Zusammen mit dem Schriftsteller Stefan Heym und vor allem dem Naturwissenschaftler Robert Havemann, bildete Biermann, der 1953 von Hamburg in die DDR gekommen war, seit Mitte der 1960er Jahre die marxistische Opposition gegen das SED-Regime. Sie hatten alle drei eine blütenreine antifaschistische Biographie und waren überzeugte Marxisten. Dies machte es für die SED-Führung besonders schwierig, sie anzutasten. Als Havemann und Biermann immer häufiger in den westlichen Medien öffentliche Kritik an der DDR übten, beschloss die Parteiführung aber, dass das Maß voll war. Die Chance, die Biermanns Konzertreise in Westdeutschland bot, um ihn loszuwerden, ließ sie sich nicht entgehen. [1]

„Don Quichotte der DDR-Kulturszene“

In der niederländischen Presse rief Biermanns Ausbürgerung große Empörung hervor. In de Volkskrant kommentierte Korrespondent Jan Luijten das Verhältnis des ostdeutschen Sängers zu seiner „unglücklichen Liebe“, der DDR. Luijten wies darauf hin, dass Biermann seine Hoffnungen auf den in Italien und in anderen Ländern aufkommenden Eurokommunismus gesetzt hatte, in welchem Kommunismus und Demokratie vereinigt werden sollten. Er unterstützte somit auch die Erklärung, die Biermann selbst als Grund für seine Ausbürgerung angab, nämlich die Furcht der SED-Führung, dass der Eurokommunismus in der DDR Fuß fassen könnte. Etwas skeptischer äußerte sich der erste niederländische Botschafter K.W. Reinink. Er bezeichnete Biermann als den „Don Quichotte der DDR-Kulturszene“, der sich „für eine DDR einsetzt, die nicht besteht und auch nicht bestehen kann“. Die SED-Spitze wünschte und duldete nun einmal keine abweichenden Meinungen über den Sozialismus.

Biermann und Havemann hatten bereits früh unter linksgerichteten niederländischen DDR-Beobachtern Popularität erworben. Eine Delegation neulinker Journalisten, die Beginn des Jahres 1966 die DDR besuchte, betrachtete ein Interview mit Havemann als den Höhepunkt der Reise. Dass die DDR gerade die linken Kritiker so hart anpackte – Biermann mit Ausbürgerung, Havemann mit jahrelangem Hausarrest – erregte bei linken Niederländern Unmut. Entsprechend regnete es bezüglich der Biermann-Affäre bei der Vereinigung Niederlande-Deutschland, der Freundschaftsvereinigung, Kündigungen aufgebrachter Mitglieder.


[1]  Zitate aus: Jacco Pekelder, Die Niederlande und die DDR. Bildformung und Beziehungen, 1949-1989, AgendaVerlag, Münster: 2002

Autor: Dr. Jacco Pekelder
Erstellt: Mai 2004


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