Die Niederlande und die DDR 1949 bis 1990


XV. Die DDR gleitet ab: 1987, 1988 und 1989

Honecker und Gorbatschow 1986
Gorbatschow und Honecker während des SED-Parteitags 1986, Quelle: BArch (83-1986-0421-010)/cc-by-sa

Ab Mitte der 1980er Jahre zogen sich dunkle Wolken über dem SED-Regime Erich Honeckers zusammen. Sie kamen nicht mehr aus dem Westen angeweht, sondern aus Moskau. Anfang 1987 dehnte dort der Parteiführer Michail Gorbatschow sein Reformprogramm von der Wirtschaft auf die Politik aus. Die SED-Spitze um Honecker beschloss, dem russischen Beispiel nicht zu folgen: keine Perestroika in der DDR. Als der DDR-Chef im Juni 1987 die Niederlande besuchte, stand sein Unwille, Gorbatschows Reformen auf die DDR zu übertragen, im Mittelpunkt der Pressekommentare. Journalistische Beobachter interpretierten dies als Zeichen des gestiegenen Selbstbewusstseins der DDR-Führung. Dieses basierte auf dem Stolz von „Land und Volk“ auf die starke DDR-Wirtschaft (Jan Luijten in de Volkskrant). Obwohl die niederländischen Diplomaten in Ostberlin stets skeptischer waren, gewannen auch in ihren Berichten erst in den letzten drei Monaten des Jahres 1987 die Krisenerscheinungen in der Bildformung die Oberhand. Mitte November 1987 schrieb Botschafter C.J. Schneider (unter dem Pseudonym F. Springer ein einflussreicher Schriftsteller) über eine „gestiegene Erwartungshaltung der DDR-Bevölkerung“, unter anderem auf Grund des Besuches, den Honecker im September 1987 der Bundesrepublik abgestattet hatte, und der Perestroika in der Sowjetunion. Besonders die russischen Reformen führten in der DDR, auch innerhalb der SED, zu soviel Diskussionen, dass das Politbüro im Oktober begann, „kräftig die Bremse“ zu ziehen. Mittels Gebrauchs harter Kalter-Kriegs-Rhetorik und Erhöhung der Anzahl an Ausreisegenehmigungen versuchte die SED-Führung, „den Geist wieder zurück in die Flasche zu holen“, so der Botschafter. [1]

Die interne Unruhe in der DDR wurde in der niederländischen Presse erst durch die Affäre rund um einige Demonstranten ein Thema. Diese hatten versucht, sich mit eigenen oppositionellen Losungen an den offiziellen Erinnerungsmarsch für Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht am 17. Januar 1988 anzuschließen. Erstmalig erschienen Haupt- und Hintergrundartikel, welche die DDR nicht mehr als Oase politischer Ruhe bezeichneten, sondern mit Nachdruck die Zeichen von Uneinigkeit aufgriffen, die innerhalb der Partei und im an Umfang und Radikalität zunehmenden Protest vornehmlich junger Menschen innerhalb und in geringerem Maße auch außerhalb der evangelischen Kirche hervortraten. Das autoritäre Auftreten gegenüber der Opposition tat dem Image der DDR im Ausland nicht gut. Durch die Ausbürgerung von verhafteten und manchmal bereits verurteilten Demonstranten wurde deutlich, dass in der DDR „kein Platz für jeden“ war, so Het Parool.

Marxistisches Naturschutzgebiet

Doch es dauerte lang bis für Diplomaten und Pressebeobachter klar wurde, wie dicht die DDR bereits am Abgrund stand. Bei seinem Abschied aus Ostberlin im März 1989 bemerkte Botschafter Schneider, dass die DDR „auf dem besten Wege [sei], ein marxistisches Naturschutzgebiet zu werden“. Die Bevölkerung scheine sich damit abzufinden, vielleicht auch aufgrund „des angeborenen Gefühls für Disziplin, das nämlich die preußische Bevölkerungsgruppe charakterisiert.“ Dass die Lage in der DDR jedoch auch anders beurteilt werden konnte, wurde bei den kommunalen Wahlen im Mai 1989 deutlich, als Bürger gegen die gebräuchliche Manipulation der Resultate protestierten. Der neue niederländische Botschafter in Ostberlin, E.F. Jacobs, verbuchte eine „zunehmende Zivilcourage“ unter den Ostdeutschen.

Im Spätsommer 1989 zeigte sich, wie sehr Unwille und der Mut zu Protest weiter anwuchsen, als Zehntausende Ostdeutsche versuchten, über Ungarn und einige westdeutsche Botschaften in den Westen zu flüchten. Die niederländische Botschaft fragte sich bereits, ob der hochbetagte Honecker seine 40-jährige DDR nun doch überleben sollte. Ab Beginn September begannen auch die niederländischen Zeitungen ausführlich über die internen Unruhen zu berichten und über Honeckers Zukunft zu spekulieren. In erster Instanz wurde dabei vor allen Dingen auf die Notwendigkeit zügiger Reformen hingewiesen, um die DDR zu retten, „ein Land, das durchaus lebensfähig ist, wenn es von verständigen Menschen geleitet würde, die die Zeichen der Zeit verstehen“ (Het Parool).

Ab Mitte September begannen die DDR-Bürger in stets größerer Zahl zu demonstrieren. Gleichzeitig wurden auch einige Oppositionsgruppen eingerichtet. Vor dem Hintergrund der Feier anlässlich des 40-jährigen Bestehens der DDR am 6. und 7. Oktober 1989 begannen die meisten niederländischen Beobachter, auch diejenigen in der Presse, einzusehen, dass auch ein Reformkurs große Risiken für das SED-Regime und die DDR beinhalten würde. In einer NRC-Ausgabe vom 6. Oktober 1989 wies Kolumnist J.L. Heldring auf dieses Problem hin. Er schrieb unter anderem: „Die Schwierigkeit ist, dass die DDR nicht reformieren kann, ohne ihre eigene Existenz aufs Spiel zu setzen. Der einzige Grund für ihre Existenz ist schließlich ihre Ideologie. Würde sie da Zugeständnisse machen, ‚kapitalistische’ Elemente in ihrem wirtschaftlichen und ‚bürgerlich-demokratische’ Elemente in ihrem politischen System zulassen (...), dann gäbe es keinen prinzipiellen Grund mehr, zwei deutsche Staaten existieren zu lassen.“


[1]  Zitate aus: Jacco Pekelder, Die Niederlande und die DDR. Bildformung und Beziehungen, 1949-1989, AgendaVerlag, Münster: 2002

Autor: Dr. Jacco Pekelder
Erstellt: Mai 2004


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