D-NL: Beziehungen nach 1945


II. Ein Strich unter die Vergangenheit? Die Normalisierung der bilateralen politischen Beziehungen

Drees, Willem
Willem Drees, Quelle: NA ( 139-1004)

"Unsere Lage bestimmt uns dazu, ein Bindeglied zu sein (...) zwischen Deutschland und dem überseeischen Verkehr, weshalb wir auch mit Deutschland einen intensiven Warenverkehr pflegen müssen. Die Interessen Europas und insbesondere die unseres eigenen Landes erfordern somit, dass Deutschland wieder aufgebaut und eingebunden wird. Wirtschaftlich eingebunden, in der Hoffnung, dass es auch in geistiger Hinsicht wieder integriert wird." Dies schrieb der führende Sozialdemokrat und Widerstandskämpfer Willem Drees 1943–44 aus seinem Amsterdamer Versteck über die niederländische Politik gegenüber dem Deutschland der Nachkriegszeit. Mit großer Nüchternheit plädierte der spätere Sozialminister (1945–48) und Ministerpräsident der Niederlande (1948–58) für eine gemäßigte alliierte Politik gegenüber Deutschland, wenn es einmal besiegt sei. Natürlich müssten der deutsche Militarismus endgültig ausgeschaltet, NS-Verbrecher bestraft und ein Teil der Kriegsschäden von Deutschland ersetzt werden. Gleichzeitig dürften die alliierten Sieger aber nicht denselben Fehler wie nach dem Ersten Weltkrieg machen, und dies bedeute: keine astronomisch hohen Reparationsverpflichtungen, keine umfänglichen territorialen Veränderungen, sondern Aufnahme Deutschlands in die Beziehungen der internationalen Gemeinschaft und nach einer Übergangszeit auch wieder die Zuerkennung einer gleichberechtigten Stellung. Es sei niemandem damit gedient, wenn das deutsche Volk durch schwere Bestrafung zu "völliger Verzweiflung" getrieben werde. Nach dem Krieg, so der spätere Ministerpräsident, werde es sicher eine verständliche antideutsche Stimmung in der niederländischen Bevölkerung geben, aber Drees warnte vor Rachemaßnahmen gegen das deutsche Volk als Ganzes. Trotz des Terrors der Besatzungsjahre dürfe man nicht vergessen, dass Hitler auch im eigenen Land Hunderttausende zur Emigration gezwungen, in Konzentrationslager gesperrt habe oder habe ermorden lassen.

Niederländer beinahe einstimmig antideutsch

Bei der Befreiung der Niederlande im Mai 1945 war die Bevölkerung für solch differenzierte Überlegungen nur begrenzt aufnahmefähig. Nach fünf Jahren Besatzung, Erniedrigung und Terror, ungefähr 250.000 Toten und einem geschätzten Schaden von 25,75 Milliarden Gulden waren die Niederländer beinahe einstimmig antideutsch. Deutsche – das waren die Nazis und die "Moffen", und nur langsam sollte sich der Blick über die Ostgrenze weiten. Bestrafung Deutschlands und der Deutschen, hohe Schadenersatzforderungen, Annektierung deutscher Gebiete, Ausweisung aller Deutschen aus den Niederlanden und die Abschaffung des Deutschunterrichts: Solche Forderungen passten besser in das Klima der ersten Nachkriegsjahre als Drees' vernünftige Warnungen vor einer harten Politik.

Seit dem letzten Kriegsjahr hatten niederländische Regierungskreise vor allem an Schadenersatz in Form von Annexionen deutschen Grund und Bodens gedacht. Nach der Befreiung kursierten darüber die wildesten Pläne, nicht zuletzt deshalb, weil die Bevölkerung aufgerufen war, über Umfang, Ort und Ausführung "mitzudenken“/“mit nachzudenken". Noch 1945 wurden trotz Papierknappheit viele Broschüren mit den unterschiedlichsten und weitreichenden Vorschlägen für Annexionen veröffentlicht. Auch die Regierung schmiedete rege Pläne, wenn sich auch der geforderte Umfang von 1945 bis 1947 rasch verringerte. Im September 1945 wollte der Außenminister die Niederlande um ein Drittel vergrößern, um rund 10.000 km2 mit 1,5 Millionen deutschen Einwohnern. Im Sommer 1946 war davon in der ersten offiziellen Regierungsverlautbarung ungefähr die Hälfte übriggeblieben (4.980 km2, circa 550.000 Deutsche). Im Herbst 1946 forderten die Niederländer von den vier alliierten Besatzungsmächten dann 1.750 km2 mit circa 119.000 deutschen Bewohnern. Daran hielten sie in den folgenden Jahren fest, obwohl viele 1947/48 zu der Überzeugung gelangten, derartige Forderungen passten nicht in die Zukunft der deutsch-niederländischen Beziehungen und der westeuropäischen Zusammenarbeit. Die amerikanischen Besatzer in Deutschland hatten übrigens auch schon deutlich gemacht, dass sie die Wünsche der Niederländer nicht erfüllen wollten, woraufhin diese 1948 die ambitionierten Annexionspläne auf Grenzkorrekturen minimalen Umfangs reduzierten. Am 23. April 1949 war es dann soweit: Die Niederlande vergrößerten sich vorläufig um 69 km2 und beherbergten circa 10.000 Deutsche mehr in ihren Grenzen. Die Reaktionen waren gemischt: Manche hatten ein viel größeres Gebiet in die Niederlande einbeziehen, andere hatten gerade aus prinzipiellen oder politischen Erwägungen von jeder Grenzveränderung absehen wollen. Die verkehrstechnischen und wasserwirtschaftlichen Vorteile, die Möglichkeit, die Grenzkorrekturgebiete als "Wechselgeld" in späteren Verhandlungen mit Deutschland einsetzen zu können, die Empörung über die deutschen Proteste gegen die Grenzänderungen und Prestigeüberlegungen: Ein Bündel von Motiven führte im April 1949 letztendlich zur parlamentarischen Bestätigung der Grenzkorrekturen. Wohl kaum jemand war jedoch mit diesem Ergebnis zufrieden, und noch im selben Jahr diskutierte das Kabinett auf Anregung von Ministerpräsident Drees, ob und unter welchen Bedingungen man die Gebiete wieder an Deutschland zurückgeben könnte. Dass die Rückgabe noch bis 1963 dauern sollte, macht deutlich, wie schwer sich die Niederlande und Deutschland taten, die aus dem Krieg herrührenden bilateralen Fragen zu lösen.

Pragmatismus und Distanz

Annexionspläne, der Wunsch nach Bestrafung und Schadenersatz, starke antideutsche Gefühle: Das war die eine Seite der niederländischen Haltung. Die andere Seite war, dass sich viele darüber im Klaren waren, dass eine harte wirtschaftliche Bestrafung Deutschlands nicht im niederländischen Interesse lag und dass die Wiederherstellung der Handelsbeziehungen der Vorkriegszeit unverzichtbar für den niederländischen Wiederaufbau war. "Sind Sie der Meinung, dass unser Land wie vor dem Krieg wieder viel Handel mit Deutschland treiben und wirtschaftlich zusammenarbeiten soll, oder sollen wir dies nicht tun?" Diese Frage stellte das Meinungsforschungsinstitut NIPO Anfang 1947 im Rahmen einer Untersuchung über die Haltung der niederländischen Bevölkerung zu Deutschland. "Ja, Geschäfte machen", antworteten 77 Prozent der Befragten, während 11 Prozent "Nein" und 12 Prozent "Weiß nicht" zu Protokoll gaben. Dieselbe Untersuchung fragte, ob man dem deutschen Volk "freundlich" oder "nicht freundlich" gesinnt sei. Hierauf antworteten 29 Prozent, dass sie dem deutschen Volk freundlich und 53 Prozent, dass sie ihm nicht freundlich gegenüberstünden. Die Antworten auf beide Fragen lassen einen deutlichen Unterschied erkennen zwischen der noch großen Aversion gegenüber Deutschland einerseits und andererseits der Bereitschaft, auf wirtschaftlichem Gebiet zu der früheren Orientierung auf den östlichen Nachbarn hin zurückzukehren.

Pragmatismus und Nüchternheit kennzeichneten auch die niederländische Haltung zur deutschen Wiederbewaffnung Anfang der fünfziger Jahre. Bereits im März 1948 hatte der niederländische Außenminister hinter den Kulissen auf die Notwendigkeit hingewiesen, das künftige Westdeutschland in die westliche Verteidigung miteinzubeziehen, und in den frühen fünfziger Jahren gehörte Den Haag zu den entschiedenen Befürwortern der deutschen Wiederbewaffnung. Die Zustimmung zur Wiederbewaffnung im Rahmen der NATO und unter amerikanischer Führung schloss gewiss nicht aus, dass das Unbehagen, das Misstrauen und die Wachsamkeit gegenüber der Bundesrepublik noch groß waren. Aber eine starke westliche Verteidigung verlangte, den ehemaligen Feind als Verbündeten im Ost-West-Konflikt zu akzeptieren.

Dies bedeutete auch, dass in der niederländischen Wahrnehmung die DDR und die Ostdeutschen eher als Bestandteil des osteuropäischen Machtblocks betrachtet wurden und kaum als ein Teil Deutschlands. Das zeigte sich schon in der Benennung: „Bundesrepublik“, „Westdeutschland“ und „Deutschland“ wurden für den westdeutschen Staat gleichrangig verwendet, während man sich für die DDR weitgehend dem westdeutschen Sprachgebrauch anschloss („SBZ“, „die Zone“, „die sogenannte DDR“). Genauso wie die anderen westlichen Staaten ignorierten die Niederlande die Existenz der DDR, die Den Haag erst 1973 im Rahmen der Ost-West-Entspannung anerkannte.

Handel mit dem Nachbar

Bereits 1950 waren die Westdeutschen wieder der wichtigste Handelspartner der Niederlande, und 1955 wurde die Bundesrepublik mit niederländischer Unterstützung in die NATO aufgenommen. Die Normalisierung der bilateral-politischen und vor allem der psychologischen Beziehungen verlief dagegen viel langsamer. Zwar wurden bereits in den ersten Nachkriegsjahren wieder Kontakte zwischen Niederländern und Deutschen geknüpft, aber es waren nur wenige Niederländer, die die dominierende Distanz gegenüber den Deutschen durchbrachen. Bereits 1945 gründeten niederländische Katholiken die „Katholische Gesellschaft zur geistigen Erneuerung“ zur Kontaktaufnahme mit deutschen Glaubensgenossen. Der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und die General-Synode der Niederländisch-Reformierten Kirche nahmen Beziehungen zueinander auf, und im Sommer 1947 unternahm eine niederländische Delegation eine Reise nach Deutschland. Schockiert berichtete sie der General-Synode über die Trümmer, den Hunger und die allgemeinen Lebensumstände der Deutschen. Einer der Teilnehmer war Max Kohnstamm, ehemaliger Widerstandskämpfer und KZ-Häftling, inzwischen persönlicher Referent Königin Wilhelminas und von 1948 bis 1952 einer der wichtigsten amtlichen Experten in der niederländischen Deutschlandpolitik. Vierzig Jahre nach Kriegsende schrieb Kohnstamm in der Wochenzeitung Die Zeit über den Stellenwert dieser Reise und den durch die neu geknüpften Kontakte bedingten Einschnitt in seinem Deutschlandbild: „Wie gestern erinnere ich mich der Freude, mit der ich über meinem KZ die alliierten Flugzeuge ankommen und später durch die Abendsonne wieder zurückfliegen sah. Als dann im Mai 1945 das Ende des Schreckens da war, habe ich nicht um andere, sondern nur um meine Toten getrauert. Zwei Jahre später kam ich zum ersten Mal nach Deutschland. Mein Hass und mein Glaube an die Kollektivschuld des deutschen Volkes wurden konfrontiert mit den Trümmerhaufen deutscher Städte, mit Kindern, die in diesen Trümmern wohnten, spielten, zur Schule gingen.“

So knüpften Katholiken, Protestanten, Sozialdemokraten und andere in den ersten Nachkriegsjahren Kontakte zu Glaubensgenossen, zu Parteifreunden, zum „anderen, besseren Deutschland“, und so entstand 1947 sogar das Bedürfnis, die verschiedenen Initiativen zu koordinieren. Dazu wurde 1948 der „Koordinationsausschuss zur Förderung der kulturellen Beziehungen zu Deutschland“ gegründet. Es waren auch diese Kreise, die in den ersten Nachkriegsjahren humanitäre Hilfe für Deutsche organisierten, im Jahre 1948 für eine zeitlich begrenzte Aufnahme deutscher Kinder in den Niederlanden sorgten und in einem vom niederländischen Roten Kreuz zur Verfügung gestellten Haus in Burgsteinfurt Niederländer und Deutsche zusammenbrachten. Groß war die Gruppe der Pioniere der Kontaktaufnahme allerdings nicht, und für die Mehrheit der Niederländer blieben Distanz und tiefes Misstrauen die selbstverständliche Einstellung gegenüber den Deutschen.

Auch auf politischer Ebene gestaltete die Annäherung sich schwierig. Erst 1960 wurden die langwierigen und mühsamen Verhandlungen über die aus dem Krieg resultierenden finanziellen und territorialen Fragen beendet, und danach dauerte es noch drei Jahre, bis diese sogenannte Generalbereinigung ratifiziert wurde. Die Krönung dieser bilateral-politischen Normalisierung in Form eines Staatsbesuchs des deutschen Bundespräsidenten hielt die niederländische Regierung bis Ende der sechziger Jahre für verfrüht. Erst mit der Wahl Gustav Heinemanns zum Bundespräsidenten im März 1969 gab Den Haag seine abweisende Haltung in dieser Hinsicht auf. Die Vergangenheit Heinemanns als Mann der Bekennenden Kirche, seine religiös bedingte Bußfertigkeit und seine moralischen Gesten gegenüber den Niederländern machten den Besuch zu einem Erfolg. Waren sie Heinemann in den fünfziger Jahren wegen seines Widerstands gegen die Wiederbewaffnung noch mit Misstrauen begegnet, so flößte er 1969 besonderes Vertrauen ein und personifizierte die deutsch-niederländische Versöhnung. Auch aus einem anderen Grund läutete das Jahr 1969 eine wesentliche Verbesserung der politisch-psychologischen Beziehungen ein: Willy Brandt, ebenso wie Heinemann ein Vertreter des „anderen Deutschlands“ war Bundeskanzler geworden. Er versprach, „mehr Demokratie (zu) wagen“, strebte nach einer Versöhnung mit Osteuropa, durchbrach Tabus in der Deutschen Frage und stand zugleich mit beiden Beinen fest auf dem Boden des westlichen Bündnisses. Brandt und Heinemann erleichterten es vielen Niederländern, auf mentaler Ebene Frieden mit Deutschland zu schließen, nicht zuletzt, weil die beiden in ihrem Umgang mit der NS-Vergangenheit eine Verbindung zwischen Politik und Moral herstellten, die es bis dahin in der Bundesrepublik nicht gegeben hatte.

Schwierige Verhandlungen

Genau darin liegt eine Erklärung für die lange Zeit blockierte bilaterale politische Normalisierung. Auch wenn 1951 der Kriegszustand beendet war, Botschafter ausgetauscht waren, und somit eine gewisse Normalität eintreten konnte, die aus dem Krieg stammenden bilateralen Fragen sollten erst in der Generalbereinigung von 1960 gefunden werden. Grundsätzlich war die niederländische Regierung in den fünfziger Jahren der Meinung, dass ein bilateraler politischer Strich unter die Vergangenheit mit der fortschreitenden Annäherung im ökonomischen und multilateralen Bereich Schritt halten müsste. Außerdem wussten die politisch Verantwortlichen in Den Haag: Je mehr Zeit verging, desto geringer wurde die Chance, Genugtuung für erlittene Kriegsschäden zu erhalten. Dies bedeutete aber nicht, dass die Niederländer in den Verhandlungen zu großen Konzessionen bereit gewesen wären, im Gegenteil. Wiederholt wurde sowohl auf niederländischer als auch auf deutscher Seite festgestellt, dass die niederländische Politik gegenüber der Bundesrepublik widersprüchlich war. Selbstkritisch bemerkte dazu 1951 ein niederländischer Diplomat in Bonn: "Im einen Augenblick plädieren wir für Realismus gegenüber den Deutschen, nämlich dort, wo wir von ihnen Vorteile erwarten, zum Beispiel durch die Aufstellung deutscher Soldaten (...), doch auf anderen Gebieten, besonders auf der bilateralen Ebene, ist von unserem Realismus angesichts der veränderten Situation in Europa keine Rede, und wir versuchen zu kriegen, was wir kriegen können." Daran sollte sich bis Anfang der sechziger Jahre nichts ändern. Auch auf deutscher Seite stellte man diese Diskrepanz wiederholt fest. So berichtete Joseph Löns, der deutsche Botschafter in Den Haag, im Oktober 1958 dem Auswärtigen Amt, dass seine niederländischen Gesprächspartner in bilateralen Fragen "kühl, abweisend und verschlossen" seien, auf der multilateralen Ebene dagegen "mitteilsam und herzlich". Bei einem Vergleich dieser niederländischen Haltung mit der anderer westlicher Länder kommt der Gegensatz noch schärfer zum Ausdruck: In der Normalisierung auf der wirtschaftlichen und international-politischen Ebene marschierten die Niederlande an vorderster Front, während sie bei der bilateralen politischen Normalisierung das Schlusslicht bildeten. Stärker als in den Beziehungen zu anderen Ländern prallten in den Verhandlungen zwischen Deutschland und den Niederlanden zwei Welten aufeinander, die sich vereinfacht so zusammenfassen lassen: Ein Volk – das niederländische – konnte nicht vergessen, was das andere ihm angetan hatte, und erwartete die Anerkennung erlittenen Unrechts. Das andere Volk sah darin antideutsche Starrheit und war nur unvollkommen in der Lage, das niederländische Kriegstrauma zu verstehen.

Flutkatastrophe 1953
Flutkatastrophe 1953, Quelle: NA ( 139-1004 059-1300)

Ein Beispiel: Hilfe bei der Flutkatastrophe 1953

Ein deutliches Beispiel dieser aufeinander prallenden Welten ist die unterschiedliche Bewertung der deutschen Hilfeleistung im Jahre 1953, nachdem die südwestlichen Niederlande von einer großen Flutkatastrophe (Bild rechts: Überschwemmung in den Niederlanden, 1953) heimgesucht worden waren. Im Auswärtigen Amt in Bonn meldeten sich viele deutsche Freiwillige, die im Katastrophengebiet helfen oder niederländische Kinder aufnehmen wollten. Derartige persönliche Hilfe wurde von der niederländischen Regierung abgelehnt, zumal manche ihr Angebot auch damit begründeten, dass sie sich seit 1940–45 vor Ort gut auskennen würden. Willkommen dagegen war selbstverständlich die materielle Hilfe. Die deutsche Bevölkerung und die Bundesregierung spendeten insgesamt 10 Millionen DM, und damit war die Hilfe aus der Bundesrepublik nach der amerikanischen die umfangreichste aus dem Ausland. Vor diesem Hintergrund sprach der Staatssekretär im Auswärtigen Amt, Dr. Walter Hallstein, die Erwartung aus, dass diese Hilfe „in hohem Maße dazu beitragen wird, die letzten kriegsbedingten Ressentiments in den Niederlanden auszuräumen“. Er täuschte sich. In der deutschen Botschaft in Den Haag verfolgte man sorgfältig die niederländische Berichterstattung über die deutsche Hilfe. Enttäuscht berichtete Botschaftsrat Werner von Holleben nach Bonn, die niederländische Dankbarkeit halte sich in Grenzen: „Es gibt noch immer viele Holländer, die sich von uns nicht gerne helfen lassen. Ob sie Journalisten, Beamte oder Kaufleute sind, im Grunde bleiben die Niederländer Bauern, langsam in ihren Reaktionen und verhalten in ihren Emotionen. Sie vergessen ebenso langsam wie sie denken.“ Eine Einschätzung, die, wie die meisten Stereotype, mehr über den Beobachter als über den Beobachteten aussagt. Hollebens Äußerung zeigt aber gleichzeitig, wie tief die politisch-psychologische Kluft zwischen beiden Ländern noch 1953 war. Für die Niederländer war die Hilfe aus der Bundesrepublik sicherlich ein positives Zeichen, und in der Presse tauchte mehrmals der Begriff „Wiedergutmachung“ auf. Die anfänglich hoch gesteckte deutsche Erwartung, dass die Hilfe das niederländische Kriegstrauma beseitigen werde, war jedoch völlig unrealistisch. Ein Jahr später, Anfang 1954, zog der deutsche Botschafter in Den Haag, Hans Mühlenfeld, Bilanz und stellte nüchtern fest, dass die Verbesserung des bilateralen Klimas durch die deutsche Hilfeleistungen nicht überschätzt werden dürfe. Er hatte Recht, als er schrieb, dass „die zahlreichen Deutschen, die naiv meinen, dass nun wieder alles in Ordnung sei“, sich irrten.

„Nur eines erwartet der Holländer“, schrieb der Haager Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung 1952, „dass der Deutsche das dem Holländer während der Besatzung zugefügte Leid anerkennt und dass er die kämpferische Haltung des Holländers gegenüber einem blutigen Tyrannen achtet“. Gegen die Behauptung, es habe in den Niederlanden während der Besatzung eine „kämpferische“ Haltung gegeben, lässt sich vieles einwenden, aber der Korrespondent charakterisiert zutreffend die niederländische Erwartungshaltung: Deutschland musste einsehen, dass es materiell und immateriell viel gutzumachen und eine schuldbewusste und entgegenkommende Haltung einzunehmen hatte. Anstatt sich als bußfertiger Schuldner zu präsentieren, der bereit war, die stark moralisch motivierten niederländischen Forderungen zu erfüllen, zeigte die Bundesrepublik aus Haager Sicht jedoch kaum Bereitschaft zur materiellen Entschädigung und legte darüber hinaus selbstbewusst eigene Forderungen auf den Tisch, unter anderem die Rückgabe der Grenzgebiete sowie großer Teile des 1945 in den Niederlanden beschlagnahmten deutschen Vermögens. Auch die unterschiedlichen Verhandlungsstrategien standen einer Lösung im Wege. 1954 hatte die niederländische Regierung das deutsche Angebot zur Aufnahme von Verhandlungen über eine Generalbereinigung abgelehnt, weil sie befürchtete, dass eine Koppelung von allen finanziellen und territorialen Fragen am Verhandlungstisch das Endergebnis in einem für die Niederlande ungünstigen Sinn beeinflussen könnte. Außerdem würde eine Koppelung aller Probleme den Charakter der Verhandlungen verändern: Sie wären mehr zu einem beiderseitigen Geben und Nehmen geworden, und diese Vorstellung kollidierte damit, dass die Niederländer eine entgegenkommende, flexible und schuldbewusste deutsche Haltung erwarteten.

Träge Annäherung

Infolgedessen kam die bilaterale Normalisierung kaum voran. Die Bundesregierung entsprach nicht den hohen niederländischen Erwartungen und erklärte den mühsamen Verlauf der Beziehungen mit niederländischer Halsstarrigkeit. Daraufhin hielt Den Haag aus Enttäuschung über den Umfang, in dem die Bundesrepublik die deutsche Schuld tilgen wollte, um so entschlossener an seinen Forderungen fest, was wiederum auf deutscher Seite das Unverständnis für die niederländische Haltung steigerte. Dieses Muster gegenseitigen Unverständnisses verstärkte sich noch einmal durch die Geschwindigkeit, mit der die Bundesrepublik seit 1949 in die westliche Gemeinschaft einzog. Die deutsche Seite stellte sich auf den Standpunkt, dass die Schroffheit der Niederländer im Licht der internationalen Verhältnisse anachronistisch sei und Den Haag einlenken müsse. In den Niederlanden erkannten manche diese Notwendigkeit, aber die ausschlaggebende psychologische Reaktion wies in die entgegengesetzte Richtung. Vor diesem Hintergrund ist die Aussage des niederländischen Justizministers Leendent A. Donker in einer Kabinettssitzung im April 1955 zu sehen, in der er erklärte, im Vergleich zu anderen Ländern seien die Niederlande während des Krieges von den Deutschen "bei weitem am schändlichsten" behandelt worden und Den Haag müsse Bonn deutlich machen, dass diese Vergangenheit nicht vergessen sei. Und genau dies geschah in den Verhandlungen über die aus der Besatzungszeit stammenden Fragen.

Auch als die Niederlande 1957 letztendlich den Gedanken einer Generalbereinigung akzeptieren und ihre Verhandlungsstrategie ändern mussten, prallten die unterschiedlichen Ausgangspositionen noch wiederholt aufeinander. Kurz vor dem Abschluss der Besprechungen um eine finanzielle Entschädigung im Sommer 1959 soll der niederländische Außenminister Joseph Luns seine deutschen Kollegen Heinrich von Brentano und Franz Etzel mit den Worten angefahren sein: „Was glauben Sie eigentlich! Sie denken, dass Sie hier gleichberechtigt sitzen, aber da irren Sie sich. Wir sind zu höflich, um es zu sagen, aber Sie sprechen hier als Besiegter mit dem Sieger. Wir sind der Sieger! Was denken Sie!“ Es verwundert denn auch nicht, dass sich die niederländischen und deutschen Reaktionen stark unterschieden, als 1960 die Generalbereinigung unterschrieben wurde. Viele Niederländer meinten, dass die 280 Millionen DM Schadenersatz und Wiedergutmachung viel zu gering seien, zumal die Grenzkorrekturgebiete wieder an Deutschland zurückgegeben wurden. Die niederländische Kritik und Verärgerung riefen auf deutscher Seite Erstaunen hervor, weil Bonn der Meinung war, sich gerade großzügig verhalten zu haben.

Die Generalbereinigung war ein notwendiger Schritt auf dem Weg zur Normalisierung der bilateralen Beziehungen. Aber der lange Weg dorthin und das letztlich erzielte Ergebnis bedeuteten nicht, dass aus niederländischem Blickwinkel mit dem Inkrafttreten am 1. August 1963 wirklich eine neue Phase begonnen hatte. „In den niederländischen Parteien und Öffentlichkeit hat der Vertrag nicht immer eine gerechte Würdigung gefunden“, hieß es im Januar 1964 in der Instruktion des Auswärtigen Amts für den neuen deutschen Botschafter in den Niederlanden: „Es wird Ihre Aufgabe sein, auf ein richtiges Verständnis in der niederländischen Öffentlichkeit hinzuwirken.“ Aber das Problem war nun gerade, was unter „richtigem Verständnis“ zu verstehen war. Der lange Weg zur Generalbereinigung hatte deutlich gemacht, dass sich eine gemeinsame deutsch-niederländische Antwort auf diese Frage nur schwer finden ließ. Aus niederländischer Sicht bestätigte das Ergebnis dafür zu sehr das Bild von den zur Trauer unfähigen Deutschen, das sich in den fünfziger Jahren verfestigt hatte. Allerdings übersahen die Niederländer dabei, dass sie durch ihre eigene unflexible Verhandlungsstrategie selbst die Grundlage für die Bestätigung dieses Bildes gelegt hatten. So gesehen bestand die positive Bedeutung der Generalbereinigung hauptsächlich in der Tatsache, dass man über die umstrittenen Themen nicht mehr zu sprechen brauchte. Solange die Probleme ungelöst gewesen waren, hatten sie einer Verbesserung der Beziehungen im Weg gestanden. Die Lösung selbst enttäuschte vielleicht viele, aber nach 1963 war der Weg für eine weitergehende Normalisierung frei, auch wenn es noch sechs Jahre dauern sollte, bis ein deutscher Bundespräsident zu einem Staatsbesuch willkommen war und die Beziehungen sich wirklich verbessern konnten. [1]


[1] Friso Wielenga: Ein Strich unter die Vergangenheit? Die Normalisierung der bilateralen politischen Beziehungen, in: Deutschland-Niederlande. Heiter bis Wolkig. Begleitbuch zur Ausstelung im Haus der Geschiche der Bundesrepublik Deutschland in Bonn vom 22. November 2000 bis 16. April 2001 und im Rijksmuseum Amsterdam vom 26. Mai bis 16. September 2001, Bonn 2000, S. 50 bis 59.

Autor: Prof. Dr. Friso Wielenga
Erstellt: Februar 2004


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Wielenga, Friso: Vom Feind zum Partner. Die Niederlande und Deutschland seit 1945, Münster 2000 Onlineversion

Wielenga, Friso: Ein Strich unter die Vergangenheit? Die Normalisierung der bilateralen politischen Beziehungen, in: Deutschland-Niederlande. Heiter bis Wolkig. Begleitbuch zur Ausstelung im Haus der Geschiche der Bundesrepublik Deutschland in Bonn vom 22. November 2000 bis 16. April 2001 und im Rijksmuseum Amsterdam vom 26. Mai bis 16. September 2001, Bonn 2000, S. 50 bis 59.

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