Deutsch-niederländische Beziehungen der 1930er Jahre


IV. Neutralität und Sicherheitspolitik

Spätestens die gescheiterten Sanktionen des Völkerbunds gegen Italien nach der Besetzung Abessiniens 1935 und der Einmarsch deutscher Truppen ins entmilitarisierte Rheinland 1936 hatten die Schwäche der kollektiven politischen Strukturen und das wachsende Bedrohungspotential in Europa offengelegt. Damit mussten auch die deutsch-niederländischen Beziehungen um sicherheitspolitische Perspektiven ergänzt werden. Die Niederlande verkündeten am 1. Juli 1936, man werde an Sanktionen des Völkerbundes nicht mehr teilnehmen und zogen sich bis 1938 von der offeneren „Selbständigkeitspolitik“ der 1920er Jahre wieder auf eine Position absoluter Neutralität zurück. An bilateralen Nichtangriffsverträgen, wie sie das Deutsche Reich mit einigen anderen Nachbarstaaten schloss, war Den Haag aus prinzipiellen Gründen ebenso wenig interessiert wie an jeglicher Form von Blockbildung. Dafür bemühte man sich um eine informelle Anerkennung der Neutralität durch die Großmächte, hatte damit aber keinen Erfolg.

Königin Wilhelmina 1898
Königin Wilhelmina Porträt von 1898, Quelle: Pieter de Josselin de Jong

Zugleich stärkte Colijn die niederländische Verteidigungsbereitschaft: Trotz der Haushaltskrise stiegen die Militärausgaben, die Wehrpflicht wurde verlängert, und es fanden zusätzliche Reservistenübungen statt. Für diese Maßnahmen gab es einen breiten Konsens in Politik und Gesellschaft, der von den Konservativen bis zu den Sozialdemokraten reichte und auch die Unterstützung Königin Wilhelminas hatte. Dabei war die Regierung allerdings mit dem Dilemma konfrontiert, dass die einzig konkrete Bedrohung des Landes von Deutschland ausging und sich die Verteidigungsanstrengungen sinnvoller Weise nur gen Osten richten konnten, man aber zugleich alles unterlassen wollte, was als Vorwand für eine Verschlechterung der Beziehungen oder gar militärische Schritte Deutschlands hätte dienen können. Noch im Herbst 1939, als der Einmarsch in die Niederlande längst beschlossen war, beschwichtigte Colijns Nachfolger als Ministerpräsident, Dirk Jan de Geer, im Parlament in einer später vielzitierten Rede Kriegsängste der Bevölkerung, bekräftigte die Fortsetzung der bisherigen Politik und sprach ihr sogar eine Vorbildfunktion zu: „Jeder neutrale Staat, an dessen Neutralität uneingeschränkt geglaubt wird, ist in diesen dunklen Zeiten ein Leuchtturm, von dem Rettung ausgehen kann. Das gilt auch und vor allem für unser Land.“[3]

Von Seiten des Berliner Außenministeriums warb man durchgehend um Verständnis für die deutsche Außenpolitik und konnte dabei in niederländischen Regierungskreisen und der Öffentlichkeit tatsächlich auf eine gewisse Sympathie für die Überwindung der Beschränkungen des Versailler Vertrags rechnen. Begleitet wurde dies von wohlklingenden, aber unbelastbaren Zusicherungen wie derjenigen Hitlers am 30. Januar 1937 und Ende August 1939, die niederländische und belgische Neutralität zu garantieren oder am 30. Januar 1939, dass die Reichsgrenzen im Westen befriedet seien.


[3] Handelingen van de Staten-Generaal, Tweede Kamer, 1939/40, 10. Sitzung, 30.11.1939, S. 59.

Autor: Christoph Strupp
Erstellt: Juni 2010


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Roowaan, Ries: Im Schatten der Großen Politik. Deutsch-niederländische Beziehungen zur Zeit der Weimarer Republik 1918-1933, Münster 2006.

Langeveld, Herman: Hendrikus Colijn, Bd. 2: Schipper naast god 1933-1944, Amsterdam 2004.

Orlow, Dietrich: The Lure of Fascism in Western Europe. German Nazis, Dutch and French Fascists, 1933-1939, New York 2009.

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