D-NL: POlitische Beziehungen im 18./19. Jahrhundert


V. 1862-1890: Der Bauer auf dem Schachbrett von Bismarck

Otto von Bismarck
Otto von Bismarck, Quelle: BArch (146-1990-023-06A)/cc-by-sa

1848 bedeutete eine niederschmetternde Niederlage für die deutschen Liberalen. Zwar bekam Preußen 1850, als Folgeerscheinung der Revolution, noch eine Verfassung; allerdings handelte es sich um ein derart konservatives Dokument, dass es nur bestehende autoritäre Machtsverhältnisse festlegte. Dennoch gelang es den Liberalen, sich aufs Neue zu gruppieren. Am Ende der fünfziger Jahre erreichten die Liberalen Wahlsiege in verschiedenen deutschen Staaten. Dies führte zu neuem Selbstvertrauen. In Preußen suchten die Liberalen erneut die Konfrontation mit dem König. Mit Hilfe des Haushaltsrechts, das das preußische Abgeordnetenhaus traditionell besaß, verweigerte das Parlament Sonderzahlungen für die Streitkräfte. Der König betrachtete dies als einen direkten Anschlag auf seine Autorität als Oberbefehlshaber. Um diesen Konflikt auszufechten, benannte der König Otto von Bismarck 1862 zum preußischen Ministerpräsidenten. Bismarck schob die Verfassung beiseite und reformierte die Armee ohne Zustimmung des preußischen Abgeordnetenhauses.

Aber Bismarck war mehr als ein reaktionärer Draufgänger. Er war davon überzeugt, dass er nicht am Status quo festhalten konnte. Dann würde der Konflikt mit den Nationalliberalen immer wieder auf die Spitze getrieben werden und die Fortexistenz Preußens und der Monarchie in Gefahr geraten. Dem wollte Bismarck um jeden Preis zuvorkommen und entschied sich daher für einen Angriff. Sollte es ihm gelingen, sich an die Spitze der nationalen Bewegung zu setzen und einen Nationalstaat zu schaffen, der unter Kontrolle Preußens und der Monarchie wäre, könnte man den Nationalliberalen den Wind aus den Segeln nehmen. Dieses Programm implizierte unvermeidlich eine Konfrontation mit Österreich und bedeutete das Ende des deutschen Bundes. Wie dieser gewagte Coup ausgehen würde, hing von drei Faktoren ab: der Erfolg des preußischen Heeres, die Haltung der Nationalliberalen und der Standpunkt der Nachbarländer Deutschlands, die diese Umwälzung der Machtsverhältnisse im Zentrum Europas akzeptieren mussten.  

In den ersten Monaten des Jahres 1866 nahmen die Spannungen zwischen Preußen und Österreich immer mehr zu. Die Niederlande beobachteten diese Entwicklung mit zunehmender Sorge. Über Luxemburg und Limburg waren die Niederlande Mitglied des deutschen Bundes. Man fürchtete, in den Konflikt hineingezogen zu werden. Aus diesem Grund richtete man sich an Bismarck (Foto links) mit der Frage, ob Limburg den deutschen Bund wieder verlassen könne. Bismarck erhob keine Bedenken, als die Frage allerdings im Mai 1866 in Frankfurt auf die Agenda kam, wurde das Thema vor allem durch Preußen aufgeschoben.
Am 14. Juni 1866 brach der Krieg aus. Österreich gelang es, den deutschen Bund auf seine Seite zu ziehen. Daraufhin erklärte Bismarck den deutschen Bund für „erloschen“ . Die niederländische Regierung hielt sich aus dem Konflikt heraus, weshalb Bismarck bei ihr darauf drang, die Verbindungen zum deutschen Bund zu lösen. Als die niederländische Regierung dieser Aufforderung nicht nachkam, gab Bismarck dem niederländischen Gesandten zu verstehen, dass sich Preußen und die Niederlande nun theoretisch miteinander im Krieg befänden. Dies war ein typischer Fall von Schaumschlägerei und dem sarkastischen Humor Bismarcks. Der preußische Ministerpräsident war in der Praxis bereit, das niederländische Fernhalten zu respektieren.

Bismarck nahm ein großes Risiko mit in den Krieg. Er war sich eines preußischen Sieges nicht sicher und schon gar nicht eines schnellen Erfolges. Falls es ein schleppender Krieg werden würde, war es möglich, dass sich Frankreich und Russland mit dem Konflikt auseinandersetzen würden, womit die Chancen auf eine preußische Vorherrschaft in Deutschland dahin gewesen wären. Allerdings landete die preußische Armee am 3. Juli 1866 einen großen Sieg bei Königgrätz. Bismarck benutzte den raschen Erfolg, um so schnell wie möglich die Friedensverhandlungen mit Österreich zu beginnen. Schon am 26. Juli wurde ein vorläufiger Friede und am 23. August der Friede von Prag unterzeichnet. Österreich wurde als Machtfaktor in der deutschen Politik ausgeschaltet, blieb allerdings als Großmacht bestehen. Es stimmte der Liquidation des deutschen Bundes zu und erkannte die preußische Annektierung in Norddeutschland an.

Kuhhandel

Nach der offiziellen Abtrennung vom deutschen Bund im August 1866 war die Position Limburgs und Luxemburgs undeutlich. Als der niederländische Gesandte im Dezember 1866 versuchte, von Bismarck die Zusage zu erhalten, von einem Beitritt Limburgs und Luxemburgs zum norddeutschen Bund abzusehen, wich dieser einer Antwort aus und erinnerte den niederländischen Gesandten daran, dass sich die Niederlande und Preußen noch immer theoretisch, nicht praktisch, miteinander im Krieg befänden. Im Februar 1867 ließ Bismarck den niederländischen Gesandten wissen, dass die konstituierende Sitzung des norddeutschen Bundes sehr wohl einen Beitritt Limburgs und Luxemburgs fordern könne. Die niederländische Regierung fühlte sich durch diese deutliche Einstellung Preußens so in die Enge getrieben, dass man sich in geheimer Mission mit der Frage an Frankreich richtete, welche Unterstützung man erwarten könne, falls Preußen harte Forderungen aufstellen würde. Die französische Regierung ergriff die Chance mit beiden Händen und schlug vor, die Niederlande mögen Luxemburg an Frankreich überlassen und beide Länder ein Militärbündnis bilden. Gerüchte dieser Besprechungen machten auch in Deutschland die Runde. Im Bundestag nahm Bismarck am 1. April 1867 deutlich Stellung und ließ wissen, dass er keinen Kuhhandel mit Luxemburg zulassen würde, aber jeder Zeit bereit wäre, die Angelegenheit gütlich beizulegen. Während Bismarck einerseits der englischen Regierung mitteilte, dass er erwarte, dass sie als Garantiemacht von Belgien eine aktive Rolle spielen würde, ließ er andererseits die niederländische Regierung wissen, dass er kein Interesse an einer Mitgliedschaft Limburgs im norddeutschen Bund hatte. Bismarcks diplomatische Manöver hatten das gewünschte Ergebnis. Die Niederlande brachen die Verhandlungen mit Frankreich ab und England wurde aktiv. Im Mai 1867 fand in London eine internationale Konferenz über die Luxemburger Frage statt. Es fiel der Beschluss, dass Luxemburg fortan ein neutraler Staat sein würde – ohne Mitgliedschaft im norddeutschen Bund, aber mit in der deutschen Zollunion. Die deutschen Garnisonen in Luxemburg wurden zurückgezogen und die Luxemburger Festung aufgelöst. Darüber hinaus einigte man sich darauf, dass auch Limburg kein Mitglied des norddeutschen Bundes werden sollte. Damit war das Ende eines lange währenden und problematischen Dossiers im deutsch-niederländischen Verhältnis erreicht. Was blieb, war die Personalunion zwischen Luxemburg und den Niederlanden. Die Union zerbrach 1890, weil das Haus Oranien keinen männlichen Thronfolger besaß.

Kaiser Wilhelm

Die friedliche Lösung der Luxemburger Frage brachte nur eine Atempause. Um sein verbeultes Image wiederherzustellen, lag Napoleon III. an einem außenpolitischem Erfolg. Im Jahre 1870 kam es zu einer Auseinandersetzung zwischen Frankreich und Preußen wegen der spanischen Thronfolge. Preußen, unterstützt durch die süddeutschen Staaten, war militärisch erneut erfolgreich. Am 2. September 1870 gewann die deutsche Armee die große Schlacht bei Sedan. Napoleon wurde bei dieser Schlacht gefangen genommen. Bismarck hatte gehofft, dass er genau wie nach dem Krieg gegen Österreich auch nach Sedan schnell einen Frieden würde schließen können, aber diese Erwartung wurde enttäuscht. Eine neue republikanische Regierung in Paris rief zum nationalen Widerstand auf. Deutschland war gezwungen, weiter zu kämpfen. Paris wurde eingekreist und die restliche Armee, die versuchte, Paris zu befreien, degradiert. Am 18. Januar 1871 riefen die deutschen Fürsten den preußischen König Wilhelm I. zum Kaiser aus. Zehn Tage später unterzeichnete die französische Regierung einen Waffenstillstand. Im Mai 1871 wurde der Friede von Frankfurt unterzeichnet. Frankreich verlor Elsass-Lothringen an das deutsche Kaiserreich. Die Nationalisten hatten die Annektierung dieses Gebietes gefordert, weil die Bevölkerung des Elsass deutsch sprach. Die Industriellen hatten diese Annektierung gefordert, weil die Eisenbergwerke Lothringens für die industrielle Entwicklung Deutschlands von großer Bedeutung waren. Das Militär hatte auf die Bedeutung der Vogesen als geeignete Verteidigungsgrenze hingewiesen. Das letzte Argument gab auch für Bismarck den Ausschlag. Jahre später sollte er die Annektierung Elsass-Lothringens übrigens bedauern, weil dadurch das Verhältnis mit Frankreich vergiftet wurde.

In der Zeit 1870-1871 blieben die Niederlande weiterhin neutral, was nicht bedeutete, dass man sich keine Sorgen über die explosionsartige Expansion der deutschen Macht machte. 1866 war Hannover von Preußen verschluckt worden. Hannover, ein niederländisches Nachbarland, war genauso groß wie die Niederlande. Bismarck versuchte nach 1871, die Sorgen auszuräumen. Mehrmals gab er gegenüber niederländischen Diplomaten zu bekennen, dass das Kaiserreich „saturiert“ war. Bismarck wünschte keine weiteren Veränderungen der internationalen Machtverhältnisse. Er hatte seine politischen Ziele erreicht. Das Kaiserreich war eine autoritäre Monarchie, die durch Preußen dominiert wurde. Den deutschen Nationalliberalen gelang es nicht, das Kaiserreich in liberaler Hinsicht zu reformieren. Obwohl die Franzosen auf Rache sannen, waren sie gezwungen, das Kaiserreich zu akzeptieren. Russland und Großbritannien akzeptieren das Kaiserreich relativ problemlos. Das deutsche Kaiserreich war auf einen Schlag die stärkste Macht des europäischen Kontinents geworden. Von 1871 an manifestierte sich Bismarck als mächtiger Schutzpatron des Friedens und der Stabilität in Europa. Fast zwei Jahrzehnte sollte Deutschland diese Rolle spielen.

Autor: André Beening
Erstellt: Januar 2007


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