Die Geschichte der niederlande 1940-1945


VI. Niederländische Arbeiter in Deutschland 1940-1945

„Zwangsarbeiter“, rufen ehemalige Betroffene in größter Emotionalität. „Fremdarbeiter“, halten Historiker dagegen und sind dabei um einen möglichst ruhigen Ton bemüht. So lief es bei einer Diskussion im Haus der Niederlande in Münster, und so läuft es regelmäßig auch, wenn in den Niederlanden über das Thema „Arbeitseinsatz“ diskutiert wird.

Zwangsarbeiter
im Lager Dachau
Häftlinge bei Zwangsarbeit im KZ Dachau, Quelle: BArch (152-01-024)/cc-by-sa

Anerkennung erlittenen Leides

Es geht, worum es mindestens seit den achtziger Jahren immer wieder geht, wenn in den Niederlanden über den Zweiten Weltkrieg diskutiert wird und Betroffene eine Hauptrolle spielen: Um die Anerkennung erlittenen Leides. Leid, wie es in der „Hölle von Rees“ erlitten wurde, einem Lager am Niederrhein nahe der deutschen Grenze zu den Niederlanden. Ab dem Winter 1944 mussten ausländische Männer dort auf einem großen Bahngelände z.B. Bombentrichter zuschütten und Waggons von Hand rangieren, weil es an Lokomotiven fehlte. Und das, während Luftangriffe an der Tagesordnung waren; während die viel zu selten ausgeteilten Lebensmittel von Schimmel bedeckt und durchzogen waren; während der Boden der als Unterkunft dienenden Zelte von Exkrementen bedeckt war, da die geschwächten Arbeiter immer weder an Durchfall erkrankten. „Im Lager begann die Zahl der Sterbefälle zuzunehmen“, schildert H. Frederik seine Erfahrungen in Rees. „Vornehmlich handelte es sich um Männer, die krank geworden waren und mangels Hilfe und Medikamenten in ihrem eigenen Dreck krepierten. Jeden Morgen lagen ein paar dieser armen Schweine neben dem Zelt, manchmal ein oder zwei, meistens mehr.“ Rees war jedoch nicht die alleinige Wahrheit des Arbeitseinsatzes von Niederländern in Deutschland. Diese Wahrheit war viel facettenreicher. Wenn Historiker den Arbeitseinsatz in den Blick nehmen, meinen sie all die verschiedenen Facetten. Deswegen sprechen sie nicht über „Zwangsarbeiter“, sondern über „Fremdarbeiter“. Mehr als 400.000 von ihnen befanden sich bei Kriegsende in Deutschland.

Arbeitseinsatz reichte bis in 30er Jahre zurück

Direkt nach der Kapitulation der niederländischen Truppen am 15. Mai 1940 wurde der Arbeitseinsatz niederländischer Männer in deutschen Betrieben zum Thema, und die Vorgeschichte reichte sogar bis in die dreißiger Jahre zurück. Schon damals drohte die Kürzung des Arbeitslosengeldes, wenn die Aufnahme einer Arbeit im Dritten Reich abgelehnt wurde. Die staatliche Unterstützung der Familien von Arbeitslosen konnte um den Betrag gekürzt werden, den man bei einer Beschäftigung im nationalsozialistischen Deutschland hätte verdienen können. Anders als beim östlichen Nachbarn herrschte in den Niederlanden weiterhin Massenarbeitslosigkeit, und in den Mitteln zu ihrer Bekämpfung war die Regierung nicht wählerisch. Erst im September 1939, nach dem Ausbruch des Krieges, bestimmte Sozialminister J. van Tempel, dass die rigiden Regelungen nicht mehr angewandt werden sollten. Doch wurde diese Lockerung gegenüber der Bevölkerung streng geheim gehalten. Niemandem sollte ein Vorwand geliefert werden, die niederländische Neutralität in Frage zu stellen.

Arbeitslose waren als erste betroffen

Kaum hatte die Besatzungszeit begonnen, wurden die Bestimmungen über die Streichung der staatlichen Unterstützung erneut in Kraft gesetzt. Es waren also Arbeitslose, die als erste vom Arbeitseinsatz betroffen waren. Der Staatssekretär im Sozialministerium R. Verwey beteiligte sich eifrig am Erlass der notwendigen Bestimmungen. Ihm fiel eine zentrale Rolle zu, da Minister van den Tempel ebenso wie die anderen Mitglieder der Regierung und das Königshaus nach London geflohen war. Verwey also führte nun die Geschäfte im Sozialministerium. Die Zahl der Betroffenen blieb zunächst beschränkt, denn die Besatzer zogen es vor, Aufträge an niederländische Unternehmen zu vergeben anstatt deren Arbeiter in Deutschland einzusetzen. Dieses Konzept erwies sich übrigens als sehr erfolgreich. Die im Dritten Reich eingesetzten (Ex-) Arbeitslosen hatten wenig Anlass, sich über ihre Behandlung zu beklagen. An Lebensmitteln herrschte noch kein Mangel, eine private Unterbringung war eher Regel als Ausnahme, und wer in der Grenzregion wohnte, hatte möglicherweise sogar die Chance, als Tagespendler weiterhin in der Heimat zu übernachten.

Drastische Ausweitung

Zu einer drastischen Ausweitung des Kreises der Betroffenen kam es ab Anfang 1943, also nach der deutschen Niederlage bei Stalingrad. Für den „totalen Krieg“ wurden noch mehr deutsche Männer an der Front benötigt. Neben Frauen mussten Fremdarbeiter dafür sorgen, dass die Landwirtschaft weiter lief und aus der Rüstungsproduktion das Letzte herausgeholt wurde. Mehr als drei Viertel aller Studenten aus den Niederlanden wurden zum Arbeitseinsatz in Deutschland verpflichtet, weil sie sich weigerten, ihre Loyalität zu den Besatzern zu erklären. Auch aus den Betrieben heraus wurden immer mehr Männer um Arbeitseinsatz aufgerufen. Die einzig mögliche Gegenwehr bestand darin unterzutauchen. Dank einer nun entstehenden, groß angelegten illegalen Hilfsorganisation wurde dies zum Massenphänomen.

"Akzeptable Behandlung"

Bis Mitte 1944 blieb die Behandlung der nach Deutschland gebrachten Niederländer im Allgemeinen akzeptabel. Zwar waren sie nunmehr zumeist in Gemeinschaftsbaracken untergebracht und bekamen sie die sich langsam verschlechternde Versorgung mit Lebensmitteln zu spüren. Die Arbeit konnte schwer und im Einzelfall auch gefährlich sein. Am Wochenende blieb aber doch noch die Möglichkeit zu einem Gang in die nächstgelegene Stadt, in ein Kino oder Café. Mit der Lage polnischer oder russischer Arbeiter war die Situation der Niederländer nicht zu vergleichen. So betont auch E.H. Kossmann, Historiker und selbst ehemaliger Fremdarbeiter, dass er und seine niederländischen Schicksalsgenossen keine Gefangenen gewesen seien.

"Hölle von Rees"

Und die „Hölle von Rees“? Sie war kennzeichnend für die Lage ab Herbst 1944, als sich die Fronten von Osten und Westen einander schnell näherten. Bei Razzien griffen die deutschen Besatzer nun wahllos Männer auf der Straße auf, um sie zum Arbeitseinsatz zu deportieren. Die Unterkünfte in den neu eingerichteten Lagern in Deutschland bestanden wie in Rees häufig nur aus löchrigen Zelten. Die hygienischen Zustände spotteten jeder Beschreibung. Eine Versorgung mit Lebensmitteln fand kaum einmal statt. Die Arbeitsbedingungen waren zumeist unerträglich. Sadistische Aufseher konnten die Qualen noch verschlimmern. Wer dies mitgemacht hat, kann mit vollem Recht als Zwangsarbeiter bezeichnet werden.Die weiter andauernden Diskussionen sind, wie schon gesagt, ein Ausdruck des Kampfes um Anerkennung. Faktisch begann dieser Kampf bereits mit der Rückkehr. Die heimkehrenden Fremdarbeiter mussten dem impliziten Verdacht begegnen, dass sie freiwillig nach Deutschland gegangen waren und den Deutschen über das akzeptable Maß hinaus zu Diensten gewesen waren. Dabei hatten sie im Regelfall nichts Schlimmeres getan als ihre Kollegen, die in niederländischen Betrieben deutsche Aufträge erfüllt hatten.

Verbitterung

Schon bald nach Kriegsende versuchte eine Organisation ehemaliger Fremdarbeiter, durch Interventionen bei der niederländischen Regierung (finanzielle) Kompensationen für das erlittene Leid und seine Folgen zu erreichen – erfolglos. Man traf nicht den richtigen politisch-diplomatischen Ton, und es fehlte an den notwendigen persönlichen Verbindungen in die entscheidenden Kreise.So stauten sich die Gefühle. Ab Mitte der achtziger Jahre, als die niederländische Diskussion über die Besatzungsvergangenheit schon längst durch das Thema Leiden dominiert wurde, brachen sich die Emotionen umso heftiger Bahn. Nicht allein die Behandlung während der Kriegszeit, sondern ebenso sehr die Erfahrungen danach erklären die Verbitterung, die bis heute in den Diskussionen mitschwingt. Historiker reden nach wie vor über „Fremdarbeiter“. Da sie das Ganze betrachten, völlig zurecht. Für den einzelnen, der ganz auf sein persönliches Schicksal fixiert ist, kann es dennoch eine fast unerträgliche Härte bedeuten.

Autor: Dr. Harald Fühner
Erstellt: Juni 2007


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Herbert, Ulrich: Fremdarbeiter. Politik und Praxis des „Ausländer-Einsatzes“ in der Kriegswirtschaft des Dritten Reiches, Bonn 1999.

Linden, Thea van der/ Piersma, Hinke: Terug in het gareel. De opvang van gedwongen tewerkgestelden en de angst voor onmaatschappelijkheid, in: Hinke Piersma (Hrsg.): Mensenheugenis. Terugkeer en opvang na de Tweede Wereldoorlog. Getuigenissen, Amsterdam 2001, S. 125–150.

Sijes, B.A.: De Arbeidsinzet. De gedwongen arbeid van Nederlanders in Duitsland, 1940–1945, Den Haag 1966.

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