Die Geschichte der niederlande 1940-1945


III. Aller Alltag ist schwer

Niederländer gingen während der deutschen Besatzungszeit millionenfach in deutsche Kinofilme

Alles könnte so einfach sein: Die Niederländer waren im Zweiten Weltkrieg die Guten, die Deutschen die Bösen. Freund - Feind. Fronten klar. Alle Niederländer waren im Widerstand und die paar Überläufer auf der „falschen Seite“. Es ließe sich so wunderbar polarisieren. Aber wie das mit Schwarz-Weiß-Denken so häufig ist - es fehlen die Farbabstufungen. Und Grauzonen gibt es in der niederländischen Geschichte auch ein paar: Indonesien, Südafrika, Sklavenhandel. Keine Schlagworte, mit denen man Ruhmestaten verbinden kann. Seit geraumer Zeit wird in der historischen Forschung versucht, das Bild über die Periode der deutschen Besatzungszeit zurechtzurücken. Weg vom einfachen Gut-Böse-Schema. Ganz in dieser Linie muss auch die neue Studie von Ingo Schiweck gesehen werden. Der Düsseldorfer Historiker legt eine umfassende Arbeit über die Rolle des deutschen Films während der Besatzungszeit vor.

Heinz Rühmann 1942 als Kammeramann
Heinz Rühmann als Kameramann 1942, Quelle: BArch (146-1986-098-18)/cc-by-sa

Heinz Rühmann war ein holländischer Held. Sein Film „Quax, der Bruchpilot“ galt 1942 als Kassenschlager. Trotz deutscher Sprache, die so verhasst schien, lockte der Film millionenfach in die Kinos. „Heinz Rühmann hat sich in eine Art kollektives Filmgedächtnis eingegraben“, sagt Schiweck, der selbst in den Niederlanden aufgewachsen ist und in Amsterdam Geschichte studiert hat. Der Film bekam sehr gute Kritiken und wurde als Komödie behandelt. Die Zeitung NRC rühmte: „Ein Film mit sympathischer Atmosphäre“.

"Die goldene Stadt"

Als Produkt, das zum Beispiel die Jugend für einen Eintritt in die Luftwaffe hätte begeistern können, wurde der Film nicht gewertet, schreibt Schiweck. Während der Besatzungszeit gingen Niederländer millionenfach in die Kinos, die seit der Besatzung 1940 unter deutscher Aufsicht standen. Und dies bedeutete in der Praxis, dass bis auf wenige Ausnahmen ausschließlich deutsche Filme gezeigt werden durften, die auch ihre Abnehmer fanden. Zwar war anfänglich die Zurückhaltung groß - die Zahl der verkauften Kinokarten ging innerhalb von einem Jahr um 6,5 Millionen zurück -, aber schon 1942 wurden mit 55,4 Millionen verkauften Karten absolute Spitzenwerte gemeldet. Und im Vergleich zu anderen Ländern wiesen hier die Kinos den höchsten Anteil deutscher Filme auf - 86 Prozent.

Auf der Leinwand waren beruhigende Streifen zu sehen: „Hauptsache glücklich“ mit Heinz Rühmann, „Trenk, der Pandur“ mit Hans Albers oder „Frau Luna“ mit Theo Lingen standen ganz oben auf der Spielliste. Der erfolgreichste Film war die Produktion „Die goldene Stadt“. Der Film stand wochenlang auf Platz eins der Bestellliste der Kinobetreiber und spielte einen Umsatz von 500 000 Gulden ein. Auf wenig Interesse stießen allerdings Produktionen mit deutlich anti-semitischer Tendenz.

Deutsche Propagandavorstellung

Der massenhafte Kinokonsum traf bei den „landestreuen“ Niederländern auf Ablehnung. Die Tageszeitung Trouw schrieb 1943: „Das niederländische Volk mag zwar geknechtet und geschlagen werden, und das uns angetane Unrecht mag zum Himmel schreien, es kümmert die Tausende nicht, die Abend für Abend die Kinos bevölkern. In dichten Scharen stehen sie zusammengedrängt vor dem Eingang, um ja einen Platz zu ergattern bei der deutschen Propagandavorstellung.“
Die Aufrufe der Zeitungen, deutsche Filme zu meiden, hatten wenig Erfolg. Deutsche Produktionen wurden teilweise bis in die letzten Kriegswochen hinein gesehen. Interessant findet Autor Ingo Schiweck, dass die hohen moralischen Ansprüche der freien Presse, die das Bild der späteren Öffentlichkeit prägten und nach dem Krieg als idealer Beweis für den Widerstand dienten, dass diese Maßstäbe für die alltäglichen Handlungen nicht galten.

Ingo Schiweck zeigt eine Besatzungszeit jenseits von Widerstand oder Kollaboration, er rückt den Alltag in den Mittelpunkt. In dem die Menschen sich vergnügen wollten. Etwas Spaß in einer tristen Zeit. Dass es deutsche Filme waren, die gezeigt wurden, dass an den Kassenhäuschen „Juden kein Zutritt“ stand, schien sie dabei nicht zu stören. Der deutsche Spielfilm sollte vom Besatzungsalltag ablenken und wurde - trotz der Kritik der illegalen Presse - gerne und weitgehend unkritisch konsumiert. „Insoweit haben sich die Niederländer den deutschen Wünschen ganz konform gezeigt“, sagt Ingo Schiweck.

(NRZ, 12.03.2002)

Autor: Andreas Gebbink
Erstellt: Juni 2007


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Schiweck, Ingo: „(...) weil wir lieber im Kino sitzen als in Sack und Asche“. Der deutsche Spielfilm in den besetzten Niederlanden 1940-1945, Münster 2001

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