Die Geschichte der Niederlande 1940-1945


I. Einführung: Zwischen schmeichelnder Werbung und rücksichtsloser Ausbeutung

Die Wandlungen der deutschen Besatzungspolitik in den Niederlanden

Seyß-Inquart spricht vor Ordnungspolizei, 1940 Den Haag
A. Seyß-Inquart in Den Haag 1940, Quelle: BArch ( 145-0789)/cc-by-sa

"Rücksichtslos“ ist ein deutsches Wort, das in der niederländischen Sprache oft im Original zitiert wird. Etwas „rücksichtslos“ zu erzwingen, das entspricht dem Stereotyp der nationalsozialistischen Besatzer. Zu Anfang aber traten diese Besatzer nicht einfach nur polternd, dumpf und gewalttätig auf, sondern werbend und manchmal auch charmant. Zwang und Terror waren erst die Folge einer missglückten Bekehrung. Man werde die niederländischen Gesetze so weit wie möglich in Kraft lassen, kündigte Arthur Seyß-Inquart an, als er am 29. Mai 1940 offiziell das Amt als Reichskommissar für die besetzten niederländischen Gebiete antrat. Das waren nicht einfach platte Lügen des Chefs der deutschen Zivilverwaltung. Die Besatzer hatten alles Interesse daran, dass die niederländische Verwaltung weiterhin funktionierte. Schließlich wollte man selbst sich darauf beschränken, die Oberaufsicht auszuüben und hatte hierfür lediglich einen Apparat von rund 2000 Personen zur Verfügung. Da war es am einfachsten, wenn die bisherigen Regeln weiter galten, soweit sie nicht mit den Interessen der Besatzer kollidierten. Vor allem aber passte die Rede in die „Charme-Offensive“ der Besatzer nach ihrem Überfall auf die Niederlande. Erleichtert und fast verwundert nahm die Bevölkerung das korrekte Auftreten der deutschen Soldaten zur Kenntnis. Von der Terrorherrschaft, die im Deutschen Reich herrschte und über die man so viele Schreckensmeldungen gelesen hatte, schienen die Niederlande verschont zu bleiben. Ein Zustand relativer Normalität stellte sich bald nach der Kapitulation der niederländischen Truppen am 14. Mai 1940 wieder ein.

Selbstnazifizierung des „germanischen Brudervolkes“?

Ruhe und Ordnung als vorrangige Ziele der Besatzer waren am besten zu verwirklichen, wenn die Niederländer nicht verschreckt wurden. Die längerfristigen Konzepte reichten weiter. Die Bevölkerung sollte für den Nationalsozialismus gewonnen werden, genauer gesagt sollte eine Selbstnazifizierung stattfinden. Nur der Weg dorthin war noch undeutlich. Welche Organisation war geeignet, die Niederländer auf den „rechten Weg“ zu führen?So schemenhaft das politische Konzept zunächst war, so deutlich war doch, dass den Niederlanden ein ganz anderes Schicksal zugedacht war als zum Beispiel Polen. Während den „rassisch Minderwertigen“ eine rücksichtslose Ausbeutung drohte, konnte das „germanische Brudervolk“ auf die Erhaltung eines Lebensstandards hoffen, der mit dem im Deutschen Reich vergleichbar war. Die bald verkündeten Rationierungen von wichtigen Lebensmitteln sowie Treib- und Heizstoffen spiegelten den allgemeinen Mangel wider, eine lebensbedrohliche Situation für die Bevölkerung bedeuteten sie nicht.So waren es nicht alle Niederländer, die schon nach einigen Monaten die wirklichen Härten der Besatzungssituation zu spüren bekamen, sondern einzelne Gruppen. Allen voran natürlich die Juden, die ab Ende 1940 zunächst registriert, dann isoliert und 1942/43 schließlich deportiert wurden. Eine andere hervorgehobene Gruppe war die der Arbeitslosen. Sie wurden schon im ersten Jahr der Besatzung zum Arbeitseinsatz in Deutschland verpflichtet. Insgesamt aber war es den Besatzern lieber, die in den Niederlanden vorhandenen Produktionskapazitäten für eigene Zwecke zu nutzen, als Arbeiter zu rekrutieren oder gar Fabriken zu demontieren. So erhielten niederländische Betriebe in großem Umfang Aufträge, die sie zumeist auch zur Zufriedenheit der deutschen Behörden erledigten.

Herrschaft mit den Kollaborateuren

Im Laufe des Jahres 1941 wurde den Besatzern endgültig deutlich, dass die Hoffnung auf eine Selbstnazifizierung der Niederlande zum Scheitern verurteilt war. Die niederländische nationalsozialistische Partei NSB fand nur bei einer kleinen und isolierten Minderheit Anhang. Die Sammlungsbewegung   Nederlandsche Unie, die im Sommer 1940 einen enormen Zulauf erhalten hatte, ließ sich nicht im Sinne deutscher Ziele steuern. Sie wurde im Dezember 1941 verboten, während die NSB zur einzig zugelassenen Partei erklärt wurde. Damit verzichteten die Besatzer darauf, ihre Anliegen im „Konsens“ mit der Bevölkerung zu verwirklichen. An die Stelle des schmeichelnden Werbens um allgemeine Unterstützung trat immer mehr das Durchsetzen der eigenen Ziele auch gegen Widerstände. Nach und nach wurden praktisch alle wichtigen staatlichen Positionen mit NSB-Funktionären besetzt. Wenn es schon nicht gelang, die Massen für sich zu begeistern, sollten die wenigen niederländischen Verbündeten eine umso entscheidendere Rolle spielen. Entgegen seiner eigenen Hoffnungen wurde der NSB-Führer Mussert aber nie zum Ministerpräsidenten ernannt. So weit sollten die Provokationen aus deutscher Sicht dann doch nicht getrieben werden, und außerdem lautete das Urteil über Musserts persönliche und politische Qualitäten negativ.Dass sich die Situation verschärfte, hing auch mit der Wendung des Kriegsglücks zusammen. Nach dem Scheitern der Blitzkriegs-Strategie verschärfte sich ab 1942 der Arbeitskräftemangel in der deutschen Rüstungsindustrie immer mehr. Diese Lücken wurden in immer neuen Aktionen mit „Fremdarbeitern“ gefüllt – zumal deutsche Frauen aus ideologischen Motiven nur sehr eingeschränkt eingesetzt wurden. Die Ausrufung des „totalen Kriegs“ nach der Niederlage von Stalingrad zog in sämtlichen von deutschen Truppen besetzten Staaten immer schärfere Wellen der Zwangsrekrutierung nach sich. Gleichzeitig wurde ein immer größerer Anteil der in den Niederlanden produzierten Güter nach Deutschland gebracht – ohne dass dem eine Bezahlung mit realem Wert gegenüber gestanden hätte. Die Ausplünderung der niederländischen Wirtschaft hatte also begonnen. Außerdem sank der Lebensstandard weiter, weil nicht kriegswichtige Betriebe geschlossen wurden und Ersatzstoffe nur ein lächerlicher Abklatsch der Originale waren.

Aus Druck wird Terror

Die Zeit zwischen Ende 1941 und Mitte 1944 war geprägt durch wachsenden Druck. Die Konfrontation wurde durch wachsende Widerstandsaktivitäten in den Niederlanden und durch Bemühungen zu ihrer Unterdrückung noch verschärft. Die schlimmste Phase stand der nicht-jüdischen Bevölkerung jedoch noch bevor. Sie begann im September 1944, als die Alliierten bis zu den niederländischen Grenzen vorrückten, die Schlacht von Arnheim aber verloren. Es erscheint kaum angebracht, für diese Zeit, als die Niederlage Deutschlands unmittelbar bevorstand, überhaupt von einem „Konzept“ der Besatzer zu sprechen. Die letzten acht Monate waren im noch besetzten Teil der Niederlande bestimmt von der Logik des verzweifelten Terrors des sicheren Verlierers. Von einer Rücksichtnahme auf die besondere Position des „germanischen Brudervolkes“ konnte keine Rede mehr sein. Gegen den Widerstand, der erst in dieser Zeit zu einer Art Massenbewegung anwuchs, gingen die Besatzer mit brutalen Mitteln vor. Bestimmungen des Kriegsrechts schenkten sie dabei kaum noch Beachtung. Als es in der Nacht vom 30. September auf den 1. Oktober 1944 in der Nähe des Dorfes Putten zu einem Anschlag auf eine Wehrmachtspatrouille kam, bestanden die Repressalien darin, dass ein Teil der Häuser des Dorfes zerstört wurden. Vor allem aber wurden 660 Männer gefangen genommen und deportiert. Sie wurden zunächst in das Durchgangslager Amersfoort und von dort nach Deutschland gebracht. In den dortigen Lagern herrschten so erbärmliche Bedingungen, dass 552 dieser Gefangenen starben. „Putten“ hat in den Niederlanden bis heute einen Klang wie in Tschechien „Lidice“ oder in Frankreich „Oradour-sur-Glane“.

Schicksal von Putten

Das Schicksal der Bewohner von Putten zeigt, dass auch Passivität keine Lebensversicherung war. Wer in der letzten Kriegsphase bei einer Razzia gefangen genommen wurde, um zum Arbeitseinsatz nach Deutschland gebracht zu werden, musste ein ähnliches Schicksal befürchten wie die aus Putten Abtransportierten. Die Bevölkerung im Westen der Niederlande insgesamt wurde zum Opfer der deutschen Vergeltungslogik. Als die niederländischen Eisenbahner im September 1944 in den Streik traten, um den alliierten Vormarsch indirekt zu unterstützen, antworteten die Besatzer mit einem Stopp sämtlicher Lebensmitteltransporte in den am dichtesten besiedelten Teil des Landes. Im Winter 1944/45 wurden daher Rezepte verbreitet, wie aus Tulpenzwiebeln angeblich schmackhafte Suppen zubereitet werden könnten. Nur weite Hamstertouren über Land konnten eine gewisse Linderung bringen. Wer hierfür nicht die Kraft und keine ausreichende Unterstützung hatte, war in Gefahr. Rund 22.000 Menschen starben bis zum Mai 1945 an den Folgen der Unterernährung.

Bis dahin setzten die fanatischsten unter den Nationalsozialisten auch ihr Werk fort, das darauf ausgerichtet war, andere möglichst effektiv in den eigenen Untergang hineinzuziehen. So fanden die Befreier bei Kriegsende eine schwer zerstörte Infrastruktur vor und waren leicht zu transportierende Teile von Wirtschaftsbetrieben in großem Stil geraubt. Neuere Forschungen haben allerdings gezeigt, dass die Schäden geringer waren, als unmittelbar nach Kriegsende angenommen.

Autor: Dr. Harald Fühner
Erstellt: Juni 2007


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Hirschfeld, Gerhard: Fremdherrschaft und Kollaboration. die Niederlande unter deutscher Besatzung, 1940–1945, Stuttgart 1984.

Jong, Lou de: Het Koninkrijk der Nederlanden in de Tweede Wereldoorlog, 14 Bde., Den Haag 1968–1991.

Kwiet, Konrad: Reichskommissariat Niederlande. Versuch und Scheitern nationalsozialistischer Neuordnung, Stuttgart 1968.

Personen

Informationen zu Personen im Bereich Geschichte Personen A-Z

Kurzinformation des DHM Arthur Seyß-Inquart

Links

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Ausführliche Informationen zum Thema, mit Quiz und extra Materialien, Linkliste usw. Landeskundliches Schulprojekt

Kurzinformationen des DHM 'Das deutsche Besatzungsregime in den Niederlanden'

Homepage der 'Stichting Oktober 44' Putten


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