Die Geschichte der niederlande 1940-1945


XIV. Hungerwinter 1944/1945

Mit der Befreiung am 5. Mai endete für die Niederländer nicht nur die fünfjährige Besatzung durch die Deutschen. Für tausende Bewohner der großen Städte im Westen des Landes ging auch eine Hungersnot zu Ende. Der Hungerwinter 1944/45 ist wohl die traumatischste Erfahrung der Niederländer im zweiten Weltkrieg. 22.000 Menschen starben zwischen September 1944 und Mai 1945 an den direkten oder indirekten Folgen des Hungers.

Die ersten Kriegsjahre

Hungerwinter
Hungerwinter in den Niederlanden, Quelle: NA (934-7716)

Bereits wenige Tage nach der Kapitulation im Mai 1940 gab es erste Besprechungen der niederländischen Behörden mit deutschen Militärs. Schnell war klar, worauf es den Besatzern ankam: Die Bevölkerung musste versorgt sein und die deutsche Wirtschaft sollte von den Niederlanden aus unterstützt werden. Niederländische Betriebe wurden in die deutsche Kriegswirtschaft eingebunden, ein Teil der Vorräte wurde von den Deutschen konfisziert - aber ansonsten ging das Leben in den Niederlanden zunächst relativ normal weiter.

Doch im Laufe des Krieges änderte sich das. Alles wurde knapper. Viele Lebensmittel wurden aus dem freien Handel geholt, um sie über ein Verteilungssystem gegen feste Preise zu verkaufen – per Lebensmittelkarte. Die Menschen bekamen Bons für Lebensmittel und andere Güter, wie zum Beispiel Textilien, Fahrradschläuche, Schuhe etc. Was es mit den Bons zu kaufen gab und wann, stand in der Zeitung. Die Händler mussten alle eingelieferten Bons an das zentrale Verteilungs-Büro schicken – taten sie es nicht, konnten sie keine neue Ware einkaufen. Im Juni 1940 waren Brot, Kaffee und Tee nur per Bon zu bekommen. Mit der Zeit wurde diese Liste länger: Milch, Fleisch, Käse, Eier, Marmelade, im April 1941 auch Kartoffeln. Irgendwann war nur noch Fisch im freien Handel zu bekommen, doch im Juli 1944 war auch das vorbei.

Schwarzhandel

Mit dem Verteilungssystem wuchs auch der Schwarzhandel. Viele Bauern brachten ihre Produkte selbst auf den Markt. Die Behörden versuchten alles, um den Schwarzhandel einzudämmen, doch meist ohne Erfolg. Für Viehbauern war die Notschlachtung zum Beispiel eine gewinnbringende Methode, das Bon-System zu umgehen. Denn den Erlös für Tiere, die nach einem Unfall notgeschlachtet werden mussten, durften die Landwirte behalten. Das führte dazu, dass zwischen 1940 und 1944 rund 44.000 Tiere mehr notgeschlachtet wurden als zu Friedenszeiten. Auf dem Schwarzmarkt wurde nicht nur mit Gütern gehandelt, sondern auch mit Bons. Diejenigen, die keine Bons brauchten oder kein Geld hatten, um mit ihnen etwas zu kaufen, verkauften sie. Je länger die Besatzung andauerte, desto mehr blühte der Schwarzhandel. Teilweise fand er sogar öffentlich als Straßenhandel statt, obwohl die Deutschen immer wieder versuchten, dies mit Razzien zu unterbinden.

Beschlagnahmung der Fahrräder

Hitler hatte Arthur Seyss-Inquart zum Reichskommissar der besetzten Gebiete gemacht. Der überzeugte Nationalsozialist war den Niederländern gegenüber positiv gestimmt. Die Nazis wollten doch nur „das Beste“ für das Nachbarland – die Niederländer würden früher oder später einsehen, dass das Aufgehen im Großgermanischen Reich ein Schritt nach vorne war, so die Überzeugung der Besatzer. Um die Stammesverwandtschaft zu unterstreichen, hatte Hitler verfügt, dass der niederländische Lebensstandard nicht unter den der Deutschen sinken durfte. Ausbeutung sollte nicht stattfinden, stattdessen wollte man die niederländischen Betriebe möglichst eng mit der deutschen Wirtschaft verflechten. Als im Laufe des Krieges deutsche Arbeiter zu Hunderttausenden zur Ostfront gerufen wurden, wuchs allerdings der Druck aus Deutschland, Arbeiter aus den besetzten Ländern in die immer leerer werdenden Fabrikhallen zu holen. Das widerstrebte Seyss-Inquart – hatte er doch zu Beginn des Krieges dafür gesorgt, dass holländische Betriebe möglichst viele Aufträge der Wehrmacht bekamen.

Im Laufe der Besatzung stellte Deutschland immer mehr Forderungen: Öl, Kaffee, Tee, und Tabak, Aluminium, Gummi, Schmieröl und Benzin. Im kollektiven Gedächtnis der Niederländer hat sich vor allem die Beschlagnahmung der Fahrräder festgesetzt. In den ersten Kriegsjahren geschah dies noch in Maßen, Fahrradfabriken mussten Teile der Produktion an Deutschland abliefern. Erst Mitte 1942 beschlagnahmte die Wehrmacht auch Fahrräder auf der Straße. „Gib mir mein Fahrrad zurück“ ist darum auch nach dem Krieg zum geflügelten Wort geworden.

Autor: Silke Wortel
Erstellt: Juni 2007


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