Die Geschichte der niederlande 1940-1945


XV. Hungersnot

Hungerwinter Kinder
Hungernde Kinder in den Niederlanden, Quelle: NA (934-7717)

Im Oktober 1944 lebten die Menschen in den großen Städten der westlichen Niederlande schon von einer mageren Hungerration: 1 Brot und 1 Kilo Kartoffeln pro Person und Woche. Das erforderte die Anlieferung von 25.000 Tonnen Getreide pro Monat. Ab Anfang November wurden allerdings nur noch 9.000 Tonnen geliefert. So kündigte sich eine Katastrophe an. Der Stadtbevölkerung wurde immer stärker bewusst, wie abhängig sie vom Land war. Kartoffeln, Fleisch und Gemüse waren zu Beginn des Krieges noch über die Lebensmittelmarken zu bekommen, doch im Hungerwinter brach dieses System weitgehend zusammen. Die ungekannte Knappheit brachte die Menschen im Laufe des Winters dazu, Dinge zu essen, die vorher nie als Nahrung betrachtet worden waren: Zuckerrüben und Tulpenzwiebeln. Ab dem 15. Januar wurden Zuckerrüben als Kartoffel-Ersatz verkauft. Dazu gab es begleitende Kochrezepte. Aber obwohl die Hausfrauen auch selbst experimentierten, um daraus etwas einigermaßen Schmackhaftes zu machen, wurden Zuckerrüben allgemein als ungenießbar empfunden.

Nahrungsmittel Tulpenzwiebel

Das Essen von Tulpenzwiebeln hat einen besonderen Hintergrund: Weil die West-Niederlande vom Rest Europas abgeschnitten waren, lag der Export von Tulpenzwiebeln still. Nachdem niederländische Ärzte erklärt hatten, dass die Zwiebeln zum Essen geeignet seien, verkauften die Züchter sie als Nahrung. Über den Geschmack von Tulpenzwiebeln wurde noch viel mehr berichtet als über die Zuckerrüben. Dass sie später das Symbol des Hungerwinters wurden, liegt wohl vor allem an der Bildhaftigkeit: War die Tulpe doch das niederländische Produkt schlechthin.

Plünderungen und Raub

Immer mehr Menschen aßen nun auch in den „zentralen Garküchen“. Ende Februar 1945 waren es mehr als eine Million, danach stieg die Zahl sogar noch weiter. Trotz der mäßigen Qualität war es für viele die einzige Möglichkeit, noch etwas Nahrhaftes zu bekommen. Außerdem mussten sie dann nicht selber kochen und sparten Brennstoff. Und natürlich blühte der Schwarzmarkt weiter. Selbst brave Ladenbesitzer gingen nun dazu über. Für Lebensmittel waren die Menschen mehr denn je bereit zu geben. Das äußerste, wozu der Hunger die Hungernden trieb, waren Plünderungen und Raub. Für Lieferanten wurde es auf der Straße allmählich gefährlich.

Auf „Hungertour“

Nachdem das Verteilungssystem über die Lebensmittelkarten praktisch zusammengebrochen war, begannen die Städter, sich ihr Essen selbst zu besorgen. Zehntausende von ihnen gingen auf so genannte „hungertochten“ – Hungertouren zu den Bauern. Durch den Eisenbahnerstreik und das anschließende Lebensmittel-Embargo war jeder andere Transport von Lebensmitteln in die Städte im Westen praktisch unmöglich geworden. Die Menschen fuhren mit Fahrrädern und Handwagen, viele gingen auch zu Fuß. Am Anfang blieben die „tochten“ noch relativ dicht am Heimatort. Später musste man immer weiter fahren, um noch etwas zu bekommen. Oft mussten die Städter auch bei Bauern übernachten.

Ein Landwirt aus Santpoort erinnerte sich vierzig Jahre später im „Ijmuider Courant“: „Sie kamen von überall her. Alle zogen sie in den Norden, um etwas zu tauschen oder zu kaufen. Alle kamen sie hier lang und jeden Abend war es das gleiche: Ich habe in dieser Zeit – von September 1944 bis Ende April 1945 – 1400 bis 1500 Schlafgäste gehabt. Der Strom begann um etwa vier Uhr nachmittags und endete erst um 9 Uhr abends. Es waren meistens so etwa 15 Leute pro Nacht. Ich konnte ihnen nur einen Schlafplatz bieten, zu essen hatte ich selbst kaum noch. Aber meine Mutter sorgte dafür, dass die Schläfer immer eine Tasse Kaffee bekamen, bevor sie morgens weiterzogen.“ Doch es gibt auch negative Erfahrungen. Der Ruf der Landbewohner verschlechtere sich im laufe des Krieges zunehmend. Geschichten machten die Runde von Bauern, die sich an den hungernden Städtern bereichert hätten.

Verhungert

Trotz der Garküchen, des Schwarzhandels und der Hungertouren kämpften immer mehr Menschen mit Mangelerscheinungen. Etwa 200.000 Menschen im Westen der Niederlande litten unter solchen Krankheiten. Dazu kamen die, die durch die fehlende Nahrung geschwächt waren und anfällig für alle möglichen Krankheiten. Schätzungsweise 22.000 Menschen starben an den Folgen des Hungers, vor allem Kinder und Greise. Die Zahl der Toten, die bestattet werden mussten, lag plötzlich um ein Vielfaches höher als gewöhnlich. Vor allem in den großen Städten mangelte es an Särgen, da es kaum noch Holz gab, und auch der Leichentransport war so gut wie unmöglich. Totengräber konnten ihre Arbeit nur schwer verrichten - auch sie waren vom Hunger geschwächt. Manchmal blieb ein Verhungerter zwei bis drei Wochen zu Hause liegen. Viele wurden in Massengräbern beerdigt. Auch kam es vor, dass Menschen den Tod eines Angehörigen nicht meldeten, um weiter dessen Lebensmittelkarten benutzen zu können. Einige Gemeinden begannen damit, statt der Bestattungen die Aufbewahrung der Toten zu organisieren. In Amsterdam passierte das in der leer stehenden Zuiderkerk. Hier wurden bis zu hundert Leichen gleichzeitig aufbewahrt.

Autor: Silke Wortel
Erstellt: Juni 2007


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Personen

Informationen zu Personen im Bereich Geschichte Personen A-Z

Links

Wichtige geschichtliche Institutionen finden Sie unter Institutionen

Verzetsmuseum Amsterdam Hungerwinter


Impressum | Datenschutzhinweis | © 2018 NiederlandeNet
NiederlandeNet
Alter Steinweg 6/7
· 48143 Münster
Tel: +49 251 83-28516 · Fax: +49 251 83-28520
E-Mail: