Die Geschichte der niederlande 1940-1945


XVI. Internationale Hilfe und Befreiung

Befreiung Eindhoven 19.9.1944
Befreiung von Eindhoven am 19.9.1944, Quelle: NA (120-0876)

Als immer deutlicher wurde, dass im besetzten Teil der Niederlande eine Hungersnot drohte, und die Deutschen nicht gewillt oder in der Lage waren, die Versorgung der Bevölkerung aufrecht zu erhalten, schaltete sich die Exilregierung in London ein. Ab September 1944 bemühte sie sich, die Alliierten davon zu überzeugen, dass in den Niederlanden eine Katastrophe bevorstand, wenn es keine Hilfe gäbe. Das Problem: Von einer solchen Hilfe würden möglicherweise auch die Deutschen profitieren. Besonders Churchill war sehr besorgt über eine derartige indirekte Unterstützung des Feindes. Dazu befürchtete man, dass Lebensmitteltransporte in die Niederlande die alliierten Operationen erschweren könnten.

Hilferuf

Die niederländische Regierung kämpfte mit zwei politischen Problemen. Erstens hatte sie den Eisenbahnerstreik selbst ausgerufen. Damit hatte sie den Schein erweckt, selbst zur Hungersnot beigetragen zu haben. Zweitens zeigte sich, dass die Situation in den befreiten Teilen des Landes noch schlechter wurde als vor der Befreiung. Daran konnte die Regierung in London zwar wenig ändern, aber die befreiten Landsleute dachten natürlich anders darüber: Sie fühlten sich allein gelassen. Ministerpräsident Pieter S. Gerbrandy wandte sich Ende September 1944 mit einem dringenden Hilfegesuch an Churchill, doch der blieb dabei: Keine Maßnahmen, die auch den Deutschen zugute kommen könnten. Nach diesem vergeblichen Versuch wandte sich die Exilregierung an die internationale Öffentlichkeit. Mit Erfolg: Neutrale Länder wie Schweden und die Schweiz waren bereit, etwas zu unternehmen. Und auch Seyss-Inquardt erlaubte angesichts der verschärften Lage, dass das Schwedische und das Internationale Rote Kreuz Lebensmittel lieferten.

„Schwedisches Weißbrot“

Das Internationale Rote Kreuz bat Deutschland um Zustimmung, und nun ergab sich eine paradoxe Situation: Die Deutschen erlaubten, Güter aus der Schweiz über den Rhein nach West-Holland zu transportieren, doch die Alliierten nicht. Denn dann wäre der Rhein praktisch zum neutralen Gebiet erklärt worden – und das wäre ein Vorteil für die Deutschen. Trotzdem gelang es dem schwedischen Roten Kreuz, den Westen der Niederlande mit Hilfsgütern zu versorgen. Am 28. Januar erreichten zwei Schiffe die Küste. Sie waren beladen mit Mehl. Erbsen, Margarine, Milchpulver, getrocknetem Gemüse und Lebertran. Zwei Wochen später kamen die Lebensmittel in den hungernden Städten an. Das Brot, das die Bevölkerung aus dem Mehl backte, wurde als „Zweedse wittebroot“- schwedisches Weißbrot - legendär. Später kamen auch noch Schiffslieferungen aus Portugal und der Schweiz. Im kollektiven Gedächtnis blieb aber besonders die Hilfe der Schweden haften. Natürlich konnten wenige Schiffsladungen kaum die große Not lindern. Aber zumindest gab es wieder Hoffnung.

Operation Manna

Im Laufe des April 1945 ließ Seyss-Inquart durchblicken, dass er für Nahrungstransporte gesprächsbereit war. Natürlich war auch ihm klar, dass Deutschland den Krieg verlieren würde. Es kam zu Verhandlungen mit den Briten über Lebensmittelabwürfe aus der Luft. Die Alliierten waren besorgt, dass ihre Hilfsflugzeuge abgeschossen werden könnten, und auch die Deutschen fürchteten, dass die Flugzeuge zwischen den Lebensmitteln Waffen für den Widerstand liefern könnten. Schließlich einigten sich Deutsche, Amerikaner, Engländer, Kanadier, Russen und Niederländer am 28. April auf einen beschränkten Waffenstillstand. Schnell wurden provisorische Abwurfplätze geschaffen, vor allem Flughäfen, aber auch Rennbahnen. Die Engländer nannten die Operation „Manna“, nach dem biblischen Brot, das vom Himmel fiel.

Am 29. April warfen mehr als zweihundert Lancasters rund 500 Tonnen Lebensmittel ab. In den zehn Tagen folgten in 500 weiteren Flügen über 10 Millionen Tonnen - zwei Drittel kamen von den Briten, ein Drittel von den Amerikanern. Die Deutschen beschossen die Hilfsflieger nicht, und die Bevölkerung feierte die Lieferungen wie die Befreiung. Das Essen steckte in Jutesäcken und wurde entsprechend der Bezeichnung durch die Briten „Manna aus dem Himmel“ genannt. Die Erinnerungen an diese Lebensmittelabwürfe aus der Luft und das „schwedische Weißbrot“ haben sich später bei vielen Zeitzeugen vermischt: Oft war vom schwedischen Weißbrot die Rede, dass aus Flugzeugen abgeworfen wurde.

Die Befreiung

Die Befreiung des Nordens und Ostens der Niederlande ging im April schnell voran, doch die Alliierten wollten sich nun vor allem auf den Kampf in Deutschland konzentrieren – und so blieb der Westen der Niederlande bis zum Schluss besetzt. Die Zulassung der Lebensmittellieferungen führte noch nicht zur Kapitulation, wiewohl die Deutschen danach auch erlaubten, Lebensmittel aus dem befreiten Süden des Landes in das Hunger-Gebiet zu transportieren.

Am 6. Mai unterschrieben die Deutschen die Kapitulation. Nun konnte die B-2 Hilfe (B-2 nannten die Alliierten das Gebiet im Westen der Niederlande) starten. Die Vorbereitungen dazu hatten schon im Herbst 1944 begonnen. Unter anderem war ein Eiweißpräparat mit hohem Nährwert entwickelt worden - in der Hoffnung, bei schweren Hungerpatienten schnell helfen zu können. Doch das Mittel schmeckte so scheußlich, dass viele es verweigerten oder erbrachen. „Medical Feeding Teams“ halfen in den ersten Wochen und Monaten, Lebensmittel an fast 190.000 Menschen zu verteilen. Natürlich konnte die Not nicht innerhalb einer Woche beendet werden, auch nach dem 6. Mai starben noch zahlreiche Menschen an den Folgen des Hungers.

Autor: Silke Wortel
Erstellt: Juni 2007


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