Die Geschichte der niederlande 1940-1945


IV. Angriff über Rechtsaußen – Fußball im Zweiten Weltkrieg

Der 17. September 1944. Die Schlacht um Arnheim hat begonnen. Verzweifelt versuchen amerikanische Soldaten, die niederländische Stadt am Rhein von den Deutschen zu befreien. Stundenlang fliegen Flugzeuge über die Stadt und werfen Bomben ab. Verängstigte Menschen suchen Zuflucht in Schutzbunkern, warten auf ihre Befreiung. Der 17. September 1944. Im Karstadt-Stadion Berlin tritt eine inoffizielle niederländische Nationalmannschaft gegen eine flämische Auswahl an. Die Holländer gewinnen: 4:1. Beide Teams beklagen sich über das schlechte Spielfeld - zu hart, zu trocken. Fußball im Krieg.

Waren die Zeiten auch noch so schlecht, der Ball rollte weiter. Eine Ausstellung im Bevrijdingsmuseum Groesbeek hat dabei Interessantes zu Tage gefördert: „Fußball war in den Kriegsjahren populärer als jemals zuvor. Zwischen 1940 und 1945 verdoppelte sich der Besuch von Fußballspielen in den Niederlanden“, sagt Wiel Lenders, Direktor des Museums. Die Saison dauerte in den besetzten Niederlanden bis zum Sommer 1944.

Fußball als politisches Mittel

„Man brauchte Ablenkung und ein Ventil für den Alltag. Auch für Juden war der Fußball ein Mittel, sich Raum zu verschaffen“, sagt Lenders. 90 Minuten lang seine Stars anfeuern und nicht an den Alltag denken. Ganz nach dem zynischen Motto von Reichskommissar Arthur Seyss-Inquart: „Wer Sport treibt, sündigt nicht.“ Fußball wurde überall gespielt. Auch in Konzentrationslagern. In Theresienstadt, in Dachau, im Kamp Westerbork und selbst in Auschwitz wurde auf Befehl der SS ab und zu gespielt. In den Akten ist ein Spiel aus dem Jahr 1944 in Dachau zwischen Gefangenen und Aufsehern dokumentiert. „Die Gefangenen haben mit 21:0 gewonnen", sagt Lenders. Ohne weitere Folgen.

Fußball wurde als politisches Mittel missbraucht. Während des Spiels konnten Razzien durchgeführt werden, Luftangriffe wurden gestartet. Hierbei zählte auch der Ablenkungseffekt: „Brot und Spiele“, meint der Historiker knapp. Dazu passen auch die Einweihungen des neuen Feyenoord Stadions „De Kuip“ 1939 und des Stadions „De Goffert“ in Nimwegen im gleichen Jahr.

Jüdische Spieler nicht mehr im Kader

Die Bereitschaft zum Widerstand gegen die Besatzer war gering. Nur kleinere Klubs, wie Union Gorkum, entschieden sich, den schwierigen Weg der Opposition zu gehen. Der Club aus Gorkum löste sich auf, nachdem ein NSBer, also ein Mitglied der niederländischen Nationalsozialisten, in den Vorstand rücken sollte. Die großen Vereine wie Feyenoord Rotterdam, PSV Eindhoven, Heerenveen oder gar der selbsternannte „Judenverein“ Ajax Amsterdam spielten weiter. „Jüdische Spieler wurden beinahe ohne Ausnahme aus dem Kader genommen. Das ging alles ganz problemlos“, erzählt Lenders. Der Club Ado Den Haag, in den 30er Jahren mehrmaliger niederländischer Meister, war verschrien als „NSB-Club“. Roda JC Kerkrade wurde schnell umgenannt in „Speckholzer Heide“, da die Buchstaben JC (Königin Juliana Combinatie) den Besatzern zu starke nationale Gefühle enthielten.

Die niederländische Nationalmannschaft spielte zum letzten Mal 1940 gegen Belgien. Aber dies war nicht das Ende des nationalen Fußballs. Eine neue Mannschaft formierte sich in Berlin aus Zwangsarbeitern. Bekannte Spieler wie Bram Appel, der zuvor für Ado kickte, zogen jetzt das Leibchen für deutsche Vereine über. Gegen die deutsche Mannschaft spielten die Niederländer zum letzten Mal 1937 in Düsseldorf. Mit dem Hitlergruß empfangen, marschierten sie aufs Spielfeld. Bei der anschließenden Nationalhymne verweigerten die Oranjes allerdings demonstrativ den Hitlergruß. „Im Gegensatz zu Engländern und Spaniern, die den Gruß als Zeichen der Freundlichkeit werteten“, sagt Lenders. Richtige Stars hatten die Niederlande nur drei: Abe Lenstra, Stürmer in Heerenveen, Faas Wilkes, „der Johan Cruijf der 30er Jahre“ und Spieler beim AC Milan, und Leen Vente, der Star von Feyenoord. Alle standen nie im Verdacht, mit den Nazis zusammengearbeitet zu haben. „Das war eher Sache der Funktionäre“, erzählt Lenders.

Der bekannteste Fall ist der des KNVB-Vorsitzenden Karel Lotsy. Er soll sich für die Nazi-Sache eingesetzt haben, gab Zustimmung für die Sperrung jüdischer Schiedsrichter. „Die Chance ist zum Greifen nahe, dass der neue Geist sich durchsetzen wird“, ist von Lotsy überliefert. Rassistische Schlachtrufe und anti-jüdische Gesänge waren während der Kriegszeit in den Niederlanden nicht üblich. Im Gegensatz zu heute.

(NRZ, 20. August 2002)

Autor: Andreas Gebbink
Erstellt: Juni 2007


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