Die Geschichte der niederlande 1940-1945


XIII. D-Day, Market Garden und der „dolle dinsdag“

Nachdem am 6. Juni 1944 die Alliierten an den Stränden der Normandie gelandet waren, wuchs auch in den Niederlanden die Hoffnung auf ein baldiges Kriegsende. Und zunächst sah auch alles danach aus. Am 25. August wurde Paris befreit, am 3. September folgte Brüssel und dann Antwerpen. Die Niederländer waren optimistisch: Das Ende der Besatzung war nahe! Am 4. September sprach Ministerpräsident Pieter S. Gerbrandy über Radio Oranje zu den Niederländern: Die Alliierten hätten die Grenze passiert, die Stunde der Befreiung habe geschlagen. Der Tag nach dieser Rede ging in die Geschichte ein als „dolle dinsdag“, „verrückter Dienstag“. NSBler, niederländische Nationalsozialisten, flüchteten massenhaft nach Deutschland. In den großen Städten sammelten sich Menschenmengen mit Blumen und Flaggen, um die Befreier willkommen zu heißen. Doch es war viel zu früh: Erst am 14. September wurde Maastricht befreit, am 17. September landeten alliierte Fallschirmspringer bei Arnheim. Sie waren Teil der Offensive „Market Garden“. Ziel war es, die drei großen Flüsse Maas, Waal und Rhein zu überqueren. Zwei der Flüsse wurden bezwungen, die Gebiete südlich davon befreit. Doch bei Arnheim stockte die Offensive.

D-Day
D-Day Truppen der US-Army landen am Omaha Beach, Quelle: CPHOM R.F. Sargent, U.S. CG

Eisenbahnerstreik

Das alliierte Hauptquartier bat die niederländische Exilregierung in London, einen Streik der niederländischen Eisenbahner anzuordnen. So sollten die deutschen Militärtransporte in Schwierigkeiten gebracht und der gefürchtete Transport von V-Waffen ins Küstengebiet verhindert werden. Ministerpräsident Gerbrandy tat, worum er gebeten wurde. Er rief zu einem allgemeinen Streik der Eisenbahner auf. Das bedeutete, dass die Mehrzahl der 30.000 Bahnangestellten untertauchen musste. Die deutschen Besatzer versuchten zwar, sie zum Weiterarbeiten zu überreden – sie warnten davor, dass bei einem Streik der Westen des Landes nicht mehr mit Lebensmitteln versorgt werden könne. Doch die Niederländer – fest darauf vertrauend, dass der Krieg bald vorbei sein würde – hielten am Streik fest. Daraufhin verfügte Seyss-Inquart, dass auch die Binnenschifffahrt nun nicht mehr genutzt werden dürfe, um Lebensmittel vom Norden oder Osten nach West-Holland zu transportieren. Die Blockade war damit praktisch vollständig.

Die Befreiung bleibt aus

Fallschirmjäger landen im Verlauf der Operation Market Garden in den Niederlanden
Fallschirmjäger landen im Verlauf der Operation Market Garden in den Niederlanden, Quelle: Wikimedia Commons/US Army

Nachdem ein Teil von ‚Market Garden’ fehlgeschlagen war, lag die Kriegsfront in den Niederlanden größtenteils still. Der Süden war befreit, jedoch wurde langsam aber sicher deutlich, dass die Befreiung des restlichen Landes nicht länger Priorität hatte: Das Hauptaugenmerk der Alliierten hatte sich auf Deutschland selbst verschoben. Das verschärfte die Situation im nicht-befreiten Teil der Niederlande. Weil die Deutschen sich nicht einfach ergeben wollten, gingen sie zur aktiven Verteidigung über: Große Teile des Landes wurden unter Wasser gesetzt, Hafeneinrichtungen in Amsterdam und Rotterdam vernichtet, um sie für die Befreier unbrauchbar zu machen. Gleichzeitig versuchten die Deutschen, alles aus dem Land zu schaffen, was den Alliierten nutzen konnte. Das betraf vor allem Produktionsmittel wie Maschinen, aber auch Vorräte. Besonders Arnheim wurde schwer von Plünderungen der Deutschen getroffen.

Der Eisenbahnerstreik war für die Besatzer keine Katastrophe. Sie begannen, die Militärzüge von eigenen Leuten fahren zu lassen – endlich wurden sie nicht mehr vom zivilen Verkehr behindert. Trotzdem schlug Seyss-Inquart zurück: Er befahl das Embargo. Es durften keine Lebensmittel oder Brennstoff in den Westen des Landes transportiert werden. Im Winter 1944/45 waren die Niederlande in zwei Hälften geteilt: einen befreiten Süden und einen nicht-befreiten Nordwesten. In diesem Winter kamen Hunger und extreme Kälte zusammen.

Kälte

Von Oktober 1944 bis März 1945 war das Wetter besonders schlecht. Die Winterwochen, von Ende Dezember bis Anfang Februar waren extrem kalt und nass. Der erste Schnee fiel kurz vor dem Jahreswechsel und an beinahe allen Januar-Tagen fror es. Im Februar regnete es anderthalb mal soviel wie im Durchschnitt. Eine Million Familien im Westen litten unter der Kälte und Feuchtigkeit. Der nicht befreite Teil der Niederlande war abgeschnitten von der Steinkohle-Zufuhr aus Süd-Limburg. Die Menschen zogen darum auf ihrer Suche nach Brennstoff an Orte, an denen früher Kohle verladen wurde, auf Rangierplätze und zu Gasfabriken. Nach einiger Zeit wurde auch nach Holz gesucht. Da in den großen Städten nur wenige Menschen Bäume in ihren Gärten hatten, begannen sie damit, die städtischen Grünanlagen abzuholzen. Einige Gemeinden drohten zwar mit Repressalien gegen Bürger, die öffentliche Bäume absägten, doch viel konnten sie nicht dagegen tun. Auch Parkbänke und kleine Brücken wurden zu Brennstoff. Das Wegschaffen von Holz aus leer stehenden Häusern war gefährlicher: Vor allem im verlassenen Amsterdamer Judenviertel waren die Häuser baufällig. Zahlreiche Menschen fanden den Tod, als bei der Suche nach Holz Teile von Häusern auf sie stürzten. Auch die Hölzer der Straßenbahnschienen wurden mitgenommen – es fuhren ja sowieso keine „Trams“ mehr. Selbst das eigene Mobiliar wurde als Brennstoff gebraucht. All dies gegen die Kälte, aber auch gegen den Hunger. Es musste schließlich gekocht werden.

Autor: Silke Wortel
Erstellt: Juni 2007


Literatur

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Hintergrundbericht NOS Dolle dinsdag

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