Die Geschichte der niederlande 1940-1945


II. Brot und Spiele – Alltag in den besetzten Niederlanden

Panem et circenses brauche das Volk, lautete eine Grunderkenntnis der Herrschenden im alten Rom. Lebensmitteln und Ablenkungen (wenn auch eher Fußball als blutigen Gladiatorenschlachten) galten auch Hauptinteressen der Niederländer während der Besatzungszeit. Die Lebensmittel wurden soweit vorhanden und soweit nötig zugeteilt und an Gelegenheiten zur Ablenkung sollte es auch nach dem Willen der Besatzer nicht mangeln.

Circenses ...

Elfstedentocht 1954
Tielnehmer der Elfstedentocht hier 1954, Quelle: NA ( 906-2825)

Zwei Wochen nach der Kapitulation der niederländischen Truppen am 14. Mai 1940 nahm die Fußball-Liga ihren Spielbetrieb wieder auf, die Kinos verzeichneten 1942/43 neue Besucherrekorde und sogar die Elfstedentocht, ein Langlauf auf Schlittschuhen über 200 km und in strengen Wintern das niederländische nationale Ereignis schlechthin, fand zweimal statt. „Wer Sport treibt, sündigt nicht“, stellte Reichskommissar Seyß-Inquart als Chef der deutschen Zivilverwaltung fest, als er die Wiederaufnahme der Fußball-Meisterschaft genehmigte. Der Vorstand des niederländischen Fußballbundes sprach von einer „gesunden und notwendigen Ablenkung“. Zu Beginn signalisierte der Beschluss, dass die durch den Einmarsch der deutschen Truppen so rau unterbrochene Normalität wieder einkehrte. Und je länger die Besatzung andauerte, desto größer war der Bedarf an Ablenkung von der Wirklichkeit. Als Zuschauer von Fußballspielen begaben sich Untergetauchte in Gefahr, um endlich wieder der bedrückenden Enge des Verstecks zu entfliehen. Gerrit van der Veen, einer der bekanntesten Widerstandskämpfer der Niederlande überhaupt, spielte sogar selbst.

Die Vergnügungen waren notwendige Ablenkung für die Besetzten und willkommenes Mittel zur Erhaltung der Ruhe sowie immer wieder auch zur Propaganda für die Besatzer. Das galt für das Kino mehr noch als für den Fußball. Denn neben den zumeist leicht-seichten Filmen deutscher oder auch niederländischer Herkunft mussten die Kinos auch kürzere Propagandafilme und nicht zuletzt die von den Besatzern zensierte Wochenschau zeigen. Unmutsbekundungen blieben zunächst nicht aus; ihnen sollte z.B. die Anordnung entgegenwirken, dass während der Wochenschau das Licht nicht gelöscht werden durfte. Prinzipienfeste Niederländer forderten dazu auf, die Kinos wegen ihres Missbrauchs für die deutsche Propaganda zu boykottieren. Erfolg war diesen Aufrufen nur anfangs beschieden. Vom bisherigen Höhepunkt 1939 mit 40 Millionen Besuchern sank die Zahl der Zuschauer bis 1941 auf 30 Millionen, um 1942 und 1943 mit 42 Millionen bzw. 55 Millionen Besuchern neue Rekorde zu erreichen.

... et panem

Alltag, das bedeutete aber eben auch den Kampf um das tägliche Brot. Wobei für einen großen Teil der Besatzungszeit das Wort „Kampf“ zu hoch gegriffen ist, denn Brot gab es bis 1944 noch genug. Knapp wurde, was (im allerweitesten Sinne) Luxus darstellte. Benzin, Kaffee, Tee, Fleisch; das alles war bald nur noch in sehr begrenzten Rationen oder gar nicht mehr erhältlich, es gab nur Ersatzstoffe, die diesen Namen nicht verdienten, oder es musste zu völlig überhöhten Preisen auf dem Schwarzmarkt erworben werden. Eine wirkliche Hungersnot konnte bis zum letzten Kriegswinter vermieden werden, wozu auch ein recht effektives Zuteilungssystem beitrug. Doch der Mangel war überall spürbar.

In den Städten des Westens war dieser Mangel ein viel drängenderes Problem als in den ländlichen Regionen anderswo im Land. In Zwolle z.B., jenseits der Ballungsräume gelegen, wurde schon im April 1941 eine so genannte Volksküche eingerichtet. Sie sollte in Zeiten echter Not helfen, allen Einwohner zumindest eine minimale Versorgung zu gewähren. Anfangs blieb der Andrang weit hinter den Kapazitäten zurück, so dass die Betreiber ein finanzielles Minus verbuchten. Ab Ende 1941 diente die Volksküche nicht der Notverpflegung von Ausgehungerten, sondern verschaffte den Arbeitern von örtlichen Betrieben eine stärkende Mahlzeit, was deren Arbeitsleistung zugute kommen sollte. In Zwolle hatten die meisten Menschen einen eigenen Garten, aus dem sie die Rationen mit Produkten aus eigenem Anbau ergänzen konnten, und der Weg zu den Bauen, bei denen man Lebensmittel „grau“ oder „schwarz“ erwerben konnte, war auch nicht weit.

Kinderlandverschickung

Trotz aller Initiativen, die Lebensmitteproduktion auch im kleinen Maßstab zu steigern, konnte sich der Ballungsraum zwischen Amsterdam und Rotterdam, zwischen Den Haag und Utrecht nicht selbst versorgen. Daher wurden die Menschen hier hart getroffen, als die Besatzer in Reaktion auf den Eisenbahnerstreik ab September 1944 alle Lebensmittel- und Brennstofftransporte unterbanden. Es kam nicht nur zu einer Hungersnot mit ca. 20.000 Toten, sondern auch zu einer niederländischen Form der Kinderlandverschickung. Der Nachwuchs aus der am schwersten vom Hunger betroffenen Region sollte sich in ländlichen Gebieten einfach wieder satt essen. Panem et circenses? Als die Niederlande zum Frontgebiet wurden, war es nicht nur schwierig satt zu werden. Ebenso schwierig war es, sich weiter von der Wirklichkeit abzulenken. Die Fußball-Liga hatte ihren Spielbetrieb eingestellt und für 1945 liegen auch keine Besucherzahlen der Kinos mehr vor – weil sie schlicht geschlossen waren. Im letzten Kriegsjahr hatte der Leitspruch seine Gültigkeit zwar nicht verloren, aber statt Realität war er nun Wunschtraum.

Autor: Dr. Harald Fühner
Erstellt: Juni 2007


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Boom, Bart van der: 'We leven nog': de stemming in bezet Nederland, Amsterdam 2003.

Heijden, Chris van der: Grijs verleden. Nederland en de Tweede Wereldoorlog, Amsterdam ²2001.

Schiweck, Ingo: "... weil wir lieber im Kino sitzen als in Sack und Asche". Der deutsche Spielfilm in den besetzten Niederlanden 1940–1945, Münster 2001.

Somers, E. / Kok, R.: Naar een geweten. Gewone Nederlanders in een ongewone tijd 1940-1945,Zwolle 2001.

Verkijk, Dick: Die slappe Nederlanders. Of viel het toch wel mee in 1940–1945?, Soesterberg 2001.

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