Die Geschichte der niederlande im 16. bis 18. Jahrhundert


XVI. Ein frühneuzeitliches Wirtschaftswunder

Im späten 16. und im 17. Jahrhundert erlebten die nördlichen Niederlande einen beispiellosen wirtschaftlichen Aufschwung. Es gab kaum einen Besucher, der nicht von dem unglaublichen Reichtum Hollands berichtete, der vor allem in Holland, Zeeland und Friesland anzutreffen war. Aus heutiger Sicht erweist sich das frühneuzeitliche niederländische Wirtschaftswunder als ein hoch komplexes Geflecht verschiedenster Faktoren, die einzeln nur schwer zu gewichten sind. Der Zufall spielte hier ebenso eine Rolle wie politische und technische Entwicklungen. In jedem Fall aber lässt sich die Geschichte des ökonomischen Aufschwungs, wie in der politischen Geschichte auch, nur im gesamteuropäischen Zusammenhang erklären.

Im späten Mittelalter war in Europa eine Wirtschaftsform entstanden, die später die Bezeichnung Früh- oder Handelskapitalismus erhalten hat. Das bedeutet, dass sich die Produktionsweisen an den Bedürfnissen des Handels orientierte. Voraussetzung dafür waren Ungleichgewichte zwischen verschiedenen europäischen Regionen, die der Handel ausgleichen konnte. In Europa bestanden solche Ungleichgewichte in zwei Richtungen, nämlich zwischen Ost und West einerseits und Nord und Süd andererseits. Die Unterschiede lassen sich – stark vereinfacht – so darstellen: West- und Südeuropa waren vergleichsweise hoch entwickelt, und zwar in politischer, ökonomischer, technischer und kultureller Hinsicht. Gleichzeitig waren sie jedoch eher arm an Rohstoffen. Das Bevölkerungswachstum des 16. Jahrhunderts erschwerte die Versorgung der Menschen zunehmend, weil nicht genügend hochwertiges Ackerland zur Verfügung stand. Nord- und Osteuropa hingegen waren in fast jeder Hinsicht unterentwickelt, verfügten dafür aber über Rohstoffe und große Acker- und Weideflächen. Der Ausgleich zwischen den beiden Wirtschaftszonen geschah im Spätmittelalter vor allem in Süd-Ost-Richtung. Den Handel im Ostseeraum, das heißt mit Rohstoffen, Fisch und Getreide, beherrschte die Hanse, ein lockeres Bündnis norddeutscher, flämischer und westfälischer Städte. Weiter im Süden wurde der Handel von italienischen und oberdeutschen Städten bestimmt. Hier war der Weg über die Alpen und dann über den Rhein lange Zeit der wichtigste Weg. Der Aufstieg der Augsburger Familien Fugger und Welser fällt ebenso in diese Zeit wie der Aufstieg Venedigs zur Vormacht im Mittelmeer.

Ostindiensegler
Ausfahrt der Ostindiensegler, Quelle: Hendrik Cornelisz. Vroom

Nord-West Verlagerung

Im 16. Jahrhundert verlagerte sich der Handel jedoch in die Nord-West-Richtung, und es wurden schon einige Voraussetzung für die spätere dominierende Rolle der nördlichen Niederlande geschaffen. Von großer Bedeutung war in diesem Zusammenhang die Eroberung Südamerikas durch die Spanier. Dadurch konnten enorme Mengen an amerikanischem Silber in Umlauf gebracht werden, die dem Handel starken Auftrieb gaben. Zudem erlangten die spanischen Häfen dadurch ein neues Gewicht. Weiterhin verloren die alten Träger des Süd-Ost-Handels zunehmend an Bedeutung. Die Hanse wurde vor allem durch das Erstarken des Territorialfürstentums geschwächt, das viele Städte ihrer Handlungsfreiheit beraubte. Hinzu kam der wachsende technologische Rückstand gegenüber Niederländern und Engländern, die über bessere und kostengünstigere Schiffe verfügten. Auch wanderten die Heringsschwärme aus bis heute nicht bekannten Ursachen von der Ost- in die Nordsee. Dadurch büßte die Hanse eine ihrer wichtigsten ökonomischen Grundlagen ein. Auch Oberdeutschland und Italien verloren ihre Führungsposition im europäischen Handel. Das amerikanische Silber brachte den von den oberdeutschen Städten betriebenen Abbau des Metalls in Mitteleuropa rasch zum Erliegen. Damit fiel eine ihrer wichtigsten Einnahmequellen weg. Im Jahr 1522 fiel dann die Insel Rhodos an das osmanische Reich, das von nun an das östliche Mittelmeer beherrschte und damit die Hegemonie Venedigs beendete und auch für das Ende der oberdeutsch-italienischen Dominanz im europäischen Handel sorgte.

Der Schiffbau hatte sich inzwischen jedoch so weit entwickelt, dass für den mühsamen Landweg über die Alpen schnell Ersatz gefunden war. Fortan wurden die Waren über den Atlantik befördert, was nicht zuletzt hochseetüchtigen Schiffen zu verdanken war. Die Entdeckung des Seeweges nach Asien über des Kap der Guten Hoffnung ermöglichte schließlich die Umgehung des von den Osmanen blockierten Landhandels. Die Niederlande profitierten von dieser Verlagerung der Handelsrouten ungemein, bildeten sie doch fortan eine Art Scharnier zwischen den spanischen und französischen Atlantikhäfen einerseits und der Ostsee andererseits. Zunächst waren es jedoch nicht die holländischen Städte, sondern die Flanderns, die die Händler anzogen. Unter ihnen ragte Antwerpen hervor, das zum wichtigsten Handelsplatz des 16. Jahrhunderts aufstieg.

Quasi-Monopol auf Heringfang

Gleichsam im Schatten Antwerpens vollzog sich jedoch auch eine Verschiebung der wirtschaftlichen Kräfte in Nord- und Ostsee zu Gunsten Hollands und Zeelands. Die bereits erwähnte Wanderung der Heringsschwärme in die Nordsee verschaffte den Holländern ein Quasi-Monopol auf den Fang und die Verarbeitung des Herings, der als preiswerte Alternative zum Fleisch ein wichtiges Nahrungsmittel darstellte. Die große Fischereiflotte verschaffte den holländischen Hafenstädten langfristig einen Vorteil gegenüber Antwerpen, denn dadurch entstanden die Voraussetzungen für den Schiffbau in großem Maßstab. Doch nicht nur die nötigen Kapazitäten wurden auf diese Weise geschaffen, auch ein technologischer Vorsprung konnte so geschaffen werden. Daher war es eine holländische Erfindung, die half, die Vorherrschaft der Hanse im Ostseehandel zu beenden. Im 16. Jahrhundert entwickelten niederländische Schiffskonstrukteure nämlich mit der „fluit“ („Flöte“, im Fachjargon jedoch meist niederdeutsch „Flute“ genannt) einen neuen Schiffstypus. Ein solches Schiff war vier- bis sechsmal so lang wie breit und konnte daher mehr Ladung aufnehmen als alle anderen bekannten Modelle. Zudem benötigte es weitaus weniger Besatzungsmitglieder als andere Schiffe. Dadurch konnten die Nordniederländer die gesamte Konkurrenz im Ostseeraum hinter sich lassen. Der Ostseehandel war es dann auch, der das Rückgrat des niederländischen Wirtschaftswunders bildete. Er wurde daher von den Zeitgenossen als „moedercommercie“ („Mutterhandel“) bezeichnet.

Zunächst war es vor allem Getreide, das die Händler einführten. Amsterdam wurde auf diese Weise zum Getreidespeicher Europas. Dabei profitierte die Stadt enorm vom Bevölkerungswachstum in Westeuropa. Konnten die Böden Frankreichs und Spaniens ihre Bewohner in normalen Jahren gerade so ernähren, führte ein Anstieg der Bevölkerungszahl oder eine schlechte Ernte schnell zu Hungersnöten. Hier konnte Holland in die Bresche springen und die Versorgung ausgleichen. In Spanien und Frankreich konnte hingegen Salz eingekauft werden, das für die so wichtige Heringsverarbeitung benötigt wurde. Der Aufstand besiegelte schließlich die ökonomische Dominanz Hollands und Zeelands gegenüber Flandern. Die holländischen Städte besaßen schon strategisch einen Vorteil gegenüber Antwerpen, denn sie verfügten sowohl über die Transportkapazitäten für den neuen Welthandel als auch über Speicherplatz, während Antwerpen ein reiner Handelsplatz ohne eigene Flotte war. Die Schließung der Schelde riegelte jedoch die so wichtige Seeverbindung Antwerpens ab, sodass fortan Amsterdam dessen Stellung einnahm.

Größte Waffenschmiede Europas

Der Getreidehandel mit dem Ostseeraum hatte auch vorteilhafte Folgen für die Landwirtschaft. Weil die Ernährung der Bevölkerung durch die Importe gedeckt werden konnte, verlegte man sich teilweise auf den Anbau von speziellen Gewächsen, etwa reinen Futterpflanzen. Das war andernorts kaum möglich, weil die Viehwirtschaft – bezogen auf die zur Verfügung stehende Fläche – nicht in der Lage war, die Bevölkerung zu ernähren. In den Niederlanden konnte man jedoch dazu übergehen, tierische Produkte wie Butter und Käse zu produzieren, die höhere Gewinne versprachen als der Anbau von Getreide. Daher blühte auch die Landwirtschaft auf. Weite Gebiete des Landes wurden trockengelegt und in Weide- und Ackerland umgewandelt. Solche Trockenlegungsprojekte waren beliebte Kapitalanlageformen, was für die Rentabilität dieser spezialisierten Landwirtschaft spricht. Auch in anderer Hinsicht konnten die Nordprovinzen stark vom Ostseehandel profitieren. Neben dem Getreide waren es vor allem Rohstoffe aus Skandinavien, die hohen Gewinn versprachen. Das preiswerte Holz wurde zum Ausbau der Handelsflotte verwendet. Die Metalle hingegen gingen häufig in die Rüstungsproduktion, sodass Holland in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts wahrscheinlich als die größte Waffenschmiede Europas bezeichnet werden kann. Besondere Bekanntheit hat sich hierbei Louis de Geer erworben, der für die Ausrüstung der Armeen Wallensteins verantwortlich war und damit ein frühneuzeitliches Rüstungsimperium aufbaute.

Von der Blüte des Handels profitierte auch das Gewerbe. Dabei lässt sich feststellen, dass häufig die Veredelung betrieben wurde, etwa im Tuchgewerbe, aber auch die Salz- und Zuckerraffination war von Bedeutung. Ein wichtiger Faktor, der zum Wirtschaftswachstum des ‚Goldenen Jahrhunderts‘ wesentlich beitrug, waren die Einwanderer. Vor dem Aufstand hatten sich die Zentren des Gewerbes vor allem in den Südprovinzen befunden. Die zahlreichen Flüchtlinge trugen dann später zum Aufschwung des Nordens wesentlich bei, und Provinzen wie Holland und Zeeland förderten die Ansiedlung dieser Flüchtlinge in ihren Grenzen regelrecht. Einen ähnlichen Zustrom qualifizierter Fachleute stellte dann rund hundert Jahre später die Einwanderung der Hugenotten dar, um deren Niederlassung man sich aktiv bemühte.

Geldwertstabilität

In anderer Hinsicht setzten die Vereinigten Niederlande ebenfalls Maßstäbe, nämlich im Finanz- und Steuerwesen. Während in den Fürstenstaaten stets die Gefahr bestand, die Staatskasse auf Kosten der Bevölkerung durch eine gezielte Münzverschlechterung zu sanieren, achtete Holland sehr auf die Geldstabilität. Dies war nicht einfach, denn in der Republik kursierten zahlreiche Währungen, und es gab vierzehn voneinander unabhängige Münzstätten. Zudem waren in den Niederlanden auch einige ausländische Währungen, etwa der Reichstaler, gültiges Zahlungsmittel, während der Gulden nur als Recheneinheit verwendet wurde. Trotzdem gelang es der vergleichsweise strengen Aufsicht der Generalmünzmeister, ein recht stabiles innerniederländisches Geldsystem zu garantieren. Auf diese Weise konnte die niederländische Wirtschaft wie keine andere vor ihr eine Geldwirtschaft im modernen Sinne werden, während andernorts vielfach noch Naturalienzahlungen und Tauschgeschäfte dominierten.

Eine gewisse Rolle für die Geldwertstabilität spielte auch die Wechselbank von Amsterdam. Sie war zwar nicht die einzige, wohl aber bedeutendste Einrichtung ihrer Art. Ihre wichtigste Aufgabe bestand in der Erleichterung des Zahlungsverkehrs für die Kaufleute, die dort Konten einrichten und Überweisungen tätigen konnten. Die zweite Funktion war aber, wie aus dem Namen hervorgeht, auch die einer Wechselbank. Händler konnten dort Bargeld – und das waren in dieser Zeit immer Münzen – erhalten und wechseln. Zu diesem Zweck ließ die Bank nicht nur Münzen prägen, sondern sorgte auch dafür, dass minderwertiges Geld aus dem Verkehr gezogen wurde.

Auch das Steuersystem war im zeitgenössischen Vergleich einzigartig. Die Entstehung der Republik aus dem Krieg bedingte, dass die Steuern über all sehr hoch waren. Zudem wurde gespottet, in Holland sein fast alles besteuert, außer der Luft. In diesem Spruch liegt mehr als ein Körnchen Wahrheit, denn die Mehrzahl der staatlichen Einnahmen stammte aus indirekten Steuern. Ob Bier, Käse oder Salz – auf alles wurde eine Steuer erhoben. Benachteiligten die indirekten Steuern auch die Bezieher niedriger Einkommen, so kann das Steuersystem dennoch als vergleichsweise gerecht gelten. Die andernorts üblichen Steuerbefreiungen (Exemtionen) galten in den Niederlanden nicht. Ausnahmen waren lediglich die Statthalter und die Studenten. Ansonsten wurden hohe direkte Steuern beispielsweise auf Geldvermögen und Immobilien erhoben, und zwar progressiv. Vor diesem Hintergrund erstaunt es ein wenig, dass die erheblichen Steuern meist auch bezahlt wurden. Die Struktur der niederländischen Gesellschaft brachte es jedoch mit sich, dass Reichtum ein wichtiger Gradmesser des sozialen Prestiges war. Nirgendwo ließ sich der Reichtum jedoch besser ablesen als an den (öffentlich zugänglichen) Steuerregistern. Je höher dort die Steuern veranschlagt wurden, desto größer war auch das Ansehen des Steuerzahlers.

Die Bereitwilligkeit der Bevölkerung, die finanziellen Belastungen zu tragen (das niederländische Wort für „Steuer“ heißt übrigens bis heute „belasting“), sorgte auch dafür, dass die Niederlande im 17. Jahrhundert von allen Staaten Europas die geringsten Mühe hatten, ihre Staats- und das heißt vor allem Militärausgaben zu finanzieren. Sie erhielten die notwendigen Kredite zu den niedrigsten Zinsen, weil alle Ausgaben durch Steuereinnahmen gedeckt waren. Auch dies lässt die Vereinigten Niederlande in ihrem Goldenen Jahrhundert einzigartig dastehen und ist Bestandteil des frühneuzeitlichen Wirtschaftswunders.

Autor: Dr. Christoph Schäfer
Erstellt: April 2004


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Dillen, G. van: Van rijkdom en regenten. Handboek tot de economische en sociale geschiedenis van Nederland tijdens de Republiek, Den Haag 1970.

Kriedte, Peter: Spätfeudalismus und Handelskapital, Göttingen 1980.

Stuijvenberg, J.H. (Hrsg.): De economische geschiedenis van Nederland, Groningen 1977.

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