Die 70er Jahre: Niederlande und Deutschland im Vergleich

V. Helmut Schmidt


Der Macher, Helmut Schmidt, der von Zeitlaunen unbeeindruckt auch unpopuläre Entscheidungen traf, genoss zunächst als Senator in Hamburg, dann als Bundesminister in diversen Ressorts und schließlich als fünfter Bundeskanzler ein hohes Maß an Anerkennung. Seine sehr differenzierten Meinungsäußerungen, wenngleich manchmal in einer drastischen und direkten Ausdrucksform, sind noch heute bekannt.

Helmut Schmidt
Helmut Schmidt während des SPD-Parteitags in Dortmund 1976, Quelle: Ludwig Wegmann/BArch (B 145 Bild-F048644-0032)/cc-by-sa

Mit der sozialliberalen Koalition wurde Helmut Schmidt zu einem der herausragenden Akteure bundesdeutscher und internationaler Politik. Nachdem er 1969 zum Bundesminister der Verteidigung ernannt worden war, übernahm er 1972 das Doppelministerium für Wirtschaft und Finanzen von Karl Schiller, unter dem er Anfang der 1950er Jahre in Hamburg tätig gewesen war. Als Doppelminister bzw. als Bundesminister für Finanzen war er, nach dem Zusammenbruch des Systems von Bretton-Woods, die treibende Kraft für ein europäisches Währungssystem. Hier zeigte sich, wie wesentlich die persönlichen Beziehungen der Politiker waren, um eine umfassend konzipierte Idee mittel- bis langfristig durchzusetzen. Der nüchterne Pragmatiker konnte hierbei international auf die Unterstützung seiner politischen Freunde Valéry Giscard d'Estaing und Henry Kissinger vertrauen. Die Fähigkeit auf freundschaftliche Beziehungen zu bauen, hatte ihn schon während der national-sozialistischen Diktatur, als Offizier der Luftwaffe, vor Gerichtsverfahren bewahrt, deren Ausgang, wie gemeinhin bekannt, festgelegt war.

Mit fester Hand an der Thematik und dem nötigen Weitblick schaffte es Helmut Schmidt, die Bundesrepublik Deutschland durch manch gefährliche Krise zu steuern. Er wurde dabei von einem Gefühl der Verantwortung getragen, sowohl was den Umgang mit der NS-Zeit anging als auch was die Gegenwart und Zukunft Deutschlands betraf. Das er dabei, besonders als Bundeskanzler, nicht davor zurückschreckte anzuecken, brachte ihm Bewunderung und Respekt entgegen, war aber zugleich auch Ursache für das spätere Scheitern der sozialliberalen Regierung Schmidt. Zudem hatte er als einer der ersten den Wandel in der Weltwirtschaft erkannt und als leitender Angestellter des Unternehmens Bundesrepublik Deutschland suchte Schmidt nach der Rolle dieser in der Welt. Aus der Nationalökonomie war eine Globalökonomie geworden und auf diese Veränderung versuchte er zu reagieren, was aber nicht unbedingt der allgemeinen Einstellung in seiner Partei und der Bevölkerung entsprach. Auch bei anderen Ereignissen hinterließ er seine Handschrift. So nahm Schmidt zum Beispiel im Deutschen Herbst gegenüber der Rote-Armee-Fraktion (RAF) eine unnachgiebige Haltung ein, die am Ende zur Bezwingung der Terroristen führte. Aber auch an einer weiteren tiefgreifenden Entscheidung war er beteiligt, dem NATO-Doppelbeschluss, den er maßgeblich initiierte.

Helmut Schmidt hatte sich bei seinen Entscheidungen sowohl mit internationalen Faktoren auseinander zu setzen, wie den Ölkrisen oder dem Zwist zwischen Frankreich und den Staaten, die sich an den USA orientierten, als auch mit der nationalen Politik. Insbesondere auch mit innerparteilichen Auseinandersetzungen mit seiner Politik, denn anders als Willy Brandt und später Gerhard Schröder, war er während seiner Zeit als Bundeskanzler kein Parteivorsitzender der SPD und hatte somit weniger Zugang zur parteipolitischen Ebene. Letztendlich wurde das zu einem entscheidenden Grund für das Ende der Regierung Schmidt. Zudem befand sich die Gesellschaft in Aufruhr, Friedens- und Umweltbewegung formierten sich gegen die Politik Schmidts, wenngleich, seiner Meinung nach, seine Politik das gleiche Ziel verfolgte: Frieden.

Sein bisweilen im Übermaß vorhandenes Selbstbewusstsein lässt seine Kritiker ihn auf die Rolle des nicht altersmilden Kettenrauchers reduzieren, der gerne aneckt und keine Rücksicht nimmt. Doch gerade die Fähigkeit seine Werte und Ideen mit Weitsicht, den nötigen Beziehungen und festem Willen umzusetzen, machten ihn zum Macher und eben nicht zu einer tragischen Figur am Ende der sozialliberalen Zusammenarbeit.

Autor:Simon Holtmann
Erstellt:
März 2011


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Schwelien, Michael: Helmut Schmidt. Ein Leben für den Frieden, Hamburg 2003.

Soell, Hartmut: Helmut Schmidt: Zwischen reaktivem und konzeptionellen Handeln, in: Jarausch, Konradt H. (Hrsg.): Das Ende der Zuversicht? Die siebziger Jahre als Geschichte, Göttingen 2008.

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