Die 70er Jahre: Niederlande und Deutschland im Vergleich

XVI. Soziale Aktion, Gewalt und Repression: Die Schattenseiten der  Revolte


Die  erste und zweite Generation der RAF

Die späten sechziger Jahre sind auch in Deutschland eine Zeit des Umbruchs und des Rebellentums. Die junge Generation protestiert gegen die alte, die ihrer Meinung nach über die national-sozialistische Vergangenheit schweigt und vom wirtschaftlichen Aufschwung der Nachkriegszeit unreflektiert profitiert. Überall gehen junge Menschen auf die Straße. Es soll sich etwas ändern an der Ungerechtigkeit, nicht nur in Deutschland, sondern überall auf  der Welt. Einen Höhe- und gleichzeitig Wendepunkt markiert dabei der  2. Juni 1967: Der in der Friedensbewegung aktive Student Benno Ohnesorg stirbt während der Demonstration gegen den Staatsbesuch des Schahs von Persien, der sein Land in despotischer Alleinherrschaft regierte. Der Polizist Karl-Heinz Kurras tötet Ohnesorg durch einen Kopfschuss, gibt jedoch später entgegen der tatsächlichen Sachlage an, es sei Notwehr gewesen, was den Unmut der Studenten  provoziert.

Ulrike Meinhof
U. Meinhof, Quelle: Bettina Röhl/Wikipedia

Damit ist der Nährboden für radikalisierte Gruppierungen  geschaffen. Aus ihnen erwächst drei Jahre später die Rote Armee Fraktion (RAF). Als „Geburtsstunde“ der RAF gilt die Befreiung Andreas Baaders aus der Justizvollzugsanstalt Berlin-Tegel am 14. Mai 1970 durch vier seiner Mitstreiter. Unter ihnen sind die damals 36-jährige Ulrike Meinhof, die auf eine erfolgreiche Karriere als Journalistin für die linksgerichtete Zeitschrift konkret zurückblicken kann, und die sechs Jahre jüngere Gudrun Ensslin, eine Pfarrerstochter aus dem schwäbischen Tübingen. Sie hatte im April 1968 zusammen mit Andreas Baader, Thorwald Proll und Horst Söhnlein Brandanschläge auf zwei Kaufhäuser in Frankfurt am Main verübt aus – wie später im Prozess deutlich werden würde –  Protest gegen den Krieg in Vietnam und die gleichgültige Haltung der Bevölkerung ihm gegenüber. Gegen das Urteil – drei Jahre Haft für alle Beteiligten – legen die Verteidiger Revision ein; bis zur abschließenden Prüfung des Revisionsantrags werden die Angeklagten auf freien Fuß gesetzt.

Baader und Ensslin fliehen nach Frankreich und Italien, kehren aber bald darauf nach Westberlin zurück, um dem Vorschlag Horst Mahlers zu folgen, eine an südamerikanische Vorbilder angelehnte Stadtguerillatruppe zu etablieren. In Westberlin finden sie in Ulrike Meinhof eine weitere begeisterte Befürworterin dieser Idee. Bei einer fingierten Verkehrskontrolle wird Baader gefasst und inhaftiert. Seine Befreiung, bei der  ein Mensch schwer verletzt wird, ist die erste Aktion der Stadtguerillatruppe. Diese nennt sich selbst in Anlehnung an das mit Beendigung des 2. Weltkriegs in Deutschland einmarschierte  russische  Militär nun Rote Armee Fraktion – oder kurz RAF.

Nach Trainingseinheiten im Militärcamp der El Fatah in Jordanien verübt die RAF 1972  insgesamt sechs Anschläge auf  Einrichtungen  und Personen der Exekutive und Judikative  sowie auf die Springer-Presse. Sie verfolgt dabei das Ziel, die gesellschaftlichen und politischen Grundlagen der BRD zu zerstören. Hauptanklagepunkte sind der angeblich nach amerikanischem Vorbild übernommene imperialistische Kapitalismus und der unreflektierte Umgang mit der national-sozialistischen Vergangenheit Deutschlands. Wie stark sich diese radikale, gewaltverherrlichende Gesellschaftskritik aus den Protesten der späten sechziger Jahre speist und ob hinter beidem – der 68er Bewegung und der RAF – tatsächlich eine politisch linksgerichtete Motivation steht oder es sich vielmehr von Anfang an um ein spätadoleszentes Aufbegehren einzelner charismatischer Figuren handelt, ist in der Forschung bis heute stark umstritten.

Im Mai 1975 beginnt der Prozess um Baader, Meinhof, Ensslin und Raspe im Hochsicherheitsgefängnis Stuttgart-Stammheim. Das Strafverfahren gegen Meinhof endet durch ihren aus persönlichen Differenzen mit den anderen Gruppenmitgliedern resultierenden Selbstmord am 9. Mai 1976. Kurz nach Haftantritt erheben die Gefangenen Vorwürfe wegen angeblich unmenschlicher Haftbedingungen. Es ist die Rede von Isolationsfolter, Vergleiche mit der Nazi-Zeit werden bemüht und es entsteht ein Mythos der politischen Gefangenen im Unrechtsstaat, welcher der Gruppe auch im Ausland zu Sympathisanten verhilft. So erhalten die Stammheim-Gefangenen im Dezember 1974 beispielsweise Besuch von Jean-Paul Sartre.

Rund ein Jahr nach Meinhofs Tod erschießt eine so genannte „2. Generation der RAF“ Generalbundesanwalt Siegfried Buback, den Verfasser der Anklageschrift gegen Baader, Ensslin und Raspe. Knapp drei Wochen später steht das Urteil fest: Lebenslänglich für alle drei Angeklagten.

Mit  der geplanten Entführung des Bankiers Ponto, die in einem tödlichen Anschlag auf ihn mündet, und der tatsächlichen Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer, der aufgrund seiner national-sozialistisch belasteten Vergangenheit zu den Hauptfeindbildern der Gruppe zählt, will die 2. Generation der RAF Anfang September 1977 ihre Mitstreiter freipressen. Kollaborierende palästinensische Terroristen helfen, indem sie am 13. Oktober 1977 die Lufthansa-Maschine Landshut auf den Flughafen der somalischen Hauptstadt Mogadischu entführen und die Passagiere, deutsche Mallorca-Urlauber auf dem Rückflug in die Heimat, als Geiseln nehmen. Der deutsche Rechtsstaat unter der Führung von Bundeskanzler Helmut Schmidt steht in dieser Zeit vor der Zerreißprobe: Lässt Schmidt die Terroristen frei, so zeigt er sich erpressbar und gibt durch diese laxe Haltung unter Umständen neuen Anschlägen Raum. Bleibt er hart, setzt er das Leben von  Hanns-Martin Schleyer und den Flugzeuginsassen aufs Spiel. Doch der Spuk sollte bald ein Ende haben: Nach knapp einer Woche, am 18. Oktober 1977, gelingt es speziell dafür ausgebildeten GSG 9-Einheiten, das  Flugzeug zu stürmen; die Freipressung  der Terroristen ist somit gescheitert.

Unmittelbar nach Bekanntwerden der Flugzeug-Erstürmung nehmen sich Baader, Ensslin und Raspe in ihren Zellen das Leben. Am Folgetag wird Hanns-Martin Schleyer von seinen Entführern erschossen. Bis zur Selbstauflösung der RAF im April 1998 fordert die  Organisation insgesamt 64 Tote, 27 davon in den eigenen Reihen.

Doch auch gegenwärtig ist die RAF Thema öffentlicher Diskussionen, wenn es um die Grenzen des Rechtsstaates geht: Brigitte Mohnhaupt, mitverantwortlich für die Entführung und Ermordung Hanns-Martin Schleyers, legte 2007 nach Verbüßung ihrer Mindesthaftstrafe von 24 Jahren ein Gnadengesuch ein und war damit erfolgreich, während die Ex-Terroristen Christian Klar und Birgit Hogefeld mit ihrem Antrag auf Haftentlassung scheiterten. Es sei nicht erkennbar, so hieß es in der Begründung, dass sie sich in irgendeiner Weise von ihrem damaligen radikalen Gedankengut distanziert hätten. Wo keine Reue sei, da könne es auch keine Gnade geben, lautete der allgemeine Tenor.

Autorin:Tabea Michel
Erstellt:
März 2011


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Aust, Stefan: Der Bader-Meinhof-Komplex, Hamburg 1998.

Pekelder, Jacco: Sympathie voor de RAF. De Rote Armee Fration in Nederland 1970-1980, Amsterdam 2007.

Deutschland im Fadenkreuz. Dreiteilige TV-Dokumentation, WDR 2008.

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