VII.III. Die neue Unübersichtlichkeit (1960 bis heute)

Die Dauerhaftigkeit der exklusiven Organisationsnetzwerke weltanschaulicher Gruppen täuscht leicht darüber hinweg, dass das Organisationsverhalten der niederländischen Bürger seit dem Ende des Krieges eine stetige Verschiebung durchmachte. Während die neuen Beratungs- und Koordinationsgremien noch auf die Dominanz der umfassenden und exklusiven Netzwerke aufbauten, zerstörten die Sozialdemokraten in Folge der Gründung der PvdA und des Durchbruchbestrebens bereits erhebliche Teile ihres ehemaligen Netzwerks.

Auch unter den orthodoxen Protestanten und vor allem unter den Katholiken war die Orientierung an der eigenen Gemeinschaft schwächer geworden, wie beispielsweise der umstrittene Hirtenbrief  der niederländischen katholischen Bischöfe aus dem Jahre 1954 belegte. Diese riefen die katholischen Gläubigen zur Treue an die eigenen katholischen Organisationen auf – ein Aufruf, der in einer Situation vorbehaltsloser Treue bestimmt nicht nötig gewesen wäre. Außerdem stellten die Bischöfe ihr Schreiben unter den Titel „Der Katholik im öffentlichen Leben dieser Zeit“. Damit wiesen sie auf die auch in ihren Augen aufgewertete Bedeutung dieses nicht exklusiv katholischen öffentlichen Lebens hin. Die anlässlich des Schreibens entflammte Debatte zeigte, dass viele Zeitgenossen darüber hinaus auch nicht erwartet hatten, dass die Bischöfe noch zu einem erheblichen Maß zur Absonderung aufrufen würden.

In den internen Diskussionen der katholischen Bischöfe, welche dem Schreiben vorausgingen, war sichtbar geworden, dass unter ihnen eine verstärkte Aufmerksamkeit für die Rolle des gläubigen Individuums ebenso auftrat, wie sie beispielsweise auch in der Philosophie und der Psychologie zum gleichen Zeitpunkt aufgewertet wurde. Die Stellung der individuellen Person als diejenige, die letztlich sowohl bezüglich ihres Glaubens als auch bezüglich ihres gesellschaftlichen Engagements eigene Entscheidungen treffen sollte, führte im Laufe der Nachkriegszeit zu einer Transformation der Zivilgesellschaft. Wurde diese in der vorangegangenen Zeit von Gemeinschaften und einer dazugehörigen Orientierung an der Bedeutung der Gruppe dominiert, so rückten jetzt das Individuum und seine Pflicht zur eigenständigen Entscheidung in den Mittelpunkt.

In dieser neuen Situation haben Menschen nicht, wie es in der Rede von der Individualisierung oft suggeriert wird, jegliche Form der sozialen Bindung aufgegeben. Vielmehr organisieren sie sich nicht mehr in einem exklusiven Netzwerk gleichgesinnter Organisationen, sondern meist für jeden Zweck einzeln. Wurde an einen katholischen Arbeiter 1930 den Anspruch gestellt, er solle die Messe besuchen, die katholische politische Partei wählen und Mitglied in der katholischen Gewerkschaftsbewegung sein, so sind diese Bereiche jetzt nicht länger derart verwoben: Wer sich für die Umwelt engagieren möchte, kann bei Greenpeace eintreten. Die Anhängerschaft dieser Organisation erwartet aber nicht von diesem neuen Mitglied, dass er eine bestimmte Kirche besucht.

Sinnbildlich für den Übergang zu dieser neuen Form zivilgesellschaftlichen Engagements sind einerseits die Transformationen ehemals exklusiver Organisationen zu offenen, über die zuvor relevanten Grenzen der weltanschaulichen Trennungen hinweg kooperationsbereiten Organisationen. In der niederländischen Gewerkschaftsbewegung kam es in diesem Sinne zu Versuchen, die drei ehemals weltanschaulich getrennten Gewerkschaftsbünde der orthodoxen Protestanten, Katholiken und Sozialdemokraten zu einem einzigen Bündnis fusionieren zu lassen. Diese Versuche scheiterten an dem Widerstand der orthodoxen Protestanten, aber die katholischen und sozialdemokratischen Gewerkschaftsbünde fanden trotzdem zusammen und gründeten 1976 die Federatie Nederlandse Vakbeweging (FNV). Diese bekannte sich zwar weiterhin zu der Idee, dass Weltanschauung gesellschaftliches Engagement fördern könne, wollte sich aber gleichzeitig keinem Arbeitnehmer verschließen. Der protestantische Christelijk Nationaal Vakverbond (CNV) entwickelte sich eigenständig zu einer interkonfessionellen Bewegung, die sich für jeden öffnete, der an einer nicht-materiellen Bestimmung des Menschen glaubte.

Auch das Aufkommen sogenannter neuer sozialen Bewegungen weist auf den veränderten Charakter zivilgesellschaftlicher Mobilisierung hin. Die Friedens- und Umweltbewegungen setzten im Gegensatz zu den zuvor dominanten exklusiven Bewegungen nicht auf eine bestimmte weltanschauliche Gruppe als ihre Basis, sondern öffneten sich bewusst für eine breite Masse derjenigen, die sich für ihr Ziel engagieren wollten. In diesen Bewegungen spielten die zuvor bedeutenden weltanschaulichen Traditionen zwar nach wie vor eine Rolle, aber die christlich inspirierte Führung der Friedensbewegung Interkerkelijk Vredesberaad (IKV) verstand ihre christlichen Wurzeln beispielsweise nicht als einen Grund, nichtchristliche Befürworter des Friedens auszuschließen.

Es handelt sich bei dem Übergang von exklusiven und umfangreichen zu inklusiven und geringfügig organisierten Gemeinschaften um einen Trend, nicht um eine Notwendigkeit: So wie 1930 etwa 40 Prozent der Bürger der dominanten Organisationslogik exklusiver Gemeinschaften nicht gefolgt ist, gibt es heutzutage Gruppen, die eine enge Bindung verschiedener gesellschaftlichen Bereiche organisatorisch umzusetzen suchen. Insgesamt lässt sich aber eine „neue Unübersichtlichkeit“ feststellten, die sich in der Zersplitterung gesellschaftlicher Ziele und dazugehöriger Organisationen begründet. Dieser Unübersichtlichkeit steht jedoch eine größere Wahlfreiheit des Individuums gegenüber.

Autor: Peter van Dam
Erstellt: Januar 2012