VIII.III. Privatsache? (1960 bis heute)

Die Transformation großer Teile der sozialdemokratischen, katholischen und orthodox-protestantischen Gemeinschaften im Laufe der Nachkriegszeit setzte diesem Gegensatz zwischen delegierter Moral und der Nation als moralischer Gemeinschaft ein Ende. Die Annahme einer Säkularisierung sowohl außerhalb als auch innerhalb der religiösen Gemeinschaften führte zu einem weitgehenden Verdrängen der Religion aus dem öffentlichen Leben: Da Religion aus der Gesellschaft verschwinden würde und religiöse Gemeinschaften Relikte aus einer früheren Zeit darstellten, konnten religiöse Maßstäbe in der Gegenwart keine Bedeutung mehr beanspruchen.

Damit war allerdings nicht nur das Modell einer delegierten Moral, sondern auch die Vorstellung einer protestantischen Nation überholt. Anstelle dieser Entwürfe trat für manche die Idee der Niederlande als eine Nation, die weltweit für Frieden und Menschenrechte eintreten sollte. Auch weniger hochtrabende Vorstellungen setzten auf eine inklusive Perspektive: Religiöse Inspiration könne zwar weiterhin Individuen dazu motivieren, sich in der Gesellschaft zu engagieren, sie dürfe aber Menschen nicht voneinander trennen. Religion konnte damit entweder als Privatsache oder als ein bindendes Element weiterhin eine Rolle spielen. Gerade wo Religion andere Rollen zugesprochen werden, wird die vermeintliche Entsäulung  ins Feld geführt um solche alternative Entwürfe zu hinterfragen.

Autor: Peter van Dam
Erstellt: Januar 2012