VII.I. Zivilgesellschaftliche Mobilisierung (1850 bis 1914)

Im Laufe des 19. Jahrhunderts kamen die Bürger Westeuropas in Bewegung. Sie schlossen sich in immer mehr zivilgesellschaftlichen Organisationen zusammen, die sich ihrerseits teils als exklusive Netzwerke weltanschaulich Gleichgesinnter aufstellten. Das Verhältnis exklusiver und inklusiver Organisationen und die Reichweite einer Zusammenarbeit zwischen öffentlichen Institutionen und zivilgesellschaftlichen Organisationen führten dabei zu erheblichen Konflikten. Im Rahmen dieser Debatten ist der Begriff der Versäulung geprägt worden. Eine schleichende Verschiebung hin zu einer stärker individuell geprägten Gestaltung des zivilgesellschaftlichen Engagements hat seit 1945 zu einer Transformation der traditionellen Organisationen und zu vielen Neugründungen geführt. Die Debatte um die Rolle exklusiver Organisationsnetzwerke hat sich deshalb weitgehend aufgelöst.

Die niederländische Zivilgesellschaft erlebte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine stürmische Entwicklung. Wie auch in anderen europäischen Ländern wurden erstens die gesetzlichen Beschränkungen für die öffentlichen Aktivitäten der Zivilbevölkerung nach und nach abgebaut. Die einschneidende Änderung der niederländischen Verfassung im Jahr 1848 war dafür exemplarisch, denn die neue Verfassung räumte unter anderem Versammlungs-, Vereinigungs- und Pressefreiheit ein. Zweitens dehnten sich die Kommunikations- und Transportnetzwerke deutlich aus. Außerdem wuchs die niederländische Wirtschaft seit den 1860ern nach fast zweihundert Jahren der stationären Aktivität wieder. Unter diesen Umständen wurde es möglich, viel mehr Menschen als zuvor zu mobilisieren, da sie über die lokale Ebene hinaus durch Zeitungen, Telegrafen und Züge erreicht werden konnten. Zumal immer mehr Menschen einen kleinen Mitgliedschaftsbeitrag entrichten konnten, gründeten engagierte Bürger überall in Europa in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts neue Organisationen.

Der Pfarrer Abraham Kuyper: war führender Gründer der Partei ARP
Der Pfarrer Abraham Kuyper: war führender Gründer der Partei ARP
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Die Expansion der Zivilgesellschaft seit 1850 beinhaltete aber nicht nur eine Zunahme der organisierten Bürger und eine Steigerung der Zahl der Organisationen. Im Zuge dieser Expansion wurden auch immer mehr gesellschaftliche Gruppen in zivilgesellschaftliche Organisationen eingebunden. Nicht nur das wohlhabende Bürgertum, sondern auch Büroangestellte und sogar die Arbeiterschaft griffen zu den verfügbaren Möglichkeiten der Mobilisierung. Außerdem trafen die Mitglieder dieser Organisationen nicht nur zu geselligen Zwecken zusammen, sondern beispielsweise auch, um über die soziale Frage zu beraten, eine gemeinsame politische Linie abzusprechen oder die öffentliche Meinung in einer gewünschten Richtung zu beeinflussen.

Die neuen Möglichkeiten der zivilgesellschaftlichen Mobilisierung nutzten auch Gruppen, die eine exklusive weltanschauliche Identität für sich reklamierten, um Netzwerke gleichgesinnter Organisationen aufzubauen. In den Niederlanden griffen zunächst in den 1870er Jahren die orthodoxen Protestanten zu dieser Strategie. Sie fühlten sich innerhalb der eigenen Kirchen zunehmend von liberalen Protestanten in die Enge getrieben, während das Aufkommen von sozialistischer und katholischer Organisationen ihnen gleichermaßen Sorge bereitete. Unter Anführung des charismatischen Pfarrers Abraham Kuyper gründeten sie unter anderem eine eigene Partei (die Antirevolutionaire Partij, ARP), eine Zeitung und eine Universität. In den folgenden Jahrzehnten folgten Sozialdemokraten und Katholiken – ähnlich wie im deutschen Kaiserreich – diesem Vorbild: Sie bauten umfangreiche eigene Organisationsnetzwerke auf, die es ermöglichten, Politik, Bildung und Freizeit im eigenen Kreis zu betreiben.

Autor: Peter van Dam
Erstellt: Januar 2012